Wandl: „Der Lo-Fi-Sound berührt mich am meisten.“ // Interview

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Das spannendste Multitalent der Saison kommt aus Österreich (mal wieder). Nach einem aufregenden Vorjahr inklusive „NASA Universe“-Tour mit LGoony und Crack Ignaz und „Geld Leben“-Kollabo mit Letzterem hat sich Wandl als hervorragender HipHop-Produzent etabliert, der Jazz, Swag und Swah ganz spielerisch auf einen Nenner bringt. Dass er als Solokünstler noch verspulter produziert und dazu engelsgleich singt, sollte ebenfalls kein Geheimnis mehr sein. Ab heute sowieso nicht mehr. Dann erscheint nämlich nach zwei großartigen EPs sein Debütalbum „It’s All Good Tho„, natürlich wieder bei der Qualitätsschmiede Affine Records. Jonathan Nixdorff traf Wandl zum gemütlichen Gespräch über besagtes letztes Jahr, die Rückbesinnung auf HipHop und sein neugefundenes Selbstbewusstsein.

Du hast in einigen Interview bereits erzählt, dass 2016 ein sehr intensives Jahr für dich war – positiv wie negativ. Wie erinnerst du dich an das Jahr in der Rückschau?

Allein aufgrund der generellen Weltlage hat sich ja jeder von uns ein bisschen komisch gefühlt und zwischen den Welten, so als ob etwas ganz Neues anstehen würde. Und für mich persönlich war die Tour mit Goony und Ignaz einfach extrem intensiv. Direkt danach hat mich mal wieder die Depression erwischt. Ich war unzufrieden mit mir und wie ich mit meinem Umfeld umgehe. Ich war mir in allem auf einmal sehr unsicher und meine erste Reaktion darauf war der totale Rückzug. Die Dinge, die ich zu dem Zeitpunkt nicht aussprechen konnte, habe ich in meiner Musik verarbeitet. Ich habe das alles in die Musik gesteckt. Die Albumproduktion war also wiedermal eine Selbstfindung – aber ich bin gut aus dem Jahr ausgestiegen und habe meine Energie und Lebensfreude wieder zurückgewonnen.

Fällt es dir denn leicht, in Phasen, in denen es dir schlecht geht, produktiv zu sein und das direkt zu verarbeiten?

Wenn es mir richtig schlecht geht, kann ich gar nichts machen. Das ist das Schlimmste, dann komme ich nicht mehr weiter. Klar, so ein gewisser Weltschmerz ist sicherlich nicht schlecht für Musik, aber wenn man darin verharrt wird es ganz schnell uninteressant. Trotzdem ist es wichtig für den Prozess, dass ich mich auch zurückziehe. Ich bin ganz schlecht in Multitasking. Ich kann nicht permanent Mails beantworten und für meine Freunde da sein und gleichzeitig intensiv an einem Album arbeiten. Für eine Zeit lang bin ich dann einfach weg.

Bezieht sich der Titel „It’s All Good Tho“ auch auf die erfolgreiche Verarbeitung eines schwierigen Jahres?

Es benennt gewissermaßen die Versöhnung mit dem ganzen Bullshit. Aber es ist auch ein Bezug auf einen Song wie „Hell“: eigentlich sollte ich mich nicht beschweren, aber in mir drin sieht es eben doch anders aus. Aber gerade als privilegierter Typ ohne Geldsorgen aus einem guten Elternhaus, mit funktionierender Familie und guten Freunden denke ich mir immer wieder, dass doch eigentlich alles passt.

„It’s All Good Tho“ klingt viel düsterer und chaotischer als deine beiden ersten EPs. Glaubst du, dass das auch aus dieser Phase resultiert?

