tikOgO – „Musik macht mich krank und gesund zur gleichen Zeit.“

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tikOgO ist Brasilianer und Wahlberliner, Beatmaker und Rapper – und laut eigener Aussage in stetiger Verbindung mit dem Kosmos. In der vergangenen Woche erschien sein Instrumental-Album „Agua“ via Dezi-Belle. Im Interview erzählt tikOgO von seiner Reise nach Berlin, Rhythmen aus dem Universum und was es mit dem großgeschriebenen O auf sich hat.

Wie bist du zum Musikmachen und speziell zu HipHop gekommen?

Ich habe in Brasilien viel mit HipHop zu tun gehabt. Wir haben unter anderem DJing-, Rap- und Graffiti-Workshops für Straßenkinder organisiert. Danach bin für eine Tour mit meinem ersten Album nach Frankreich gegangen. Dort bin ich im Anschluss auch geblieben und habe danach noch zwei Jahre in Barcelona gewohnt. Irgendwann habe ich Berlin besucht, weil ich viele Filme über die Stadt gesehen habe. Bevor ich zum ersten Mal dort war, war ich schon in die Stadt verliebt. Ich wollte eigentlich nur drei Wochen da bleiben, im Endeffekt wurden daraus drei Monate und jetzt wohne ich hier. Ich habe hier viele Leute kennengelernt, unter anderem auch viele Beatmaker. Ich bin sehr glücklich darüber, ich liebe diese Stadt.

War es denn geplant, dass du in Frankreich bleiben würdest, oder hast du das spontan entschieden?

Nein, es war geplant sechs Monate dort zu bleiben. Ich habe dann aber von der Band Ojos de Brujo eine Einladung nach Barcelona bekommen. Mit der Band war ich fast überall auf der Welt, wir waren immer auf Tour.

Hat Instrumental-Musik einen ähnlich großen Stellenwert in Brasilien?

Nicht wirklich. In Brasilien habe ich mehr gerappt. Viele Brasilianer kennen mich als Rapper, nicht als Beatmaker. Trotzdem habe ich immer mit Fruity Loops und Reason Beats gemacht. Ich habe aber nie gedacht, dass ich irgendwann Beatmaker werde. Ich habe das nur gemacht, weil ich HipHop liebe und wir eine Zeit lang keinen Producer hatten. Wir haben bei unseren Konzerten immer Beats von J. Dilla, Grandmaster Flash, Dr. Dre, RZA oder DJ Premier benutzt. Irgendwann habe ich gesagt: „Nein Mann, wir müssen das selbst machen!“ Ein Freund hat mir daraufhin Fruity Loops gegeben, womit ich angefangen habe Beats zu bauen. In Europa habe ich anfangs weniger gerappt, weil die meisten Leute kein Portugiesisch verstehen. Mir gefällt es nicht zu rappen, wenn andere Leute nicht verstehen können, was ich sage. In Deutschland habe ich jedoch wieder angefangen. Ich werde jetzt auch ein Album mit Figub Brazlevič machen. Er produziert die Instrumentals und ich rappe darüber.

„Die Beats und HipHop haben mein Leben gerettet, glaub mir.“

tikOgO

Dein neues Album „Agua“ wird von einem Vocal-Skit eröffnet, in dem ein kleiner Junge erzählt, wie er wegen seiner Schuhe gehänselt wurde. Er erklärt daraufhin, dass es nicht darum geht, welche Schuhe man trägt, sondern was man im Kopf hat. Warum ist dir das so wichtig, dass du mit einer solchen Message das Album eröffnest?

Ich komme aus Brasilien. Wir haben dort so viele Probleme. Natürlich gibt es die auch in Europa, aber dort ist es etwas anderes. Auf der ganzen Erde gibt es Materialismus. Manchmal gucken dich die Leute an, weil du einen geilen Schuh trägst und sie denken, du wärst auch Materialist. Ich wollte damit nur den Leuten sagen, dass ich keiner bin. Wenn ich mir neue Schuhe kaufe, tue ich das oft einfach, weil ich die Farbe mag. Das ist der Punkt: Im Leben geht es nicht nur darum, geile Schuhe zu tragen, oder eine neue Freundin zu haben. Klar, wir brauchen Geld um zu leben, aber noch mehr zählt der Aspekt der Menschlichkeit und der Aspekt der Natur. Wir leben gerade in einer verrückten Zeit. Ich will mit meinem Album auch eine Veränderung herbeiführen. Ich will den Leuten nicht nur sagen, dass ich tikOgO bin und dass sie mein Album hören sollen. Es geht auch darum, was in dem Album drin steckt. Das ist mit Herz gemacht. Es ist viel passiert in meinem Leben, mein Papa ist nicht mehr da. Die Beats und Hip Hop haben mein Leben gerettet, glaub mir.

Deine Beats transportieren somit immer eine Message, ohne dass du sie selbst aussprichst.

