#ttw: die besten Free Downloads der Woche mit Megaloh, James Jencon, iamsani uvm.

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Für viele ist deutsche Comedy vor allem Eines: nicht lustig. Als in dieser Woche Ilka Bessin, die vor über zehn Jahren als Cindy aus Marzahn zur tragischen Symbolfigur des deutschen Humors aufstieg, bekannt gab, aufzuhören, juckte das entsprechend auch kaum jemanden. Mancher behauptet gar, dass die deutsche Kulturlandschaft keinen Humor zulassen würde – der typische Alman ist zu steif für gute Witze. Vielleicht sollten sich Leute, die solche Aussagen treffen, einmal durch die oft extrem unterhaltsamen Rap-Acts in dieser Kolumne klicken. Denn hier hagelt es oft Lachkicks, Mois.

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Megaloh – Auf Ewig III

Mit seiner „Auf Ewig“-Reihe ackert sich Megaloh schon seit einigen Jahren durch die Instrumentals des Klassikerkatalogs der Deutschrap-Geschichte. Stets arrangiert in einem klassisch-gemixten DJ-Setup und zahlreichen Shoutouts der Urheber demonstriert er zudem, was man bis zum Aufkommen des Internets in Deutschland unter einem Mixtape verstand. Doch abgesehen von aller kulturellen Aufklärungsarbeit, ist Megaloh auf „Auf Ewig III“ vor allem etwas, das in ihm viele seit seinem verdienten Mainstream-Erfolg nicht mehr sehen wollen: ein doper Rapper. Wo andere sich auf den üblichen Premo-Classics mit hanebüchenen Konzeptsongs abjachern, switcht Mega chamäleon-gleich zwischen Ära, Inhalt und Delivery – silbezählende Battle-Ansage, streetpoetischer Ausdruck, eierschaukelndes Representen, entwaffnender Realtalk auf einem technischen Niveau, welches sich nicht mehr als solches ausweisen muss. „Auf Ewig III“ sind 20 Minuten, die aber vor allem beweisen, dass bei aller Trap- und Boom-Bap-Unterscheidung oder (Über-)Hype-Debatten, es einfach auch mal nur um HipHop gehen kann.

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skypierr x iamsani – Heaven EP

Berlin ist bei aller Techno- und Punk-Kapitel in seiner Musikgeschichte vor allem eine Stadt, die den Bass liebt. Auch die Musiker iamsani und skypierr, welche vor zwei Wochen mit der „Heaven EP“ vorstellig wurde, sind Freunde des tiefstimmigen Brumm-Tschakks. Ihre drei releasten Tracks bedienen sich zu gleichen Teilen aus der Anschlagsdynamik südstaatlicher Rap-Tradition, verspulter Internetmusik aus Wierdo-Synthies und Genre-Grenzen-Ignoranz sowie dezenten Grime-Anleihen. Mal schlägt sich ein bissiger Tischtennis-Synth durch den Disortion-Dickicht , mal streichen orchestrale Klangkörper durch den Hyperraum – das hier ist Keller-Kind-Musik. Wenngleich die Anspieler nur eine Kostprobe aus ihrem Kosmos darstellen können, fällt auf, dass es ihnen vor allem der mystisch-brüchige Post-Trap eines Travis Scott und die zappelige Unberechenbarkeit eines TNGHT-Beats angetan haben. Der Ansatz verfolgt dabei allerdings keine Klischee-Abfolge: deplatzierte Snarerolls und marktschreierische Brass-Dreiklänge sucht man vergebens – stattdessen bleibt es minimalistisch und geschmackvoll. Auf dem dazugehörigen Soundcloud-Account steht „just making some music.“ So kann man es auch ausdrücken.

