Waldo The Funk – „Ich will auf keinen Fall real sein.“

von am

Bennett On, Suff Daddy, Brenk Sinatra, Dexter, Fid Mella, Enaka – obwohl Waldo The Funk schon seit seinem Debüt 2013 eine beachtliche Liste von Kollaborationen vorweisen kann, ist es nach wie vor vergleichsweise ruhig um das WSP-Signing. „Ficke den Fame oder diese plakativen Sprüche/Du suchst nach Ice – ich hab das Essen in der Küche“, verlautbarte der Unterländer bereits bei seiner ersten EP „Toykis“, Waldo geht es um Ausdruck und eine gute Zeit im Leben. Wir sprachen mit dem Heilbronner Wahl-Karlsruher über Softdrinks, Sega und sein Debütalbum „Domingo Vogel“.

Deine EP „Toykis“ ist jetzt drei Jahre alt. Warum hast du dir so lange Zeit gelassen mit deinem Debütalbum?

Gute Frage, die Antwort ist aber eigentlich ganz einfach: Weil es so lange gedauert hat. Ich habe ja auch noch ein bisschen studiert und nebenher gejobbt. Im Oktober letzten Jahres bin ich außerdem von Freiburg nach Karlsruhe gezogen, das hat alles einfach Zeit gebraucht. Ich musste aber auch mit dem Gedanken reifen, ein Album zu machen. „Toykis“ ist damals eher aus dem Bauch heraus entstanden und war eigentlich nur ein Sammelsurium aus den Jahren davor. Damals hatte ich noch nicht vor, professionell Musik zu machen. Außerdem durfte ich mir den Luxus rausnehmen, mir Zeit zu lassen, was dem Album auch ganz gut getan hat, glaube ich. Das bedeutet aber nicht, dass das nächste Album auch erst in drei Jahren erscheint.

Dein Album wirkt sehr in sich geschlossen und unaufgeregt, fast wie ein Mikrokosmos. Welchen Einfluss hat das Leben in Freiburg auf deine Musik?

Freiburg ist auf jeden Fall eine wunderschöne Stadt, im Sinne von „schön“. Es fühlt sich dort immer ein bisschen an, als wäre man schon fast in Italien oder in der Schweiz. Gleichzeitig ist das Fluch und Segen, denn dadurch ist alles ein bisschen verschlafen. Natürlich ist diese Ruhe auch etwas, das mir gut tut. Das hängt aber auch mit meinem Charakter zusammen, denke ich. Ich schaffe mir immer Ruhezonen und bin nicht so der aufgedrehte Mensch. Aber Freiburg war bei meiner Studienbewerbung auch meine Wunschstadt und glücklicherweise hat mich auch nur die Uni Freiburg genommen – ich komme ursprünglich aus Heilbronn. Ich bin daher auch einfach gerne im Süden geblieben.

Wenn man in einer Stadt wie Freiburg wohnt, besteht die Gefahr, dass man sich in den immer gleichen Abläufen mit den immer gleichen Leuten und immer gleichen Dingen beschäftigt. Wie entgehst du im Alltag der Gefahr, dich vor der Außenwelt zu verstecken und so einer Kleinstadt-Routine zu verfallen?

Ich glaube, das liegt an einem selbst. Das kann in Freiburg durchaus passieren. Aber es wirkt oft so, als sei Freiburg ein kleines Dorf. Das ist es ja auch nicht, es ist schon eine Stadt. Die Zugänge, die ich habe und den Einfluss, die Kanäle – sei es Internet oder die Reisen zu meinen Freunden, die in Großstädten verteilt in Deutschland wohnen – halten einen offen. Ich bin viel unterwegs und besuche gerne Leute. Teilweise geht einem diese Alltagsroutine ein bisschen auf den Nerv, aber auf der anderen Seite kann man sich auch genug Input von außen holen. Ich glaube, man muss einfach neugierig und offen bleiben.

Warum bist du denn gerne in Süddeutschland geblieben? Bist du jemand, der sein vertrautes Umfeld ungern verlässt?

Nein, es geht gar nicht so sehr um meine Verbundenheit zum Süden. Der Süden ist einfach unterschätzt. Dadurch, dass es dort nicht so viele Auswahlmöglichkeiten gibt, kommen die Leute mit dem zurecht, was sie finden können. Dadurch entstehen tolle Charaktere, die sich auch gegenseitig zu schätzen wissen und helfen. Man pusht sich gegenseitig, weil die dortigen Strukturen eben nicht so ausgeprägt sind wie etwa in Berlin oder in Köln. In diesen Großstädten gelangt man schnell zu so einer Überdrüssigkeit – du hast alles, jederzeit. Die Leute sind dann nicht mehr so enthusiastisch oder sogar gelangweilt.