Ja, weil ich glaube, dass die Zeit in der wir gerade leben, eine Zeit für Veränderung ist. Musik hat eine krasse Power, du kannst der Erde damit helfen. Mir ist es egal, ob 5000 Leute meine Sachen hören, oder nur eine Person. Sofern ich allein in einem Menschen etwas verändern kann, bin ich glücklich. Das Album ist deswegen auch J. Dilla gewidmet. Ich hatte ein Jahr lang eine nicht so gute Zeit, in der ich mich etwas vom HipHop entfernt habe. Ich habe weder Beats gebaut noch gerappt. Dann habe ich seine Musik entdeckt und wusste sofort, dass ich wieder Beats machen und rappen muss. Mittlerweile schneide ich meine Videos auch selbst und habe eine Kamera von meinem Homie Amewu. Ein Freund von mir dreht gute Videos, aber er ist immer beschäftigt. Ich wollte ihn nicht dauernd nerven und mache meine Videos jetzt einfach selbst. (lacht)

Liest man deine Facebook-Info, stolpert man immer wieder über den Satz: „In cOnnectiOn with the universe.“ Wie sieht diese Verbindung aus?

In Brasilien hat meine Mutter einen großen Raum. Dort haben wir uns immer mit der Familie und mit Freunden getroffen und zusammen Musik gemacht. Die Leute, die kein Instrument spielen können, haben getanzt oder gesungen. Wir spielen für den Mond, für die Sonne, für den Wind, für das Feuer und das Wasser. Für all diese Dinge gibt es jeweils einen Rhythmus, das habe ich in Brasilien gelernt. Das Experimentieren mit diesen Rhythmen ist für mich wie ein Universum. Mit den Percussions habe ich dann die Rhythmen, die ich erlernt habe, gespielt und daraus Samples gemacht, die ich für mein Album verwendet habe. Ich beobachte gerne die Sterne an und wollte immer schon wissen, was die NASA macht und was außerhalb der Erde passiert. Auf „Astro“ gibt es zum Beispiel auch Sounds vom Jupiter. Die NASA hat diese aufgenommen und ich habe sie heruntergeladen. Es gibt Sounds vom Saturn, Sounds von der Sonne oder vom Mond. Auf fast jedem Track gibt es eine Bewegung aus dem Universum.

In Berlin hast du die HipHop-Band Beatz ohne Ende gegründet. Wie hast du die Mitglieder kennengelernt und wie sieht eure Zusammenarbeit als Band aus?

Ich hab den Posaunisten Andréj auf einer Jazz-Jamsession kennen gelernt. Er liebt HipHop, aber er hatte nie mit Leuten zu tun, die HipHop machen. Dabei hat er Platten von Wu-Tang oder Talib Kweli zuhause. Ich habe ihn dann eingeladen, eine HipHop-Band zu gründen. Er hatte direkt Bock darauf. Dazu kam ein Freund von mir aus Brasilien, der Bass spielt. Er liebt Funk, aber hat nie HipHop gehört. Ich habe ihm dann Sachen von J. Dilla geschickt und meinte: „Man, das musst du fühlen.“ Ein Jahr später haben wir es bereits geschafft, erste Tracks zu fertigzustellen. Dazu haben wir auch Tracks von J. Dilla als Orchester gespielt. Wir bestehen insgesamt aus zwei Saxophonen, einer Trombone, einem Piano, mir als Schlagzeuger, einem Bass und einer Geige. Jetzt machen wir Pause bis nächstes Jahr, dann spielen wir auf ein paar Festivals. Außerdem haben wir uns dafür entschieden, dass wir nicht mehr in Berliner Clubs spielen, weil man dort einfach nicht genug Geld für acht Leute verdienen kann. Ab Januar proben wir durchgehend für den Festival Sommer, um dann wieder live zu spielen. Ich bin so glücklich, bei diesem Projekt dabei zu sein.

„Das große O steht für die Bewegungen des Kosmos und des Universums.“

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Deine Beats haben immer wieder destruktive Elemente in sich, die die Songs kurz aus ihrem Flow reißen. Ist es dir wichtig, dass deine Musik nicht zu rund und glatt klingt?

(lacht) Als ich in Japan war und meine alten Beats auf Soundcloud hochgeladen habe, haben die Japaner oft kommentiert: „Sick Beat! Sick Beat!“ Ich habe immer gedacht, dass die Beats vielleicht schlecht sind und die Leute sie nicht mögen, weil sie „sick“ geschrieben haben. Aber trotzdem gab es Likes. Ein japanischer Freund hat mich dann darüber aufgeklärt, dass „sick“ bedeutet, dass sie die Beats geil finden und die eigene Atmosphäre feiern. Ich bin quasi krank von Musik. Aber sie macht mich auch gesund. Musik macht mich krank und gesund zur gleichen Zeit. (lacht)

Du schreibst den Buchstaben O immer groß, egal ob in Facebook-Posts, deinem Künstlernamen oder bei deinen Songtiteln. Was hat es damit auf sich?

Das große O steht für die Bewegungen des Kosmos und des Universums. Es gleicht außerdem der Erde, dem Kopf, der Sonne und dem Mond. Es steht für diese Verbindung zum Universum. Wenn die Leute die beiden großen O’s in meinem Künstlernamen sehen, sollen sie dabei an diese Verbindung denken. Es gibt so viele Sachen auf der Welt, in denen man das O (den Kreis) wiederfindet. Und sei es nur der Boden von einem Glas. Wenn ich mit meinen Freunden chatte, schreibe ich das O mittlerweile auch immer groß. (lacht) In Frankreich habe ich einen Text geschrieben, eine Plattenstory, und ihn an Leute geschickt, die ein Label haben. Am Ende habe ich den Text gelesen und erst dann bemerkt, dass alle O’s großgeschrieben waren. (lacht) Ich musste das dann wieder ändern, damit die Leute nicht denken würden, dass ich nur Spaß mit ihnen machen wollte.