#ttw: die besten Free Downloads der Woche mit Bones, Uzi Mob, Alphonso, Young Krillin uvm.

Das Dilemma des Musik-veröffentlichenden Künstlers ist nicht allzu selten: der Journalist. In Interaktion mit der schreibenden Zunft, wittern auch Rapper gerne schnell Inkompetenz, mangelnde Recherche oder haarsträubende Referenzen und Vergleiche. Ja, am Liebsten wäre es ihnen, das ihr Schaffen wohl gar nicht öffentlich interpretiert oder bewertet, sondern schlichtweg für gut oder schlecht befunden würde (insgeheim natürlich nur für gut – dann ist ja alles kostenlose Werbung). So weit, so schwarz-weiß, so egal. Doch was unterscheidet den Kulturbetrieb eigentlich dann noch von dem Verkauf von, sagen wir, Glühlampen? Ist Kultur als Gebrauchsgegenstand zu verstehen? Eine selbstverständliches Konsumgut zu dem man keine emotionale Verbindung aufbauen darf, kann oder sollte? Das wäre sehr schrecklich. Deswegen ist #ttw heute der Interpretation gewidmet.

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Yung Gouf – Space Boy Diary

Wie von DJ Ron in der aufschlussreichen arte-Doku bereits festgestellt wurde, hält sich ein Großteil der neuen Deutschrap-Generation in seiner Freizeit hauptsächlich bei Twitter auf. Auch Young Gouf zählt zum Dunstkreis der Sprücheklopfer-Blase und stellt auf seiner EP „Space Boy Diary“ erstmal fest, sein „Shit ist heißer als ne‘ Supernova/In der Booth ein Armstrong- und kein 2 Pac-Poster“. Ja, der Ibbenbürener (das liegt in der Nähe von bei Osnabrück und dürfte immerhin Musik-Flohmarkt-Jüngern ein Begriff sein) wird als offizieller Vertreter des Astronauten-Rap hier vorstellig. Zahlreiche Universum-Verweise wie etwa „Hab keinen Kontakt zur Erde/Baut ein großes Denkmal, wenn ich einmal sterbe, bestehend nur aus Sternen“ und State-Of-The-Art-Arrangements mit hallenden Arpeggiator-Glockenspielen, Brass-Flächen sowie trabenden Drumloops aus den Musikmaschinen von SuperstaarBeats, ApexVision oder $AW x Viggo können dem derzeitigen Musik-Zeitgeist zwar nichts Entscheidendes hinzufügen, aber liefern auch keine Totalausfälle. Auch wenn die Trillwave-Sache langsam erste Abnutzungserscheinungen aufweist , ist „Space Boy Diary“ eine spaßige Angelegenheit. Das ZdS-Mitglied zählt in Punkto Lyrics und Delivery merklich zu den fähigeren Ausgeburten dieser namenlosen Deutschrap-Erneuerung, die nicht Cloudrap genannt werden will.

02

Bones – PaidProgramming2

Bones ist der König des hypertrophen Outputs, was es zuweilen erschwert, einen Favoriten aus seinem mittlerweile über 30 Releases umfassenden Backkatalog zu picken. Dennoch hat sich vor allem das 2013 „PaidProgramming“ als Lieblingsalbum unter Fans durchgesetzt. Grund genug für das „skinny, white piece of shit“ eine Fortsetzung zu produzieren, die sich abermals am gesellschaftlichen Rand zwischen Dauergönnung, Depressionen und Degout positioniert. Auch, wenn das TeamSESH und seine dunkelbunten Synthie-Slow-Jams aus Horrocore-Anleihen, wolkigem Kitsch-Hop in schmuddeliger White Trash-Romantik oder verpixelten Internet-Trash, gerne als Wierdos abgestempelt werden, ist „PaidProgramming2“ in seiner amotsphärischen Dichte und der merklichen Porfessionaliserung in Sound und Kohärenz zweifellos eine der zugänglichsten Mixtapes in der Diskografie des Kollektivs. Falls es tatsächlich noch Leute gibt, die keine Fans sind, gebt ihnen dieses Tape.

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DJ Cruzifix präsentiert: Uzi Mob – Schreie aus dem Keller

