„Weil wir dich lieben“ – Mit den Damagers Berlin im U-Bahn-System

von am

Eine Berliner S- oder U-Bahn angesprüht zu haben, ist eine Referenz, die in jedem ordentlichen Lebenslauf eines Writers zu stehen hat. Die deutsche Hauptstadt genießt in der internationalen Szene einen hohen Stellenwert, Trainwriting sowieso. Die sagenumwobenen und legendären Damagers Berlin sind Könige dieser Disziplin. Letzte Woche veröffentlichten sie ihre DVD „Damagers2“ (unter dem Artikel verlosen wir ein paar Prachtexemplare davon). Kurz davor haben sie unseren Autor auf eine Safari entführt und damit urbanen Kunsttourismus auf ein neues Level gehievt.

Foto: Damagers Berlin

Foto: Damagers Berlin

„Lauf los, renn’!“ schreit es von weiter vorn. Endlich haben die anderen aufgehört, den Wholecar und das Panel zu fotografieren. Mit Blitzlicht. Im Morgengrauen auf einem Betriebsgelände der BVG.

In einem U-Bahn-Tunnel irgendwo in Berlin hatten wir Stunden zuvor abwechselnd die gemullerte Kiste – U-Bahn-Fans nennen sie liebevoll Gisela – halbstündlich beobachtet. Und dann fahren die das Kunstwerk auf Rädern sofort raus zur nächsten Säuberungsanlage. Da sprinte ich gerade. Neben zwei Gleisen, die in einer Unterführung verschwinden, renne ich auf einem halben Meter breiten Betonpfad parallel zu den Schienen. Ich erspähe im Zwielicht die stacheldrahtbesetzte Zauntür. Den oberen Bereich hatten wir vorher fachmännisch freigelegt. Mit einem Satz bin ich drüber. Wow – was Adrenalin so alles ausmacht.

Der Rest kommt auch angeflogen und wir verpissen uns über den Pflasterweg hinein ins Gebüsch. Da geht in dieser Nacht im U-Bahn-Tunnel alles glatt und dann so eine Action wegen der Fotos. Akor und Ham hatten es mir vorher gesagt: Zu einer gelungenen Nacht gehört auch die Fotosafari. Höchstwahrscheinlich wird unsere Gisela heute Vormittag sofort gebufft, also gereinigt – nur wir und die BVG wissen dann noch, wie gut sie heute schon mal aussah. Deswegen war es so wichtig, das beste Foto zu bekommen.

Eine halbe Stunde später staune ich in Sicherheit über die Bilder – der Stress hat sich gelohnt, die Farben knallen, alles perfekt in Szene gesetzt. Ich rauche Eine und bereue es sofort. Meine Lunge brennt. Die DRS-Jungs stecken das locker weg. Ihre Sicherheitsmaßnahme Nummer Eins heißt Sport: „Wir halten uns physisch fit. Kardio- und Krafttraining, keine Drogen, kein Alkohol – du musst immer klar im Kopf sein“, erklärt Akor. „Unseren Lifestyle müssen wir zu 100 Prozent Ernst nehmen, sonst bleibst du auf der Strecke. Im Schacht warten so viele Gefahren auf dich. Da gehören Securitys und Polizisten noch zu den kleineren Übeln. Neben Video- oder Infrarotkameras, Bewegungsmeldern und Reinigungskräften befinden sich Gleise und eine Starkstromleitung in den U-Bahn-Röhren. Die Hochspannungsleitung verrät sich zwar durch ihre gelbe Ummantelung, aber trotzdem darfst du da nie von unten rankommen.“ Außerdem passiere es immer wieder, dass ungeplant und unerwartet Züge an den Trainwritern vorbeidonnern. „Wenn du deine Sinne, und zwar alle, nicht absolut auf scharf gestellt hast, nimmst du eine schwere Verletzung oder sogar den Tod in Kauf. Oder du wirst gecatcht. Wer das weiß, lebt länger in Freiheit und kann mehr U-Bahnen anmalen.“

Foto: Damagers Berlin

Foto: Damagers Berlin

Zwei Nächte zuvor. Ich fahre mit der U-Bahn Richtung Treffpunkt. Eben noch unauffälliger Fahrgast, der die Annehmlichkeiten einer Untergrundbahn in einer Großstadt genießt und in ein paar Stunden Augenzeuge, was urbaner Lifestyle wirklich bedeutet. Endstation, ich muss umsteigen. Hoffentlich hat mich keiner abgehört. In einem gesicherten Chat haben wir uns verabredet, Akor würde mich am Treffpunkt dann einsammeln. Die Nachricht habe ich längst gelöscht, nicht dass das einer liest. War zwar eh kryptisch geschrieben, aber wer weiß. Instinktiv gehe ich lieber einmal um die Treppe zur S-Bahn herum, um zu checken, ob mir jemand folgt. Oh Mann, ich spinne jetzt schon. Da spielt mir die Aufregung schon am Anfang Streiche.