Du hast gerade schon das Internet als eine deiner Bezugsquellen genannt. Auf „Beste“ aber namedroppst du sehr viele Internet-Einkaufsportale in einem ironischen Kontext. Ist es nicht ein bisschen zu einfach, das Internet für den Untergang der menschlichen Werte verantwortlich zu machen?

Man kann das bei dem Track natürlich jetzt so und so sehen, aber ich finde nicht, dass ich das direkt mache. Mir ging es da wirklich eher um den Konsum. Das Internet ist ja nur der Dienstleister, der uns dieses dekadente Konsumieren ermöglicht – du musst dein Haus nicht mal mehr verlassen und kannst alles, einfach alles haben. Auf diese Faulheit und auch diese schnelle Verlockung, dieses oder jenes Supersonderangebot mitzunehmen, ohne darüber nachzudenken, wo das eigentlich herkommt, war meine Intention, darauf aufmerksam zu machen. Das Internet an sich ist ja eine tolle Sache – da findet Austausch statt, den man natürlich auch schlecht gebrauchen kann. Mir ging es aber eher um das Konsumverhalten von jungen Menschen. Aber auch das ist total differenziert, ich mache mich ja selbst davon nicht frei – ich hänge da ja auch drin und bin mir dessen bewusst. Aber das ist es, ich finde Widersprüche spannend.

Auf „Luft“ mit Schote rappst du: „Vielleicht geht’s tief, weil ich mir beim Schreiben Zeit lasse/Die Sinnsuche in Papes oder Rhymes packe/Hungrig bin und besser nicht nach ein paar Likes hasche.“ Ist es überhaupt heutzutage noch möglich, sich Social Media zu verwehren – gerade als Rapper?

In gewisser Weise schon – ich bin da zwar nicht so total anti eingestellt, aber oftmals, und immer mehr, wird es einfach nur noch langweilig. Facebook zum Beispiel gibt dir ja mittlerweile Sachen vor, diese Algorithmen machen es dröge. Die Sachen, die du da abonniert hast, um dich zu informieren, werden dir stellenweise gar nicht mehr angezeigt. Diese Zeile im Speziellen zielte aber eher darauf ab, dass ich Nachrichten und Einladungen erhalten habe, die nicht mehr unbedingt freundlich waren. Das war schon sehr fordernd und nervig, wie wenn man zu viel Spam-Mails bekommt. Die Leute wollen dich zum Liken zwingen und kaufen dann Fake-Likes und so weiter. Es geht mir bei der Line eher um den Zwang, damit irgendwo hinzukommen. Ich bin jetzt bei 5.000 Likes oder so. Es ist für mich aber trotzdem unheimlich schwer, einzuschätzen, wie „viral“ ich bin – um mal dieses schreckliche Wort zu benutzen. Dieser Gradmesser geht gerade etwas verloren. Ich muss mich dem, so insgesamt und auch privat, aber gar nicht entziehen. Ich mache das, was sich für mich gut anfühlt. Dann mache ich einmal am Tag das Fenster auf oder gehe raus und dann stört mich Facebook auch nicht mehr. So einfach ist es. Ich bin auch nicht ängstlich oder übertrieben kritisch, man sollte nur einfach ein bisschen nachdenken, was da passiert. Instagram und Twitter finde ich auch viel cooler mittlerweile, Facebook wird immer uninteressanter für mich.

Du hast dich in einem Interview zu „Toykis“ als „arbeitenden Realist“ bezeichnet. Was möchtest du denn mit deiner Musik erreichen?

Das Interview hatte ich in einer Zeit, als noch nicht abzusehen war, wo ich damit hinkomme. Inzwischen hat sich etwas in der Form geändert, dass ich mich eher als „nebenher arbeitenden Musiker“ sehe. Wenn es sich ergibt, dass ich nur von der Musik leben kann, finde ich das gut. Das ist schon auch ein Ziel, aber ich bleibe da realistisch und werde weiterhin nebenher Jobs haben. Aber natürlich möchte ich so viele Menschen erreichen wie möglich. Allein, dass ich hier mit dir beim Interview sitze, zeigt das ja. Ich will auf keinen Fall auf Biegen und Brechen „real“ sein oder „Underground“ bleiben – diese Wörter darf man eigentlich auch nicht mehr verwenden. Das gibt es ja auch eigentlich gar nicht mehr. Ich mache in diesem Sinne auch wieder nur, was sich gut anfühlt und wenn es seinen Weg nimmt, dann kommt es so. Ich spreche das aber alles mit meinem Label ab und mache auch nichts, was sich vielleicht aus marketingtechnischer Sicht lohnt, aber sich für mich falsch anfühlt.

