„Sich als ‚alternativ‘ zu bezeichnen, ist eigentlich Bullshit.“ – Veedel Kaztro im Interview

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Still not loving „Kiosk“. Seit bald fünf Jahren hängt Veedel Kaztro am Büdchen ab und scheint nicht müde zu werden, den Lifestyle aus „Kölsch, Kippe, Lederjacke“ über Rap-Songs in die Republik zu tragen. Der Kölner Swag-Slacker und seine SWBG stehen auch im Jahr 2017 für eine gesunde Mischung aus organischem Boom-Bap-Sound, locker(-flocka) Trap-Anleihen und den Geschichten, die ihnen auf den Straßen der Rheinmetropole widerfahren. Zwei Jahre nach seinem letzten Album „Fenster zur Straße“ droppt Veezy heute mit „Büdchentape III“ abermals einen Spätkauf-Soundtrack, der sich stilsicher zwischen Sprücheklopfer-Rap sowie Szene- und Gesellschaftskritik inszeniert. Fionn Birr hat sich mit dem Rapper über Fitnesswahn, Freiheit und Falafel in einem Frühstückscafé auf der Berliner Hermannstraße unterhalten – from Köln to Neukölln, sozusagen.

Auf „Büdchentape III“ hast du eine Hommage an Falafel geschrieben. Wie bestellst du eigentlich deinen Falafel?

Auf jeden Fall zum Mitnehmen, mit Sesamsoße und Zwiebeln, Knoblauch ist auf jeden Fall auch ein Muss. Bei uns in Köln ist es häufig in „türkisch“ oder „arabisch“ eingeteilt – die türkische Variante wird wie ein Döner serviert und die Arabische im Dürüm – die nehme ich eigentlich immer. In Berlin gibt es sicher bestimmt noch andere Versionen.

Auf „Coach Veezy“, dem Opener, erklärst du, dass du neben deinem Studium noch zwei Jobs hast und obendrein gerade zwei Instrumente lernst – außerdem bist du ja Rapper. Woher nimmst du diese strenge Selbstdisziplin für all das?

Meine Klavierlehrerin – ja, ich nehme richtig klassischen Unterricht – ist da sehr hinterher, was mich sicher irgendwo drillt. Aber eigentlich kommt das von meiner Mutter. Die hat immer über meinen Vater geschimpft, dass er so wenig macht. Es klingt zwar kitschig, aber wir sind viele Kinder zu Hause gewesen und meine Mutter hat auch in harten Zeiten, als sie zum Beispiel krank war, in der Scheidung steckte oder wenig Geld hatte, immer Vollgas gegeben mit zweitem Bildungsweg und so. Sie hat immer gepredigt, dass wir etwas aus uns machen sollen – ich denke, daher kommt das. Es wäre auch vermessen als halbwegs Privilegierter, seine Möglichkeiten nicht zu nutzen – in Deutschland leben die meisten Leute ja doch halbwegs kultiviert. Wenn man dann nichts tut, ist das eigentlich sehr dekadent. Ich habe viele Leute in meine Freundeskreis, die täglich kiffen und denke mir oft, dass sie sich dadurch selbst lähmen und ihr Potenzial nicht richtig nutzen.

Gleichzeitig rappst du aber auf „Respek“, dass du Fitnesstraining für out hältst. Wo liegt denn da der Unterschied zur Selbstoptimierung?

Ich finde Fitness und Sport eigentlich nice, körperliche Ertüchtigung ist gut – so „Rocky“-mässig halt. Es ist genauso wichtig, seinen Körper fit zu halten, wie seinen Geist. Aber bei der Line ging es mir eher um diesen Modetrend und diesen Kult um Körperlichkeit. Es gibt Leute, die das nur machen, um gut auszusehen und sich wie ein Übermensch zu fühlen. Dann kommen irgendwelche 16-jährigen Ottos an, die sich wegen ihres Körperbaus krass vorkommen, obwohl sie eigentlich überhaupt keinen Plan von nichts haben. Gesund zu sein ist aber natürlich wichtig – ich achte auch auf meine Ernährung und esse wenig Fleisch und spiele einmal die Woche Fußball in einer Amateurfußballmannschaft. Es ist genauso wichtig, sich zu bewegen, wie ein Buch zu lesen. Sobald wir auf Tour gehen, werde ich auch wieder laufen und schwimmen gehen – das ist zwar mega langweilig, aber ist wahrscheinlich das Effizienteste. Aber es ist auch nice, ich muss dringend wieder anfangen. Ich kündige das hier an: Ich werde wieder Laufen gehen!

Auf dem Mixtape beschäftigst du dich generell viel mit dem Wesen von Arbeit bzw. dem Verhältnis von Beruf zu Berufung. Was war dein Berufswunsch als Kind?