Foto: Damagers Berlin

Foto: Damagers Berlin

Ham wird mir später erklären, dass das völlig normal sei. Wenn DRS zum Tunneleingang unterwegs sind, also vor der ganzen Action, dann wirkt jeder irgendwie verdächtig. „Da reicht es, dass jemand Security auf dem Pulli stehen hat. Aber mit 20 Jahren Erfahrung lernst du damit um zugehen. Du reifst mit jeder Situation. Mit der Paranoia lebt es sich ganz gut. Nur der Schlafmangel, der fickt dich richtig.“

Okay – halb elf, gleich da. Mein Puls beschleunigt sich weiter, ich rauche vor lauter Aufregung Kette. Da kommt Akor. Endlich. Wir fahren los.

„Trainwriting ist nicht wie ’ne Sporttasche, die du in die Ecke feuern kannst. Es beschäftigt dich alles noch Stunden nach der Action und das ausgeschüttete Adrenalin verschwindet auch nicht so schnell.“

Akor (DRS)

„Züge malen? U-Bahnen? Das würde ich niemandem empfehlen. Davon würde ich sogar abraten“, empfiehlt er mir, während wir uns mit den anderen treffen. „Irgendwann vereinnahmt dich dein Hobby so sehr, dass es sich zum Lifestyle entwickelt. Du arbeitest, du geht’s in die Tunnel, du arbeitest. Und nach getaner Nachtarbeit kannst du Trainwriting nicht einfach wie ne Sporttasche in die Ecke feuern und dich erst wieder drum kümmern, wenn der nächste Sport ansteht oder die Socken anfangen zu stinken. Es beschäftigt dich alles noch Stunden nach der Action und das ausgeschüttete Adrenalin verschwindet auch nicht so schnell.“

Dass die Jungs nicht immer zum Zug kommen, erstaunt mich. „Manchmal machst du fünf Nächte durch und sprühst nicht einen Strich. Bauchgefühl entscheidet alles. Im Zweifel immer Abbruch, das lehrt dich die Erfahrung.“ Akor haben schon mit zehn Jahren diese riesen Stahlschweine auf dem Bahnhof beeindruckt. „Der Zug rollt ein, alles vibriert. Und dann die U-Bahn. Wenn man runtergeht, der Geruch, teilweise ist das System 100 Jahre alt, die Schächte, einfach alles hat Charisma und große Anziehungskraft.“ Die Image-Kampagne der BVG – „Weil wir dich lieben“ – trifft auch auf die DRS-Crew zu.

Foto: Damagers Berlin

Foto: Damagers Berlin

Auch Arkors dickster Kumpel Ham sprüht schon seit zwei Jahrzehnten ohne Pause nur Züge und auch er am liebsten U-Bahnen. Er hat als kleines Kind Bilder von Zugmodellen gesammelt. DRS existiert seit 1998 und versteht sich als weltweite Bewegung. Polen, Spanien, New York, Kapstadt. Vom Lagerarbeiter bis zum Herzchirurgen sei alles dabei. Hams Sammelleidenschaft bezieht sich jetzt auf U-Bahn-Systeme. „Ich habe schon einige zusammen, aber ich kenne einen, der hat schon über zwanzig Systeme gemalt.“ Trainwriting ist eben eine weltweite Bewegung.

Die Mannschaft für heute Nacht steht. Vier Sprayer, ein Filmer und ich. Alle wirken sehr freundlich und aufgeschlossen mir gegenüber, wir kommen schnell ins Gespräch. Zwar beherrsche ich die Graffiti-Vokabeln, allerdings absolviere ich heute Nacht einen Auffrischungskurs Berlin-Style. WISAG heißt der Feind heute Nacht, HK und Gisela unsere Beute. Die WISAG bezeichnet sich als Dienstleistungskonzern und sichert die BVG-Gleisanlagen. Dazu kommen noch die BVG-Sicherheits-Fahrzeuge. HK bedeutet Kleinprofilbaureihe der U-Bahn und besteht aus der Baureihe H, die dem Kleinprofil K aber angepasst wurde, damit die HK auf der Linie U2 (Schmalspur) überhaupt fahren kann. Das ältere Modell, das auf der Linie 2 unterwegs ist, trägt den Namen Gisela und besticht durch geriffelte Außenseiten. Diese unebene Außenfläche verärgert manche Sprayer, da sie glatte Untergründe bevorzugen. Echte Profis schätzen aber die Gisela-Baureihe mit ihren Seitenriffeln, da diese eine extra Herausforderung an die Sprühfertigkeiten der Writer darstellen, um ein sauberes Bild mit sauberen Linien zu sprühen.

