#ttw: die besten Free Downloads der Woche mit Fruchtmax, A$AP TyY, Yaesyaoh uvm.

Der gestrige Record Store Day und das letztwöchig vermeldete Umsatzplus der Musikindustrie im Jahr 2015 war und ist immer von der Frage begleitet: Wohin entwickelt sich die Popkultur? Seit Jahren diagnostizieren Marktanalysen das Geschäft als Fass ohne Boden. Durch MP3s, dauerhafte Verfügbarkeit, schnelllebigen Konsum stehe die Musikindustrie vor dem Aus. Doch schaut man auf die Geschichte dieses Popgeschäfts, wurden schon ganz andere Krisen überstanden. Mit dem Aufkommen der ersten erschwinglichen Plattenspieler witterten Industriegrößen das Ende der Konzertkultur, gleiche Gedanken kamen beim Entstehen des Musikvideos – und die CD war ja ohnehin schon immer Totengräber der Schallplatte. Mit dem wachsenden Streamingkonsum wird also lediglich nun auch statistisch belegt, dass sich das Hören von Musik, aber nicht seine Wertschätzung verändert hat. Das Einzige, was man also aus den schwarzmalerischen Prognosen in der Geschichte der Popmusik lernen kann, ist, dass es wohl kaum eine Branche gibt, die sich so sehr selbstbemitleidet, wie die Musikindustrie.

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A$AP TyY – Best Kept Secret

Das interessante am A$AP Mob ist vor allem, dass er im Gegensatz zu anderen Posses nicht einen Haufen wahlloser Platzhalter hinter den eigentlichen Protagonisten stellt, um die Gefolgschaft einfach ähnlich rappen und eventuell ein paar Extrakröten abgreifen zu lassen, sondern tatsächlich sehr unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten vorweist. A$AP TyY (spricht sich „Taih Waih“) ist bei den New Yorkern so etwas wie der abgeklärte Kiez-Opa – “See, you niggas should be ashamed/Look, what I became“, heißt es auf dem Opener „Remain The Same“. Sein dieswöchiges Debütmixtape „Best Kept Secret“ folgt insgesamt auch eher dem losen Konzept, den Lifestyle und die Mentalität von Harlem einzufangen – „Nigga front, then we coming back/Harlem like a Diplomat“, „I was raised out that dope game/Smoking gas like it’s propane“. Auf zeitgeistigem NYC-Trap/Cloud, irgendwo zwischen Travi$ Scott’schem Horror-Post-Crunk und bittersüßen Heatmakerz-Versätzen von Rodney Hazard, DR Manhattan oder Cardia The Lyfe, sorgt sein tiefstimmlicher Halbsatz-Flow dann auch für keine inhaltlichen Überraschungsmomente. Ein bisschen langweilig bis hängengeblieben ist der ja schon (so disst er unter anderem auch Post Malone für sein Nicht-Schwarz-Sein, beschwört in Skits die „guten alten Zeiten“ von Harlem und beteuert immer wieder die Connection zu echten „Killern“ etc.). Seine Delivery ist insgesamt also arg hölzern (über die Gesamtlaufzeit verändert er die Betonungen nur minimal) und seine Inhalte dazu recht eindimensional. Doch sollte man „Best Kept Secret“ für das nehmen, was ist es: Das Debüt-Mixtape eines arroganten und extrem ignoranten Street-Typen aus Harlem, das zufällig berühmte Freunde hat.

