„Wenn der Vorhang fällt“ – Interview mit Regisseur Michael Münch

von am

Mit dem heutigen Kinostart des Dokumentarfilms „Wenn der Vorhang fällt“ endet eine Reise für Michael Münch, die ihn vor drei Jahren einmal quer durch die Republik führen sollte: nach Heidelberg zu den Stieber Twins oder Toni L, nach Hamburg zu Denyo und Nate57, nach Berlin zu Sido und Marteria. „Wenn der Vorhang fällt“ versucht generationsübergreifend das Lebensgefühl, das Verständnis und die Geschichte der deutschen HipHop-Szene einzufangen – erzählt von seinen Protagonisten. Fionn Birr hat sich mit dem Filmemacher über Künstler im „Interview-Modus“, Jams sowie den Unterschied zwischen HipHop und Rap unterhalten.

Fotos: Yves Krier

Fotos: Yves Krier

Du hast eine Doku über die Geschichte von HipHop in Deutschland gedreht. Warum ist Torch nicht dabei?

Ich habe Torch gefragt, aber er wollte nicht mitmachen. Wir haben zunächst mit Toni L gedreht und danach die Anfrage an ihn rausgeschickt, aber es hat nicht geklappt. Wir hatten nur zwei Mal für zwei Wochen eine Kamera zur Verfügung und mussten alle Drehs in dieser Zeit unterbringen.

„Wenn der Vorhang fällt“ ist deine erste eigene Langspiel-Produktion. Worin lag der Anreiz, so ein Projekt gerade über deutschen HipHop zu machen?

Für mich war es einfach wichtig, dass ich die Thematik über Jahre hinweg aushalten kann und spannend finde. Bei HipHop war ich mir recht sicher, dass das so ist, weil ich sehr Musik-affin bin – ich spiele selbst Gitarre und Klavier, ich komponiere aber jetzt nicht oder so. HipHop war die allererste deutschsprachige Musik, die ich verstanden habe und auch deren Inhalte ich nachvollziehen konnte. Außer Falco oder EAV lief in meinem Elternhaus kaum Musik mit deutschen Texten – bei HipHop habe ich das erste Mal bemerkt, dass man auch mit der deutschen Sprache Sachen ausdrücken kann. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Szene und die Beteiligten etwas mitteilen wollten – auch, wenn es erstmal nicht leicht war, überhaupt in die Szene reinzukommen.

Wie hast du den Umgang der Protagonisten dir gegenüber wahrgenommen? Gerade als jemand, der vorher kaum bis keinen Kontakt zur deutschen HipHop-Szene hatte.

Viele fanden es recht erfrischend, dass ich eben nicht aus der Szene stamme. Bei so einem Liebhaber-Genre wird es immer Leute geben, die sagen, dass es nicht der echte HipHop ist oder dass die Hälfte der wichtigsten Künstler fehlt. Klar, es fehlen Leute, wenn man jetzt auf die komplette deutsche HipHop-Geschichte blickt – es ist eben die Geschichte, die ich erzählt habe. Aber ich maße mir auch nicht an zu sagen, dass das alles ist, was es im HipHop gibt. Es ist ein großer Teil, den ich abdecken konnte. Ich denke auch, dass Leute, die den Film jetzt noch kritisieren, auf längere Zeit betrachtet, etwas wohlwollender damit umgehen werden und sagen: „Hey, eigentlich ist es cool, dass sich jemand von außerhalb damit beschäftigt hat und auch, wenn es jetzt nicht die vollständigste HipHop-Enzyklopädie geworden ist, hat er es gar nicht schlecht getroffen.“ Sonst hätte ich auch einen zehnstündigen Film machen müssen. (lacht)

Gerade HipHop entwickelt sich sehr rasant und hat sich auch während des Produktionszeitraums von drei Jahren neu definiert. Was ist die Zielsetzung bei einer solchen Dokumentation. Wie habt ihr auf diese Wandlungsfähigkeit reagiert?

Ich habe mir die „Rap City Berlin“-Filme, die „Ich“-DVD von Sido oder auch „Lost In Music – HipHop Hooray“ angesehen. Im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass es sogar schon mal einen HipHop-Dokumentarfilm namens „Wenn der Vorhang fällt“ gab. Aus dieser Recherche habe ich mich entschlossen, einen 90-minütigen Dokumentarfilm zu drehen, der ein Benchmark ist. Der Film sollte einfach bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in der HipHop-Geschichte viel abdecken. Er ist auch relativ ruhig gedreht, was auch eine bewusste Entscheidung war. Es sollte kein pompöses VH1-Video mit haufenweisen Effekten sein. Der Film sollte in zehn Jahren auch noch halbwegs zeitgemäß wirken, weil er auch positiv widerspiegelt, was bis zum Drehschluss passiert ist. Ich meine, wir haben 2015 das letzte Mal gedreht, was ja auch schon fast zwei Jahre her ist. Aber nur, weil diese zwei Jahre nicht im Film stattfinden, heißt es ja nicht, dass die nicht auch Teil der HipHop-Geschichte sind, die wir widerspiegeln. Ich denke auch, dass sich die Katharsis des Films, die Message, wie es weitergehen könnte, mit dem, was sich im Moment abspielt, deckt.

