Die besten Free Downloads von Ali As, Ahzumjot, Lance Butters uvm.

von am

#throughthewire is back, dank popular demand (Cam’Ron wäre stolz auf uns). Nach circa anderthalb-monatiger Besinnungsphase kehrt die erste deutsche Free-Download-Kolumne für Rap-Musik nun in gewohntem Wochentakt zurück und featuret in der neuen Ausgabe zahlreiche alte Bekannte. So haben wir in den letzten Wochen Free Releases unter anderem von Lieblings-Punchline-Wunder Ali As, Lieblings-Kellerkind-Producer hnrk oder auch Lieblings-Newcomer Naru in die Browserfenster gereicht bekommen, die einmal mehr auch beweisen, dass das deutsche Mixtape-Game mindestens seit der Bestehenszeit dieser Kolumne ziemlich on fleek ist (übrigens entgegen der Meinung der Kollegen). Die Frage bleibt daher nach wie vor: Can you dig it?

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Ali As – Free Ali 3

Obwohl Ali auch im dritten Teil seiner kostenlosen EP-Dreingabe „Free Ali 3“ größtenteils auf internationalen Hit-Instrumentals wie „All The Way Up“ oder „Panda“ seine mehrsilbig-gereimten Kalauer, Seitenhiebe und Aufschneidersprüche präsentiert, verleiht der Münchner den hier eigentlich längst durchgespielten Songs eine erfrischende, aber vor allem eigenständige Note. Wie schon auf den ersten zwei Teilen liegt dies zum einen an Alis unbestrittener Wortgewandtheit, die mit Lines wie „Keine liebe für Reporter, weil die Medien selber/nur Partei ergreifen so wie Vietnamesen-Kellern “ den Unterhaltungsfaktor über die Gesamtspielzeit auf Level halten, zum anderen an den stets schier beiläufigen Flow-Kombinationen, die vor allem zeigen, dass es hier um Skills und Spaßfaktor geht. Ali bestreitet den Löwenanteil, bis auf einen Gastbeitrag eines gewissen Kolja, von „Free Ali 3“ im Alleingang und demonstriert damit außerdem, dass das lyrische Niveau im deutschen Mixtape-Game nicht zwangsläufig unter den Tisch fallen muss, nur weil es sich um einen Free Download handelt. Mühelos, ungewzungen, dope – „Free Ali 3“ ist schnörkellose Rap-Musik, die zu keiner Sekunde bestreitet, auch solche zu sein. Und das ist verdammt gut so.

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Occupè – Trees

Bereits vor einigen Wochen hat Occupè seine „Trees“ einfinden könnten. Die Sozialisation des Berliner Instrumental-Interpreten aus dem torimoto-Umfeld rangiert – wie es sich für ein Soundcloud-Spielkind aus 2016 gehört – eher durch die eklektischen Strömungen des Jahrzehntes wie Chill Wave, Wonky oder trip-hoppigere Trap-Gewänder. Vocal-Schnipsel von zeitgeistigen Impulsgebern wie Drake oder Kid Cudi hallen hier hypnotisch über computerspielerische Synthie-Symphonien und emotionales Breitbild-Gebrumme, das gerne auch mal die plastische Elastizität des modernen Drum-Programming ausreizt – HudMo wäre stolz auf ihn. Der gebürtige Niedersachse schöpft aus einer musikalischen Matrix, die dank lebenslangem Internetzugang quasi täglich Zeitreisen antreten kann und der Frage „Wohin geht die Reise?“ nur ein schulterzuckendes „Vielleicht“ entgegensetzt. Im Hyperraum bewegt man sich „front, back and side to side“.

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hnrk – Kapuze/Nokturn

Hnrk, quasi seit Stunde Eins #ttw-Stammgast, ist auch mit seinen beiden aktuellen Releases erwartungsgemäß wieder jwd. Die melancholischen Stubenhocker-Synthies, die bedrohlichen Bass-Fundamente und die gerne auch mal unorthodoxen Drum-Settings kommunizieren weiterhin eine schwermütige Einzelgänger-Aura, welche wohlmöglich auch ein Grund dafür ist, warum der TeamSESH-Brudi von deutschen Medien weiterhin nur stiefmütterlich behandelt wird. Mit „Kapuze/Nokturn“ wagt sich das Schattengewächs jetzt sogar noch weiter aus dem based Basement-Gewummer heraus und entwickelt sich zunehmend in eine Richtung, die sich mehr auf Lustmord als Lil B bezieht. Industrial? Ambient? Cyberpunk? Hnrk ist vermutlich alles zusammen, aber vor allem: düster, bedrückend und dope.