Was würde sich denn nicht gut anfühlen, zum Beispiel?

Im Moment würde es sich nicht gut anfühlen, auf jeder HipHop-Plattform stattzufinden und da mit den Leuten Plätzchen zu backen, Kart fahren zu gehen oder zu erzählen, welche drei Tracks ich gerade gut finde. Fler und auch 187 sind deswegen so interessant, weil die auf eine gewisse Weise authentisch entertainen. Ein Flizzy ist sich dessen vielleicht auch bewusst und treibt es deswegen gerade voll auf die Spitze, aber so bin ich nicht – oder noch nicht. Ich mache eher Musik und muss dann nicht überall auftauchen. Lass doch einfach die Mucke für sich sprechen.

Du spielst auf dem Album zwei- oder dreimal auf Torch an – wofür steht Torch 2016 noch?

Inzwischen leider für viel zu große Engstirnigkeit und Dogmen. Die Person Torch an sich dient da ja nur als Symbolfigur; beziehungsweise für das, was man mit ihm heute verbindet. Ich meine ihn ja gar nicht persönlich. Es ist ein Bild für ein veraltetes Modell davon, wie HipHop auszusehen hat. Aber diese ganze Hype-Ecke, also das andere Extrem, ist genauso schlimm.

Ursprünglich stammt mein Name, und jetzt oute ich mich definitiv als alter Blumentopf-Fan, aus dem Roger-Song „R&B“ – ich hieß „Forrest Funk“.

Du bist ein Kind des ersten Deutschrap-Booms um 1999/2000 herum, was man deiner Musik auch anmerkt. Wie hast du die Aggro-Ära mit diesem Stil durchlebt?

Voll interessant, dass du das sagst. Ich glaube, die Aggro-Phase war für mich die wichtigste Zeit. Da habe ich erst richtig beschlossen, dass ich überhaupt rappe. In der Aggro-Berlin-Zeit konnte ich tatsächlich erst mal überhaupt nichts damit anfangen, was mich aber durch gute Freunde und viel Einfluss dazu gebracht hat, mich intensiver mit HipHop zu beschäftigen, tiefer zu gehen. Das Jahr 2007 ist meiner Meinung nach total unterschätzt. Ich habe anderen Berliner Rap kennengelernt damals. Zwei Platten, die mich extrem geprägt haben, sind V-Manns „Fragmente“ und Sir Serchs „Hasenfuß“. Ich bin ein wahnsinniger Funkviertel-Fan. Das sind zwei Alben, die auf ihre eigene Art sehr genial waren. Sir Serch konnte Gefühle sehr unpeinlich verpacken, das hat kein anderer zu dieser Zeit so gemacht und Hiob hatte diese MF-Doom-Ruffness, die ich vorher in Deutschland so nicht gehört habe. Aber generell haben mich sehr viele Underground-Sachen aus diesen Jahren beeinflusst. „Absolut“ von Team Avantgarde oder „Jetzt schämst du dich“ von Huss & Hodn, Morlockk Dilemma – das war eine geile Zeit. Was um 2000 stattgefunden hat, diese Friede-Freude-Eierkuchen-Beginner-Blumentopf-Zeit, war für mich damit vorbei. Ich wurde auch erwachsener, das Zeug von damals war mir zu clean. Das Funkviertel-Umfeld hat mich mit ihrer Musik final darin bekräftigt, dass ich auch rappen will – so bescheuert das auch klingt.

Du hast einen Sega auf Instagram gepostet und vergleichst dich auf dem Album mit „Billy Hoyle“, der zweiten Hauptrolle aus dem Basketball-Kultfilm „Weiße Jungs bringen’s nicht“ von 1992. Woher kommt diese 1990er-Jahre-Affinität?

Ich mag einfach, wie jeder andere, sich an Dingen zu erfreuen. Das kann eben ein tolles Getränk sein, das Softdrinklife, oder eine alte Spielkonsole, die ich aus meiner Kindheit kenne. Dass da vieles bei mir aus den 90ern kommt, hängt damit zusammen, dass ich einfach in dieser Zeit aufgewachsen bin und eine sehr unbeschwerte Kindheit hatte. Man sehnt sich ja dann einfach danach zurück. Die 90er haben mich eben geprägt.

In dem Film gibt es eine berühmte Stelle, wo Billy und Sid über den Unterschied zwischen „listening“ und “hearing“ diskutieren. Was ist der Unterschied für dich?

