WESH RACAILLE! #11 – Rap aus Frankreich

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Da ist er also wieder: Der Himmel tut sich auf und *ER* steigt hernieder. Die Gewitterwolken teilen sich und Blitze umtanzen den eingeölten Prometheus-Body des Titanen, als er uns in seiner unendlichen Gnade ein neues Album vor die Füße wirft: Booba is back. Dabei darf man sich ruhig in Erinnerung rufen, dass der französische Halbgott nicht immer den Rap-Olymp regierte, nein: Einst war er ein Mensch! Dementsprechend ist es an der Zeit, das Wirken und Schaffen des Ducs de Boulogne mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, nur für euch, damit ihr am Ende behaupten könnt, mit eurem alten Kumpel Elie schon damals auf dem Schulhof Diddlmon-Karten getauscht zu haben. Ein Wesh Racaille Spécial à la Carte.

Seine Geschichte ist ein bisschen wie die von Savas und Taktlo$$, als er 1996 zusammen mit pote Ali seinen ersten Untergrundhit „La Crime Paie“ landete, sie als Lunatic Welle machten und er 2003 alle Brücken hinter sich abriss um alleine durchzustarten. Allein den Namen des Kollektivs, das um ihn, Ali und andere Rapper aus Hauts-de-Seine entstanden war, nahm er mit in seine neue Ära: 92i.

Boobas Story hat aber auch etwas von Sidos Geschichte, als er 2002 mit seinem ersten frankreichweit gepumpten Streethit deutlich machte, das Rap den wichtigsten Platz in der gallischen Musikindustrie einnehmen wird und diesen Anspruch spätestens 2006 mit dem international beachteten „Garde La Peche“ zementierte. Gut, an einem gewissen Punkt gehen die Erzählstränge beider Geschichten vielleicht wieder auseinander: Booba spielt vermutlich mehr riesige Gigs auf dem afrikanischen Kontinent als Sido in Österreich oder der Schweiz.

Am ehesten ist B.2O.B.A.s Legende aber vielleicht mit Bushidos Weg (des Kriegers lel) zu vergleichen, vor allem die Entwicklung beider NACH ihrem Aufstieg: Beiden ging es immer darum, kompromisslosem (und auch recht humorlosem) Gangsterrap eine Stimme und überhaupt erstmal Raum zu verschaffen. Die Message beider Künstler war immer: Ja, auch in den reichsten Ländern der Welt gibt es Ghettos und eigentlich wisst ihr das ganz genau, ihr Hurensöhne. Heutzutage ist das klar, zumindest alle HipHop-Hörerinnen sind sich dessen bewusst und hätten nicht den Einfall die relative Armut in Europa zu leugnen. Der eifrig betriebene Neoliberalismus und die daraus resultierende, immer brutalere Grätsche zwischen unverschämt reich und koma-arm tat sein übriges dazu, auch wenn sich die Dimension dieses abstrakten Unterschiedes für die meisten von uns nur im Ansatz erschließt… Zurück zu den Bs: Vor rund 10 Jahren war der öffentliche Konsens noch: „Ach, alles halb so schlimm, die sollen sich mal nicht so anstellen. Immerhin haben sie Hartz4-TV“. Dementsprechend ging es vielen Hobbydetektiven jahrelang nur darum zu beweisen warum diese Rapper unmöglich echte Gangster sein können und somit alles worüber sie sprechen gelogen sein muss. So disqualifiziere Bushidos Abitur ihn automatisch vom Streetlife und das Gerücht, Booba sei angeblich der Sohn eines Diplomaten, machte ihn trotz dreijähriger Knaststrafe wegen Taxiüberfällen und seiner Beteiligungen an Schießereien (!) für viele unglaubwürdig. Alles nur Image.

Richtig interessant wird es allerdings eher abseits von RAP: Während andere – und ich will hier keine Namen nennen – ihr Shmoney in mittelständischen Immobiliengesellschaften und Aquaristikgeschäften waschääääh…anlegen, blickt der 92i Labelboss, der sich mit schwergewichtigen Signings wie Damso und Siboy gut und gerne als europäischer Birdman bezeichnen dürfte, auf ein voluminöses Business-Portfolio: Abgesehen vom etablierten Modelabel Ünkut und einer eigenen HipHop-Plattform samt zugehörigem Radio- UND Fernsehsender, welche alles übertreffen, was wir an Alman-Rapmedien kennen, erschuf der französische GQ-Businessman of the year 2016 eine Whiskeymarke und scheint – ähnlich Snoop Dogg – in den immer näher rückenden Kiffjoint-Markt reinbuttern zu wollen. Anlässlich des Umzuges in seine Wahlheimat Miami, wo er seit 2008 residiert, gönnte er sich den Fußballverein Miami FC und eine eigene Uhr durfte es obendrein auch noch sein. Die Aufzählung könnte Seiten füllen, kein Geschäftsfeld in denen der Magga nicht seine Finger im Spiel hätte und es überrascht einen beinahe, dass sein bürgerlicher Name Elie Yaffa bisher nicht im Zuge der Panama-Papers Enthüllungen gefallen ist.

