Anthony Mills & Clefco aka White Glock: „In Europa wäre Twerken verboten.“#workinonit

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Anthony Mills & Clefco sind der musikalische Beweis einer globalisierten Welt: Der US-amerikanische Sänger/Rapper mit Wohnsitz in Stockholm und der Wiener Producer haben im letzten Jahr mit ihrem gemeinsamen Album „Supplicate“ die Schnittstelle zwischen HipHop, Soul, Prog-Rock und Street-Poetry ausgehebelt. Auch ihre nachfolgende Kollabo-EP „Soliloquy“ unter dem Namen White Glock übte sich in musikalischem wie lyrischem Grenzgängertum. Bevor das ungleiche Duo am 02. September 2016 ihre zweites Album „U. L. O. [juːˈniːk] [liːks] [aʊt]“ über das ehrenwerte Hector-Macello-Label veröffentlicht, trafen sie sich die beiden mit unserem Autoren Fionn Birr auf dem splash! 19 zum Gespräch über die Kunst des Beatmakings, die Kunst des Textens und die Kunst des Twerkens.

Ihr habt euch auf einem Konzert in Wien kennengelernt. Könnt ihr das einmal kurz erzählen?

Anthony Mills: Ich habe Clefco bei einem Konzert mit meiner Band Wildcookie kennengelernt. Kid Kut stellte uns Clefco vor, das war 2011. Er sagte, er habe einen Freund habe, der produziert, Musik liebt und all das. Wir sind dann zu Clefco gegangen, wo er uns ein paar Tracks vorgespielt hat. Unter anderem auch den Beat von „Game Of Hate (Friendly)„, den ich dort noch am gleichen Tag geschrieben und aufgenommen habe. Nach ein paar Monaten war ich wieder in Wien und wir haben das gesamte „Supplicate„-Album produziert. Das war im Großen und Ganzen das erste Projekt. Zwischen der Produktion und der eigentlichen Veröffentlichung lagen aber viele Jahre.

Euer neues Album heißt „U.L.O. [juːˈniːk] [liːks] [aʊt]“ – eine Abkürzung für „Unique leaks out“, was in einer Textzeile auf der LP vorkommt. Was hat es damit auf sich?

Anthony Mills: Ich kann da nur für mich sprechen. Wenn ich erschossen werden sollte, wird mein Blut unique sein. Es wird kein normales Blut sein, der Shit wird sprechen und dir sagen: „Fuck you!“ (Gelächter) Kennst du diese Situation, wenn du pisst und der Urinstrahl so eine sehr interessante Flugbahn annimmt? Mein Blut wird genauso weird sein, denn es ist durch mein Herz geflossen – unique leaks out, halt.

Was unterscheidet denn das Projekt White Glock zu dem, was ihr auf „Supplicate“ gemacht habt ?

Clefco: White Glock ist unser Projekt, wenn Anthony mehr rappt. Anthony Mills und Clefco, also ohne White Glock, sind eher auf gesungene Songs ausgelegt. Wir haben das Album im März produziert und Anthony hat einfach wahnsinnig gespittet. Er hat sein Game seit unserer ersten White-Glock-EP „Soliloquy“ nochmal acht Stufen nach oben katapultiert. Das neue Album ist auch etwas schneller als „Supplicate“ – er hatte Bock auf ein bisschen mehr Tempo. „U.L.O.“ ist er von treibenden Basslines durchzogen und der Bass gibt generell viel vom Rhythmus vor.

Anthony wohnt in Stockholm, du in Wien – ihr tauscht euch auch viel über das Internet aus, oder?

Clefco: Eigentlich gar nicht. Ich mache zwar einiges übers Internet und finde auch nicht, dass das etwas Schlimmes ist. Aber alle Projekte, die Anthony und ich zusammen gemacht haben, sind immer in fünf bis acht Tagen entstanden, als er in Wien war. Es ist halt auch ein anderes Feeling, wenn man zusammen in einem Raum ist. Es geht viel, viel schneller und du weißt auch gleich, in welche Richtung es geht. Anthony rappt mir eigentlich nichts vor, bevor wir aufnehmen. Ich höre seine Verses meist zum ersten Mal, wenn ich Record drücke. Er ist ziemlich schnell beim Schreiben und die Aufnahmen sind oft beim ersten Take schon perfekt. Manchmal ist es aber auch schwierig, ihm dann noch Änderungsvorschläge zu machen. Er hat hin und wieder zum Beispiel Passagen, die für mich im ersten Moment etwas off klingen. Ich verstehe die Rhythmik oft erst nach ein paarmal Hören. Es beansprucht dich, wenn du es hörst. Ich kann auch verstehen, wenn es für die Leute manchmal im ersten Moment nicht super eingängig ist. Passt schon – wir machen ja auch keine Easy-Listening-Musik. Am Ende ist es eine Zusammenarbeit und du musst deinem Gegenüber die Freiheit lassen, das zu machen, was er in seiner Kunst machen will. Natürlich gibt man sich Input und Anstöße, aber es gibt auch Momente, wo du auf dein Ego scheißen solltest.