Es war nur eine Frage der Zeit bis Luis Lone, Yaesyaoh und James Jencon eine gemeinsame Formation bilden würden – hält jeder für sich das Deutschrap-Soundcloud-Game doch schon seit Monaten mit einem hochfrequentierten Output auf Flamme und ist regelmässiger Stammgast bei #ttw. Die drei Egozentriker tun auf dem vorliegenden Kollaboprojekt „Schreie aus dem Keller“ erwartungsgemäß auch dies, was sie als Solokünstler ebenfalls machen würden: ausgeprägten Gewaltfantasien, der eigenen Großartigkeit oder eben unmissverständlicher Verbalinjuire fröhnen: „Ich rappe nur aus Hass und du bist Schuld/Stürme „Rap Am Mittwoch“ und mache Massenmord zum Kult“. Für die musikalische Untermalung orientiert sich der Uzi Mob um den DJ und Producer DJ Cruzifix laut eigener Aussage an Westberlin Maskulin, Necro und Kool Keith. Das ist natürlich Quatsch, auch wenn ein Necro-Sample enthalten ist. Denn schon das Pen-&-Pixel-Zitat von Cover kommuniziert eine klare Südstaaten-Ästhetik, was die Kölner Kellerkinder vermutlich einfach übersehen oder durch die Strafe der späten Geburt schlichtweg nicht wissen (können). Jegliche Memphis-Sound-Verweise um Three-Six Mafia wurden im Vorfeld entsprechend diskreditiert (obwohl sie auf „Schreie aus dem Keller“ sogar namentlich erwähnt werden, ja als James‘ Soundcloud-Herkunftsort gar die Blues-Wiege angegeben ist). Doch Grusel-Loops, simplifizierte Synth-Drum-Arrangements und der inbrünstige Vortrag menschenverachtender Friedhofslyrik kommen nun mal aus Memphis, eine Assoziation ist da nicht von ungefähr (einfach mal „Three 6 Mafia Type Beat“ youtuben, Jungs). Allerdings bedient man sich auf performativer Ebene auch sehr stark am Berliner Untergrund-Rap der Tape-Ära und den Anfänge deutschen Horrocores um Frauenarzt, MC Basstard oder auch 4.9.0 Friedhof Chiller (aus Osnabrück, ja). Das wäre insofern nicht erwähnenswert, würde allein Luis Lone nicht an einigen Stellen in der Playlist wie eine 1:1-Kopie des jungen Kool Savas klingen, während sein Sidekick James Jencon nicht müde wird, zu betonten, dass Berliner Rap nicht unbedingt in die Welt des Uzi Mobs gehöre. Das nennt sich wohl Rap-Pubertät, ein Rebellionsakt gegen seine Eltern, die man mit 15 ja auch peinlich findet. Unterm Strich ist das hier ein unterhaltsamer, durchaus gut produzierter Internetwitz, der vor zehn Jahren vermutlich im MZEE-Forum als lächerliche Kinderzimmer-Immitation ignoriert worden wäre. Alles in allem eine zwar spaßige, aber sehr durchwachsene Nummer.

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torimōto – torimōto EP

Wie iamsani und skypierr bereist vor einigen Wochen zeigte, muss man für geschmackvolle Zukunftsmusik der instrumentalen Abteilung nicht nach L.A. schielen. Denn auch im Berliner Untergrund brodelt, wobbelt, bratzt, synthetisiert und bummst es fröhlich an der Schnittstelle zwischen Trap, HipHop, Wonky, Cloud oder wie auch immer man nun dieses digitale Hybridwesen nun nennen will. Die „torimōto EP“ trägt nun zusammen, was die occupé, yunis, skypierr, Bxle, iamsani und flannel so in ihren Beat-Barracken in die Tasten hauen. Sechs Artist, sechs Tracks – die EP gibt jedem Mitglied des Kollektivs namens torimōto die Möglichkeit, hier ausführlich vorstellig zu werden. Naturgemäß schwanken Stimmungen, Tempi und Einflüsse zwischen Hudson Mohawke, FlyLo, Soulection oder Lunice . Insgesamt eine solide Kennenlernrunde, die sich – so viel Phrase sei erlaubt – soundtechnisch wie handwerklich auch international nicht zu verstecken braucht. Beats aus Schland sind (wieder?) wer.

05

Alphonso – Naturgesetze EP

Doch auch die Traditionalisten in unseren Breitengraden sind nicht untätig. Alphonso, der in dieser Woche zusammen mit dem wertgeschäzten Krekpek-Kollektiv die „Naturgesetze EP“ realiserte, bevorzugt für seine Conscious- und Battle-Ansagen vor allem muskalische Unterstützung von Figub Brazlevic. Der Dresdner slidet auf den sechs Songs zwar auch gerne thematische Klischeerutschen entlang (u.a. werden Gangster-Rapper für ihre angeblichen Plaittüden gedisst, eskapistischen Sci Fi-Affinitäten gehuldigt oder die stereotypischen Tristesse des Berufslebens persifliert), doch tut Alphonso dies derart geschmeidig und überzeugend, dass man ihm Vorhersehbarkeiten schnell verzeiht. Klar, hier sind keine technischen Höchstleistungen in Sachen Flow oder Performance bemüht und auch keine grenzen-sprengenden Impulse aus der Cubase-Session exportiert worden. Doch „Naturgsetze EP“ demonstriert hervorragend, dass ein hallendes Saxophon, ein klimpernder Piano-Loop und ein paar scheppernde Drums auch fast 25 Jahre nach „T.R.O.Y.“ charmant sein kann. Liegt wohl an der Natur der Sache.

06

Aloof & Young Krillin – Salamanderschnops

Mit Schmäh lässt sich leichter eine Attitüde vermitteln.„, kommentierte die österreichische Newcomerin Hunney Pimp diese Woche im splash! Mag-Interview. Auch Aloof und Young Krillin, beide Bergmoney Gang und Hanuschplatzflow Posse-annektiert, würden diese Aussage wohlmöglich unterschreiben und zwar nicht bloß, weil Hunney Pimp auf ihrem Kollabo-Mixtape „Salamanderschnops“ gefeatured ist. Die Kunststücke aus den Musikmaschinen von Oxela, Zimmermann, Melonoid, Lex Lugner, Einsnulleins, Wandl Asadjohn, Rabia und Aloof selbst bewegen sich konsequent auf der Höhe der Zeit zwischen Slow Down-Drums, hallenden Sehnsuchtssynthies und betonierten Bässen. Thematisch kümmert man sich an der Seite von Tiger Hoods, Pif Paf, Brown Eyes White Boy, Bimbo Beutlin oder auch Frauenarzt (!) um die üblichen Rapper-Belange aus Hustlen, Hochprozentigem und Hofdamen. „Salamanderschnops“ ist somit nicht mehr und nicht weniger, als der perfekt-produzierte Querschnitt der jungen Deutschrap-Generation. Prost!