Visualizing Music: Die besten Musikvideos 2017 (international) // Jahresrückblick

von am

Es ist fast 2018 und wir sind nur noch gelangweilt von Performance Shots, unkreativem Räkeln und merkwürdigen Choreographien. Glücklicherweise gab es auch dieses Jahr immer wieder Musikvideos, die uns (spätestens in der dritten Wiederholung) atemlos hinterließen. Unser redaktioneller Filmwissenschaftler Till Wilhelm wirft heute einen Blick auf die besten internationalen Rap-Videos der letzten 365 Tage.

Dieses Jahr war ein merkwürdiges für den visuellen Teil der Musikvermarktung. Denn a) sind viele Videos deutlich als eben das erkennbar gewesen: Vermarktungsstrategien. Und b) folgte man immer häufiger dem Trend, Songs ohne Ankündigung rauszuballern (wobei man teilweise wohl mehr Aufwand in das Singleartwork als in die Single steckt) und erst Wochen später ein Video nachzuliefern. Das führt natürlich zu mehr Medienpräsenz, weil der Newsfeed ja glücklicherweise nicht müde wird, in seinem unendlichen Durst jede Aktion eines Künstlers tausendfach zu multiplizieren, bis wir endgültig in der Hyperrealität verschwimmen. Hin oder her, um zu beweisen, dass Musikvideos auch eigenständig und abseits von Verkaufszahlenkalkulationen funktionieren können, habe ich diese Liste erstellt. Film ab!

10

Aesop Rock – Hot Dogs (R: Kurt Hayashi)

Dieses schöne Video überzeugt nicht durch aufwendige Konzepte und Spezialeffekte, sondern durch seine wahnsinnige Kontinuität. „‚Hot Dogs‘ is a audio/video project celebrating the tangents of a delirious brain over the course of a late-night skate to the store.” Inhaltlich gibt der Wortschatzmeister in seinen Stream of Consciousness-artigen Lyrics ebenso wenig Ficks wie der Skater im Video, formal wird es etwas komplizierter: Unterbrochen von wirklich langsamen, ruhigen Shots, in denen der Protagonist meistens den Antagonisten irgendwie auf die Palme bringt, gibt uns die ruckelige Handkamera beinahe das Gefühl, neben dem jungem Mann herzufahren. Und wollte der Herr zu Beginn nur etwas ungesunde Nahrung im Kiosk des Vertrauens erwerben, klaut er am Ende den Hund, der schon seit gefühlten Stunden auf ihn wartet. Und warum muss die Jugend ausgerechnet dem alten Herrn Aesop auf die Nerven gehen?

09

Yaeji – Drink I’m Sippin On (R: Anthony Sylvester)

Dieses Video ist eine großartige Repräsentation dessen, was das 88rising-Kollektiv dieses Jahr geleistet hat. Nicht nur sind die Künstler Quasi-Aushängeschilder des melodiebetonten Trends im aktuellen Rapdiskurs, sondern sie liefern auch noch Videos, die nicht nur künstlerisch wertvoll sind, sondern uns auch mit einer weirden Mischung aus fernöstlicher und fernwestlicher Kultur konfrontieren. Ein Blick in das marginalisierte Leben – trotzdem (oder gerade deswegen?) popkulturell relevant. An dieser Stelle sei auch noch das Video zu joji’s „demons“ erwähnt, das mir leider nicht Rap genug war, um hier untergebracht zu werden.

08

Skepta – Hypocrisy (R: Matt Walker & Skepta)

Skepta’s erstes Lebenszeichen des Jahres kam in Form eines wunderschönen Videos. Da tanzt er sich mit ein paar Ladies durch eine 70ies-Musiksendung, als wäre es nichts. Feinster UK-Grime trifft auf Soul Train-Flashbacks und wir fragen uns, wann wir dieses Jahr einen Rapper in so einem sexy Outfit bewundern durften. Außerdem zeigt Skepta, dass zum britischen Straßengrind nicht nur Videos passen, die eben jenen zeigen, sondern man sich ruhig auch mal mehr Mühe geben darf.

