Veedel Kaztro: „Stillstand ist eine der schlimmsten Sachen bei ’nem Künstler“ // Interview

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Es wird immer noch mit den Jungs am Büdchen gechillt und ein Scheiß auf Schubladendenken gegeben: der Kölsche Jung Veedel Kaztro macht das, worauf er Lust hat und das ist gut so. Denn daraus entstanden verdammt stabile Tapes voller unbeschwertem BoomBap und ironischer Gesellschaftskritik. Aber obwohl er sich einfach auf Büdchenrap ausruhen hätte können, hat er sich nun mit Kitschkrieg-Gründungsmember und Reggae-Produzent Teka zusammengetan und letzten Freitag mit dem gemeinsamen Album „Frank und die Jungs“ sein Soundbild ins Jahre 2017 geholt. Aus diesem Anlass hat sich unser Autor Till Wilhelm mit Veedel Kaztro getroffen und über Abwechslung, die Album-Entstehung und seine bleibende Untergrundattitüde gequatscht.

Für „Frank und die Jungs“ hast du dich mit Teka, den man bisher nicht wirklich als Teil deines Kreises wahrgenommen hat, in Berlin zusammengesetzt und innerhalb einer Woche das Tape fertig gemacht. Wie kam diese Konstellation zustande?

Tatsächlich kannte ich Teka vorher nur vom Namen, nicht persönlich – hauptsächlich über den Beat von „Was Solls“ von Megaloh und Trettmann. Die Connection kam dann über Fizzle von KitschKrieg, den kenn‘ ich, weil ich mal vor ein paar Jahren ein Dubplate für Tretti gemacht hab, von meinem alten Song „Kölsch, Kippe, Lederjacke“. Der hat mir irgendwann dann Teka vorgestellt. Ich habe mich mit Teka dann hier in Berlin bei ihm im Studio getroffen und er hat mir ein paar seiner Sachen gezeigt. Wir waren uns von Anfang an sehr sympathisch und so ist es auch geblieben. Er ist ja eigentlich so ein Reggae-Produzent und hatte auch mit mir vor, eher ein Reggae-Ding zu machen. Ich bin aber nicht unbedingt affin dafür, also hat er mir da noch ein paar andere Sachen von ihm gezeigt – das waren dann auch die Beats, die es auf’s Album geschafft haben. Er hatte von Anfang an Bock, was mit mir zu machen, weil er anscheinend Sachen von mir gehört hatte, die er cool fand.

Du sagst gleich auf dem ersten Song: „Kann mich endlich mitteilen, weil Teka einen Beat aufmacht“. Das Album hast du in einem relativ neuen Umfeld aufgenommen – Nimmt es viel Einfluss auf dich, mit wem du im Studio bist?

Ich habe ja bisher eigentlich jedes Album verrückterweise mit einem anderen Produzenten aufgenommen. Es war auf jeden Fall immer mega nice. Aber mit Teka war’s doch noch mal ein anderes Level, weil er auch so ein krasser Veteran ist und einem echt übelst viele Möglichkeiten bietet, die man vorher nicht unbedingt hatte. Ich konnte mich natürlich auch vorher mitteilen, das ist eigentlich eher ein Freundschaftsbeweis oder Respektbeweis an Teka. Zum Sound lässt sich sagen, dass wir zum Beispiel Autotune vorher noch nicht so benutzt hatten und die Möglichkeit besteht jetzt auch. Und das ist das Coole: Man kann jetzt eigentlich alles machen, was man will, völlig frei und auch in jede Richtung – was ja das Soundbild auch beweist. Das ist die perfekte Ausgangssituation, auch wenn anfänglich alte Fans von mir (falls ich welche habe) das sicher etwas befremdlich finden werden, haben wir jetzt damit klargestellt: Wir wollen auch alles machen und werden das auch weiterhin machen.

Man muss immer irgendwie frisch bleiben oder irgendwas machen, wo man eben selber nicht die Lust dran verliert.