Anthony, du bist gebürtiger US-Amerikaner. Wie bist du eigentlich in Stockholm gelandet?

Anthony Mills: Ich bin nach Stockholm durch meine Malerei gezogen, als „Artist in Residence“ (ein meist mit einem Stipendium verbundenes Förderprogramm für Künstler, Schauspieler, Musiker etc.; Anm. d. Verf.). Gleichzeitig habe ich einen Deal bei Universal für ein anderes Musikprojekt bekommen, hatte aber die Möglichkeit, in Stockholm zu bleiben. Die Leute fragen mich immer, ob ich nach Schweden wegen eines Mädchens gezogen bin. Die Antwort ist: Nein! Ich kannte zwar ein Girl, aber die war nicht der Grund, in Stockholm in eine Galerie zu gehen. „So einer“ bin ich nicht. Ich könnte zwar bei manchen als Flüchtling durchgehen, aber ich bin garantiert kein „Love-Refugee“. (lacht)

Clefco, du hast einmal gesagt, dass „The Score“ und „Like Water For Choclate“ deine ersten Berührungspunkte mit HipHop waren …

Clefco: Eigentlich ist der Ursprung von allem der Skatepark gewesen – das „Jungle“ in Meran (Südtirol). Das war ein Jugendzentrum mit angeschlossenem Skatepark. Ich wollte schon mit acht Jahren skaten, da hatte ich so ein Oldschool-Brett mit Plastikschutz am Tail usw. Mein Vater hat mich irgendwann, als ich zehn oder elf war, zum Skatepark gebracht und von da an hing ich da regelmäßig ab. Da stand auch eine Boombox, wo immer Musik lief: HipHop, Punk usw. Es gab dort auch regelmäßig Streit, was jetzt laufen darf. (grinst) Im Auto von meinem Vater lief zu dieser Zeit auch etwas Rap, vor allem „The Score“ von den Fugees. Er hat mir später „Like Water For Chocolate“ aus London mitgebracht. Ihm gefällt die Mucke einfach, er kennt sich aber nicht mega gut aus mit Rap. „Like Water For Chocolate“ war dann mein erstes Album. Aber er hat mir auch anderen Stuff mitgebracht, Jovanotti zum Beispiel. (Gelächter)

Gab es denn eine Initialzündung, die dich zum Beatmaking gebracht hat?

Clefco: Das kam dann zusammen mit meinem Brudi Max Fisher, der auch in Wien wohnt und ein sehr guter Beatmaker ist. Ich glaube, ursprünglich wollten wir eigentlich rappen. Klassische Story: cool sein wollen, rappen, ein bisschen herumprobieren. Wir hatten dann natürlich keine Beats und haben mit Garageband auf dem alten MacBook von meinem Vater herumgeeiert. Irgendwann sind wir wieder im „Jungle“ gewesen, wo Mainloop uns X-Large vorgespielt hat. Das ist auch ein Rapper aus Wien. Mainloop hatte damals zusammen mit Fid Mella ein Album für X-Large produziert. Max und ich waren übertrieben geflasht, wie geil das war und meinten: „Ach, ihr macht Beats? Das wussten wir gar nicht.“ Es hat sich dann schnell so entwickelt, dass sie uns einiges gezeigt haben und bis heute eigentlich meine Ansprechpartner numero uno sind, wenn’s um Feedback und so geht. Da waren wir so ca. 16 Jahre alt. Wir haben aber bald gemerkt, dass wir eigentlich keine Rapper werden wollen, da wir uns von Anfang an nicht getraut haben, voreinander zu rappen. (lacht) Wir haben einmal versucht, etwas aufzunehmen und da musste der andere aus dem Zimmer gehen, weil es zu peinlich war. (grinst) Also sind wir in die Beat-Richtung gegangen.

