WESH RACAILLE! #01 – Rap aus Frankreich

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Wesh Racaille“ (frei übersetzt: „Grüß dich erstmal, du alter Bagalut“) widmet sich ab sofort im 2 Wochen Takt den aktuellen Veröffentlichungen bei unseren baguette- und weinaffinen Nachbarn. In Frankreich (und im französischsprachigen Umland) wird seit jeher munter das Crack aufgekocht und anschließend mit einem Savoir-vivre serviert, dass die dynamische Rapszene dort der deutschen immer zwei Schritte voraus scheint. Dementsprechend inspiriert schielt auch hierzulande der ein oder andere Alman-Hopper auf die Grande Nation und schneller als du gucken kannst, hält selbst der einfallsärmste MySpace-Rapper seinen Sommer-Sonne-Afro-Track für die frischeste Froschsuppe überhaupt. Das kann wirklich niemand ertragen und deshalb sehen wir uns in der Pflicht, die Spreu vom Weizen zu trennen, um euch eine stabile Übersicht zu verschaffen. Dreh die Handybox in deiner Bauchtasche auf 100% Gesprächslautstärke: Unser Redakteur Yacine hat die zehn formidabelsten Franzrap-Joints der letzten Tage zusammengetragen.

01

Disiz La Peste – Splash

Beginnen wir mit einem Hit! Nicht nur der sehr sympathische Titel des Songs lässt unser Herz im Takt dabben (aua), auch präsentiert sich einem wieder einmal die ungezügelte Kreativität, die den Rapper/Schauspieler Disiz La Peste schon mit 19 Jahren berühmt machte – entdeckt durch NTM Legende Joeystarr persönlich. Auf „Splash“ erzählt er bewegend und trotzdem mit gewisser Leichtigkeit von der Perspektivlosigkeit und Depression seiner Kindheit, die ihn früher und viele andere heute tagtäglich gefangen hält. Wem das Soundbild des Tracks bekannt vorkommt: Disiz kündigte bereits vorab auf Twitter an, ein gewisser Paul habe bei der Produktion seine Finger im Spiel gehabt… In unseren Breitengraden bekannt als das belgische Wunderkind Stromae.

02

DorSaux feat. Kaaris – Napoléon

Jetzt wird es ernst. Äußerst ernst. Gerade zu seriös. DorSaux aus der Pariser Banlieue La Courneuve erlangte mit seiner Freestyle-Reihe Corda Pt. 1-7 größere Aufmerksamkeit und veröffentlichte vor Kurzem sein Debütalbum „De l’ombre à la lumiere“. Mit Kaaris hat er sich stimmgewaltige Verstärkung geholt, kann in Sachen Power und Puste aber absolut mithalten. Ebenfalls in puncto Ernsthaftigkeit. Das Video ist quasi ein einziger strenger Blick ohne Blinzeln, vermutlich hat keiner der beiden Bartträger jemals gelacht. Sehr überzeugend!

03

Niska – Chasse à l’homme #KeDuSal 2

Thema gewaltige Stimmen: Auch Niskas Rap-Organ ließe sich von Montpellier bis nach Lille vernehmen, wenn er nur kräftig genug Luft holte. Kein Wesen in unserer Milchstraße hat wohl je aggressiver ein Burger-Menü bestellt („Salat, Tomaten und keine Zwiebeln / Pack die Soße auf die Pommes“) als Niska in der ersten Line. Seit dem vielbeachteten Soloalbum „Zifukuro“ ballert er einen Banger nach dem anderen raus und hatte schon ein Feature mit Gott in Frankreich aka Booba persönlich. Die Wortumkehrung Zifukuro seines Spitznamens Kurozifi ist ein gutes Beispiel für Verlan, den Straßenslang in Frankreich und Belgien, in dem Silben in Wörtern vertauscht werden (siehe: Stromae = Maestro). Kurozifi kann verstanden werden als Corrosif (Ätzmittel) oder im einzelnen „Kuro“ = spanisch „Cojones“ = „Eier“ und „Zifu“ als Verlan-Wort „Fuzi“ = „Fusil“ = „Eisen“ (im Sprachgebrauch genutzt für „Gewehr“). Wieder zusammengesetzt und grob übersetzt also EIER AUS STAHL. Dan Brown Da Vinci Code Shit.

