#ttw: die besten Free Downloads der Woche mit Neunfünf, Ahzumjot, Illmind uvm.

Ahzumjot Cover 2016

Es geht wieder los: Endlich können Menschen, denen Fahne-Schwenken, Bier-Mundgeruch und kollektive Gröhl-Gesänge herzlich egal sind, zu bestimmten Tageszeiten, Einkaufen, ins Museum/Kino gehen oder den Bus/die Bahn zum nächsten Reiseziel bei angenhemer Leere nehmen. Ich freue mich. Fußball ist ein schöner Sport, auch wenn ich ihn nicht aufmerksam verfolge. Auch Turniere sind super. Schlimm ist nur der Nationalismus, der sich mit jedem Spieltag in den Köpf mancher Fans breit macht – am Ende verlieren „wir“ noch gegen eine Mannschaft, deren Land sich „nicht mal einen Ball leisten kann„. Ja, das wäre sehr tragisch. Die nächsten Wochen werden schlimm. Aber man kann ihnen auch Positives abgewinnen (siehe oben). Aber, liebe EM-Muffel-Freunde: Wir schaffen das! (#merkelvoice) Und bevor wieder jemand argumentiert, er sei „Fan von dem Team“ und „das sind halt die Farben der Mannschaft“, der solle sich doch bitte einmal vor Augen führen, wie unpolitisch er so wirkt – mit der wehenden Fahne eines Nationalstaats in der Hand. Nun aber zu den wirklich wichtigen Dingen: Rap-Musik.

01

Neunfünf – Trunkshop Stories

Qriffin, Philly Weiss oder auch natürlich die Brudis von Einsnulleins – die Nugod Cloud ist schon fast sowas wie ein #ttw-Urgestein. Auch Neunfünf überzeugte an dieser Stelle bereits vor ein paar Monaten mit seinem hedonistischen Kryptik-Kunstwerk „About Parks And Clouds„. Der Stuttgarter hat sich dieses Mal mit Asadjohn und eben Teilen des Nugod-Camps, an den typisch-spährischen Wolken-Wanderungen aus seichtem Sample-Flipping, geschmeidgen Drum-Sets und sensitiven Synthies versucht. Lyricwise wie performativ ähnlich schmerz-(Auto-Tune-)verzerrte wie die dunkelbunte Vorgänger-EP, perfromt er hierbei wahlweise nuschelig, wahlweise schreihälsig über sein im Allgemeinen gutes, aber manchmal auch gern apokalyptisches Befinden: „Immer wieder nur zwei Schritte bis zur Hölle/Kenne alle Wege, beweg‘ mich nicht von der Stelle“. Vocoder-waberndes Braggadiccio treffen auf Vorstadt-Träumereien und Vollzeit-Kiffer-Lifestyles an der Seite von unter anderem AKG oder Bimbo Beutlin. Neunfünfs zweites Online-Release unter den Nugod Cloud ist ein Bauchladen-Produkt, das stilsicher, geschmackvoll und hochwertig von Herzen kommt.

02

Luizid – Hourglass

„Balkan-Trap“ nannte mein benachbarter Redakteurn-Kollege die Beats von Luizid, dem Bruder von Trailerpark-Timi Hendrix. Sein Instrumental-Tape „Hourglass“ erschein diese Woche über Timis eigenes Label Life kills slowly und sportet insgesamt zehn Anspieler. Größtenteils samplebasiert, speisen sich die klassisch arrangierten Klangteppiche überwiegend aus klassischem Bumm-Tschakk-Arrangements und organischen Schlagzeug-Sounds – ohne hier gleich Schlagworte wie Bakcpack oder True School herumzuposaunen. Das wäre an sich nicht weiter tragisch, Luizid kennt immerhin A-, B- und C-Teile in einer Produktion und weiß, wie ein Takt funktioniert. Doch das bemühte Sample-Flipping (lies: möglichst obskure Bläsersätze oder schräge Melodien loopen, die eher an Helge Schneider als an Havoc erinnern) und die doch recht einfältigen Drum-Arrangements zeugen leider nur von etwas, das – Trailerpark und Soloalbum sei dank- dem guten Timi, und somit der gesamten Familie scheinbar, im Blut liegt: Sie machen HipHop, der HipHop (ungewollt?) verhöhnt.