Anthony, du berufst doch hingegen kaum auf HipHop, sondern nennst als Einflüsse eher Soul, Funk und Rhythm & Blues. Verfolgst du das Zeitgeschehen im urbanen Sektor überhaupt oder beziehst du deine Inspiration aus vergangenen Strömungen?

Anthony Mills: Es ist schwer zu sagen, wo meine Einflüsse alle genau herstammen, aber du hast schon Recht: Parliament, Funkadelic, Ink Spots – das sind meine Wurzeln. Ich habe sehr viel unterschiedliche Musik gehört, aber tatsächlich nur eine Hand voll Platten immer und immer wieder, 15 Jahre lang. Das waren zum Beispiel Harry Belafonte -„Streets I Have Walked“, Quincy Jones – „Roots: The Saga of an American Family“, The Spinners – „Mighty Love“, The O’Jays – „So Much Love“, Wilson Pickett – „International Playboy“, Brothers Johnson – „Get The Funk Outta My Face“, Herbie Mann – „Herbie Mann at the Village Gate“, Stevie Wonder – „Hotter than July“, Bill Withers – „Live at Carnegie Hall“, „The Wiz: Original Motion Picture Soundtrack“. Die Musik war ganz schön traurig, aber sie war dope. (lacht) Das waren aber keine Platten, die ich wahllos aus dem Regal meiner Eltern herausgezogen habe. Wenn ich heute Musik mache, suche ich nach Melodien und Ideen, die ich noch nicht gehört habe. Die Leute sagen immer: „There’s nothing new under the sun“ – alles hat es schon irgendwann gegeben. Das ist Bullshit in meinen Augen. Damit macht man es sich zu einfach. Es wird doch jeden Tag etwas Neues herausgefunden, schau dir nur mal die Wissenschaft an. Als ich zum Beispiel Georgia Anne Muldrow das erste Mal gehört habe, wusste ich sofort, dass der Shit fly war und etwas, das zu dieser Zeit so keiner gemacht hatte. Sie ist sehr unique.

Clefco, du arbeitest viel mit Samples. Eine Produktion mit Sängern ist oft viel melodieorientierter als ein Rap-Song. Wie viel gibt dir das Sample in einem Beat eigentlich vor?

Clefco: Ich habe immer verschiedene Phasen. Manchmal höre ich mich erst mal nur durch Samples, choppe vielleicht Sachen roh ohne Drums und spiele etwas dazu ein. Manchmal kommt es aber auch umgekehrt. Dass ich alles komplett einspiele, kommt immer mal wieder vor, aber ist nicht die Regel. Obwohl ich zur Zeit gerade merke, dass ich mich immer mehr auch in diese Richtung entwickle. Aber ja, ich gehe grundsätzlich immer erst mal von einem Sample aus. Es kann aber durchaus passieren, dass es später wieder entfernt oder im Mix leiser gedreht wird. Ich spiele sehr viel meistens noch darüber, mit Synthies und Pianos und so weiter.

Plug-ins oder Hardware? Welches Equipment benutzt du?

Clefco: Ich habe zwei, drei Hardware-Synthies – zum Beispiel eine super-trashige Casio-Orgel, die aber ganz coole Bass-Sounds hat. Außerdem habe ich auch noch einen alten Elektronika-Synthesizer aus der Sowjetunion, der ist Wahnsinn. Der klingt auch genauso, wie man sich das jetzt vorstellt. Du merkst einfach, dass das Ding aus der Sowjetunion kommt. (lacht) Der ist aber leider ein bisschen kaputt, hat aber auch schon 42 Jahre auf dem Buckel. Ich habe auch eine Trompete zuhause und eine Hi-Hat. Ich hatte aber jetzt keine Musikausbildung oder so was. Ich hatte ein bisschen Gitarrenunterricht und konnte ein paar Lieder. Ich bin also nicht der absolute Anfänger. Wenn du mir jetzt eine Gitarre in die Hand drücken würdest, könnte ich aber nicht so aus dem Stand mit einer Band jammen. Aber für mich genügt es, ich kann zu Hause ja hundert Takes aufnehmen. (Gelächter) Mit zehn oder elf Jahren hatte ich auch mal Trompetenunterricht, das habe ich nach dem ersten Monat aber auch wieder sein gelassen. Auf unserem neuen White-Glock-Album habe ich aber sogar eine Hook mit der Trompete eingespielt, die eigentlich schon recht gut klingt. Okay, das waren auch mehrere Versuche und am Ende eine sehr kleinteilige Aufnahme. In der Bearbeitung ist es aber eh wieder wie beim Sampling, nur, dass ich mich selbst gesamplet habe.

