Die besten Tapes der Woche // Weekly Release

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Elf Tapes aka ein Release-Massaker vom Feinsten: eigentlich nichts Schlechtes, denn so wird das ganze Wochenende mit frischer Musik gefüllt. Alleine schon das Mixtape von Alchemist und Budgie kommt mit 45 (!) Tracks – aber bitte nicht abschrecken lassen, denn es lohnt sich. Dizzee Rascal hat sein nächste Meisterwerk releast, Einsachtsiebööön liefern den „Sampler 4“ und Nyck Caution & Kirk Knight kämpfen mit vereinten Pro-Era-Kräften. Welche Meisterwerke sonst so vergangene Woche das Licht der Rap-Welt erblickt haben, seht ihr hier.

Dizzee Rascal – Raskit

Dizzee Rascal tritt mit jedem Album ein verdammt schweres Erbe an. Denn selbstverständlich muss sich jedes neue Album an dem Grime-Klassiker schlechthin und uneinholbaren Meilenstein „Boy In Da Corner“ messen. Dabei steht Dizzees Karriere mehr oder weniger stellvertretend für ein komplettes Genre. Hörer erfreuten sich Anfang/Mitte 2000 an dem Hunger der MCs, den kantigen, sperrigen Beats (konsequenterweise auf 140bpm) und der Attitüde, die irgendwo zwischen Punk, Hoodtales, einem unstillbaren Competition-Gedanken und BlingBling meanderte. Doch auf das Hoch folgte das Tief. Während einige hoffnungsvolle Grime-MCs in den Knast wanderten, fanden sich andere plötzlich in faden Dance/House-Production wieder. Erfolge konnte insbesondere Dizzee damit zwar feiern, der typische Grime-Sound aber rückte immer mehr in den Hintergrund, bis er mehr oder weniger, zumindest international, komplett vom Radar verschwand. Das änderte sich schlagartig, als BBK-Frontmann Skepta zurück zu den Wurzeln fand, mit Drake einen potenten Förderer fand und Grime plötzlich wieder in aller Munde war. Auch Dizzee versuchte einige Comeback-Versuche, allerdings mit überschaubarem Erfolg. Nun scheint er sein Geheimrezept wiedergefunden zu haben, denn „Raskit“ ist sein bestes Album seit exakt 14 Jahren. Auf den Tag genau vor 14 Jahren, am 21. Juli 2003, erschien „Boy In Da Corner“ und man darf vermuten, dass dies kein Zufall ist. Bereits die Vorabsingle „Space“ deutete die Richtung an – mit wuchtigen Kicks und aggressiv vorgetragenen Lines führt der Weg fort von soften Pop/Dance-Produktionen. Es ist kein zweites „Boy In Da Corner“, es atmet 2017. Drill/Trap-Elemente finden den Weg in seine Produktionen, seine Stimme überschlägt sich nicht mehr so häufig wie früher. Dennoch spürt man den Hunger, die Lust an der Musik und den Willen, es nochmal allen zu zeigen.Und man hört den typischen Dizzee-Sound heraus. Referenzen an ältere Tracks wie in „Make It Last“ („Vexed“) oder „Business Man“ („Dreams“) wecken nostalgische Gefühle, ohne einen zeitgemäßen Bezug zu missen. Vielleicht ist „Raskit“ kein moderner Klassiker, aber allemal und mindestens ein Ausrufezeichen.

Tyler, The Creator – Flower Boy

Wer sich auf den dunklen Pfaden des Internetz bewegt, wird das Album bereits zwei Wochen kennen. Für die Hörer auf der hellen Seite der Macht gibt es „(Scum Fuck) Flower Boy“ nun auch offiziell auf die Ohren. Begleitet wurde der Leak von einigen Gerüchten und Spekulationen, die inzwischen aber wieder mehr oder minder abgeebbt sind. Man kann sich also voll und ganz auf die Musik konzentrieren. Und das ist auch notwendig, denn die vielschichtigen Kompositionen Tylers sind selten dazu geeignet, sie sich nebenbei anzuhören. Der Detailreichtum ist immens, die Instrumenation extrem umfangreich und jeder Song strotzt voller Ideen. Eingängige Melodien treffen auf den typischen Odd Future-Twist, oftmals ändert sich der Beat innerhalb eines Songs komplett ( „I Ain’t Got Time!“, „911/Mr. Lonely“), dazu steigerte Tyler seine Singqualitäten hin zu ertragbarem SingSang, das sich bisweilen sogar tatsächlich verdammt gut anhört. Insgesamt ein sehr stimmiges Werk, vemutlich sogar das stärkste Album seit „Goblin“.