Foto: Damagers Berlin

Foto: Damagers Berlin

In Berlin seien die Reviere klar aufgeteilt und die Szene weiß, wer wo malt. Streitigkeiten geht zwar keiner aus dem Weg, aber sie nerven und erzeugen Aufregung und Aufmerksamkeit, die keiner haben möchte. Die U-Bahn-Sprüherszene arbeitet lieber völlig unauffällig. „Trotzdem bringen ab und zu ein paar Störenfriede die Ruhe aus dem Gleichgewicht“, wie Arkor berichtet. „Immer wieder steigen in letzter Zeit Touristen aus aller Welt mal ins U-Bahn-System ab und machen ein paar schnelle Dinger. Die sollen sich von uns nur nicht erwischen lassen!“

Mittlerweile zeigt die Uhr weit nach Mitternacht an. Die Checker haben sich alle positioniert, wir stehen hinter einem Gebäudekomplex und warten auf das Go. In meinem Kopf spielen sich schlagartig alle Schreckensszenarien ab, die ich je gehört habe. Unkontrollierte Zugfahrten, Stromausfall, in den Zügen versteckte Polizisten, WISAG-Typen, die uns eine Falle gestellt haben.

Eine Stunde später, immer noch kein Go. Bauarbeiter befinden sich unten im Schacht. Das Bauchgefühl sagt abwarten.

Wieder eine Stunde später, unser Zeitfenster schließt sich langsam, denn die Betriebspause der U-Bahn dauert nicht ewig. Zumal wir auch 20 Minuten brauchen. Unter Hochspannung warten. Diese Lauerstellung fühlt sich viel schlimmer an, als gedacht. Ich bekomme langsam Kopfschmerzen.

Abbruch. Morgen treffen wir uns wieder und greifen woanders an. Zu Hause brauche ich anderthalb Stunden, bis ich endlich schlafen kann. Um zehn weckt mich das Müllauto in meiner Straße, schlafen werde ich nicht mehr können.

Foto: Damagers Berlin

Foto: Damagers Berlin

Übermüdet, aber voller Hoffnung sitze ich einen Abend später wieder mit der DRS-Crew zusammen. Heute nur zu fünft – drei sprühen, einer filmt, einer staunt, das bin ich. Und wieder beginnt das Warten. Zwar befinden wir uns woanders, aber auf dem U-Bahnhof sei ein Radio zu hören. Da ist wohl jemand. Es wird sich beraten. Warten. Wehe, ich fahre wieder unbefleckt nach Hause.

Die Zeit rinnt davon. Und dann, endlich. Das Bauchgefühl sagt leise reingehen, dann 25 Minuten umlackieren und leise rausgehen. Ich bestätige meine Bereitschaft. Die Spannung steigt, der Puls erhöht sich, ich bekomme einen trockenen Rachen.

Es geht los. „Leise, noch nicht vermummen, wir müssen ungesehen an den Notausstieg ran“, zischt mir einer entgegen. Als wir ankommen, öffnet jemand das Teil, das Gitter geht auf, ich setzte die Maske auf, achte auf meine Handschuhe und wir entern den Tunnel. Schweigend matt breitet sich der orange erleuchtete U-Bahn-Schacht vor mir aus. Es riecht nach Industriestaub, Rost, Öl, Schmutz. Am Ende des Tunnels folgt eine kleine Kurve – da wartet sie an einer Gangway – unsere Gisela. Jedes Geräusch macht hier unten richtig viel Lärm, also Vorsicht. Ich stolpere kurz durch den Gleisschotter, da ich ein Gleisquerbrett nicht mit dem Fuß erwischt habe. Ich kann nur auf diesen Gleisbohlen oder Dielen laufen, was sich etwas gewöhnungsbedürftig gestaltet. Ich schreite zum ersten Mal in meinem Leben wortwörtlich voran. Gisela nähert sich.

Foto: Damagers Berlin

Foto: Damagers Berlin

Wie eine Art Goldenes Kalb umzingeln wir die Bahn, bleiben geduckt und warten kurz ab. Hoffentlich hat uns keiner bemerkt. In ein paar Stunden ballert hier die U-Bahn mit genervten Großstadtbürgern wieder lang und ich stehe hier rum und schaue mit romantischem Blick der DRS-Crew bei der Nachtschicht zu. Akor macht einen Wholecar, die anderen werfen ein paar Panels an die Bahn. Das Sprühen ist laut, jeder Schritt auf der Gangway lärmt und falls wirklich jemand kommen sollte, wüsste ich gerade nicht, wohin ich laufen sollte. Um mich abzulenken, schaue ich den Jungs weiter über die Schulter, öffne die U-Bahn-Türen und latsche durch die schweigende und leere Bahn. Zwar zucke ich immer wieder leicht zusammen, wenn über uns ein Laster donnert, aber nach fünf Minuten übermannt mich ein Glücksgefühl und eine grenzenlose Freiheit. Mir kann gerade niemand irgendetwas anhaben, nur die Maske drückt dauernd ins Auge.