Wie hast du dich den Rappern gegenüber verhalten, welche Bedenken hattest du?

Ich habe vorher noch nie ein Interview geführt. Ich hatte anfangs auch das Gefühl, dass den Protagonisten nicht ganz klar war, ob das jetzt ein Interview zur Promotion oder eben ein etwas tiefergreifendes Gespräch sein soll. Wir haben uns aber eigentlich mit allen im Vorfeld schon unterhalten, bevor wir gedreht haben – allein beim Aufbau des Lichts und der Kamera. Das hat sich, für mein Empfinden, dann oft schon nach 10-15 Minuten ergeben, dass die Künstler aus ihrem professionellen Interview-Modus kamen und ein ernstes Gespräch entstand. Ich wollte ja auch viel von den Privatpersonen wissen und nicht nur Gespräche mit der Künstler-Seite der Protagonisten führen: „Wie war es, als du angefangen hast?“, „Wie hast du es empfunden, als du noch ein Fan warst?“, „Bist du noch ein Fan?“, „Wie begreift ihr Musik für euch?“ Ich glaube, meine Gegenüber fanden es auch gut, dass sie mal über so etwas reden durften. Es war im Endeffekt nicht so schwierig, es hat nur einen Moment des Vertrauens gebraucht. Aber das ist ja auch verständlich, wenn du jemandem gegenüber sitzt, den du noch nie gesehen und von dem du noch nie etwas gehört hast. Die Skepsis gegenüber jemandem, der sich nicht in der Szene bewegt, ist da vermutlich sogar noch größer.

Ich habe vorher nicht zwischen HipHop und Rap unterschieden.

Michael Münch

Der Schwerpunkt ist klar auf den 1990er Jahren und dem ersten HipHop-Boom um 2000. Gerade für die heutige Generation und ihre Protagonisten sind diese Leute aber nur teilweise relevant. Warum hast du diese inhaltlichen Punkte gesetzt?

Ein zeitgeistlicher Film hätte sehr schnell seine Aktualität verloren. Ich muss auch sagen, dass ich mich mit den ganz jungen, neuen Künstler nicht so gut auskenne. Klar, das hätte ich auch recherchieren können. Da sind aber in den letzten drei Jahren schon 50 Namen aufgepoppt, von denen es hieß, das sei das nächste große Ding und wenig später hast du nie wieder etwas von denen gehört. Für mich sind jüngere Künstler eher Leute wie Casper oder Cro, die ja aber schon seit Jahren Musik machen und so gesehen nicht mehr „neu“ sind. Was soll mir ein 17-Jähriger, der jetzt gerade ein bisschen Aufmerksamkeit bekommt, erklären, wie oder was die Geschichte von HipHop ist? Nicht, dass der nicht auch etwas Sinnvolles beitragen könnte, aber da stellt sich die Frage, ob dieser Künstler in einer Woche noch relevant ist. Das war auch ein Problem für mich, bis wohin ich gehe und wen ich mitnehme. So ein Jungspund hätte vielleicht ein paar Zuschauer abgeholt, aber der inhaltliche Wert der Doku war klar auf Zeitlosigkeit ausgelegt. Ich habe mich auf Künstler konzentriert, die nach meinem persönlichen Empfinden, einen bleibenden Eindruck auf die Szene hinterlassen haben. Ich habe auch ganz viele angeschrieben aus allen Altersbereichen – davon hat mir aber nur ein Bruchteil geantwortet. Es war letztlich eine aktive Entscheidung, bis zu dieser Epoche oder bis zu dieser Generation um Casper und Marteria herum zu gehen. Ich habe abgeschlossen, Protagonisten zu suchen, als „Zum Glück in die Zukunft 2“ rauskam – da waren wir fertig mit dem eigentlichen Dreh. Mittlerweile habe ich schon wieder Leute entdeckt, die ich gerne interviewt hätte. Wenn ein Film drei Jahre nach Drehschluss rauskommt, entsteht da logischerweise eine gewisse Diskrepanz, aber wir waren ja auch eine Low-Budget-Produktion. Ich bin von meinem eigenen Geld von Frankfurt/Main nach Hamburg zum Interview gefahren und wenn mir dann jemand gegenüber gesessen hätte, der mich nicht als seriösen Gesprächspartner wahrgenommen hätte, musste ich abwägen, ob sich dieser Aufwand lohnt. Ich habe also schon bei den Anschreiben selektiert und die Risiken abgewogen: Hat diese Person Interesse an dem Film oder möchte er sich nur selbst promoten? Es gab Leute, die sehr freundlich waren und mich ernst nahmen und dann wiederum Leute, die gesagt haben „Keine Ahnung, ich kenne dich nicht, du hast nichts vorzuweisen , das ist alles nicht so cool.“ Sowas kam aber auch aus allen Künstlergenerationen. Es wäre schwer für mich, jetzt zu sagen, wen ich aus der neueren Zeit noch gerne drin gehabt hätte, zum Beispiel.