187 Strassenbande – Sampler 4

In den letzten Jahren haben sich die Hamburger eine Vormachtstellung erarbeitet, die auch eher spezielle Business-Moves rechtfertigt. Ein Album am Dienstag zu veröffentlichen wäre so einer. Durchdachte Business-Strategie? Drauf geschissen – nach 3 Tagen konnte man bereits Platz 1 der Albumcharts feiern.Ein originärer,eigener Sound, kompromisslose Texte und einer sympathische DIY-Attitüde sorgten für eine riesengroße Fan-Basis. Auch auf „Sampler 4“ sind diese Ingredenzien wiederzufinden, der Output von Bonez MC, Gzuz, Maxwell, Sa4 und LX bleibt dabei auf unerhörtem hohen Niveau. Highlights, wie die Cranberries-adaptierte Hook auf “Millionär” oder Lines wie “Top operiert, auch die Lippen sind gespritzt/ mach ein’ auf spendabel, geb ihr Chicken Wings mit Dip” erfreuen den geneigten Hörer. Ob das Abfeiern von häuslicher Gewalt hingegen noch als Dokumenation der roughen Lebensrealität durchgeht, ist zweifelhaft. Abgesehen davon darf man auf „Sampler 4“ aber feststellen, dass 187 sich glücklicherweise treu bleibt und damit alles richtig macht!

Nyck @ Knight – Nyck @ Knight

War die Kombination aus Nyck Caution und Kirk Knight das Beste, das die beiden je hätten machen können? Ahm, ja! Schon im Alleingang sind die beiden Beast-Coast-Kids nicht zu bemängeln, doch zusammen bringen sie Pro Era noch weiter nach vorne. Warum? Weil Nyck @ Knight die Progressivität und Innovation mit sich bringen, die BoomBap 2017 ganz dringend gebraucht hat. Zwischen stabilen Kopfnick-Beats finden sich immer wieder auditive Experimente, die man von Kirks Producer-Genie mittlerweile gewohnt ist. Und während Joey Bada$$ sich immer weiter in pop-infizierte Mainstream-Gefilde vorwagt und sich die restlichen Pro Era (Era Era Eraaa) Member noch nicht über genug Bekanntheit erfreuen, bleiben Nyck & Kirk die volle jugendliche Dosis East-Coast-Rap, die wir nie wieder missen wollen. Das Projekt ist, wir wagen es zu behaupten, einwandfrei. Und ja, „Audiopium“ schenkt uns sogar ein kleines bisschen Capital Steez.

Füffi – Walter

Seit seiner ersten EP »Alles für’n Füffi« die schon 2014 den Weg zu uns fand, hat sich einiges geändert. Niedersachsen-Native Füffi, den es vorher schon in die schöne Hauptstadt verschlagen hat, hat nun einen Deal beim Universal-Sublabel Corn Dawg Records. Das ist aber nur Nebensache bei dem Release seiner aktuellen EP „Walter“. Mit einer großen Portion Bescheidenheit und wummernden Beat-Brettern von Ex-Hamburger-jetzt-Berliner Yunis im (Tape-)Gepäck liefert Füffi ein verdammt stabiles Werk, das ihn perfekt in der deutschen HipHop-Landschaft positioniert – er nimmt sich selbst nicht zu ernst, spielt nicht nach den Regeln der anderen und hält genau aus diesem Grund die Spannung hoch.

NAV & Metro Boomin – Perfect Timing

Nav ist seit Travis Scotts „Beibs In The Trap“, Bellys „Re-Up“ und seinem XO-Signing einer der Rising-Stars aus Toronto, den man nicht mehr aus den Augen lassen darf. Spätestens mit „Perfect Timing“ hat er jetzt seine Position in (Rap-)Stein gemeißelt und zwar unabhängig von den Gastbeiträgen, die mit Gucci Mane, 21 Savage, Belly, Playboi Carti und Offset aber keinesfalls zu verachten sind. Das Kollabo-Tape mit Metro Boomin ist zwar kein außergewöhnlicher Meilenstein der HipHop-Entwicklung, trotzdem ist es für Nav die nächste Stufe auf der Leiter Richtung Erfolg. Und denkt dran: wenn Young Metro vertraut, sollten wir auch vertrauen!