Wenn man Musik mit Leidenschaft konsumiert – wie ich das, glaube ich, tue – dann kann man Musik nicht einfach nur nebenher hören. Der Großteil in Deutschland funktioniert aber so. Helene Fischer funktioniert so, auch viele andere. An unfassbar vielen Arbeitsplätzen ist das Radio an, das ist ein einfaches Begleitmedium. Da geht es nur darum, schöne Melodien zu haben und es nebenbei laufen zu lassen. Als ich angefangen habe, mich mit Musik zu beschäftigen, bin ich nach der Schule mit dem neuen Album aus dem Saturn gekommen, habe es ausgepackt, reingelegt und nichts anderes gemacht, außer es zu hören. Ich habe auch nicht geskippt. Das Album zu hören, war ein Erlebnis für mich. Man muss, glaube ich, auch ein Verständnis für die Leute aufbringen, die das nicht tun. Die beschäftigen sich nicht so sehr mit Musik und können oder wollen das dann auch gar nicht richtig begreifen. Wenn man aber sehr viel hört, nimmt man die Musik anders wahr.

Spielst du eigentlich Basketball?

Nie professionell, heute nur noch ab und zu. Im Video zu „Billy Hoyle“ werden aber Schote und Enaka als Statisten Basketball spielen. Die erkennt man aber nicht. (grinst)

Wie sollte man denn Waldo The Funk hören?

Wünschenswert wäre zuhause, vielleicht auch mit Kopfhörern in der Bahn. Auf jeden Fall da, wo man ein bisschen abschalten kann. Das Album sollte aber trotzdem nicht zu schwer und unzugänglich werden. Sobald man den Vibe ein bisschen aufgesaugt hat, darf man es auch nebenher hören. Das ist kein Problem. (lacht)

Du hast früher als „Der Waldfunker und MC DJ Oldschool Legende“ in Heilbronn Musik gemacht. Was für eine Beziehung hast du zum Wald?

Oldschoold Legende und ich waren früher als „Funker und Legende“ unterwegs. Aber die Namensfindung von Waldo The Funk hat mehrere Findungsetappen durchlaufen. Ursprünglich stammt mein Name, und jetzt oute ich mich definitiv als alter Blumentopf-Fan, aus dem Song von Roger „R n ‚B“. Da heißt es an einer Stelle „der Forrest Funk“. Das F hatte etwas mit meinem Vornamen zu tun, ich fand das einfach cool. Forrest Funk war mir aber schnell zu englisch. Deswegen habe ich, so wie ich es gerne mache, diesen Namen einfach absichtlich dumm übersetzt und aus Forrest Funk wurde „Waldfunker“. Das war mir irgendwann aber auch wieder zu deutsch und unfunky, also habe ich dann Waldo The Funk draus gemacht.

Wer ist denn eigentlich MC DJ Oldschool Legende?

MC DJ Oldschool Legende ist auf jeden Fall unsigned Underground-Hype. Das ist mein langjährigster Musiker-Freund, mit dem habe ich angefangen zu rappen. Der kommt auch aus Heilbronn und hat auf meinem Album auch ein Feature. Wir haben ganz früher viel HipHop zusammengehört und gefeiert. Irgendwann begannen wir dann, besoffen auf Partys zu freestylen. Oldschool Legende konnte sehr gut freestylen, auch wesentlich besser als ich. Ich habe danach irgendwann angefangen zu schreiben – nur für mich im stillen Kämmerlein. Bis ich 18 Jahre alt war, habe ich nicht den Mut gehabt, das überhaupt zu präsentieren.

Deine Freundin ist Künstlerin. Ich habe die romantische Vorstellung, dass ihr euch da als Musiker/Künstler-Paar untereinander austauscht …

Das läuft tatsächlich wechselseitig. Sie ist auch diejenige, mit der ich am meisten Rücksprache halte. Ich mache das genauso, aber mit dem Abstand, zu wissen, was ich mache und was sie tut. Wir reden uns auf keinen Fall gegenseitig in den kreativen Prozess rein. Das ist einfach nur ein unterstützender Austausch, der natürlich sehr eng und rege stattfindet.

In deiner Twitter-Bio steht „Softdrinklife“ und auf Instagram postet du regelmäßig Erfrischungsgetränke, die du gerade probiert hast. Welchen Softdrink braucht man denn im Life?

Ganz heiß bei mir ist gerade dieses „Ti“-Getränk – das gab es erst nur bei Penny oder Netto, aber jetzt kommt es langsam auch in die großen Ketten wie Edeka oder Rewe. Da gibt es die Geschmacksrichtung „Pfefferminztee & Brombeere“. Die ist killer.