03

Ahzumjot – 16QT02: Tag Drei

Seit seiner sträflich unterschätzen Rückkehr mit der „Minus EP“ im letztjährigen Oktober, darf man Ahzumjot ja endlich wieder ungescholten liebhaben. Sein Mixtape/Streetalbum „16QT02: Tag Drei“ ist der finale Befreiunngschlag, raus aus den gescheiterten Pop-Star-Fantasien, rein ins aussichtslose Künstlerleben zwischen Existenzängsten und Selbtsverwirklichung: „Steh‘ ich auf der Bühne, komme ich mir wie ein Star vor/Sitze ich beim Amt, bekomme ich ein Machtwort“. Obwohl Ahzumjot hier exzessiven Realtalk betreibt, wird man durch die trappigen/cloudigen, aber durchweg eigenständigen Instrumentals mit Einflüssen aus dem düsteren Depri-Downern von „Rodeo“ und den weitläufigen Atmo-Ambient eines Clams Casino, durch einen Mikrokosmos getrieben, der zu gleichen Teilen faszinierend fremdartig und vertraut rüberkommt. Allein die Song-Namen lesen sich dramatisch(„Atmen“, „Nxx verloren“, „Allein“, „Montag“) – Seelenstriptease? Verzweiflungstat? „16QT02: Tag Drei“ ist jedenfalls das hoffnungsloseste Stück Deutschrap der letzten Zeit, welches am Ende nur ein Gefühl übrig lässt: Hoffnung.

04

Bishop Nehru – Magic 19

Das 19-Jährige Wunderkind blickt mittlerweile auf Kollabos mit etwaigen Größen des Games zurück: MF Doom, DJ Premier, Madlib. So soll sein kommendes Album über Mass Appeal auch von einem gewissen Nas exekutiv-produziert werden und überhaupt schickt sich Bishup Neru mit dem neuen Mixtape „Magic 19“ schon ein bisschen an, King Of New York zu werden. Sein juveniler Eklektizismus ist auch auf der neuen Installation gekonnt ausgewogen. Die größtenteils eigens produzierten boom-trappigen Hybride aus neo-souligen Cloud-Ansätzen und klassischem NYC-Street-Hop nutz Markel Scott, um hörbar straßen-geschulten Cypher-Flow über seine (Rap-)Möglichkeiten, Mädchen oder sein Vermögen zu spekulieren. Einzig ein paar Kinderkrankheiten wie vorhersehbare Songkonzepte, etwas infantile Arrangements und die manchmal etwas zu banale Delivery hindern an der Höchstpunktzahl. Mit seinen „Magic 19“ Jahren hat er hier allerdings schon ein erstaunlich reifes Projekt ins WWW geworfen., das sich irgendwo als Mischung aus Tyler, The Creator und Joey Bada$$ positioniert.

05

Illmind – Three A.M. On The West Side Highway

Illmind ist schon ein Fuchs. Neben seiner viel beachteten „BoomTrap“-Tapeserie aus den letzten Jahren, brilliert der XYZ-Producer auch durch spannende Blog-Einträge auf seiner Website. Auf seinem neuen Instrumental-Werk „Three A.M. On The West Side Highway“ modelliert der selbsternannte „Producer. Remixer. Sound Manipulator“ wieder eine eklektischen Klangkorpus durch traditionalistischem Drum-Break-, synthetischen Leftfield- und organischem Sample-Gewebe, das sich weder vor Vergangenheit noch Gegenwart versteckt. Für den Swag Mob vielleicht zu „hip-hoppig, für den B-Boy vielleicht zu „neu-modisch“ – für Menschen ohne Scheuklappen allerdings ein wunderbar unaufdringliches Beat-Tape zum Freestylen, Hintergrund-Beschallen oder was man sonst zu HipHop ohne Rap so machen kann.