Meek Mill – Wins & Losses

Es gab Menschen, die nach Meeks Beef mit Drizzy und der Trennung von Nicki Minaj dachten, er würde sich ein tiefes Loch graben und seine vorherigen Entscheidungen nochmal überdenken. Stattdessen scheinen die Unannehmlichkeiten neue Kräfte freigesetzt zu haben. Mit “Wins & Losses” kommt das dritte Album des Philly-Rappers ziemlich genau zwei Jahre nach seinem Langspieler. Natürlich erfindet Meek das Rad nicht neu und natürlich hinterlässt das verhunzte Corbin-Sample auf “Open” einen bitteren Nachgeschmack. Alles in allem ist “Wins and Losses” aber ein gutes, kurzweiliges Album, bei dem selten Langeweile aufkommt.Pompöse Songs zu Beginn, gute Features und ein gut aufgelegter Meek Mill sorgen für einige Highlights. Natürlich lassen sich auf vielen Songs Flow-Anleihen anderer kontemporärer Rap-Künstler entdecken, Meek schafft es trotzdem, dem Album einen typischen Sound zu verpassen.

Azad – NXTLVL

Dass eine Tory Lanez-Hook als Album-Starter durchaus eine gute Idee ist, ist seit Meek Mills “Lord Knows” Rap-Allgemeinwissen. Azad hat aufgepasst und hat sich für sein neuestes Album den deutschen Tory Lanez, Calo, an Bord geholt und es funktioniert bestens! Generell schafft es Azad mit “NXT LVL”, eine authentische Chimäre zwischen typischem Azad-Sound und modernen Produktionen zu erschaffen. Streicher, Piano und gepitchte Vocals auf 808s und ratternden Hihats lassen Azads Sound in 2017 ankommen. Unterstützung von 187-Membern Gzuz und Bonez MC schadet dabei sicherlich nicht. Auch auf “Endgegner” mit Ex-”One”-Kollege Kool Savas kann von Altersmüdigkeit des Frankfurter Vorzeigerappers nach über 20 Jahre im Game keine Rede sein.

Lana Del Rey – Lust For Life

Nicht nur Lanas hervorragender Musikgeschmack erstaunt uns immer wieder, sondern auch ihr Feingefühl für die Kombination aus Rap und dramatischen Pop-Arrangements. Während Lana und The Weeknd schon 2015 mit „Prisoner“ auf Abels „Beauty Behind The Madness“ bewiesen, dass ihre melancholischen Stimmen Hand in Hand gehen, führten sie nun mit „Lust For Life“ diese beinahe einwandfreie Rezeptur aus düsterer Depression und optimistischem R&B-Pop weiter. Trotzdem ist das Weeknd-Feature noch lange nicht das Highlight ihres frischen sinnlichen Langzeitspielers. Viel mehr stehen die beiden A$AP-Mob Werke im Fokus. Vor allem „Summer Bummer“ mit Lord Falcko und Playboi Carti wird zu einem unverzichtbaren Track auf „Lust For Life“. Aber nicht falsch verstehen: auch ohne die Gastbeiträge aus der Rap-Welt, wäre Lanas Werk mehr als hörenswert.

Sage The Gemini – Morse Code

„You already know me S-A-G-E“! Fast ohne Vorwarnung und ganz ohne unerträglicher Promophase releast der Bay Area-King Sage The Gemini gestern seinen nächsten Langzeitspieler „Morse Code“ – unerwartet, aber mehr als Willkommen, denn nach seinem 2014 Debütalbum „Remember Me“ wurde es sehr ruhig um das HBK-Member. Unsere Trauer ist dank dem 15 Track starken Mixtape aber schnell wieder vergessen und die Vorfreude auf die Deutschlandtour im September steigt ins Unermessliche.

The Alchemist & Budgie – The Good Book, Vol. 2

Ok, erstens: 45 Tracks? Ja, aber keine Angst. Würden wir uns in einem anderen Fall darüber beschweren, wie man auf die Idee kommt verdammte 45 (!) Tracks auf ein Mixtape zu packen, sind wir hier ganz ruhig und irgendwie zufrieden. „The Good Book, Vol. 2“ muss nämlich wie eine himmlische Compilation aus Soul, Gospel und religiösen Samples verpackt in einem strahlenden HipHop-Beat-Gewand betrachtet werden. Und aus diesem Blickwinkel wird die Unmenge an Songs zu einem wohl verdienten Urlaub von all dem 808-Gewummer. In diesem Sinne, erstmal danke an Alan the Chemist und Budgie. Zweitens: Wir knien nieder vor der exquisiten Auswahl an Gästen auf diesem gesegneten Werk. Von dem gewohnten Alchemist-Umfeld wie Action Bronson und Big Body Bes über Your Old Droog, Royce 5’9, Evidence und noch unzähligen mehr bis hin zu Havoc und ja, Prodigy („Try My Hand“). Also, genug Gründe um sich ein paar Stunden Zeit zu nehmen und sich komplett durch „The Good Book, Vol. 2“ zu hören. Wir schwören, es lohnt sich!