Visualizing Music: Die besten Musikvideos 2017 (national) // Jahresrückblick

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Es ist mittlerweile 2018 und wir sind nur noch gelangweilt von Schlägen in die Kamera, herumliegenden Geldscheinen und oberkörperfreiem Rumprollen. Glücklicherweise gab es auch dieses Jahr immer wieder Musikvideos, die (spätestens in der dritten Wiederholung) einen bleibenden Eindruck hinterließen. Unser redaktioneller Filmwissenschaftler Till Wilhelm zeigt uns heute, welche deutschsprachigen Musikvideos er auch im neuen Jahr noch genießt.

Im ersten Teil des Musikvideo-Jahresrückblicks stand hier ein interessanter Text, aber weil Deutschrap nicht so spannend ist, ist es diese Einleitung eben auch nicht. Die Musikvideos des Jahres bewegen sich zwischen „OFFICIAL 4K VIDEO“ und VHS-Ästhetik, kombinieren Geprolle mit postmoderner Ästhetik, reisen zwischen Kleinstadt und Dubai hin und her und transformierten zu oft Riesenbudgets zu visuellem Einheitsbrei. Trotzdem lieferten ideenreiche Artists und talentierte Regisseure auch dieses Jahr einige gute Videos, von denen ich zum Glück zehn finden konnte – Viel Spaß!

10

Negroman – Vibe oder Werbung (R: Miguel Temme)

Der wolkig-reduzierte Beat liefert in Verbindung mit den assoziativen und Vibe-fixierten Lyrics und dem traumhaften Saxophonspiel schon die perfekte Grundlage für ein Video, das so weird und trippy ist wie dieses. Man schwebt so zwischen Ein- und Zweisamkeit hin und her und irgendwie scheint beides merkwürdig und falsch zu sein – und das liegt nicht nur an der Mise-en-Scène, sondern genauso an den geschmackvoll eingesetzten Spezialeffekten, der Farbkomposition und vielen anderen kleinen Handgriffen.

09

Ebow – Punani Power/Bad Lan (R: Mirza Odabaşı)

Ein Manifest für migrantische G*rl Power für Deutschrap und ein weiterer Beweis, dass das Private politisch ist. Die Aesthetics sitzen perfekt und die Visual harmonieren perfekt mit den Visuals. Dieses Video macht mich einfach glücklich und ich erfreue mich auch an dem Gedanken, dass es Anderen vor den Kopf stößt. „Deine Jungs sind nicht ohne Grund verstummt“ – G*rl Gangs > Männerbünde. Außerdem ist Odabasi auch der Regisseur des wunderbaren Dokumentarfilms „LeidenSchafft“, den man sich dringend anschauen sollte.

08

Love Hotel Band – Diamant (R: Live From Earth/Elias Hermann)

Das Live From Earth-Kollektiv hat dieses Jahr das Musikvideo-Game wieder ordentlich mitgeprägt. Zu den Sternstunden gehörten beispielweise die Videos zu Caramelos „Schwimmen Gehen“ und Y. Hurns „ok cool“, sowie eben dieses hier. Yung Hurn hat mehr Falco-Status als je zuvor und Lars Eidinger kann wirklich auf Befehl weinen. Es ist kaum zu glauben, wie sehr das alles nach 80ies-Musikfernsehen aussieht und klingt und kaum vorstellbar, was für ein Riesenhit das wohl vor 30 Jahren gewesen wäre. VHS, VHS, VHS. Und wie all zu oft in diesem Jahr steht alles im Video an der Schwelle von Analog zu Digital. Siehe Nummer Fünf in dieser Liste.

07

Rin – Blackout / Dizzee Rascal Type Beat (R: The Factory/Markus & Michael Weicker)

Storymäßig passiert in diesem Video nicht viel. Trotzdem funktionieren die Visuals nicht nur ästhetisch, sondern auch inhaltlich perfekt – wieso eigentlich? Weil Rin es sich leisten kann. Während das anfängliche „Es ist 12 Uhr, ich kauf mir Supreme“ ertönt, sehen wir den Bietigheim-Bissinger auf einem Sessel eines Nagelsalons im Berliner Dong-Xuan-Center sitzen. Und die Schere zwischen schnelllebigem Billigkonsum und Fashionmäßigstem Luxuslifestyle schnappt zu. So geht das Video dann auch weiter, hier und da wird absoluter Trash erworben, unterbrochen von High Fashion-Shots. Dazu passt sowohl die Analogoptik als auch der zweite Teil des Videos zu „Dizzee Rascal Type Beat“, in dem die Mode siegt. Ein perfektes Portrait einer ganzen Mittelstandsgeneration, die mit leerem Geldbeutel und vollem Instagram versucht, das Fashion-Game an sich zu reißen.