Anthony, du hast schon mit Dead Prez und KRS-One in den 1990ern Musik gemacht. Warum bist du eigentlich kein Rapper geworden?

Anthony: Hm, das entwickelt sich halt erst jetzt. Ich habe aber Freunde aus dieser Zeit, die mir damals auch immer gesagt haben, ich solle rappen. Das war vor 20 Jahren. Ich war aber total auf meinem Sing- und Texteschreiben-Film. Das Rap-Ding ist erst in den letzten fünf Jahren so richtig dazugekommen. Ich habe einfach angefangen, zu reimen und zu spitten. Ich habe mich zunächst auf die Kunst des Textens an sich konzentriert. Es ist einfach zu sagen, man wird jetzt Rapper. Aber es ist ein großer Unterschied, es auch wirklich zu werden. Es gibt tausende Möglichkeiten, was für ein Rapper zu sein willst. Willst du ein Speed-Rapper wie Twista sein? Willst du ein Party-Rapper sein? Weißt du, es gibt unfassbar viele Wege. Du musst dich dann auch nicht mehr verändern, Too Short macht seit 20 Jahren das Gleiche, im Prinzip. Die Musik hat sich entwickelt, aber die Basis seines Flows hat er beibehalten. Ich habe eben als Songschreiber angefangen. Ich würde sagen, ich bin ein Rhythmusjunkie. Die Art, wie ich schreibe und reime, existiert so nirgends. Klar, es gibt Elemente, die andere auch benutzen. Aber so wie ich meinen Content und meine Flows kombiniere, ist es einzigartig.

Was hat dich denn zum Singen gebracht?

Anthony: Ich wurde zum Sänger geboren. Als Kind habe ich einfach alles nachgesungen, was mir zu Ohren kam. Bis zur High School habe ich aber keine Erfahrungen vor Publikum gemacht. Ein Lehrer an meiner High School hat mit mir aber eine Gesangsprüfung gemacht, die mir die Möglichkeit gab, an Vorsingen von verschiedenen Musikhochschulen teilzunehmen. Letztendlich bin ich für zwei Jahre am Heidelberg College in Ohio gewesen, 1996 habe ich dann einen Abschluss in klassischem Gesang gemacht. Danach ging es auch schnell los – ich habe Clubshows und Tourneen mit verschiedenen Künstlern gespielt.

Du warst unter anderem auch mit Harry Belafonte auf Tour. Belafonte war an der Produktion des Films „Beat Street“ beteiligt. Glaubst du, dass die HipHop-Kultur das eigentlich ausreichend würdigt?

Anthony: Ja, ich war 1998, 2003 und 2005 mit Harry Belafonte auf Tour, habe ein paar Songs mit Amy Winehouse für ihr „Frank-“Album gemacht und war auch mit Leela James unterwegs – ich bin viel herumgekommen. Was Harry angeht: Nein, ich denke nicht, dass er dafür genug Respekt bekommt. Er ist so alt, dass Leute ihn damit gar nicht mehr in Verbindung bringen. Ich meine, es ist am Ende auch nur ein Credit. Wenn du die Platte hast, dann steht sein Name auf dem Cover. Aber das ist Digger-Wissen, das liest du nur, wenn du die Platte besitzt. Generationen von Writern und B-Boys haben den Film zwar gesehen, aber die interessieren sich nicht für den Executive Producer des Films – die lesen keine Credits, heutzutage erst Recht nicht mehr.

Hast du dich mal mit ihm über HipHop unterhalten können?

Anthony: Ich habe mich ganz viel mit ihm unterhalten. Er hat sehr viele Dinge erzählt, aber er sprach nie von „Beat Street“. Sein Sohn David hat aber davon geredet. Während der Produktion haben die ein riesiges Studio in der 42nd Street in New York vereinnahmt und jeder, der im Film mitgespielt hat, hat für einen Monat dort gewohnt. Er sagte, dass das wie ein Irrenhaus war – das kannst du dir ja vorstellen. (grinst) Es ist aber interessant, dass er so eine Pionierarbeit für HipHop geleistet hat, aber sowohl David, als auch Harry sich kaum um den heutigen HipHop scheren.

