WESH RACAILLE! #04 – Rap aus Frankreich

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Wesh Racaille“ ist unsere exquisite Feinschmecker-Kolumne, die sich den aktuellen Veröffentlichungen bei unseren baguette- und weinaffinen Nachbarn widmet. Also das Crack in den Pott…ähm…die Froschschenkel in die Casserole und ein wenig dem musikalischen Savoir-vivre fröhnen. Unser Redakteur Yacine hat hierfür mal wieder die besten französischen Gourmethäppchen für euch heraus gepickt. Bon appétit!

01

Lacrim feat. Booba – Oh bah oui

Frankreichs Realness-Beauftragter Lacrim ballert einen Joint von seinem Album „Force & Honneur“ raus, welches im März dieses idyllischen wie ereignislosen Jahres erschien. Da Kraft und Ehre auch zu den Lieblingshobbys von Francerap-Übervater Booba zählen, konnte eigentlich gar nichts anderes passieren, als ein Featurehit der beiden Legenden.

„Oh bah oui“, im Sprachgebrauch wohl am ehesten mit „ja sichi diggi“ zu translaten, behandelt die vielfältigen kapitalistischen Produktionsvarianten juristisch fragwürdiger Geschäftsfelder und reproduziert heteronormative Männlichkeitsmythen. Thema Ehre: Lacrim ist 2013 ungefähr fünf Monate lang zwischen Spanien und Algerien hin und her gejetsettet, um seinem Haftantritt in Frankreich zu entgehen und die Geburt seiner Tochter mitzuerleben. Nach diesem Wunder des Lebens stellte er sich und ging für drei Jahre rein (die #freelacrim Shirts liefen extrem gut). 100% Edelmann!

02

PNL – Jusqu’au dernier gramme

Auch bei Peace And Lovés wird der Realness seit jeher ein exklusiver Stellenwert eingeräumt. Seit Tarik und Nabil aka Ademo und N.O.S. die ganze Welt oder gar nix für sich beansprucht haben, ist so viel passiert, dass wahrscheinlich nur Bonez MC nachvollziehen kann, wie sich das Leben für die Brüder aus Les Tarterêts verändert hat. Dennoch bleiben das Viertel und die verdammt hungrige Familie das zentrale Thema in ihren Tracks und so starteten sie zu ihrem aktuellen Album einen mehrteiligen Ghetto-Epos, der in Sachen Pathos, Spannung und Intrigen mühelos mit der neuen GoT Staffel mithalten kann (kp nie geguckt aber paar Ritter, paar Drachen, was soll einen Magga da großartig beeindrucken). „Dans la légende“ ist mit 500 verkauften Einheiten mittlerweile Diamant gegangen und damit kommt zehn Monate nach Teil 1 nun das große Finale. Part 3 soll scheinbar Pharrells „Happy“ Konkurrenz machen: Es dauert einfach mal ne satte halbe Stunde. Na gut. Würde man all die bedeutungsschwangeren Slowmo-Szenen auf normale Geschwindigkeit bringen, wäre der ganze Clip vermutlich nur sieben Minuten lang, doch leider hat sich bisher noch keiner die Mühe gemacht. Vorschlag: “PNL, but it gets faster everytime a slowmo-scene appears“.

03

Sadek feat. Niska – En leuleu

Niska bleibt ein vielbeschäftigtes Kerlchen, haut er nicht nur selbst eine neue Single nach der anderen raus, gerne auch nimmt er sich die Zeit, auf so ziemlich jeder Single von sämtlichen anderen Rappern einen Part zu röhren. Das hier ist aber wirklich ein Banger. Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass man zu solch einem Power-Track gar nicht still sitzen kann und deshalb kommt hier gefühlt ein ganzes gallisches Dorf zusammen, um ein heiteres Straßenfest zu feiern. Über Afrotrap braucht man ja zum Glück nicht mehr reden, doch während in Deutschland noch mehr schlecht als recht herausgefunden wird, wie man sich MHD zumindest etwas annähert, kommt bei einigen Franzosen schon der Verdacht einer langweiligen Routine in dem Subgenre auf… Aber keine Angst: Der nächste Trend bahnt sich schon an! Jersey Club wird HipHop endlich final von Vocals erlösen! Wo habt ihr es zuerst gehört? Stay woke kids!

04

Hamza – Godzilla

Hamza hat die Sauce. Wenn sich der Belgier durch seine Late 80s Visuals waved und dir trotz übersichtlicher Körpergröße erzählt er ist Godzilla, dann stimmt das. Köpft den Moët mit dem Berbersäbel und schmeißt Shindy aus dem Waldorf Astoria, nur um dort kurz diesen Track zu genießen. Denn im Gegensatz zu letzterem, wurde der 22-jährige Hamza schon öfter in Playlists von Drake und Partynextdoor angespielt. Es gibt eben einen Unterschied zwischen roten Schuhen und Swag.

05

Deen Burbigo feat. Nekfeu – Tu rêves

Thema Swag: Es ist aber auch viel leichter einen Text wie „Sie meinte du träumst, du träumst zu viel“ auf französisch zu singen, ohne jeden Fremdschamtrigger auf der Welt zu aktivieren. Das ist nicht fair und bestimmt gibt es Genies, die sowas wohl auf deutsch hinbekommen, ohne dabei zu wirken als wär ihr Ballonherz geklaut worden, aber in der Sprache der Liebe klingt nun mal selbst ein aufrichtiges „ferme ta gueule!“ wie ein heiliger Liebesschwur. Das machen sich auch Urgestein Deen und sein Komplize Nekfeu zunutze. Verträumt, auf einem sommerlich warmen Beat wird erzählt, wie in einer lauen Sommernacht unglaublich schöne Frauen kennengelernt wurden, die allerdings nicht ihre Nummer rausgeben wollten, was sehr sehr weh tat. Außerdem wird sich natürlich noch an die Ex erinnert, weil das lief ebenfalls nicht so richtig toll, aber jetzt ist man ja endlich berühmt. Tja. Ich habe es schon immer gesagt und ich muss es hier einmal schriftlich festhalten: Es gibt nur eins, was zuverlässig gegen Liebeskummer hilft und das sind KLIMMZÜGE. Manche Männer sind einfach solche Heulsusen… Naja, in diesem Fall Glück gehabt, schließlich verstehen die meisten Leser kein Wort von dieser Schnulze und so kann man auf dem Beat gut gelaunt, mit einem letzten Schluck Moët im Glas durch Shindys Suite viben, während man sich auf die nächste WESH RACAILLE Kolumne freut. Gern geschehen.