Tua kann Frank Ocean nicht folgen – Ein Interview über „Blonde“ & Co.

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Vor fast anderthalb Wochen fand der Wahnsinn um Frank Ocean seinen bisherigen Höhepunkt – weil sich der Wahl-Kalifornier dann doch erbarmte, ein Album zu veröffentlichen. Ein Album? Naja, der Odd-Future-Sänger veröffentlichte ein Visual Album („Endless“) und druckte das Magazin „Boy’s Don’t Cry“ und brachte mit „Blonde“ den eigentlichen „Channel Orange“-Nachfolger. Der grüßt inzwischen von Billboards #1 – was zu erwarten war. Alles andere kam dann doch eher anders als gedacht.

Jonathan Nixdorff hat mit dem Orsons-Rapper und -Produzent Tua, selbst großer Verfechter von ganzheitlich gedachtem Künstlertum und Fan von Frank Ocean, über komplizierte Musik und nicht nachvollziehbare Release-Strategien gesprochen.

Foto: Vassilios Parashidis

Foto: Vassilios Parashidis

Über kaum ein Projekt wurde so viel spekuliert, wie es in den vergangen Monaten und Jahren bei Frank Ocean passierte. Nachdem alle angeblichen Release-Termine ins Land gezogen sind, geschah vorletztes Wochenende alles auf einmal. Neben dem „Boys Don’t Cry“-Magazin stellte er gleich zwei Langspieler online, das Visual Album „Endless“ und das Hauptprojekt „Blonde“ – aber Hits sucht man darauf vergebens. Es wirkt fast so, also hätte er ganz bewusst einen Fick auf Radiotauglichkeit gegeben.

Tua: Er macht ein Statement dazu, indem er diesen „Be Yourself“-Skit von Rosie Watson (die Mutter eines Jugendfreundes; Anm. d. Verf.) verwendet. Das ist ja eine fast schon diktatorische Ausführung dieses „Sei du selbst!“-Mantras. Das übersetze ich auch als Ansage in Bezug auf die Musik: „Ich mache nichts, was ich nicht selbst bin.“ Gerade dadurch entstehen aber nicht nur angenehme Momente. (lacht)

Frank Ocean ist jemand, auf den die ganze Welt schaut, und er nutzt seinen Hype auch, um ein extrem multimediales Projekt umzusetzen – will sagen, er hat ein normales Album, ein Magazin und einen Kurzfilm gemacht. Aber er sorgt überhaupt nicht dafür, dass die Elemente auch verständlich und zugänglich sind. Das finde ich irre und das wundert mich auch tatsächlich. Das ist alles ein großes Mysterium. Ich hätte das Magazin gerne gelesen, aber wie? (lacht) Und das geht ja nicht nur mir so. Das finde ich zwar seltsam, aber auch interessant, da Frank Ocean die ganze Zeit schon extrem mit seiner Exklusivität spielt. Welcher andere Popstar ist einfach mal für vier Jahre weg?

Auch das Release-Date-Chaos habe ich als ein teilweise bewusstes Verwirrungsspiel wahrgenommen – und damit auch als Mittel, um das altmodische Konzept, dass Künstler als mysteriöse Figuren kennt, wieder aufleben zu lassen.

Wir interpretieren da natürlich sehr viele Hintergedanken hinein. Aber dahinter stecken sicherlich auch viele menschliche Gründe. Nehmen wir das Visual Album „Endless“, das er ja auch deswegen veröffentlichte, weil er dadurch seinen Major-Deal erfüllen konnte, und nun mit dem independent releaseten Album „Blonde“ viel mehr Geld verdienen kann.

Allerdings hätte er mit drei Singles à la „Thinkin‘ Bout You“ wohl noch viel mehr verdienen können. Daran hat er sich aber nicht mal versucht.

Ich glaube, dass er sich in der Vergangenheit auch missverstanden fühlte – auch wegen Songs wie „Thinkin‘ Bout You“. Das war noch viel klassischerer R&B mit anschmiegsamen Melodie-Läufen, in dem dadurch viel mehr Hit-Potenzial steckte. Das hat aber auch dazu geführt, dass er als Songwriter und Mensch nicht ganz so stark wahrgenommen wurde. Das passiert erst jetzt: Man beschäftigt sich viel genauer mit dem Typen, weil er komplizierter geworden ist.