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Kayeah – Klarträumer

Zugegeben, im Jahr 2016 sein Mixtape mit dem Instrumental von Masta Ace‘ träumerischer Street-Romanze „Bklyn Masala“ zu eröffnen ist, wohlwollend gesprochen, mutig. Doch damit stellt Kayeah auf „Klarträumer“ auch gleich klar, welche Ausrichtung die 13 Songs größtenteils haben: traditionalistisches Sample-Bumm-Tschakk zwischen 80 und 100 BPM mit akutem Realness-Anspruch. Das ist so gesehen erstmal lobenswert, schließlich muss Deutschrap diesertage ja nicht immer gleich im wuchtigem Turn Up-Trap aufgehen. Doch schon der Opener gibt sich vollmundig: „Das ist nichts für nebenbei/Ich denk‘ mir was bei jeder Line/Das ist das, woran der Rest der Szene scheitert“. Auch wenn der Ex-#MOT-Teilnehmer mit VBT-Vorbelastung hier vorführt, dass Rap für ihn mehr ist, als ein Mittel zur zielgerichteten Verbalinjurie, stellt sich leider schnell heraus, dass das nicht zwangsläufig ein guter Gedankengang ist. Denn abgesehen von der performativen Solidität und den üblichen Homerecording-Kinderkrankheiten ist „Klarträumer“ sehr bemüht, authentisch zu sein. Das durchschnittliche Leben eines Hamburger Mittelstandskind ist scheinbar aber – pardon- nicht allzu fesselnd, was Kayeah dazu treibt, Konzeptklischees abzufrühstücken: der Kopf-Hoch-Song („Eines Tages“), das englisch-sprachige Feature („Unchained“), die Mein-Weg-Parolen („Unterwegs“) – die Album-To-Do-Liste wurde penibel abgearbeitet. Zudem scheint Kayeah vehement nach Gründen zu suchen, sich zu beschweren: „Ich bin schon eine Weile länger Einzelgänger/Ich komme klar mit den meisten Menschen, aber mit fast keinem auf einen Nenner“. Leider entbehrt sein musikalischer Klartraum insgesamt jeder Anteilnahme, ja man muss sich zeitweise anstrengen, Kayeahs Anliegen nachzuvollziehen: „Mein Life ist eine smarte Bitch, die meine Gedanken fickt“. Aha. Am Ende ist es nur der (ironische?) Bruch des „Outros“ aus Auto-Tune-Hook und Fanfaren-Trap, der aufzeigt, was mit Kayeah gehen könnte. Mit Träumen ist es ja aber auch oft so, dass man sie nach dem Aufwachen schnell vergessen hat. Puh.

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theMind – Summer Camp

Als Teil des Producer-Kollektivs THEMPeople zählt theMind zu den Architekten der neuen Chichagoer Generation um Saba, Mick Jenkins und natürlich Chance The Rapper. Der Sänger und Instrumentalist kann auf seinem Debüt-Release „Summer Camp“ durchaus als eine Art Frank Ocean 2.0 gesehen werden. Samtweiche Turnhallen-Synthies, sensible Delivery, erdige Rhythmussektion – der 26-Jährige übersetzt klassische (Hipste-)R&B-Motive in eine surreale Kulisse und perfromt seine hypothetischen Klartraum-Lovesongs in einer Art, die seit einigen Jahren im modernen R&B sehr unpopulär ist: theMind ist ein Crooner. Weniger pompös und schwermütig bemüht, wie etwa seinerzeit „House of Ballons“, versteht er sein Songwriting in erster Linie als fiktive Projektionsfläche zwischenweltlicher (lies: zwischenmenschlicher) Magie, was schon mit dem kosmischen Slow-Jam „Mercury Rising“ vor ein paar Wochen demonstriert wurde. Es geht um Abstraktion, was die elf Songs zu einer Art Querschnitt aus dem nicht-existenten Genre Space Soul macht. Mysteriös, aber nicht befremdlich, musikalisch, aber nicht überfrachtet, überirdisch, aber nicht abgehoben. „Summer Camp“ überrascht mit ausgesprochen zeitgeistlicher Produktion aus weiträumigen Melodiebögen und einer lauen Sommernachtsstimmung, verzichtet dabei aber auf Triple-Hihat-Vorhersehbarkeiten und überdrüssiges Auto-Tune-Genöle und besinnt sich subtil auf die Musik-Historie seiner Heimatstadt. Call it Schlafwandler-Trap.

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James Jencon – Friedhofsfreund

„Friedhofsfreund“, das aktuelle Release des Internetphänomens James Jencon, ist ein recht irreführender Titel. Denn was die acht Songs seines Mini-Mixtapes ausmacht, ist in erster Linie lupenreiner Battle-Rap. Sowohl in klanglicher, wie auch performativer Darstellung orientiert sich James hierfür auf so vielsagend-betiteltem Meuchel-Boom-Bap wie „666“ oder „Aus dem Grab“ überwiegend am Sound der Tape-Ära des Berliner Untergrunds Ende der 1990er. „Ich hör‘ M.O.R. und begeh‘ M.O.R.D/Deine Crew will dich retten, doch kommt leider zu spät“. Klar, mit modernem, durch-professionalisiertem Highclass-Anspruch kommt man hier nicht weit, denn es rauscht, hallt und knistert in allen Takten. Doch die cholerische Aufreger-Delivery, die absichtlich grottigen Kinderzimmer-Aufnahmen und die stupiden Mittel-zum-Zweck-Loops sind derartig charmant, dass man spätestens bei den ersten Lines auf „Bookinganfragen“, ein Dauergrinsen durch die Spielzeit trägt: „Ich ficke deutschen Rap wie Nutten, deine Crew besteht aus Schwuchteln/In jeder Hand ne‘ Schusswaffe – wozu brauch‘ ich Muskeln?“ Natürlich ist das hochgradig eskapistisch und völlig aus der Zeit gefallen, aber es macht James Jencon auch tatsächlich zum vermutlich einzig legitimen Deutschrap-Pedant des Rxdxr Klxn. Untergrund ist für immer da, Baby.