07

Brockhampton – Gummy (R: Kevin Abstract)

Das ist wahrscheinlich nicht der beste Track aus der Brockhampton-Diskographie, wird an dieser Stelle aber zum besten von vielen, vielen sehr guten Videos gekürt. Die Boygroup schafft es einfach irgendwie, dem Zeitgeist-Rap ihren ganz eigenen Stempel aufzudrücken, nicht nur in Sound- und Videoästhetik, sondern auch in puncto Gruppendynamik. Mal abgesehen davon, dass Beat und Hook hier wahnsinnig catchy sind, ohne Schlager zu sein, erzählt das Filmchen auf wunderschöne Art von einem Banküberfall der Truppe um Kevin Abstract. Um herauszufinden, welche Rolle diverse Go-Karts und ein Alpaka dabei spielen, sollte man sich das Ding dringend ansehen.

06

Tyler, The Creator feat. A$AP Rocky – Who Dat Boy (R: Wolf Haley)

Tyler ist ein verdammtes Genie. Mit seinem diesjährigen Album hat er gezeigt, wie sich ein junger Rebell zum selbstreflektierten Kritiker entwickeln kann, ohne seinen Humor zu verlieren. Dazu hat er mit dem Video zu „Who Dat Boy“ ein Kunstwerk erschaffen, das uns unterhält und schön begruselt zurücklässt. Während Tyler und Rocky (für das Album eher untypisch) mit allem protzen, was sie haben, erzählt das Filmchen die Geschichte, wie Tyler das Gesicht eines Mittvierziger-Redneck-Dads bekam. Fehlen dürfen dabei weder die schnellen Autos, noch der schöne junge white boy auf dem Beifahrersitz. Um an dieser Stelle eine Analyse mit Schwerpunkt auf Kadrierung und Farbverteilung durchzuführen, fehlt leider der Platz, ich wünsche trotzdem Hochgenuss.

05

Travis Scott feat. Kendrick Lamar – goosebumps (R: BRTHR)

Endlich! Ein Video, das hier nicht landet, weil es spannende Geschichten erzählt oder pädagogisch wertvoll ist – „Goosebumps“ repräsentiert ganz einfach das, was die Musikvideos des Jahres von „Magnolia“ über das Cole Bennett-Gütesiegel bis hin zu Skepta’s „Ghostride“ geprägt hat. Ein Spezialeffektsgewichse ohnegleichen ging dieses Jahr über Rap nieder und die Überschwemmung ist noch nicht vorbei. Die Travis-Kenny-Kollabo ist für mich das Video, das diesen Trend dieses Jahr perfektioniert hat – ab den ersten Sekunden (in denen sich La Flame in ein brennendes Skelett und zurück verwandelt) starrt man hier nur noch gebannt auf den Bildschirm. Wer denkt, er verstehe den Sinn dahinter nicht, versuche es doch einfach mal ohne Verstehen. Junge, fühlst du nicht den Vibe?

04

Jay-Z – The Story of O.J. (R: Mark Romanek & Jay-Z)

Jay-Z hat uns dieses Jahr geradezu verwöhnt mit Musikvideos. Insgesamt sind zehn erschienen, sieben davon in den Wochen nach Albumrelease und drei nochmal im Dezember, der Abschluss mit „Family Feud“ ist bereits angekündigt. Charakteristisch ist, dass die meisten der Videos weniger klassisches Musikvideo als vielmehr Kurzfilm sind, so zum Beispiel im Video zu „Legacy“, in dem der Song erst im Abspann einsetzt. „The Story Of O.J.“ fällt aus diesem Muster heraus: Während Hova textlich versucht, afroamerikanische Identität im Jahre 2017 abzubilden, reißt das Video im Cartoonstil alle Klischees und Zuschreibungen an sich, um sie umzumünzen, um sie zu einem Teil eigener Identität zu machen. Das Video wird dadurch zu ebenso großem Kino wie all die Kurzfilme, die Jay Jay dieses Jahr sonst so rausgehauen hat. Und wenn er nächstes Mal den (positiven) Antisemitismus zuhause lässt, werden wir noch größere Freunde.

