#workinonit: Shawn The Savage Kid – „Mein Freundeskreis besteht aus microKORG-Besitzern.“

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„Du brauchst ein Reihenhaus, deine Ehefrau und die Tagesschau/Ich brauche nur ein paar neue Samples.“ Spätestens auf seinem am 30. Oktober erscheinenden Album „Lowlife Schickimicki“ beweist Shawn The Savage Kid, dass er ein Geschichten erzählender Rumtreiber ist. Allerdings ist nicht nur die bedachte Sprachwahl des Regensburger Rappers bemerkenswert, der 26-Jährige ist auch ein gestandener Beatmaker. Was der Waschzettel als „Sophisticated Beatmaking“ bezeichnet, entwickelt sich auf seinen EPs und Mixtapes seit 2013 fortlaufend zu einem eigenständigen Produktionsstil, der irgendwo zwischen staubigem Boombap-Mindstate und futuristischer Soundcloud-Spielerei das Organische mit dem Synthetischen zu verbinden ersucht. STSK hat uns für unsere Producer-Rubrik #workinonit ein bisschen etwas über Chord Progression, Afrika und Fruity Loops erzählt.

Deine Beats sind häufig sehr verspielt und mit vielen Details arrangiert – wie perfektionistisch bist du beim Produzieren?

Es kommt total drauf an. Für mich ist ein Beat eigentlich nie wirklich fertig. Ich bounce meistens irgendeine Version raus und lass sie Kumpels auflegen oder teste sie live aus. Dann ist sie eigentlich fertig, sonst würde ich vermutlich auch ewig daran herumfeilen.

Du benutzt viele Jazz-Samples und hast auch ausgeprägte Percussion-Parts. Hast du keine Angst davor, dass deine Beats zu „muckig“ klingen könnten?

Doch, das ist eigentlich ein grundlegendes Problem, dass man schnell überproduziert. Der neutrale Hörer kann die Sachen dann vielleicht gar nicht mehr richtig nachvollziehen oder fühlen. Aber da muss man einfach ein gutes Zwischending finden, sodass es für mich als Producer immer noch interessant ist und trotzdem zugänglich bleibt. Es kommt halt auch darauf an, wofür ich gerade produziere – ob nur für mich, für ein Projekt oder gar direkt für einen Rap-Song. Wenn ich zum Beispiel zusammen mit den Dusty-Crates-Jungs aus Wien Musik mache, schauen wir auch, dass etwas herauskommt, was man bei einem Beat-Abend oder so auflegen kann. In letzter Zeit habe ich extrem viel für Rap produziert, da arbeitet man ja automatisch so, dass der Beat „leer“ genug für einen Vocal-Part bleibt.

Du hast den Großteil deiner Rap-Releases auch selbst produziert. Wie sehr interessiert dich denn die Produktion eines reinen Instrumental-Albums?

Das ist eigentlich das Nächste, was ich machen will. Beatmaking ist für mich auch eine Art Ausgleich zu der künstlerischen Arbeit bei Rap. Ich bekomme den Kopf wieder ein bisschen freier, wenn ich Beats mache. Du kannst dich halt in jeder Stimmung und in jedem Zustand vor deine MPD hocken und herumprobieren, du kannst wirklich „irgendwas“ machen und auch mal Scheiße bauen. (grinst) Beim Rappen musst du dich hinsetzen und schreiben, nachdenken und so weiter. Das ist halt ein bisschen „anstrengender“, sage ich mal. Ein Beat entsteht bei mir meistens in einer Session von zwei bis drei Stunden, danach lasse ich ihn erst mal ruhen und mache die Feinarbeit einen Tag später.

Du hast in Südafrika während eines Freiwilligen Sozialen Jahrs mit dem Beatmaking angefangen. Erzähl doch mal, wie das zustande kam.

Ich hatte einen kleinen Laptop dabei, mir gerade Fruity Loops 7 oder 8 von einem Kumpel besorgt und habe dann angefangen, irgendwelche Samples zu suchen. Das war eigentlich relativ unspektakulär.

Wie hast du denn deine Samples anfangs gesucht? Hast du dich an anderen Producern oder Sample-Blogs orientiert oder konntest du auf einen musikalischen Background von Freunden oder deinen Eltern zurückgreifen?