Veedel Kaztro

Statt Sample-Boom Bap gibt’s auf „Frank und die Jungs“ Dub-Einflüsse, Synthies, Autotune –Wie blickst du ausgehend davon heute auf deine bisherigen Projekte zurück? Bist du noch zufrieden mit dem, was du gemacht hast?

Ich bin auf jeden Fall voll zufrieden damit, mit allen Sachen. Ich hätte nur jetzt keinen Bock mehr gehabt, irgendwie noch Büdchen Tape 5, 6, 7 zu machen, weil ich das halt irgendwie durchgespielt habe. Man will sich ja nicht wiederholen – Stillstand ist auf jeden Fall eine der schlimmsten Sachen bei ’nem Künstler. Man muss immer irgendwie frisch bleiben oder irgendwas machen, das man selber nicht die Lust dran verliert. Ohne dass man jetzt krass auf den Zeitgeist achten müsste, das hab‘ ich auch auf jeden Fall nicht getan, das hat sich einfach so ergeben. Es ist halt noch mal ein radikalerer Bruch, das find‘ ich aber eigentlich auch nur konsequent und cool. Trotzdem: Ich mag auch immer noch alle möglichen Arten von Beats, auch egal, aus welchem Jahrzehnt oder welche Rhythmen oder was auch immer. Ich mag eigentlich jede Art von Musik.

Fragte man dich früher nach Vorbildern, hörte man Namen wie Hiob, Prezident, Retrogott oder Kamp. Hat sich daran was geändert? Sind auch neue Vorbilder dazugekommen, die deine neuer Entwicklung beeinflusst haben?

Also ich finde die nach wie vor auch noch richtig gut, das sind auch alles Helden für mich. Ich habe jetzt allerdings so ziemlich alles von denen gehört. Wen ich auf jeden Fall noch nennen würde, ist Megaloh, den find‘ ich unnormal krass. Was das Live-Game vor allem angeht, ist er meiner Meinung nach eigentlich so ziemlich der Beste in Deutschland, zumindest von denen, die ich jemals gesehen habe. Und auch BSMG – was die da machen, das find ich ’nen richtig geilen Move. Dass sie sich so einem Thema annehmen und das in die öffentliche Wahrnehmung bringen wollen. Man merkt zum Beispiel in den YouTube-Kommentaren oder Ähnlichem, dass es ein bisschen gewagt ist, wenn man solche Sachen anspricht – bei komplexen und schwerwiegenden Themen muss man mit Anfeindungen rechnen, das beweist diese Kommentarfraktion. Ich finde aber, dass es eine sehr wichtige Sache ist. Deswegen ist auch mein Respekt, den ich vor Megaloh als Rapper hatte, noch krasser geworden, seit er mit Musa und Ghanaian Stallion dieses Album gemacht hat. Trettmann auf jeden Fall auch, das hab‘ ich im letzten Jahr definitiv viel gehört. Trettmann ist ja jetzt gut durch die Decke gegangen – jeder gönnt ihm das, inklusive mir. Die Beiden würde‘ ich auf jeden Fall gerade als Helden bezeichnen.

Wo du gerade von Tretti sprichst: Du hattest schon im Mai 2016 ein Feature mit Trettmann. Da war gerade die zweite KitschKrieg-EP draußen, von wirklichem Hype noch nicht viel zu spüren. Heute machst du ein Album mit einem KitschKrieg-Gründungsmitglied und setzt viel Autotune und Gesang ein. Hat Trettmanns Entwicklung auch deine beeinflusst?

Also wie gesagt: Das fing an mit dem „Was Solls“-Song, durch den ich ja auch auf Teka aufmerksam geworden bin. Ich kannte ihn auch vorher schon als Ronny Trettmann – mein Homie Dj Densen ist quasi mein Reggae-Link und der hat ihn mir vor vielen Jahren schon gezeigt. Die Kitschkrieg-EPs haben mich richtig gecatcht, das Album war jetzt einfach unnormal krass. Also, ich bin einfach Fan von ihm, seit letztem Jahr ganz besonders, aber fand ihn tatsächlich auch schon als Ronny Trettmann ziemlich nice.