Der intensive Lackgeruch nimmt immer mehr zu und steigt mir trotz Hassmaske in die Nase. Da die BVG eine Art Schutzfilm auf die Oberfläche ihrer Züge angebracht hat, trocknet die Farbe nicht so schnell, wie geplant. Arkor muss immer wieder mal nachziehen oder ausbessern. Business as usual.

Foto: Damagers Berlin

Foto: Damagers Berlin

Von den geplanten 25 Minuten haben wir schon 35 verbraucht, also treten wir nun den Rückweg an. Ich habe mich mittlerweile so sehr mit der aktuellen Situation angefreundet, dass ich kein bisschen Schiss mehr habe oder mich mit irgendwelchen Paranoia-Fantasien herumschlagen muss. Ich genieße einfach jeden Schritt im Tunnel. Wieder im Hampelmann-Gang über die Gleisbohlen, auf die Starkstromschiene achten und dem Ausstieg entgegen. Mein Sicherheitsgefühl hat sich auch dadurch verstärkt, dass jeder weiß, was er zu tun hat, keine Spur von Hektik aufkommt und alle absolut routiniert ihren Job verrichten. Draußen empfangen uns die Checker. Ich streife die Maske über meinen Kopf ab, atme tief ein und würde am liebsten einen glückseligen Urschrei losbrüllen, aber jetzt heißt es wieder unerkannt vom Tatort entfernen.

Und wieder warten. Wir brauchen unbedingt gute Fotos von den Pieces an dem Zug. Vor zehn Jahren genügten noch schnelle Fotos für Magazine oder Bücher, heute müssen für Instagram oder Graffiti-Blogs die Fotos genau so schön werden, wie das Graffiti selber. „Wir fremdeln zwar noch mit diesem ganzen Social-Media-Kram, aber die New School hängt zum Beispiel nur noch bei Instagram ab. Früher regierten Mags und VHS-Kassetten, jetzt Onlinefotos und DVDs in Eigenproduktion.“, erläutert Akor. Das Spiel müssen sie mitspielen.

Foto: Damagers Berlin

Foto: Damagers Berlin

Wir wechseln uns ab. Jeder muss mal zurück in den U-Bahnhof und schauen, ob Gisela noch im Tunnel schlummert oder schon losfahren muss. Ich schlendere unauffällig auffällig die Treppen zum Gleis herunter. Täusche interessiertes Fahrplanlesen vor, blicke kurz um die Ecke in den Tunnel und entdecke unsere geliebte Dame. Sie ruht noch sanft in sich.

Eine halbe Stunde später muss Akor die Runde drehen. Nach fünf Minuten kommt er angeschossen und brüllt, dass wir sofort losfahren müssen. Im Affenzahn rasen wir zur nächsten Putzstation und beobachten die Szenerie dort. Unsere Gisela steht auf einem Abstellgleis vor einer Wartungshalle. Das Gelände ist komplett ausgeleuchtet, es reiht sich Gleis an Gleis.

BVG-Mitarbeiter beginnen oder beenden ihre Schicht, wir fallen irgendwie auf. Trotzdem schleichen wir uns an das Gelände heran, sondieren alles und beratschlagen uns. Wir gehen da jetzt rein, unvermummt, mit Kameras bewaffnet, knipsen die Bilderserien ab und dann einfach runter vom Hof. Puh – der Angstschweiß rinnt mir sofort in die Achseln, aber ich will da unbedingt mit. Zäune, Stacheldraht oder Kameras halten uns nicht ab. Ich fühle mich sicher und die Brust schwillt mir vor Stolz, als wir die Anlage betreten.

Wie es ganz genau aussieht, wenn die Jungs von DRS unterwegs sind, erlebt man hautnah auf ihrer DVD. Wir verlosen gleich fünf Exemplare von „Damagers2“. Dazu einfach eine Mail mit dem Betreff „Damagers Berlin“ and win@splash-mag.de schicken und mit etwas Glück eine der DVDs abstauben. Die Verlosung läuft bis zum 7. Juni, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Kaufen könnt ihr in den Actionfilm außerdem in allen bekannten Szene-Läden oder direkt bei Graffiti Box Shop.