Tommy Cash: „Menschen haben in Höhlen gelebt, heute leben wir im Internet.“ // Interview

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Tommy Cash aus Tallin macht irgendetwas zwischen Kunst und Rap, sein erklärtes Ziel ist es den Platz von Die Antwoord einzunehmen und von arte tracks bis zur Vogue schwärmen momentan ziemlich viele Magazine von ihm. Zu unserem Treffen in Berlin Mitte bei einem russischen Frühstück trägt er Rammstein Hoodie, eine grüne Cap mit dem Wort „Polizei“ darauf und Schuhe, die ungefähr so groß sind wie sein Kopf. Der „ProRapSuperstar“ sprach mit unserer Autorin Alina Klöpper über seine Videos, sein politisches Selbstverständnis und sein neues Label PC Music.

Du hast diesen Song namens „Volkswagen Passat“ und da du ja oft in Berlin bist: was ist absolutes Lieblingsding aus Deutschland?

Rammstein natürlich! Lass mich überlegen… Mercedes ziemlich sicher. Weil ihr diesen Anspruch an „deutsche Qualität“ habt, das ist lustig. Aber ich mag diese ganzen Autofirmen. Und natürlich Falafel und Club Mate. In Berlin gibt es die beste Falafel ever, das ist meine typische Kombo, wenn ich hier bin. Und dieser Rapper Gzuz – das ist so schlecht, dass es wieder gut ist. Ich wusste gar nichts von dieser Gang und ihm, hab letzte Woche dann aber ein Video gesehen und fand ihn recht fresh. Ich glaube, ich war recht früh dran mit bestimmten Styles wie Trap oder ähnlichem und bin so tief in dem kreativen Kosmos, dass ich mich fühle, als hätte ich quasi eine Kreisbewegung gemacht. Jetzt bin ich wieder bei dem toughen Rap und der wird immer noch nachgefragt. Ich glaube der stereotype, harte Rap wird immer da sein und finde das lustig.

Siehst du dich selbst als politischen Mensch?

Nein. Ich bin eher auf der Eskapismus-Seite. Dass du mich das fragst, zeigt ja aber, dass ich das, was ich in meiner Umwelt sehe, mit in meine Musik beziehungsweise in meine Videos aufnehme. Ich reflektiere die Welt und meine Kunst ist inspiriert von meinem Alltag. Aber das wirklich coole in der Kunst ist ja, dass die Interpretation frei ist. Klar kann man in meinen Videos unterschwellig politische Fragen finden, aber ich mache ja erstmal Witze über sowas.

Ich kann mir vorstellen, dass wir irgendwann unser Bewusstsein und sogar unseren Körper ins Internet hochladen können und für immer leben.

Tommy Cash

Du beschäftigst dich vor allem in deinen Videos oft mit Themen, die in Zukunft eine größere Rolle spielen werden, zum Beispiel Bionik. Was glaubst du wie die Zukunft in fünf bis zehn Jahren aussieht?

Ich weiß es nicht wirklich. Es gibt so viele Bewegungen zur gleichen Zeit, im Untergrund sowie im Mainstream. Vielleicht werden sich Menschen sehr voneinander abwenden, aber es ist schwierig zu sagen, weil jede kleine Veränderung so viel nach sich zieht. Man sieht es momentan gut in der Mode, Vetements hat da eine große Änderung bewirkt, sodass sich gerade alles um Ironie dreht. Aber das grundlegendste, was ich dazu sagen kann, ist: Menschen haben in Höhlen gelebt, in Wäldern, in kleinen Holzhäusern und heute leben wir im Internet. Ich kann mir vorstellen, dass wir irgendwann unser Bewusstsein und sogar unseren Körper ins Internet hochladen können und für immer leben.

Es gibt Kulturtheoretiker, die sagen, dass Popkultur nie so bedeutend sein kann wie Kunst – du kommst aus der Kunst, machst jetzt Popmusik, wie siehst du diese Relation?

Hm, das ist eine krasse Frage. Ich habe da zwei Antworten: Einerseits ist es manchmal ziemlich schwierig ein Gemälde zu verstehen, aber der Zugang zu einem Song ist einfach. Ich glaube Menschen sind ziemlich primitiv: 95 % der Bevölkerung hat keinen Geschmack, versteht nicht, was passiert auf der Welt und hat kein Verständnis für Ästhetik, ob es Bedeutungen oder Grenzen betrifft. Für die meisten ist Pop deshalb natürlich Kunst. Momentan ist es eine sehr feine Grenze für mich: Weniger Leute sind Künstler, weil es so viel Copy-Paste gibt. Als ob es nicht genug Rammstein oder genug Lady Gaga gäbe. Andererseits sind solche Inszenierungen überragend und bemerkenswert und können für mich auch sehr kunstvoll sein, aber Kunst ist dem meisten Pop Lichtjahre voraus. Auch, weil viele Künstler so abgefuckt in ihrem Kopf sind, auf eine gute Art und Weise, die würden so etwas nie im Pop umgesetzt bekommen. Ich finde zeitgenössische Kunst schon sehr viel abgespacter.

Deine letzte Single ist auf PC Music releast worden und es hieß in einem VICE Artikel, dass PC Music-Artists mehr Kunstinstallation sind als Musiker. Siehst du dich selbst so?

Das ist recht lustig, denn tatsächlich wollte A.G. (Gründer PC Music) mit mir mehr in Richtung Pop, aber ich sehe und positioniere mich eher nach deiner Definition. Also war es wohl ein Entgegenkommen von beiden Seiten. Ich werde wahrscheinlich diesen Sommer eine Galerie in Tallin eröffnen und mein Ziel ist es absolut als ein umfassender Künstler wahrgenommen zu werden, vielleicht ein bisschen Andy Warhol-Style. Doch, ich sehe mich komplett so.

Du beziehst dich oft auf große Popstars, wie Johnny Cash oder Kanye West. Wer ist für dich der größte Popstar ever?

Oh, schwierige Frage. Ich würde sagen Death Grips. Der ganze Style und das ganze Werk ist unerreicht. Und sie haben das beste Cover aller Zeiten beim Album „No Love Deep Web“.

Du hast deine Musik als „Post-Soviet Rap“ bezeichnet. Wenn du dir vorstellst, dass das ein Genre werden könnte, wie würde sich das anhören?

Ich weiß nicht… Scheiße, es müsste was richtig Schlechtes sein. Eine Art EDM-Balalaika oder so.