Clef, woher kommt diese Musikalität in deinen Produktionen? Du kommst ja eigentlich aus einem sehr klassischen HipHop-Umfeld.

Clefco: Wie du schon sagst, nach dem anfänglichen Rumprobieren am Computer meines Vaters, habe ich mit einem Akai S950 gearbeitet. Dank Mella und Mainloop, die mir den damals empfohlen haben – das könnte man vielleicht als klassischen HipHop-Weg bezeichnen. Ich weiß aber nicht, wo die „Musikalität“ herkommt. Ich war immer schon ein Fan von Melodien. Mir ist es schon wichtig, dass ein gewisser HipHop-Spirit erhalten bleibt, aber das meiste passiert einfach. Manche Sachen langweilen dich ja irgendwann wieder, wie zum Beispiel ein Standard-Drumloop. Dann probierst du einfach etwas anderes aus. Es findet auch viel über Austausch statt. Wenn man sich zum Beispiel ab und zu mit Leuten wie Mella, Mainloop oder Brenk trifft und sich gegenseitig Beats vorspielt, passiert es ganz von selbst, dass du nicht zu hart auf dem klassischen Zeug hängen bleibst. Das inspiriert und motiviert einfach. Das sind für mich einfach Top-Leute, auch im internationalen Vergleich. Da ist man bestrebt, etwas anders zu machen und nicht gleich zu klingen. Teilweise feiere ich auch echt irgendeinen Bullshit, was dann wiederum bestimmt irgendwie in meine Musik einfließt.

Deine Musik ist sehr vielschichtig. Musst du in deinen Produktionen eigentlich viel aufräumen?

Clefco: Wenn ich einen Beat anfange, habe ich oft noch keine komplette Vorstellung vom Endprodukt. Es gibt keinen Masterplan. Ich glaube, Premo oder Dilla haben einmal gesagt, dass sie den Beat im Kopf schon ausproduziert haben, wenn sie anfangen. Das ist bei mir überhaupt nicht der Fall. Manchmal gibt es Tage, wo ich nichts hinbekomme. Dann probiere ich auch neue Sachen aus. Manchmal bleibe ich aber auch einfach irgendwo stecken und denke mir dann: „Okay, das ist irgendwie geil, aber ich weiß gerade nicht, wie ich jetzt weitermachen soll.“ Dann lasse ich es einfach.

Du produzierst mit der Maschine von Native Instruments und einem Laptop. Wie hast du den Übergang vom S950 zu rein computerbasierter Produktion wahrgenommen? Gibt es einen Unterschied?

Clefco: Bei einem Synthesizer oder so, hört man schon den Unterschied. Natürlich gibt es auch nice Plug-ins, aber es ist einfach cool, einen haptischen Gegenstand vor dir haben. Wenn ich einen miniMOOG nur als Software-Lösung vor mir habe, nervt es mich fast, da an den Reglern herumdrehen zu müssen. Sobald er vor mir steht, gehe ich damit anders um. Es ist nicht dasselbe. Außerdem kommt es mir auch so vor, dass es anders klingt – das sagen ja auch immer alle. Ich könnte aber jetzt nicht pauschal sagen, dass ich jetzt analoge Produktionsweisen präferiere. Ich bin auch gar nicht so der Sound-Freak. Manchmal bin ich faul und nehme das Erstbeste, was mir entgegenkommt. Da komme ich auch wieder aufs Mischen: Das ist ja auch ein Instrument, wenn man so will. Am Anfang habe ich oft 20-50 Spuren und muss eh erst mal sortieren, daraus entwickelt sich dann auch oft etwas Neues. Bei jedem Schritt fällt etwas weg, anderes kommt hinzu. Es ist auch eine Zeitgeist-Sache, denke ich. Ich habe auch eine MPC2000. Die ist supernice, aber liegt seit drei oder vier Jahren nur noch rum. Es geht da auch gar nicht um Nostalgie oder, dass ich mich eingestaubt fühle, wenn ich die MPC jetzt wieder aktiviere. Mit der Maschine bin ich einfach viel schneller.

Du meintest, dass dich der Mix von „Section.80“ sehr inspiriert hat. Wie stark sezierst du fremde Produktionen eigentlich?