Boobas wahre Kreativität war immer schon die geschäftliche: Das Kalkül und die Kompromisslosigkeit als erster Grenzen zu überschreiten, sie aufzubrechen und anschließend wie selbstverständlich neu zu ziehen. Zwei Schritte weiter zu gehen als alle anderen aber auch keinen Schritt zu viel, sodass jeder Beobachter ihn noch als Visionär bewundern und nicht als risikofreudigen Glückspilz abtun kann, dem mehr hilfreiche Zufälle als Verstand zuteil wurde. Konkret äußert sich das sehr beispielhaft an der provokanten Strategie, sein neues und angeblich letztes Album (s/o Manuellsen) „Trône“ einfach ohne eine einzige Videoauskopplung zu droppen. Anhand der Streams pro Track wird sich schon sehr bald zeigen, was die Hitsingles sind. Die Videos werden dann nach und nach gedreht und rausgehauen, denn die Klicks kommen ja sowieso von selbst. Praktischerweise bewegt diese Fokusverschiebung vor allem oberflächlichere Fans, die sich wahrscheinlich schon mit den Singleauskopplungen zufrieden geben würden, eher dazu das ganze Album abzuspielen. Dieser Futuremove ist längst Trend und natürlich war B2O zumindest gefühlt wieder mal le premier, als er schon den Freetrack „Paname“ auf Youtube rausklatschte und ein paar Millionen Klicks später befand, ein Musikvideo dazu sei lohnenswert.

Ähnlich wie Bushido war der OKLM-Gründer sich auch nie zu schade, sein Soundbild regelmäßig zu refreshen und den aktuellen musikalischen Entwicklungen anzupassen, ohne dabei seine markante Eigenart einzubüßen. Und die letzte Parallele (ich weiß, es reicht) zwischen den beiden dürfte zweifelsohne die regelmäßige Auseinandersetzung mit den politischen Instanzen der ehemaligen Kolonialmächte sein. So forderten im Jahr 2005 gleich satte 152 Abgeordnete und 49 Senatoren das französische Justizministerium auf, Rapper wie Booba verfolgen und überwachen zu lassen. Die öffentlichkeitswirksamen Vorwürfe lauteten Rassismus gegen den französischen Staat (kein Joke) und Volksverhetzung.

Genau so konsequent, wie er selbst den tatsächlichen Rassismus der Grande Nation benennt, ignoriert er allerdings die Möglichkeit von den eigenen Diskriminierungserfahrungen auf andere zu schließen und identifiziert sich als kalter Macho, der nicht lieben kann und Frauen unterdrückt. Er verbannte sogar die begnadete Rapperin Shay in einer beispielhaft hässlichen Art und Weise von seinem 92i Label-Imperium, nachdem das Gerücht rumging sie habe für Geld mit einem Fußballer geschlafen.

Insgesamt macht er keinen Hehl aus seinem unsympathischen Charakter, im Gegenteil sieht er auch darin nur den Gewinn zur Stärkung der Eigenmarke Booba. Ich weiß noch wie eine Klassenkameradin mir mal begeistert erzählte, sie wolle irgendwann einen Mann heiraten der genau so stark, so hübsch und auch so ein Arschloch ist wie er. Sie brauchte nicht einmal französisch sprechen zu können um ihr damaliges Beuteschema in ihm zu erkennen. Bei seinen zahllosen Beefs mit Ali, Rhoff und Lieblingsfeind La Fouine kam es regelmäßig zu handfesten Auseinandersetzungen und er revolutionierte kurzerhand das Stadtverbot-Game, indem er seinem langjährigem Buddy Kalash verbieten wollte einen Auftritt in La Fouines Heimatstadt Trappes zu spielen. Die beiden hängen jetzt auch nicht mehr miteinander rum. Freundschaft auf Augenhöhe scheint Booba nicht zu kennen, stattdessen fordert er in typisch-toxischem Machtgehabe absurde Loyalitätsbeweise und Unterordnung ein. All das passt natürlich zur Selbstverwirklichung als Gottkönig, Eroberer und Herrscher über einen mittlerweile beachtlichen Hofstaat, bestehend aus vielen verschiedenen Unternehmen. Und es passt in einen Gesellschaftstypus, der den Himmel als Begrenzung nach oben schon längst weit unter sich gelassen hat. Einsam ist es an der Spitze und kalt, doch selbst wenn „Trône“ tatsächlich Boobas letztes Album sein sollte, würde es mich überraschen wenn wir nicht bald wieder von ihm hören.

Ach, übrigens: Siboy, Kaaris, Hornet La Frappe und A.L.A haben auch mal wieder das Internet voller gemacht. Klickt einfach auf die Namen, lehnt euch zurück und lauscht bei einem schmackhaften Glas Zaubertrank.