Auf jeden Fall. „Hell“ ist in einer Phase der Selbstzerstörung entstanden, in der ich nur noch in meinem Kopf gelebt habe. Dadurch klingt das auch so wirr und krass. Als ich die letzte EP „Far Away Home“ produziert habe, war ich gerade frisch bei Affine Records und habe auch ein wenig versucht, mich in den Affine-Sound zu integrieren, was unglaublich viel Spaß gemacht hat. Ich wollte cleaner klingen und raffinierter produzieren. Das war beim Album ganz anders, diesmal wollte ich mich gar nicht mehr einschränken. Dorian Concept meinte mal zu den frühen Skizzen, dass sie so klängen, als habe man sie irgendwo gefunden – und so soll es sein! Ich habe es beim Texten und Produzieren einfach laufen lassen und mir nur ein ganz vages Bild vorher zurecht gelegt. Der Lo-Fi-Sound berührt mich einfach am meisten – also dann, wenn es dreckig klingt.

Außerdem hört man der neuen Platte wieder viel mehr die klassischen HipHop-Roots an.

Das liegt bestimmt auch an „Geld Leben“ mit Crack Ignaz, das mir gezeigt hat, dass ich ein ganzes Album produzieren kann in diesem Sound, und das dann auch rund klingt. Das neue Album, obwohl es sich davon natürlich unterscheidet, schließt für mich direkt daran an. HipHop kickt mich immer noch am meisten – das ist immer die Basis für mich.

„Ich bin ja Musiker, weil ich Musik machen will, und nicht, weil ich auf irgendwelchen Mode-Partys rumhängen will.“

Wandl

Es ist auffällig, dass du deine Vocals immer sehr stark in die Instrumentals einbettest und sie nicht gar nicht so sehr in den Vordergrund rückst.

Ja, für mich persönlich mache ich auch nach wie vor keine Singer/Songwriter-Musik. Ich sehe mich als Produzent, der extrem gerne singt – das steht auf einer Ebene. Ich bin kein Frontmann, ich bin eher zurückhaltend.

Ich habe vor einiger Zeit mit Sampha darüber gesprochen, wie schwer es für ihn war, seine Stimme in den Vordergrund zu setzen und sich selbst als Sänger wahrzunehmen. Würde es dich denn reizen, deinen Gesang noch offensiver einzusetzen?

Ja, voll. Ich bin zurzeit auch sehr motiviert, über mehr Fremdproduktionen zu singen und mich dadurch voll auf den Gesang zu konzentrieren. Mit Torky Tork habe ich schon einen Song aufgenommen und auch mit Fid Mella würde ich das gerne machen. Gerade durch die Albumproduktion habe ich an Selbstbewusstsein für meine Stimme gewonnen, weil ich zum ersten Mal von meiner natürlichen Sprechstimme ausgegangen bin und den Gesang weniger erzwungen habe. Dadurch habe ich erst gemerkt, dass das funktioniert.

Du bist auf „It’s All Good Tho“ lyrisch schonungslos und offen. Hat sich deine Art Texte zu schreiben im Vergleich zu den vorherigen Projekten verändert?

Die Texte sind viel natürlicher aus mir herausgekommen. Ich zeichne sehr viel und bei diesem Album war das ein Prozess, der Hand in Hand mit dem Schreiben gegangen ist. Das hat mir gut getan. Vorher hatte ich immer schon den Beat und brauchte dann einen Text. Das hat teilweise auch gut funktioniert, aber wenn ich das Schreiben mit dem Zeichnen verbinde, fühlt es sich noch natürlicher und organischer an. Ich wollte meine Gedanken so ungefiltert wie möglich aufschreiben und mich gehen lassen. Ich habe mir auch gar keine Gedanken darüber gemacht, wie die Songs ankommen könnten.

Du meintest eben, dass du auf dem Album Dinge benennst, die du damals in direkten Gesprächen so nicht aussprechen konntest. Meinst du, dass das nun bei den Leuten, die gemeint waren, ankommen wird?