Die Massiven Töne tauchen sehr häufig als Referenzpunkt im Film auf, gerade in Bezug auf die Kommerzialisierung Ende der 1990er. Warum sind sie selbst nicht im Film zu sehen?

Während wir am Film gearbeitet haben, entstand gleichzeitig auch „Blacktape“ und ein Filmprojekt von Wasi. Das habe ich aber alles erst ein oder zwei Jahre nach Projektstart mitbekommen. Wir hatten schon die erste Hälfte abgedreht und waren auch auf dem splash! zum Drehen. Da kamen Leute auf uns zu und fragten dann „Ach, ihr seid von diesem HipHop-Film?“ und ich war sehr verwundert darüber, weil eigentlich niemand wusste, dass wir dort waren. Nach und nach hat mir man dann zugetragen, dass „Blacktape“ rauskommt und Wasi offenbar auch gerade einen Film produziert. Da war dann auch die Lust bei meinem Film noch mitzumachen, wohl eher gering für die – weil es ja dann doch ein Konkurrenzprojekt ist. Aber ich habe jetzt 21 Protagonisten und viele kommen aus den 1990ern. So viele Leute in 90 Minuten unterzubringen ist schon ausreichend, denke ich. Natürlich hätte ich noch 15 weitere Leute einbauen können, aber dann hätte jeder fünf Sekunden geredet und dann stellt sich die Frage, ob das noch ein genießbares Projekt für den Zuschauer ist. (lacht) Viele haben sich ja auch überschnitten in ihren Erzählungen, sodass ich auch schnell wusste, ob ich genug Informationen über eine bestimmte Epoche zusammen hatte.

Hast du eine Erkenntnis über HipHop und die Szene gewonnen, die dir als Außenstehender vorher nicht so klar war?

Ich habe zum Beispiel vorher nie zwischen Rap und HipHop unterschieden. Ja, shame on me, das darf man eigentlich nicht sagen, aber das wusste ich halt nicht. Mir rutscht auch immer noch ein „Rap“ raus, auch wenn ich eigentlich gerade HipHop gemeint habe. (lacht) Ich habe auch das Gefühl, dass diese Szene sehr zusammenhält – egal, wie viel Beef da immer ist. Auch die Leute, die auf HipHop-Veranstaltungen gehen, sind eigentlich eine geschmeidige Masse. Das ist eine Community – das merkt man ja auch auf den Jams, die in den letzten Jahren wieder vermehrt aufgetaucht sind, wo wieder Breaker und Sprüher beteiligt werden. Wenn du auf ein Rock-Konzert gehst, freuen sich zwar alle über die Rockmusik, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es eine Community ist. Das ist bei HipHop anders. Da ist so eine Substanz im Kern dieser Szene, den ich total cool finde.

Wer nun Lust bekommen hat, sich „Wenn der Vorhang fällt“ anzusehen, kann bei unserem Gewinnspiel mit machen. Zum Kinostart am 30.03 verlosen wir je 1×2 Karten im Kino eurer Wahl. Schreibt einfach eine Mail an win@splash-mag.de mit der Stadt und dem Kino eurer Wahl so wie euern vollen Namen mit dem Betreff „Wenn der Vorhang fällt„. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Unten findet ihr die Liste der Kinos, die „Wenn der Vorhang fällt“ in Deutschland zeigen.

Berlin – Eiszeit Kino
Berlin – hackesche höfe kino
Dresden – Schauburg Dresden – Filmkultur & mehr
Halle/Saale – The Light Cinema Halle/Saale
Leipzig – Kinobar Prager Frühling
Mannheim – CinemaxX Mannheim
Augsburg – Savoy Kino Augsburg
Neu Ulm – DIETRICH THEATER
Nürnberg – CINECITTA‘ Multiplexkino – Nürnberg
München – Monopol Kino München
Stuttgart – Delphi Arthaus Kino
Tübingen – Kino Blaue Brücke & Kino Museum
Hamburg – Neues Studio-Kino Hamburg
Frankfurt – Harmonie & Cinema: Arthouse Kinos Frankfurt