Das hat mich mein Lehrer einmal in der Klasse gefragt. Ich hatte mir darüber aber noch gar keine Gedanken gemacht und wollte einfach nur einen geilen Spruch bringen, also habe ich geantwortet: Bürohengst. (grinst) Ich fand die Formulierung einfach lustig. Die richtige Antwort lag also doch in meiner Antwort: Ich wollte jemand sein, der einen lustigen Spruch bringt. Deshalb bin ich wahrscheinlich Rapper geworden. Ich wollte auf jeden Fall etwas Kreatives machen, am Besten mit Musik. Ich wusste zwar nicht genau was, das weiß auch immer noch nicht so genau, aber die Richtung war mir klar. Ich wollte kein Knecht sein, der etwas Stupides macht – auch, wenn ich nicht arbeitsscheu bin. Aber das resultierte eigentlich auch nur aus einer Ablehnung von bestimmten Sachen, als über eine Zuwendung zu anderen Dingen.

Dazu passt ja auch das Bild des „Hund ohne Leine“, wie ein Song auf dem Mixtape heißt. Was würde denn der Veedel von damals über den Veedel von heute denken?

Ich denke da tatsächlich manchmal drüber nach: Ich bin mir mittlerweile sicher, er wäre begeistert. Ich trage genau die Klamotten, die für mich früher unerreichbar waren. Ich wohne in einer heruntergekommen Künstler-Wohnung mit Punkern in Köln. Ich mache Musik und habe coole Freunde. Es ist vieles so gekommen, wie ich es mir gewünscht habe.

Worum geht es auf „Hund ohne Leine“ eigentlich?

Auf „Hund ohne Leine“ geht es darum, dass man viele Möglichkeiten im Leben hat. Bei dem Karneval-Song haben sich auch viele im Vorfeld gesorgt und meinten, dass das nicht klargeht, aber im Endeffekt ist der super abgekommen. Oder auch unser Weihnachtsfilm – das beweist ja nur, dass wir von der SWBG alles machen können. Das ist eine komfortable Postion, auch wenn wir noch Untergrundkünstler sind – es interessiert mich ja doch schon, dass mehr Leute meine Musik hören, ich mehr Gigs spielen kann und vielleicht auch mal ein bisschen Geld damit verdiene. Trotzdem ist es gerade sehr angenehm, auch wenn ich zwei Jobs und viele Sorgen habe. Ich bin frei – ein „Hund ohne Leine“ eben.

Auf „Stadt unter Wasser“ redest du hingegen über Ohnmacht und die Unfähigkeit, sich selbst aus dieser Ohnmacht zu befreien – das steht ja im Gegensatz zu dieser Motivation und Freiheit, die du auf „Hund ohne Leine“ beschreibst.

In dem Song geht es eigentlich um meinen Freund Johnny, der sich umgebracht hat. Das Gefühl der Betäubung spielt da eine große Rolle – also die Ablenkung durch Drogen zum Beispiel. Ich habe schon damals auf „Mehr Verstand als Glück“ (erstmals erschienen auf „Nachlegen EP“, 2012; Anm. d. Verf.) gesagt, dass wir alle mehr miteinander reden müssen. So gesehen habe ich meine eigene Maxime eigentlich nicht eingehalten, weil wir anscheinend nicht genug miteinander gesprochen haben – Johnnys Tod kam für uns alle sehr unerwartet. Wir waren damals gerade auf Tour in Hamburg als es passiert ist. Manchmal frage ich, ob wir das hätten verhindern können, wären wir da gewesen. In so einem Moment fängt man auch an zu zweifeln, ob deine Gemeinschaft wirklich stark genug ist. Sind diese Sachen wie „Bruder, wie geht’s dir?“ nur Worthülsen oder meinst du es wirklich ernst? Wir waren zu dem Zeitpunkt seines Selbstmords auch oft feiern und oft betrunken – da haben wir wohl alle den Blick für ein paar Sachen verloren.

Du gehst auch sehr schonungslos damit um, nach vier Alben immer noch nicht so bekannt wie z.B. Cro oder Casper zu sein. Was hattest du für Vorstellungen von der HipHop-Branche als du noch nicht bekannt warst?

Das war unterschiedlich: Einerseits wusste ich, dass ich etwas drauf habe. Andererseits habe ich aber auch gedacht, dass ich eigentlich eine Art Außenseiter in so einer Szene bin – ich bin einfach nicht Mainstream genug, allein schon durch meine eigenen Interessen. Dann kam der Song „Kölsch, Kippe, Lederjacke“, den auf einmal nicht nur Leute gefeiert haben, mit denen ich abhängen würde. Das fanden plötzlich auch Leute gut, die man damals wohl als „Popper“ bezeichnet hätte. Ich dachte so: „Hä, das kann bei mir stattfinden?“ Das hat mich überrascht, weil ich uns eigentlich für so ein Pop-Publikum als zu nerdy eingestuft hätte. Am Ende ist es aber eben nur Musik. Auch diese Aufteilung, sich selbst als „alternativ“ gegenüber dem „Mainstream“ zu stellen, also so eine Opposition einzunehmen, ist voll der Bullshit – jeder ist ja ein Individuum für sich selbst, es gibt nicht nur schwarz oder weiß.

Als Newcomer-Rapper gibt es bestimmte Ziele, die man in Deutschland erreichen will, wie zum Beispiel auf dem splash! zu spielen oder einmal in der Juice zu stehen. Hattest du eigentlich große Erwartungen, als du damals bei MPM gesignt wurdest?