Das muss nicht sein. Es ist immer noch Musik und die Songs sind keine direkte Botschaften. In dem Moment, in dem ich das geschrieben habe, hat mir das einfach gut getan, weil es ein Ventil für mich war. Trotzdem gibt es vielleicht ein paar Leute, für die es nicht leicht sein wird, sich das Album anzuhören, wenn sie Bescheid wissen.

Im HipHop-Kontext haben dich viele Hörer erst über deine Arbeit mit Crack Ignaz kennengelernt. Wie nehmen die dich eigentlich als Solokünstler wahr, der viel vielschichtiger ist als nur ein reiner HipHop-Produzent?

Gerade in Deutschland habe ich durch die Tour und das Album viele neue Fans gewonnen, die auch meine eigene Musik verfolgen und es cool finden, dass ich nicht nur eine Schiene verfolge. Das liegt aber auch nahe für mich, ich sehe meine Musik immer noch als HipHop. Ich finde es auch gut, dass ich mit dem Album zeigen kann, dass ich kein Dienstleister bin, der Beats verkauft. Ich bin aber auch kein Singer/Songwriter – ich bin Musiker. Ich spiele Instrumente, mache in meiner Freizeit Kurzfilme und habe zuletzt sogar Musik für ein Theaterstück gespielt. Es taugt mir einfach, viele verschiedene Sachen zu machen und mich nicht einzugrenzen.

Wie hast du an dem Theaterprojekt gearbeitet?

Da habe ich Klavier, Orgel und Gitarre gespielt, aber auch gesungen und das alles live. Das hat mir, was mein Selbstbewusstsein live zu spielen angeht, auch nochmal einen Push gegeben. Ich traue mich noch mehr, aus mir rauszugehen.

Gleichzeitig arbeitest du aber auch weiterhin mit Rappern an Songs. Du hast auch schon für Yung Hurn produziert.

Das reizt mich auch immer noch und macht mir viel Spaß. Mit Yung Hurn habe ich noch zwei weitere Songs aufgenommen, eigentlich für die „Love Hotel“-EP, aber ich habe es verkackt, die Tracks rechtzeitig fertigzumachen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nochmal gemeinsam aufnehmen werden. Er ist ein Typ mit sau viel kreativer Energie, der muss auch immer etwas machen und aktiv sein, so wie ich. Wir sind uns darin sehr ähnlich.

In einem Interview mit All Good meintest du mal vor einiger Zeit, dass Kamp immer noch der beste Rapper Österreichs für dich ist. Kennt ihr euch inzwischen persönlich?

Ich habe ihn ein paar Mal getroffen und wir haben auch länger miteinander gesprochen. Er wollte mir Yeezys checken, weil er meinte, dass ich der Typ dafür sei. Ich habe dankend abgelehnt. (lacht) Ich finde seine Sachen aber auf jeden Fall nach wie vor sehr geil.

Es liegt gerade ein starker Fokus auf der Musikszene Wiens. Fühlst du dich als Teil davon?

In Wien haben sich über die letzten Jahre viele Leute miteinander connectet, von denen ich das gar nicht erwartet hätte. Es herrscht sehr viel Respekt füreinander und ich fühle mich musikalisch sehr wohl – aber meine Heimat und meine Crew ist Affine Records. Die sind immer wieder eine Inspiration und helfen mir extrem viel dabei, mich weiterzuentwickeln. Die sind alle sehr arbeitsfokussiert und verzichten auf den Party-Bullshit. Das taugt mir. Ich bin ja Musiker, weil ich Musik machen will, und nicht, weil ich auf irgendwelchen Mode-Partys rumhängen will. Ich fühle mich weniger einer Szene zugehörig als zu meinen Leuten: Affine bleibt die Base. (lacht)

Aber es ist trotzdem spannend, was so passiert. Ich habe zum Beispiel – wirklich erst seit kurzem – Bilderbuch für mich entdeckt und finde das ziemlich geil. Der Gitarren-Sound ist so tight und auch live sind die Jungs unglaublich gut. Vielleicht lerne ich den Maurice ja bald mal kennen.