03

Young Thug – Wyclef Jean (R: Pomp&Clout)

Ein Rapper. Ein Song. Ein Riesenbudget. Alles wird geplant, alles Geld wird verpulvert, nur der Künstler taucht nie auf. Trotzdem entsteht eines der besten Videos des Jahres. Wer hätte noch vor wenigen Jahren, dass sowas möglich ist. Dass dieser Punkt in dieser Liste auftaucht, ist nicht dem Inhalt des Videos (zwar auch großartig, aber nein) oder dem Song (ebenso) zuzuschreiben, sondern der Tatsache, dass wir dieses Meisterwerk einem Zeitgeist verdanken, der sich mehr um die Story kümmert, als um das Bild selbst, der den Fehler als Kunstwerk akzeptiert. What a time to be alive.

02

BadBadNotGood & Flockey Ocscor – Cashmere (R: Flockey Ocscor)

Aus der großen weiten Welt geht es ins kleine Düsseldorf. Dort lebt Flockey Ocscor, der den BBNG-Track „Cashmere“ in eine eindrucksvolle Geschichte über den Zerfall des Kongos und der Liebe in Zeiten des Bürgerkriegs verwandelt hat. Im Video dazu treffen sich zwei Ebenen: Einerseits die Performance Flockey Ocscors, der nicht nur rappt, sondern auch beeindruckend gut tanzt, andererseits die Story um den Protagonisten und seine Jugendliebe. Wie sich Akustik und Visualisierung in der Schnittstelle zwischen Instrumental und Tanz treffen, so schafft es der Regisseur seiner selbst, sein gesprochenes Wort auf der Story-Ebene zu visualisieren. Das heißt konkret: Traum- bis albtraumhafte Sequenzen, assoziative Szenenwechsel, hypnotisierende Farbkompositionen. Respekt vor einem so gigantischen Debüt auf internationaler Bühne!

01

Kendrick Lamar – ELEMENT. (R: Jonas Lindstroem & the little homies)

„ELEMENT.“ war nicht der Partyhit des Albums, nicht der Lovesong, kein Selbstmitleid. „ELEMENT.“ sollte dir einfach ganz unironisch, ruhig und ernsthaft auf die Fresse geben. Dazu passt auch visuell kein Flexen, keine Romcom, keine Selbstdarstellung. Stattdessen haben Jonas Lindstroem & the little homies ein Video abgegeben, dass ebenso monumental wie persönlich Gewaltverhältnisse darstellt. Gewaltverhältnisse, die uns alle, marginalisierte Gruppen, Kendricks Freunde und Familie oder einfach ihn selbst betrifft. Gewalt, die Kendrick selbst ausgeübt hat. Was dieses Video noch viel großartiger macht, sind all die Referenzen, die hier angebracht werden – an andere Musikvideos seiner Diskografie, an das Werk Gordon Parks‘ und an das Werk des Regisseurs, Jonas Lindstroem. Könnte man jedem Kendrick-Video einen eigenen Artikel widmen, wäre „ELEMENT.“ einer Doktorarbeit würdig.

Honorable Mentions

Zunächst gehen Grüße an alle Videos von Kendrick, Hova, Brockhampton und 88rising, die es nicht in diese Liste geschafft haben. Ihr seid trotzdem wundervoll. Dann sollte der Youtube-Kanal von Cole Bennett erwähnt werden, weil das kleine Saftpäckchenlogo des Regisseurs mittlerweile zumindest in der Emo-Rap-Welle wie die Empfehlung durch einen hoch angesehenen Kuratoren wirkt.

Abseits von Musikvideos gibt es aber natürlich noch weitaus mehr Möglichkeiten, Musik und Film zusammenzuführen (auch wenn ich tatsächliche Kurz- und Langfilme mit Rap-Beteiligung hier ignoriere). Dementsprechend sind auch die Rundfunkformate zu ehren, die Live-Rap auf eine andere Ebene hieven, ganz vorne dabei sind die NPR Tiny Desk Konzerte. Da haben sich dieses Jahr unter anderem Noname, Tyler, the Creator, Chance the Rapper und Thundercat in unsere Herzen gesungen.

Und bisschen Social Media muss immer sein: Gibson Hazard, Konzertfotograf, macht die absolut krassesten Liveshow-Videos. Was ihn zu einer Blüte im diesjährigen SFX-Rankensalat macht, könnt ihr auf seinem Instagram herausfinden.