06

Fatoni feat. Dexter – Das ist alles Kunst (R: Dugly Habits/Yann Berrai)

Darf Rap dieses, darf Rap jenes? Laut Fatoni und Dexter jedenfalls ist das alles Kunst, darf deshalb alles. Daher vereint das Video in absolut übertriebener Weise klassische Musikvideoästhetics (Waffen, Pyro, halbnackte Frauen) mit dem Auftritt der Beiden in einer Art Ausstellungsräumlichkeit, in der leicht veränderte klassische Kunstwerke ausgestellt sind. Die Modifikation: Statt der eigentlichen Gesichter sind auf den Leinwänden die der beiden Rapper abgebildet. Entweder ein kluger Kommentar zum projektiven Charakter der rappenden Kunstfigur oder sie fanden’s einfach nur saumäßig witzig. So oder so (und trotz goofy plot twist) ein tolles Video.

05

Ahzumjot – Retail (R: 27*BUCKS)

Hier treffen sich gleich mehrere Musikvideo-Trends des Jahres: Zunächst einmal kann dieses Video exemplarisch stehen für eine Ästhetik, die sich auf die Anfangszeit der Digitalisierung besinnt und sowohl deren typische Merkmale (z.B. multiple Screens) als auch die reine Optik adaptiert. Letzteres hat sich auch dadurch bemerkbar gemacht, dass ungefähr ALLES nach VHS aussah. Dazu passend auch eines der anderen zentralen Motive des Videos, dass sich dieses Jahr durch die ganze Szene zog: Die Gegenüberstellung von absolut billigstem Überfluss (hier im Retail, bei Rin im Dong-Xuan-Center) und exklusiver High Fashion. Der größte Trend ist wahrscheinlich der, dass Musikvideos dieses Jahr weniger Storys erzählt, als viel mehr so viel wie möglich Ästhetikgewichse beinhaltet haben.

04

Ufo361 feat. Gzuz – Für die Gang (R: Christoph Szulecki & Ufuk Bayraktar)

Hier greifen wir diese VHS-Ästhetik wieder auf, die vorhin schon angesprochen wurde. Sie war dieses Jahr nicht nur überall, sondern wurde auch ganz unterschiedlich eingesetzt. Wo Rin, Ahzumjot & Co. die Ästhetik zum heiligen Gral erhöhen, hinter dem Inhalte verblassen, schaffen es Ufo und Gzuz, eben diese Optik so einzusetzen, dass sie verstärkend auf die Lyrics wirkt. Klar wissen wir, dass die beiden wahrscheinlich schon lange nicht mehr hustlen müssen, um sich über Wasser zu halten, die Texte sind trotzdem authentisch und genau das ist auch das Video. Billigästhetik, zensierte Augenpartien und dabei trotzdem erkennbare Stars im Video – so konnte auch 2017 unpeinlicher Gangstershit aussehen. Ab jetzt trotzdem bitte keine VHS-Videos mehr.

03

Trettmann – Grauer Beton (R: °awhodat°)

Das einzige Video zum Konsensalbum des Jahres funktioniert auf zwei Arten: Einerseits fangen die langsamen, den Zuschauer fast schwindlig machenden Aufnahmen der Plattenbauten und des Wohnzimmers, in dem Tretti sitzt, die Trostlosigkeit und schlichte Gräue dieser Gegenden so einzigartig ein, dass sich daraus eine ganz eigene Ästhetik entwickelt. Und andererseits gewinnt es durch die Performance Shots und vor allem die eingeblendeten Bilder aus der Jugend des Sängers eine (sowohl positiv als auch negativ konnotierte) Nostalgie, die dazu führt, dass man den Struggle einfach FÜHLT, ohne jemals in der Platte gewohnt zu haben. Beachtlich ist übrigens auch die visuelle Umsetzung beim Neo Magazin-Auftritt.

02

Zugezogen Maskulin – Was für eine Zeit (R: Martin Swarovski)

Wenn nicht mit Charts, dann mit dem Feuilleton. Während man früher noch dystopische Filme anschauen musste, reichen heute die Musikvideos der beiden Zugezogenen, insbesondere bei diesem wird so ziemlich alles durchgespielt, was aufgrund akutueller Trends möglich sein könnte. Während Testo beim Rappen auf einem Leichenberg steht, werden Menschenkämpfe veranstaltet, Waffenmodels brutal erschossen und irgendwer rammt seinen Kopf in ein Messer, denn irgendwo wartet immer die nächste große Challenge, die immer mehr Klicks bringt. Und so ist alles hier irgendwie based on a true story, wenn auch völlig absurd. Triggerwarnung.

01

LGoony, Soufian & Crack Ignaz – Survival of the Fittest (R: IAMHERE/Maik Schuster)

Der Red Bull Soundclash stand dieses Jahr noch mehr als zuvor im Zeichen der Competition. Nur logisch, dass das Team New Level im Voraus klarstellt, wie das mit dem „Survival of the Fittest“ läuft. Während die Flyboys LGoony und Crack Ignaz in üblicher Manier großkotzig flexen, entwickeln die Visuals die Geschichte einer jungen schwarzen Frau im Block, die wirklich im Überlebenskampf steckt. Hier wird von Revierkämpfen über diverse kriminelle Machenschaften bis zu Depressionen viel erzählt, was allzu oft auch in Alemania an der Tagesordnung ist. Und weil man Soufian die Nähe zu der Storyline des Videos wirklich abkauft, gibt mir sein Part jedes Mal Gänsehaut.