Dazu fällt mir auch ein: Frank Ocean ist für mich der absolute Gegenentwurf zu seinem Intimfeind Chris Brown. Die beiden sind wie Tag und Nacht. Frank Ocean ist der Superhero; dabei ist Chris Brown kommerziell viel, viel erfolgreicher. In Chris Brown sehe ich aber alles, was ich hasse: Er ist ein Arschgesicht mit mittelalterlichen Ansichten und macht berechnenden, oberflächlichen Schleim-R&B. Der ist ein Typ, der sich für nichts zu schade ist. Dagegen steht Frank Ocean komplett für sich selbst und veröffentlicht eben auch mal ein Album, das die Erwartungen nicht erfüllt und auch nicht erfüllen will. Er ist einfach ein normaler Menschen, der Liebesgeschichten erzählt. Er will gar kein Popstar sein, im Gegenteil: Er ist der „Anti-Star“.

Diese Besinnung auf Zwischenmenschliches ist mir auch als Kontrast zu den aktuellen Alben von Beyoncé und anderen schwarzen Künstlern aufgefallen, die sich an gesellschaftlichen Themen abarbeiten – vor allem natürlich an der allgegenwärtigen rassistischen Gewalt in den USA. Frank Ocean erwähnt zwar den getöteten Trayvon Martin auf „Nikes“, die Bezugnahme ist aber unglaublich trivial: „R.I.P. Trayvon, that nigga looked just like me.“

Klar, er ist nicht Killer Mike und will auch nicht zu Run The Jewels gehören. Es ist ganz klar ein Album über Liebesgeschichten. So viel, dass ich es persönlich fast schon anstrengend finde.

Was macht das Album anstrengend?

Bevor ich das Album zum ersten Mal gehört habe, habe ich den ganzen Tag auf den richtigen Moment gewartet. Das war abends, nachdem ich einen Mietwagen zurückgegeben hatte, was geraucht habe und dann knapp eine Stunde zu Fuß nach Hause gelaufen bin. (lacht) Mitten in der Nacht in Berlin, ich bin nur gelaufen – eigentlich perfekte Voraussetzungen, um sich ein Album am Stück anzuhören. Trotzdem habe ich mich regelmäßig dabei erwischt, wie ich abgedriftet bin. Ich musste die Songs nochmal und nochmal anhören – wie wenn man einen schwierigen Text liest, den man unbedingt verstehen will, man aber trotzdem wieder und wieder vor vorn lesen muss, weil man einfach nicht mitgekommen ist. Ich dachte erst, ich sei zu bekifft. Aber so ging es mir auch nüchtern. (lacht) Das liegt an ganz vielen Details, die das Album so ungreifbar machen. Obwohl Frank Ocean die absolute Pole Position in meinem Herzen hat, kann ich ihm nicht richtig folgen.

Er ist einfach ein normaler Menschen, der Liebesgeschichten erzählt. Er will gar kein Popstar sein, im Gegenteil: Er ist der „Anti-Star“.

Tua

Ein Grund dafür sind sicherlich auch die unorthodoxen Arrangements. Kaum ein Song passt in klassische Pop-Strukturen.

Ja, und dazu kommt, dass auf dem Album Dur-Akkorde dominieren. Das macht das Ganze etwas fröhlicher, dadurch klingen die Melodien nicht ganz so schwer. Er spielt damit, dass nur hin und wieder die Schwere als Kontrast reinkommt. Dabei sind es gerade die Momente, in denen diese Atmosphäre entsteht, die ich mir von ihm wünsche. Aber Frank Ocean nimmt einen mit auf eine Reise, bei der man nie weiß, was als nächstes passiert. Selbst wenn er sich mal ein paar Minuten an gewohnte Muster hält, bricht er am Ende des Songs wieder mit ihnen. Das ist aber auch keine Innovation mehr. Drake macht das in seinem breitseitigen Pop auch und arbeitet mit Beat-Switches. Selbst RZA hat das beim Wu-Tang Clan schon anno dazumal gemacht und auch mal mitten im Song die Tonhöhe verändert. Das ist für mich nicht das Problem. Mir fehlt eher der Halt in den Instrumentals. Frank Ocean überragt jede einzelne Produktion – das war schon bei „Channel Orange“ so, hat sich jetzt aber nochmal verstärkt. Er hat unglaublich viel zu erzählen. Die Geschichten sind aber oft sehr abstrakt oder kamen mir sogar im ersten Moment belanglos vor. Deswegen schweife ich ab. Ich möchte aber auch nicht ausschließen, dass das an meinem persönlichen Aufmerksamkeitsdefizit liegt.

Vielleicht ist es aber auch das Echo seines Gefühls, dass er eigentlich Singer/Songwriter sein will. Dass er keine Erwartungen erfüllen, sondern nur Songs schreiben will, die ihm am Herzen liegen. Das schließt auch wieder an das „Be Yourself“-Thema an, das als große Überschrift über Frank Oceans Werk stehen kann. Daran ist auch interessant, dass man oft gar nicht weiß, was autobiografisch ist und wann er eine Geschichte über eine andere Person erzählt. Bei „Seigfried“ singt er irgendwann: „This is not my life!“ Das kann man auch als Meta-Kommentar auffassen, dass es gar nicht um ihn selbst geht. Auch wenn man natürlich denken will, dass es um ihn geht. Frank Ocean gibt dem Hörer aber nur selten die Deutungshoheit darüber.