Beides eigentlich. Mein Dad war halt ein richtiger Reggae-Nerd, deswegen lief bei uns zu Hause sehr viel Roots Reggae. Meine Mama hingegen ist sehr Soul- und Blues-interessiert, daher hatte ich schon ein gewisses Vorwissen diesbezüglich. Aber man arbeitet sich da ja auch rein, die Sachen meiner Mama kann man in meinen Augen nicht samplen. Das waren Marvin Gaye, Isaac Hayes und solche Sachen – das darf vielleicht Jay Z samplen, weil er es sich leisten kann. Mich hat das aber von Anfang ziemlich gelangweilt, solche Loops zu nehmen. Auf „The W“ war auch so ein Ding, wo einfach stumpf Isaac Hayes geloopt wurde [„I Can’t Go To Sleep“, welches auf Isaac Hayes‘ „Walk On By“ basiert; Anm. d. Verf]. Da hab ich auch damals schon gedacht: „Hey, das muss doch jetzt nicht sein!“

Hast du dich denn in Südafrika auch mit dortigen Künstlern und deren Musik auseinandergesetzt?

Ja, so ein bisschen. Ich hatte ein paar Leute kennengelernt, mit denen ich Musik gemacht habe. Ich habe damals noch auf Englisch gerappt und das Album war extrem boombappig, sehr cool aufgechoppt. Aber das waren eigentlich auch keine afrikanischen Samples, sondern die klassischen Jazz-Samples von amerikanischen Platten.

„Auf ‚The W‘ war so ein Ding, wo stumpf Isaac Hayes geloopt wurde. Da hab ich damals schon gedacht: ‚Hey, das muss doch jetzt nicht sein!'“

War die Rückkehr nach Regensburg nicht auch eine Art rückwirkender Kulturschock? Das Leben in so einer kleineren Großstadt in Bayern stelle ich mir nicht gerade inspirierend vor, wenn man urbane Musik machen möchte. Welche Hindernisse musstest du überwinden?

Regensburg ist schon eine recht kleine Stadt, aber die HipHop-Szene ist vergleichsweise vital und hochwertig. Demograffics kommen da ja her, der Liquid ist auch einigermaßen am Start und dann gibt es ja auch noch meine Gang. Man ist dann vielleicht ein kleinerer Kreis, aber es gibt trotzdem genug Veranstaltungen und Partys, wo man sich austauschen kann. Ansonsten hängt man einfach in den WGs von den Leuten rum. Dexter zum Beispiel hat auch in Regensburg studiert, dem hat das ja nun auch nicht geschadet. (lacht).

Wie entsteht ein Beat von STSK – ist er die Summe der Einzelteile oder basiert er auf einer Grundidee?

Meistens starte ich entweder mit Akkorden, versuche eine coole Chord Progression zu finden und baue dann Samples dazu ein – oder eben andersherum. Dann habe ich vielleicht ein schönes Vocal-Sample, spiele dazu ein bisschen was ein und bastel ein cooles Drumkit drumherum. Das passiert gerade so, wie es flowt. Wenn ich denke: „Alter, die Snare hört sich so gut dazu an“, dann spiele ich vielleicht erst mal die Drums ein. Oder ich habe eine schöne Progression und suche mir einen Synthie dazu, am liebsten zur Zeit von der Arturia Collection.

Was ist denn der nervigste Teil beim Produzieren?

Nervig ist eigentlich nichts. Ich habe so Phasen, wo ich jeden Tag ein bis zwei richtig geile Dinger mache und dann folgt wieder eine Woche, wo für mich jeder Beat gleich scheiße klingt. Das ist echt nervig, das kotzt mich richtig an. Wenn es nicht flutscht, kriege ich die Krise!

Du spielst auch Instrumente und auf einem deiner Pressefotos ist ein Quintenzirkel zu sehen. Wie theoretisch gehst du an Musik heran?

Naja, Schlagzeug habe ich früher recht viel gespielt, aber bei der Gitarre weiß ich zum Beispiel eigentlich gar nichts mehr. Ich kann auch Noten nicht mehr richtig lesen, meine musikalische Ausbildung ist da schon etwas rudimentär bis nichtexistent. Aber beim Produzieren gehe ich auch gar nicht so theoretisch zu Werke, Quantisierungen und solche Sachen sind mir erst mal egal. Es ist aber krass, wenn es mal ins Studio geht und man viele Sachen herausmischt, fallen dir direkt auch mehr Fehler auf, die du in deinem Mix von zu Hause gar nicht herausgehört hast. Aber meistens passt das schon, ich bin auch großer Fan von Dreck.

Gibt es denn Producer, wo du dir etwas abschaust?

Der König des Drecks ist auf jeden Fall Madlib. Aber bei mir ist es eine Mischung – ich mag sowohl so boombappige Sachen wie Madlib, Pete Rock oder auch Betty Ford Boys aus Deutschland, als auch progressivere Sachen wie die ganzen Wiener wie Cid Rim oder Dorian Concept. Hudson Mohawke auch – das hat bei mir eine weite Spannbreite.