Nein, eigentlich nicht. Das alles ist ja auch nach wie vor ein schleichender Prozess, der immer noch nicht aufgehört hat. Das ist auch gut so. Ich gehe Schritt für Schritt immer ein Level weiter. Guck mal, ich mache Musik seit meinem 13. Lebensjahr und in den ersten sieben Jahren ist überhaupt gar nichts passiert. Man gewöhnt sich einfach an ein langsames Wachstum – aber ich habe nie aufgehört, daran zu glauben. Ich werde sicherlich nicht auf einen Status wie Bushido kommen, dazu fehlt mir vermutlich auch die vermarktbare Background-Story. Aber es wäre schon cool, wenn ich weiterhin geile Musik machen kann.

Du rappst auf dem Tape auch: „Auch wenn sie mich niemals hypen/Auf diesen Berliner Seiten/Brauch ich niemand was beweisen“ An einer anderen Stelle gehst du darauf ein, dass Wien und Berlin die derzeitigen Rap-Epizentren im deutschsprachigen Raum sind. Was ist eigentlich dein Problem, Bruder?

Das ist gar kein Problem, Bruder. (lacht) Es ist ja kein Geheimnis, dass so gut wie alle relevanten Rap-Medien in Berlin konzentriert sind und da stellt sich einfach die Frage, ob es für die Szene und die Medien so gesund ist. Es ist für mich nicht so problematisch, hierher zu fahren und Interviews zu geben – ich mag die Stadt ja. Es ist auch irgendwo klar, dass Berlin so eine Leuchtturm-Position inne hat, weil sie ja mit Abstand die größte Stadt ist – ich liebe Köln, aber Berlin ist eine andere Liga. Eigentlich ist es aber auch völlig egal, weil durch das Internet dein Standort nur noch zweitrangig ist. Ich wollte nur einmal darauf hinweisen, dass dieses Szene-bezogene Berlin-Monopol ein bisschen schade ist.

Dein letztes Release „Fenster zur Straße“ ist 2015 erschienen. Warum hast du jetzt wieder ein Mixtape veröffentlicht anstatt ein weiteres Album?

Mit dem Mixtape habe ich mich locker machen können, da war ich musikalisch einfach freier. „Fenster zur Straße“ mit Mels war eine Anstrengung im Vergleich zu dem Tape. Das lag aber nicht an Mels, sondern an seinen Beats, die eben mehr erfordern als nur ein paar Lines und Sprüche rauszuhauen. Man konzentriert sich da ja auf einen bestimmten Stil und muss stärker ausdifferenzieren. Allein, weil ich dieses Mal verschiedene Produzenten hatte, kam ich auf verschiedene Ideen und hatte automatisch höhere Diversität. Oftmals bietet sich bei Mels ein Song mit einer Aussage oder Storytelling an, was ich nicht mal eben so hinschreiben kann. Damit beschäftige ich mich auch gerade und lese Bücher über Autoren-Handwerk, also wie man Kurzgeschichten schreibt zum Beispiel. Das passt ja auch wiederum zu Gitarre oder Klavier – ich bin gerade ein bisschen auf meinem Hannes-Wader-Film. (grinst) Das ist aber viel zeitaufwendiger im Schreibprozess, weil du „in the zone“ kommen musst. Ich habe aber irgendwo letztens gelesen, dass man diese Kreativität auch trainieren kann – also, dass du quasi auf Knopfdruck Inspiration bekommst. Ich werde mit Mels auch wieder solche Sachen machen, wir planen gerade „Nachlegen 2“. Das dauert aber, wie ich ja sagte, dann etwas länger.

In der splash! Mag Cypher #21 rappst du „Mein letztes Album war der Knaller, aber keiner hat’s gehört?“ Woran hat das deiner Meinung nach gelegen?

Keine Ahnung, woran es lag. Das klingt vermutlich auch voll kitschig, aber ich habe sehr viel Herzblut in „Fenster zur Straße“ gesteckt. Da steckt viel Persönliches drin – Liebeskummer, Depressionen, einfach mein Leben. Das ist aber auch Stoff, auf den sich vielleicht nicht so viele einigen können, weil es nicht so leicht verwertbar war, schätze ich. Schau mal, „Kölsch, Kippe, Lederjacke“ ist mein bekanntester Song, obwohl ich den mittlerweile vor sieben Jahren geschrieben habe. Der bedeutet mir aber nicht so viel, wie etwa „Der Tag“ oder „U-Bahn-Fahrer“. Das letzte Album war mir wichtig, weshalb ich mir wahrscheinlich auch mehr davon versprochen habe. Im Nachhinein gesehen, war es wahrscheinlich unmöglich, dass die Resonanz genauso ausfällt, wie das, was ich da hinein-investiert habe. Ich habe einfach sehr viel damit gegeben. Es ist aber auch nach wie vor mein Lieblingsalbum, egal wie beliebt es bei anderen ist – das Neue ist natürlich auch mein Lieblingsalbum. (lacht)