Clefco: Naja, wenn etwas saugeil klingt und ich nicht sofort weiß, wie er das hinbekommen hat, fällt es mir halt auf. Mit Vocals habe ich zeitweise so meine Schwierigkeiten. Bei „Supplicate“ habe ich ein paar Pre-Mixes angefertigt. Der Mella hat das später mit mir zusammen „richtig“ gemixt und da habe ich noch mal sehr viel gelernt. Beim „U.L.O“ habe ich aber alles alleine gemacht, das ist auch eine Übungssache. Ich bin kein Techniknerd, ich gehe viel nach Gehör.

Du kannst Twerking nicht mit deinen europäischen Frauenrechtler-Maßstäben bewerten. Vielleicht sind diese Frauen viel emanzipierter als du.

Anthony Mills

Anthony, ich habe gelesen, dass du deine Texte nicht aufschreibst.

Anthony: Das ist ganz unterschiedlich. Ich schreibe manchmal auch tatsächlich. Bei unserem Album habe ich viel im Kopf geschrieben, das hing aber auch mit dem Moment zusammen – manches ist Fiktion, manches Erfahrungen, manches kommt mir durch Sounds oder Gerüche in den Sinn. Es ist aber kein Freestyle oder so, es macht schon alles Sinn und hat einen Zusammenhang.

Clefco: Das war schon sehr irre. Er ist immer ins Studio gekommen, hatte aus dem Nichts diese Lyrics und dann war das auch noch nicht nur kein Bullshit, sondern richtig dope.

Anthony: Ja, wenn wir zusammen sind, haben wir immer eine Menge Spaß. Pause. Heavy Pause! (lacht)

Sean Price hatte so ein selbstironisches Pöbel-Opa-Image. Ist das nicht eigentlich völlig gegensätzlich zu eurer doch eher emotionalen, deepen Musik?

Anthony: Sean Price war eine Art Muse für uns, überhaupt White Glock zu starten. Er war ein echter Geschichtenerzähler, ein Straßenchronist aus Brooklyn, sozusagen. Ich habe viele Jahre in Brookyln gewohnt. Sean war zwar funny, aber er hat die Sachen wirklich bis auf das Skelett offengelegt. Als er starb, war das ein totaler Schock für mich.

Du wohnst in Schweden. Hast du Yung Lean jemals kennengelernt?

Anthony: Nein, aber ich weiß, wer er ist. Ih könnte ihn aufsuchen, da habe ich aber bislang nicht drüber nachgedacht. Ich lasse ihn einfach so sein, wie er ist.

Das klingt so, als seist du ihm gegenüber etwas kritisch eingestellt. Wenn man böswillig ist, könnte man ihm gar „cultural appropriation“ unterstellen.

Anthony: Ach, das passiert doch ständig, dieser culture vulture shit. Bei Kultur differenziert sich das ja aus der jeweiligen Sichtweise. Es gibt Populärkultur, die jedem zugänglich ist und dann hast du Underground-Shit – Hood-Politics und so was. Ich will nichts gegen Yung Lean sagen – es wäre falsch, wenn ich zu ihm gehen würde. Vielleicht kommt er eines Tages auf mich zu. Er hatte eine schwere Zeit. In Amerika ist er ein bisschen durchgedreht und musste zurück nach Schweden. Aber das hatte auch Gründe. Du kannst dich nicht über Dinge lustig machen, von denen du nichts weißt. Das ist auch sehr kompliziert, da spielen ja viele Sachen mit rein. Die meisten Leute würden mich jetzt auch als Hater bezeichnen, dabei ich habe einfach nur eine andere Meinung zu diesen Dingen. Ich bin kein Hater. Heutzutage darfst du fast keine Meinung mehr haben, ohne gleich als Hater abgestempelt zu werden. Das war nicht immer so. Pass auf, ich erzähle dir mal eine Geschichte. Mein Cousin sagte zu mir: „Ich kann Stevie Wonder nicht leiden.“ Wir waren alle ein bisschen entsetzt und sagten: „What?“ Er meinte dann: „Das ist nicht mein Ding. Scheiß auf diesen blinden Motherfucker!“ Ihm wurde dann entgegnet: „Bruder, das ist ganz schön krass, was du da sagst. Warum magst du ihn nicht?“ Es stellte sich dann heraus, dass ihm seine Stimme nicht gefällt. (grinst) Das ist total trivial, aber du musst so was akzeptieren.