Kommen wir mal mehr zum Inhaltlichen: Neben wenigen erwartbaren Songs über das Leben am Büdchen und das Rumhängen mit den Jungs sprichst du auf dem Album auch über eine große Vielfalt an Themen, von sehr persönlichen wie Suizid oder Magersucht bis hin zu globalen wie Massenproduktion und Ausbeutung. Woher kommt der Drang, vielfältigere und ernsthafte Themen anzusprechen?

Ich habe mich da jetzt nicht so bewusst für entschieden. Aber in der Woche, in der wir das Album aufgenommen haben, wurden all diese Themen, alles, was im letzten halben Jahr oder auch in den Jahren davor passiert ist, zum roten Faden der Platte. Das waren einfach die Ereignisse, die sehr präsent waren im Freundeskreis. Und weil wir nach Berlin gefahren sind, war’s echt nice, dass man da nochmal aus einer Außenperspektive draufschauen konnte. Es war also eher die bewusste Entscheidung, Abstand zu gewinnen. Dadurch ist es auch leichter gefallen, diese Songs zu machen, wenn man das gewöhnliche Umfeld nicht so direkt vor der Nase hat und dann eventuell gehemmt ist, was Bestimmtes zu beschreiben.

Pädagogisch hatte ich da keinen Hintergedanken, ich wollte eigentlich nur eine geile Idee umsetzen.

Veedel Kaztro

Man merkt ja im Zuge dessen auch, dass die Texte mit weniger Ironie und Sarkasmus auskommen als bei früheren Releases. Steckt da auch eine persönliche selbstreflexive Entwicklung aufgrund der Ereignisse der letzten Zeit dahinter?

Die Ironie würde ich vielleicht einfach als Stilmittel beschreiben, ich bin eigentlich immer noch so’n ironischer Dude, zumindest privat. Aber zum Beispiel beim „Büdchentape 2“ war das sehr ausgeprägt, da hat es auch sehr gut gepasst – da war ich auch noch bisschen jünger und bisschen aufgedrehter, irgendwie überdrehter. Das ist auch immer noch ein Teil von mir, aber es jetzt immer noch genau so zu machen, wäre auch eventuell wieder eine Wiederholung. Das ist jetzt diesmal auch nicht bewusst so, ich kann eigentlich nicht sagen, woran das liegt. Vielleicht am ehesten, weil ich‘s halt schon mal so gesagt hab, auf diese Art und Weise. Lustiger Typ bin ich auf jeden Fall immer noch.

Auf „Weg“ rappst du über den Selbstmord eines engen Freundes: War das der erste außergewöhnliche Todesfall in deinem direkten Umfeld? Was hat das mit dir als Person und mit deiner Musik gemacht?

Nee, das war sogar der Dritte. Drei Homies sind gestorben, aber das war der erste selbstgewählte Tod. Auf dem letzten Album gab’s ja auch den Song „Stadt unter Wasser“, da waren es noch andere Metaphern. Damals habe ich mich gefragt, und das ist auch heute noch so: Wie kann das passieren? Wie kann so etwas in einer Gemeinschaft passieren, die sich eigentlich doch den Menschen und der Umwelt gegenüber für aufmerksam hält? Es ging bei „Stadt unter Wasser“ dann eben um die Betäubung und das Gefühl, in einer Blase zu leben. Jetzt geht es um „the aftermath“ – Was ist seitdem passiert und wie hat sich das Leben dadurch verändert?

Du besprichst auf deinem Album sehr komplexe Inhalte sehr direkt, kompakt und zugänglich, beispielsweise auf der zweiten Anspielstation „Ohnmacht“. Hast du dir da im Vorfeld viele Gedanken zur Hörerwirkung der Songs gemacht, in welcher Form du Themen transportierst?