Die Arrangements deiner Produktionen muten oft wie ein klassischer HipHop-Beat an, schlagen allerdings immer mit modernen Elementen aus, sodass man sie nicht als Boombap einstufen würde. Gab es einen bestimmten Song oder einen bestimmten Producer, der dich auf diese Arbeitsweise gebracht hat?

Ich glaube, es geht vielen Producern von heute so, dass sie mit Rap-Beats angefangen haben und sich immer mehr davon emanzipieren. Bei mir ist es auch so, dass ich beim Produktionsbeginn nicht weiß, ob ich auf dem Beat rappen werde oder ob er als instrumentales Stück veröffentlicht wird. Das ergibt sich dann einfach. Ich glaube, deswegen ist es bei mir immer noch recht klassisch aufgebaut. Wenn ich jetzt ein Instrumental-Album mache, wird sich das aber schon von diesen Strukturen lösen und ein bisschen öffnen.

Ich dachte auch, dass du durch diese Art von Beatmaking deinen „inneren Realkeeper“ befriedigen kannst, ohne dir die Möglichkeit zu nehmen, auch mal neue Wegen einzuschlagen …

Ja, das stimmt auch ein bisschen. Ich stehe halt auch total auf so eine Mischung aus gesampleten Drums und einem elektronischen Bass. Diese Symbiose finde ich klanglich extrem geil. Auf „Lowlife Schickimicki“ sind die Drums teilweise auch sehr lo-fi und die Synths als Ergänzung sehr klar und flächig. Das gefällt mir einfach sehr.

Du arbeitest mit einem Novation-UltraNova-Synthesizer. War es eine bewusste Entscheidung, nicht den microKORG zu nehmen?

Auf jeden Fall! Ich glaube, mein Freundeskreis besteht zu 80% aus microKORG-Besitzern, da musste ich mir den nicht auch noch zulegen. Man hört ihn halt auch mittlerweile auf so vielen Alben gleich raus. Hör dir mal ein Suffy-Tape an, da findet man den in fast jedem Track. Das ist in seinem Fall auch nice und klingt super, aber man hat es mittlerweile einfach zu oft gehört.

„Ich glaube, es geht vielen Producern von heute so, dass sie mit Rap-Beats angefangen haben und sich immer mehr davon emanzipieren.“

Arbeitest du denn mit Presets oder programmierst du deine Sounds von 0 auf selbst?

Ich bin eher so ein Preset-Tüftler, der sich einen Sound sucht und den dann anpasst. Also, von einer einzigen Sinuswelle herauf alles zu programmieren, wäre mir auch einfach zu technisch, ich bin eher so der Jammer. Mein Devise ist „trial and error“.

Wie stehst du zum Mythos vom „analogen Sound“?

Ich sample alles – das ist mir völlig egal. Das kann ein YouTube-Video sein, wo jemand in die Kamera reinsingt. Wenn man so jemanden wie Kutiman anschaut, der nur aus YouTube-Videos Beats macht, die echt dope sind, dann muss man diesem Mythos klar widersprechen. Ich bin da auch, glaube ich, einfach zu jung, um straight analog zu sein. Ich digge mich zwar auch durch die Ein-Euro-Kisten auf dem Flohmarkt, aber auch nur aus Spaß und weil es mal was anderes ist. Ich bin da nicht genug romantisch veranlagt. (lacht)

Verfolgst du die deutsche Beat-Szene? Es hat sich ja mittlerweile eine zweite Beat Generation in Deutschland herauskristallisiert …

Den Enaka finde ich sehr dope, der gefällt mir. Bennett On macht auch sehr starke Sachen. Ich finde, die deutsche Beat-Szene ist allgemein aber sehr HipHop-lastig. Klar, bei MPM macht der HADE zum Beispiel Sachen, die ein bisschen progressiver produziert sind. Aber insgesamt bleibt es doch immer sehr im HipHop, ich höre privat lieber das experimentierfreudigere Zeug.

Was folgt nach „Lowlife Schickimicki“?

Ich glaube, nach der Tour kann mich Rap erst mal ein bisschen am Arsch lecken. Ich weiß noch nicht, vielleicht werde ich noch was cooles Instrumentales rausballern, vielleicht sogar for free. Ich habe gerade ein bisschen Bock, mich wieder mehr auszuprobieren. Wenn man ein Album macht, wendet man ja auch eher die Sachen an, die man schon weiß. Du verfolgst dabei ja meist sogar einen konkreten Plan und weißt, wo es hingehen soll. Jetzt will ich wieder ein bisschen mehr experimentieren.