Du hast einen Song mit Moonbootica gemacht. Wo ist der Unterschied zwischen einer Zusammenarbeit mit Clefco und einem Dancefloor-Projekt?

Anthony: Das sind einfach nur Stimmungen. Ich kenne House-Music, das kommt aus Chicago, Techno ist aus Detroit. Das EDM-Phänomen in Europa ist einfach ein anderer Style. Im Prinzip ist das aber auch nur Musikmachen mit ein paar Homies. Die haben einfach eine andere Energie. Der Moonbootica-Sound könnte deep sein, aber deren Publikum geht ja mit anderen Ansprüchen an ihre Musik. Clefco und ich sind völlig anders, weil es keine Vorgaben oder Beschränkungen in dieser Weise gibt. Wir können einfach unser Ding durchziehen. Es gibt schon Unterschiede, aber mein Spirit ändert sich ja nicht – ich habe genauso viel Spaß. Aber mit Clefco mache ich viel persönlichere Musik.

Nimmst du Musik anders wahr, seit du in Europa bist?

Anthony: Ja, auf jeden Fall! Ich habe in den States schnell gearbeitet, aber hier in Europa bin ich noch schneller. In Europa Musik zu machen, ist auch sehr interessant. Ich kenne hier Leute, die US-amerikanische Genres und Stile studiert haben und einfach jedes winzige Detail kennen. Es ist cool, mit solchen Leuten Diskussionen über lokale Phänomene zu führen. Ein Beispiel: In Schweden ist die Gesellschaft sehr bestrebt, Gleichberechtigung von Mann und Frau durchzusetzen. Aber als Outkast dort ein Konzert gespielt haben und ihre Tänzerinnen zu twerken anfingen, gingen viele schwedischen Feministinnen auf die Barrikaden. Das waren nicht bloß Frauen, die auf der Bühne mit ihrem Arsch wackeln. Das war das richtige Twerking, der real Booty-Shit – das hat die schwedische Gesellschaft auf die Palme gebracht. Aber es ist einfach ein lokales Phänomen aus Atlanta, wie ein Stammestanz oder so. Du kannst das nicht mit deinen europäischen Frauenrechtler-Maßstäben bewerten. Du weißt nichts übers Twerken. Vielleicht sind diese Frauen viel freier oder gleichberechtigter als du? Hast du mit ihnen gesprochen? Da wird eine Sex-Objektifizierung vorgenommen. Dass das möglicherweise starke, selbstbewusste Frauen sind, kommt denen gar nicht in den Sinn. Diese Frauen haben die volle Kontrolle darüber, was sie mit ihrem Hintern anstellen können – vielleicht verunsichert das die schwedische Gesellschaft auch. (grinst)

Ist das eine typisch europäische Sichtweise?

Anthony: Naja, in Europa gibt es keine Twerk-Kultur, oder? (lacht) Hier gibt es keine Geschichte von Dancehall-Queens, die ihren Hintern so bewegen können, dass jeder Schwanz im Umkreis von 100 Metern sofort explodiert. (Gelächter) Klar, in Europa gibt es auch Tanzkultur: Ballett, Walzer, es gibt bestimmt auch irgendwelche Bergtänze – aber Twerking gibt es in Europa noch nicht so lange. Ja, auch hier habe Frauen gesehen, die krass twerken können, so ist es ja nicht. Ich kenne sogar eine in Deutschland, die richtig dope ist. Aber sobald du eine Dancehall-Queen aus Atlanta aus einem Stripclub hier herholst, würde sie durch ihr Können in jeder europäischen Frau Unbehagen auslösen. Das ist einfach eine Kunstform. Das wirkt nur halt nicht so, wenn du es auf so eine philosophischen Ebene hievst. Es gibt ja zum Beispiel auch afrikanische Stammestänze, die die Wehen einer Frau einleiten sollen. Das sieht für Leute, die es nicht kennen, so aus, als seien das voll die anzüglichen Moves. So nehmen die Leute, die diesen Brauch betreiben, aber gar nicht wahr. Das ist halt Kultur. Aber gerade die Kolonialmächte in Europa haben einen Standard gesetzt, nach dem Kultur bemessen wird. Europa will das irgendwie reglementieren und kontrollieren. So funktioniert das aber nicht – Europe can’t control twerking, man. Aber wenn sie es könnten, würden sie es wahrscheinlich machen – „Twerking verboten“-Schilder aufstellen und so was. (Gelächter)