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Rockie Fresh – The Night I Went To … New York

Rockie Fresh, ewiges Talent, irgendwann mit MMG-Deal und gefühlten 1000 Rick-Ross-Features verflucht worden, kommt auch mit der EP „The Night I Went To … New York“ nicht aus dem Quark. Klar, sein Free-Release-Hustle umfasst mittlerweile acht Mixtapes und ist musikalisch immer hochwertig bis geschmackvoll, doch scheint das auch im verflixten siebten Dienstjahr niemanden so richtig zu interessieren. „The Night I Went To … New York“, der dritte Teil seiner Mini-Serie, bildet hier leider keine Ausnahme. Rockies Spezialität bleibt weiterhin das weibliche Geschlecht, welches er bereits zu (kleineren) Hype-Zeiten auf dem „Drive 88“-Tape ausführlich bezirzt hatte und hier abermals via schmalzigen Jheri-Curl-Wave „Too Long“ mit seinem kratzigen Rauchorgan besingt. Insgesamt schon machbar, das alles. Etwas lächerlich ist allerdings, unter die vier Anspielstationen tatsächlich ein Interlude zu schummeln – das würden andere eine Mogelpackung nennen. Rockie sollte mal lieber aufpassen, nicht doch da zu landen, wo schon seine Brudis Cassey Veggies oder Nipsey Hussle in okayer, aber leidvoller Irrelevanz darben.

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Yaesyaoh – Hype Tape

Der Award für Deutschraps stabilsten Soundcloud-Grind geht zumindest im ersten Quartal an Yaesyaoh. Das „Hype Tape“ ist, nach „Basstape“, „NDDSK“, „Energie Tape“ und zuletzt „squad.“, tatsächlich das fünfte Free Release innerhalb von drei Monaten. An seiner Rezeptur aus psychopathischem Kellerkind-Trap aus den Musikmaschinen von DJ Heroin, Yung Isaac oder Pschd (super Name!) und Misanthropen-Märchen ändert das wahrlich nichts. Noch immer positioniert sich der Kölner als eine Art menschenverachtende Drogenwrack-Variante von LGoony und lebt vor allem von seiner herrlichen Ignoranz gegenüber anderen Rappern, Internetkultur und ja, der Gesellschaft. „Ihr macht ne Spritztour, ich fahre nicht mit/Spreche nicht von meinem Rarri/Ihr wollt ein Feature, ich mache nicht mit, bin dazu nicht in der Lage. “ Für das sonntägliche Messerwetzen vorm Director’s Cut von „Halloween“ der perfekte, weil hassgeballte Soundtrack.

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Fruchtmax & Hugo Nameless – Auf der Jagd nach dem HAK

Es brauchte nur eine rhetorische Frage, ein simples Psycho-Piano-Crunk-Gerät und ein grenzdebil-stupides Songwriting, um Deutschrap mit „Wie kann man sich nur so hart gönnen (WKMSNSHG)“ seinen ersten Konsens-Hit 2016 zu bescheren. Doch wer Fruchtmax und Hugo Nameless allein auf trappige Partypöbeleien und Klischee-Instrumentals reduzieren will, wird von „Auf der Jagd nach dem HAK“ ziemlich überrascht sein. Leichtfüßig und ungezwungen verwandelt das Tag-Team Twitter-Slang, Insiderjokes und hörbare Vorliebe für Großmaul-Rap aus den Südstaaten in schlüssige Songkonzepte. Im trauten Kreis von Lean Cooper und Achim Kulturerbe switchen Max und Hugo elegant zwischen melancholischem Hedo-Rap wie auf der „Der Pain wird betäubt“ und Frauenheld-Anekdoten wie bei „Shake Dein GÖT“ oder flirten von der Beifahrerseite auf dem unverschämt poppigen Westcoast-Cruiser „Benza“ mit den leichtbekleideten Berliner Straßenschönheiten. Mitreißenedes Synthie-Beatwerk, die Königsdisziplin der einfachen Songtext-Sprache und das gewisse Händchen, immer die Balance zwischen Eierschaukeln, Augenzwinkern und selbstbewusster Halbsatz-Delivery (mit hörbarer Juicy-J-Referenz) zu halten, machen „Auf der Jagd nach dem HAK“ zu einer unwiderstehlich-spaßigen Demonstration, wie deutscher Rap 2016 klingen kann: smart, schnodderig und swaggy. Heißer Kandidat für das Mixtape des Sommers! (Download via rap-ist.net)