04

SCH – Poupée Russe

Kommen wir zu Marseilles very own SCH (gesprochen: „Ess Sse Asch“). Bekannt geworden als „Schneider“, um die Berliner Roots seines Großvaters zu würdigen, geht Julien Schwarz – so sein Menschenname – seit 2015 regelmäßig Platin. Dementsprechend gut situiert lebt er jetzt im beschaulichen Aubagne, in der Nähe von Marseille. Wo Bahnfahren übrigens gratis ist. Es geht also, Frau Merkel!!!! Nach der bemerkenswerten Leistung, unverschämt teure Matrosen-Outfits im Donald Duck Stil (wieder?) heiß zu machen, fühlt er sich in der neusten Auskopplung des frisch releasten Albums „DeoFavente“ offensichtlich missverstanden bis verraten und lässt seine gemeinere Seite das Gleichgewicht auf den Streets wieder herstellen. Die schauspielerische Souveränität die SCH an den Tag legt, könnte ihn durchaus für eine Ganoven-Rolle bei Polizeiruf 110 qualifizieren. Bleib da auf jeden Fall am Ball, Junge!

05

Niro – Printemps Blanc feat. IVY

Eine ungewöhnliche wie schöne Songidee präsentiert Mafia K’1 Fry Member Niro. Im guten alten Chanson-Stil schmettert seine kanadische Begleitung Ivy gekonnt einen Verse über die Leiden ihrer Kokainsucht daher, während Niro ab dem zweiten Part aus der Perspektive des Nasenkaffees selbst performt. Gutes altes Storytelling also. Bezaubernd.

06

Jok’Air – G.

Und dann wäre da noch Jok’Air. Gs machen bekanntlich keine halben Sachen, was vielleicht erklärt weshalb sich seine Crew MZ erst mit den Produzenten-Buddys Zoxea und Melopheelo zerstritt, um sich im nächsten Schritt komplett selbst aufzulösen. Crewgefährte Hache-P announcte nach dieser Glanzleistung, jeder der drei Streitjockels werde solo weitermachen. So kommt es zu einem sehr stabilen Ablieferungsprozess: Jok’Air konnte bereits mit seiner ziemlich persönlichen EP „Big Daddy Jok“ überzeugen und legt im Juni das Mixtape „Je Suis Big Daddy“ nach. Nicht gerade väterlich geht es in seiner aktuellen Single „G.“ zu, in der er eine Antwort auf die Menschheitsfrage liefert, wie ein wahrer Gangster zu sein hat.

07

Panama Bende – Yuhi

Nachdem Schlitzohr Sofiane in einem Aufsehen erregenden Promostunt die Autobahn lahmlegte, um an einem mitgebrachten Bar-Tischchen seinen Kaffee zu genießen, treibt sich nun auch die Panama Bende um Aladin 135 verdächtig nahe an einer Hochstraße herum. Es wird – wie von den Herrschaften gewohnt – sehr schnell und melodiös sprechgesungen. Das bald erscheinende Tape „ADN“ ist es bestimmt wert, auf einer längeren Autobahn-Fahrt angehört zu werden. Mindestens!

08

Siboy – Au revoir merci

Wie in unseren heimatlichen Gefilden, hat auch im frischgebackenen Macronland die Maskierung von Rappern Hochkonjunktur und wird unter der neuen Regierung bestimmt nicht weniger werden. Statt Tier- oder Comicmasken verlässt man sich dortseits allerdings eher auf die traditionelle Sturmhaube. 92i Schützling Siboy, gleichermaßen bekannt für seinen gewöhnungsbedürftigen Humor und seine geisteskranke Lache, lässt sich im neuen Clip sogar dabei beobachten, wie er die passende für sich findet. Wie alle guten Entscheidungen wird auch diese beim Friseur getroffen.

09

Kalash Criminel – Enterrez-les

Auch Kalash Criminel, der bisher vielversprechendste Newcomer des Jahres, lüpft höchstens mal sein Häubchen, wenn eine wirklich sympathische Dame in sein Leben tritt. In seinem neusten Streich erkundigt sich der Barbarossa-Bart nach lohnenswerten Investmentmöglichkeiten und hat eine richtig tolle Zeit mit seinem Finanzberater – zum Leidwesen einer älteren Frau, die schon viel länger wartet und außerdem nicht fassen kann, dass er trotz Vermummung ins Hinterzimmer gelassen wird. Geld ist eben alles, Chérie.

10

Damso – N. J Respect R

Zum Schluss ein leckeres, leckeres Stück Fleisch vom Drake français: Damso. Trotz ärgerlichem Leak, beansprucht er seit einer Woche konsequent den 1. Platz der französischen Charts. Darüber hinaus ist der 25-jährige Belgier dreifacher Rekordbrecher der drübigen Spotify-Plays und so bringt auch er dem Hause 92i Ruhm, Ehre und vermutlich auch etwas kunterbuntes Papier. Smooth Operator.