Der Song „Ohnmacht“, der spielt auf ein bestimmtes Ereignis 2017 an einem bestimmten Wochenende an, in einer bestimmten Stadt in Deutschland. Da kann jeder auch selbst überlegen, welches ich meinen könnte … Was bei mir im Fokus stand, ist das, was in der zweiten Strophe von „Ohnmacht“ gesagt wird. Das kommt auch nochmal in dem Song „Einkaufen“ vor. Es geht um diese abstruse Idee, die ich an der Stelle präsentiere, wie die Probleme zu lösen wären, anstatt ohnmächtig zu sein. Pädagogisch hatte ich da keinen Hintergedanken, ich wollte eigentlich nur eine geile Idee umsetzen. Es sind einfach viele Sachen sehr unterbewusst entstanden. Ich bin morgens aufgestanden, hab direkt geschrieben. Wie ich auf dem Song „Rheinischer Singsang“ auch sage, das ist halt Realtalk. Es gibt halt eine Technik, dass man, bevor man irgendwas macht – Ah nee, die will ich gar nicht ausplaudern.

DIESER Rapper hat jetzt sein Geheimnis verraten!!

(lacht) Nee, nee, bloß nicht. Keine Ahnung, das ist einfach so in der Form entstanden. Ich habe das ja schon öfter gemacht, auch auf den letzten Alben – es gab Tracks mit Themen, die sehr komplex waren, die man einfach nicht in drei Minuten beschreiben kann. Da besteht aber auch die Gefahr, sich in irgendwelchen Parolen zu verlaufen oder eben komplexe Themen viel zu einfach darzustellen. Das ist schwierig. Deswegen war es in dem Song so, dass ich ihn um diese eine Idee herum aufgebaut habe. Im Endeffekt soll er auch einfach nur eine bestimmte Stimmung vermitteln, ein Ohnmachtsgefühl, und die wird eben unterstrichen durch die Absurdität dieses Lösungsansatzes, den ich da formuliere – der ist zum Scheitern verurteilt. Genau das ist der Punkt: gegen die Ohnmacht kann man anscheinend nichts machen, weil du als einzelner Mensch nicht viel bewirken kannst.

Dann komm ich schon zur Abschlussfrage: Du nutzt schon recht populärästhetische Beats, Texte, mit denen man sich teilweise leicht identifizieren kann, weil sie zugänglich sind. Hast du dich von deiner Untergrundattitüde verabschiedet?

Nee, das würde ich nicht sagen, weil ich leider – naja, was heißt leider? Ich geh mal nicht davon aus, dass ich durch dieses Album zum Superstar werde. Ich bin ja nur einer von ganz vielen Leuten und geh mal davon aus, dass mein Empfinden für bestimmte Stoffe halt einfach nur auch das ist, was viele andere auch haben. Deswegen ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass sich Leute damit identifizieren können. Das war aber auf jeden Fall keine Absicht, sondern ist einfach so gelaufen. Und die Untergrundattitüde habe ich wohl nach wie vor, die wird man auch nicht verlieren – weil man ein bestimmter Typ Mensch ist, der vielleicht nicht gerade ein Vorzeigemensch ist. Aber deswegen mach‘ ich halt Rap und nicht… (denkt länger nach) Jura studieren, kein Disrespekt, aber ich bin ja durch eine vielleicht nicht zu 100% mit dem Mainstream deckungsgleiche Attitüde zur Musik gekommen. Die kann man ja auch nicht einfach so aus einem Charakter entfernen und die Jahre als Musiker haben die auch nochmal verfestigt. Langer Rede kurzer Sinn: Die Untergundattitüde wird auf jeden Fall immer bleiben, das geht gar nicht anders.

Okay, gibt es noch irgendwas, was du loswerden willst?

Äh, ja. Ich möchte Teka grüßen auf jeden Fall, danke für diese nicen Beats! Ich grüße auch splash! Mag, vor allem meinen Homie Fionn; ist der noch hier am Start?

Joa, so bisschen. Grüße zurück!

Auf jeden Fall: Hört euch das Album an! Und ich bedanke mich.