Ich glaube, Frank Ocean primär als Geschichtenerzähler zu charakterisieren, trifft auch sein Selbstbild. Er meinte auch mal, dass er sich auch vorstellen kann, erst mal nur Bücher zu schreiben. Für das „Boys Don’t Cry“-Magazin hat er u.a. ein Skript für eine TV-Serie verfasst.

Ich bewundere diese Freigeistigkeit – ich checke nur nicht so ganz, wohin er tatsächlich will. Er bleibt immer abstrakt und ungeordnet. Das macht ihn natürlich auch interessant.

Was mich mehr gestört hat, ist die praktische Unzugänglichkeit der drei verschiedenen Werke. Die Alben kann man nur bei Apple Music streamen, was sich zumindest durch Piraterie umgehen lässt. An das Magazin, das für mich interessanteste Nebenprodukt abseits der Musik, ranzukommen, scheint dagegen komplett unmöglich.

Diese Praxis der exklusiven Streams stört mich als Fan auch ungemein. Dass man alle paar Monate ein neues Abo abschließen muss, um sich die Alben anzuhören, auf die man sich freut. Auf der anderen Seite, gerade auf das Magazin bezogen, schafft man so natürlich eine Wertigkeit, die durch die unfassbare Exklusivität entsteht – obwohl die ersten Fotos, die ich davon gesehen habe, aussahen wie ein Haufen Scheiße. (lacht) Er spielt da ganz extrem mit Trash.

Mich erinnert das Magazin an ein selbst gemachtes Fanzine. In letzter Konsequenz ist es eine Kompilation von Kunst, Texten und Fundstücken von ihm und seinen Freunden.

Stimmt, er arbeitet darauf mehr wie ein Kurator. Aber die Wertigkeit des Magazins liegt vielleicht auch mehr im Meta-Kommentar: nämlich darin, dass so viel darüber diskutiert wird und dass die Sekundär-Informationen darüber beim Fader und Konsorten gesammelt werden. Und sie besprechen ein behindertes Gedicht von Kanye West über McDonalds. Leute, es ist ein Gedicht über McDonalds. Okay, wow! (seufzt)

Man traut den beiden – vor allem Kanye – aber auch einfach zu, dass sie dieses Medienecho bewusst provoziert haben.

Das finde ich auch gut. Wenn ein Künstler eine gewisse Relevanz besitzt, kann er Leuten vor den Kopf stoßen und damit viel gewinnen. Der Beats zu „Drop It Like It’s Hot“ von den Neptunes zeigt das ganz gut. Es war erstmal unverschämt, einen Beat aus irgendwelchen Zungenschnalzern zu bauen – aber es war auch geil und es hat aufgezeigt, dass es eben doch möglich ist. Aber jemand ohne die Relevanz der Neptunes wäre dafür belächelt worden. Kanye ist mit dem „Yeezus“-Album und den Industrial-Abfahrten darauf Ähnliches gelungen. Das hat sich heute als Sound-Element etabliert, weil er es freigespielt hat. Dass sich Frank Ocean mit seinen neuen Projekten herausnimmt, so unzugänglich zu sein, könnte einen ähnlichen Effekt haben.

Interessant ist nicht nur im Magazin, sondern auch auf den beiden Alben der Umgang mit den Künstler-Kollegen: Während Cover-Fotograf Wolfgang Tillmans auf „Endless“ und Andre3000 auf „Blonde“ mit kompletten Solo-Tracks gefeaturet sind, muss man bei Beyoncé, Kendrick Lamar oder auch James Blake aufpassen, dass man deren Background-Vocals überhaupt wahrnimmt.

Das liegt auch am Netzwerk, und dass in der Größenordnung halt ganz andere Leute miteinander im Studio abhängen und spontane Sessions machen. Es geht zwar auch darum, sich im Kreis der ganz Großen einzuordnen, erweitert aber darüber hinaus das Universum des Albums. Wenn man auf einmal rausfindet, dass Beyoncé und nicht irgendeine Background-Sängerin auf Track 4 vertreten ist, macht es das ganze Projekt spannender.

Mit den Orsons haben wir nicht weniger versucht, weiterzudenken, als es Frank Ocean tut.

Tua

Es lässt sich festhalten, dass Frank Ocean eine umfassende Erfahrungswelt für dieses Projekt entworfen hat. Du hast das auch immer versucht, zum Beispiel Kurzgeschichten zu einzelnen Songs verfasst und im Booklet abgedruckt. Würdest du das gerne auf einem ähnlich hohen Level machen, wie es Frank Ocean nun durchexerziert hat?

