WESH RACAILLE! #06 – Rap aus Frankreich

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Wesh Racaille“ ist unsere exquisite Feinschmecker-Kolumne, die sich den aktuellen Veröffentlichungen bei unseren baguette- und weinaffinen Nachbarn widmet. Also das Crack in den Pott…ähm…die Froschschenkel in die Casserole und ein wenig dem musikalischen Savoir-vivre fröhnen. Unser Redakteur Yacine hat hierfür mal wieder die besten französischen Gourmethäppchen für euch heraus gepickt. Bon appétit!

01

MHD – Afro Trap Part.9 (Faut les wet)

Beginnen wir mit dem absoluten Beginner des Afro Traps. Mohammed Syllla, l’artiste formally known as MHD, kann sich seine große Klappe leisten: Innerhalb von zwei Jahren etablierte der ehemalige Pizzafahrer ein gesamtes Genre und beweist im 9. Teil der hoffentlich noch lange anhaltenden Serie seiner Afro Trap-Partys, dass er der unangefochtene König des Rhythmus bleibt. Während die meisten der Millionen neuen Afro Trap-Gesichter auf die schnell ausgesuckte Formel von sommerlichen Gitarrenriffs und Autotune-Geträller setzen, reichert der 22-jährige das Game konstant mit Einfallsreichtum und neuen Rhythmen an. Zweifellos wird MHD auch nach dem Hype ein spannender Name bleiben. Die Pizzalieferanten-Szene in Paris ist übrigens rr sauvage: Weil es üblich ist, den Fahrer nur pro ausgelieferter Pizza zu bezahlen und ihm dafür aber viel zu wenig Zeit einzuplanen, tanken eine nennenswerte Anzahl von Lieferanten ordentlich Nasenkaffee und brettern dann mit ihren Rollern durch die Stadt wie bei GTA. Die Vielzahl an daraus resultierenden Unfällen bringt Pariser Krankenhäuser derart an ihre Grenzen, dass die Zimmer und Flure ganzer Notaufnahme-Stationen mit verunglückten Pizzarasern vollgestopft sind. Gut, dass der Homie es da raus geschafft hat.

02

Soprano – Mon précieux

Die Stimme Marseilles meldet sich zurück mit einer Ode an die Liebe unser aller Lebens: Le Smartphone. Jeden Tag weckt es ihn mit seiner süßen Weckermelodie und noch bevor er seine Frau begrüßt, streichelt er zärtlich den Display seines kleinen Schatzes. Gewohnt gut gelaunt tanzt Soprano durch Likes und Favs und beleuchtet das Thema Handysucht, ohne dass es peinlich wird oder man das Gefühl bekommt, von einem mahnenden Zeigefinger erschlagen zu werden (gibt es den Begriff „Zeigefinger-Rap“ eigentlich noch? Oder ist der damals zusammen mit F.R. von der Bildfläche verschwunden?). Vorte vie est digitale – lol.

03

Hooss – La Provence

Wir bleiben im Süden: Wer Dolce & Gabbana nie kapiert hat, sollte sich mal intensiv SCH im designer-Donald-Duck-Look anschauen und auf ein religiöses Erlebnis einstellen. Die Côte d’Azur ist der natürliche Lebensraum von Haute Couture und Geld im Allgemeinen, doch ähnlich wie im Frankfurter Bahnhofsviertel ergeben weitflächige Armut VS. dreister Reichtum die absurdesten Lebensumstände, Träume… und Rapper. Hooss, der 2015 als Aushängeschild der neuen Reimgeneration (einer tatsächlichen Welle junger Rapper, die die Szene nachhaltig veränderte, Falk) gehandelt wurde, erlangte zusätzliche Aufmerksamkeit durch die größten Rivalen auf Frankreichs Rap-Olymp: Booba und Lafouine. Beide umgarnten den damals 23-jährigen in einer Art mystischem Sorgerechts-Machtkampf, doch er wusste die mediale Aufmerksamkeit geschickt zu nutzen, emanzipierte sich aus der Intrigenwelt und unterschrieb bei Sopranos Label onlypro. Seine Hymne an die Provence beweist, dass es sich mehr als Bezahlt gemacht hat dem Süden treu zu bleiben. Die Haare sie glänzen, der doubletime Flow sitzt on point und Hooss strotzt nur so vor Tatendrang. El hamdulillah es geht ihm gut!

04

Bigflo & Oli – Dommage

Kommen wir zu Bigflo & Oli, die schon Oscar Gewinner Jean Dujardin für ihr Video gewinnen konnten – das sind doch mal Moves. Ihr neuer Track, der wie gewohnt gleich am Hochlade-Datum die erste Mio Klicks reinspülte, widmet sich dem leichten Thema der verpassten Chancen. Sich nicht trauen, das süße Madamchen in der Bahn anzusprechen. Den Traum vom Superstar wahr werden lassen, statt schon wieder Überstunden in der Firma zu machen. Wer kennt’s? Richtig, jedes menschliche Wesen. Und auch sonst kreisen die Texte bei den beiden Toulousern um eher einfach verdauliche Themen, die uns hierzulande bestimmt von bspw. Cro bekannt vorkommen dürften. Mitproduziert wurde die vierte Single aus dem aktuellen Album „la vrai vie“ übrigens von Belgiens Wunderwaffe Stromae. Wie sagt meine Oma immer so schön: Muss es auch geben.

05

MC ★ Solaar – Sonotone

Zuletzt etwas wirklich besonderes: Der gefühlt erste Rapper der Welt ist zurück: MC Solaar, 1990 noch mit seiner ersten Single „Bouge De La“ Platin geholt (das echte Platin, 90IES PLATIN!) macht hier leider den Eindruck eines jungen Torch, wenn er fragt ob er sich etwa das Face liften lassen, oder sich im Fitness Studio aufpumpen soll, um heutzutage noch gehört zu werden. Das Ganze wird unterbrochen von einer Hook, die der 48-jährige vermutlich für „Popmusik“ hält. Irgendwie schade, denkt man an alte Missy Elliot-Features oder die wirklich schöne Ballade „La Belle Et Le Bad Boy“ die damals sogar bei Sex And The City gespielt wurde. Ich habe die Folge gesehen, es war herzzerreißend. Naja. Da Dino-Rapper heutzutage ja bis ins hohe Alter rappen dürfen und wir in Deutschland so etwas wie Der Wolf zu verantworten haben, können wir vielleicht auf sein nächstes Comeback warten. Vielleicht in drei Jahren auf einem London On Da Track Beat? 50 Cent hat mal wieder gezeigt, wie man es richtig macht.