Absolut, das reizt mich total. Ich kann auch gut nachempfinden, wie sich bei Frank Ocean manche Ideen entwickelt haben. Dass man zum Beispiel noch gute Songs übrig hat, die nur nicht auf das eigentliche Album passen. Okay, dann macht man eben ein zweites Album, das ein Visual Album ist. Das entsteht aus einem Pragmatismus heraus. So ist bestimmt auch der Song von Wolfgang Tillmanns auf „Endless“ gelandet – weil der das Cover fotografiert hat und erzählt hat, dass er Musik macht. Frank Ocean fand den Track geil und hat ihn einfach drauf genommen. Also gar nicht so verkopft, wie wir das möglicherweise denken. Das macht es auch gar nicht schlechter. Man muss nur eine gewisse Relevanz besitzen, um sich diese Freiheit zu nehmen.

Was ist auf deinem Level möglich?

Wir haben nicht weniger versucht, weiterzudenken, als es Frank Ocean tut. Wir wollten mit den Orsons schon immer in diese Richtung. Wir sind immer extravagante und kreative Wege gegangen, um unsere Musik stattfinden zu lassen. Wir hatten 2008 ein Fan-Phone, auf dem man uns anrufen konnte. Aus den Vorschlägen und Ideen der Fans ist ein kompletter Song auf dem Album entstanden. Oder wir haben zum letzten Album ein Twitter-Konzert gegeben, das komplett inszeniert und fake war, bei dem viele Bekannte mitgespielt haben. Wir hatten aber nie die Relevanz, um richtig viele Menschen damit zu erreichen. Auch in meiner „Kosmos“-Box ist ein Buch mit Gedichten von mir – das reizt mich total. Nur von Gedichten kann ich nicht leben. Der Hauptfokus muss bei mir immer auf der Musik liegen, weil ich von der lebe. Mit der Relevanz eines Frank Oceans würde ich mich anders verhalten, ich muss aber davon leben können.

Trotzdem – aber da nehme ich dich und die Orsons auch aus der Bringschuld – würde man sich bei vielen anderen Künstlern wünschen, dass sie einfach kreativer werden. Auf ihre Musik bezogen, aber auch darauf, wie sie ihre Musik inszenieren.

Sie agieren wirtschaftlich – und ich plädiere dafür, mehr Verständnis für solche Maßnahmen zu zeigen, weil die klassischen Wege eben ertragreich sind. Mit jedem Video, das man zusätzlich dreht, erhöht man das persönliche finanzielle Risiko. Gerade, wenn sich dann keiner für die tollen Videos interessiert, macht es manchmal vielleicht einfach mehr Sinn, eine langweilige Premium-Box zu produzieren. Gleichzeitig fehlt einigen aber sicher auch wirklich die Kreativität, um mehr zu leisten. Dass das Gegenteil auch möglich ist und erfolgreich sein kann, zeigt die aktuelle DIY-Soundcloud-Generation.

Yung Hurn und Live From Earth sind für mich gerade das Paradebeispiel, wie man sich auf eigene Faust eine ganze Erlebniswelt aufbauen kann. Die haben genau dieses Verständnis für Multimedialität und Ästhetik, das mich auch bei Frank Ocean beeindruckt.

Der Punkt ist, man muss das Spiel damit verstanden haben. Dann tun sich Wege auf. Aber: Es muss auch Leute geben, die sich dafür interessieren. Wenn man weder Kohle noch Relevanz besitzt, kann man viel versuchen – es wird einfach nicht viel passieren.

Ein desillusionierendes Statement zum Abschluss.

Ich kann auch einen schöneren Abschluss finden: Es ist schön, dass es trotzdem passiert – dass es dieses Frank-Ocean-Album, aber auch viele andere Beispiele für einen kreativen Umgang mit Musik gibt. Die Musikindustrie ist in einem unglaublichen Wandel. Wir wissen nicht, welcher Streaming-Dienst in wenigen Jahren der Marktführer ist. Aber dagegen steht eine riesige Do-It-Yourself-Kultur und Leute, die mit einem einfachen YouTube-Kanal durch die Decke gehen können. Das wäre vor 20 Jahren nicht möglich gewesen, heute sind wir viel freier.

Produzent und Rapper Tua hat gerade „Kosmos“ veröffentlicht, seine gesammelten Werke aus mehr als zehn Jahren in einer Box – gibt’s übrigens hier zu kaufen und seit kurzem auch auf den einschlägigen Portalen als Stream (Apple Music und Spotify). Außerdem geht Tua nächste Woche mit ganz neue Liveshow auf Tour – Tickets findet ihr hier.