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Naru – Truly Naru

Auch Naru hat dank der „Dschungel EP“ mit Kuchenmann und dem unter seinem Alter Ego entstandene Coco Reynolds-Projekt bei #ttw bereits beachtliches Traffic-Volumen verbraucht. „Truly Naru“ huldigt nun erstmals in komplettem Alleingang seiner eigenen Großartigkeit, seinem 7,8-Umfeld und den herauszustellenden Eigenschaften des süßen Lebens:“Yeah, ich geh Richtung Bude/rauche Sensimilla und schrei ‚Is de Gude!'“ Swag. Auffällig ist, dass der Dortmunder neben aller Auto-Tune-Abgrenzerei, dem Hang zu kitischigem Trap-Gejazze und der Zuwendung zum weiblichen Geschlecht, das Props geben nicht verlernt hat: Es hagelt Shoutouts an unter anderem Goldroger, Megaloh, Yung Hurn und andere Deutschrap-Seelenverwandte, die sich eher der Musikalität, als dem nächsten RapUpdate-Post widmen. Hier sickert in jedem Halbsatz eine Haltung durch, die bei vielen seiner Altersgenossen gerne der Ironie zum Opfer fällt. Seine sattelfeste Delivery, immer in eleganter Balance zwischen Hochgeschwindigkeits-Pattern und Schlagwort-Flows umsäumt in natürlicher wie selbstironischer Selbstverständlichkeit die synthetisch-verspielten Kinderzimmer-Productions aus der Musikmaschine seines Partners True Lyes. „Truly Naru“ ist daher ein vermutlich eher kurzweiliges, aber ziemlich unterhaltsames 30-Minuten-Update für das, was auf deutschen Schulhöfen derzeit so besprochen werden dürfte.

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Nintey – Drift

Am letzten Freitag droppte auch Nintey sein neues Beat-Tape „Drift“, das als Nachfolger zum ebenfalls instrumentalen „Your Story“ aus dem Februar abermals demonstriert, dass der Münchner Wahl-Darmstädter nicht nur vor, sondern auch hinter den Membranen ambitioniert zu Werke geht. Die sieben Anspielstationen bewegen sich, wie sich für einen Producer aus der Nachwuchs Cloud wohl selbst erklärt, vor allem auf den welträumlichen Synthie-Flächen der aktuellen Deutschrap-Generation. Das rhythmische Fundament sowie die melodischen Konzepte berufen sich somit zum Großteil auf jene neuzeitliche Trap-Arrangements der Glockenspiel-/Brass-/Hits-Trickkiste, wie sie Metro Boomin, Mike Will Made It oder auch Lex Luger quasi zum Standard-Repertoire jedes Beatmakers hochproduziert haben. Aber das Rad muss auch nicht neuerfunden werden, wenn man sich eigentlich nur fortbewegen will. „Drift“ ist insofern also hervorragend, als dass man auf der zeitfressenden Suche nach dem nächsten Trapstrumental nicht auf mehr durch Soundclick surfen muss – man kann einfach auf dem Soundcloud-Account von Nintey vorbeischauen.

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Ahzumjot & Lance Butters – Die Welle EP

„Diese EP ist der Troll-Kommentar unter den Videos des Landes“, eröffnet Ahzumjot das neue Kollabo-Projekt mit Lance Butters „Die Welle“. Anlässlich der anstehenden „Lassensedis“-Tour hat der Hamburger Wahl-Berliner sich mit dem vermutlich letzten Maskenrapper ohne Image-Problem, Lance Butters, zusammengetan, um der deutschen Rap-Szene vor allem zu erklären, dass die Beiden nichts mit dieser zu tun haben wollen. Ungewohnt offenherzig werden sogar einzelne Personen angegangen: „Als Danju aufgehört hat, meinen Bruh nachzumachen/Wurde er noch mehr Abfall“ – stimmt. Die sechs Tunes, inklusive des bereits letztwöchig releasten Titeltracks, agieren auch auf musikalischer Ebene in eher dunkelbunter Angriffslust zwischen Reagenzglas-Synthesizern und morphenden Basslines. Ahzumjot hatte ja bereits mit „16QT02: Tag Drei“ seinen Ruf als talentierter Producer untermauert und zementiert diesen nun, indem er sich zwischen grenzgängerischem Minimalismus und unpeinlicher HipHop-Sozialisation positionieren kann. Arroganz, Aversion, Auto-Tune: Die EP speist sich aus jenen Zutaten, die Rap auch 2016 zu einer durchweg spaßigen Angelegenheit machen.

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Planemo, Qriffin & Box Film Father – Kokosmilch

Die Nugod Cloud ist ebenfalls seit geraumer Zeit dank hochfrequentiertem Output unter dem Deckmantel der BMG oder in Form von Solo-Releases fester Bestandteil von #ttw. Auf „Kokosmilch“ haben sich nun Planemo, Qriffin und Box Film Father zusammengetan, um noch einmal im Kollektiv von Safari-Touren, unmoralischen Angeboten und anderen Abenteuerlichkeiten zu berichten. Ihre drei Songs stützen sich auf ein musikalisches Fundament, das abermals jene rührseligen Traumfänger-Synthies und transparenten Percussion-Pattern bemüht, die auch schon Releases ihres Kollegen Neunfünf anhafteten. Auto-Tune und Aufreißer-Swagger für rund 12 Minuten (inklusive Video). Auch wenn sich auf dieser Traumreise Lines wie „Scheiß auf Backpack-Rapper/Ich bin Backpack-Traveler“ zunehmend plattgetrampelt anfühlen, ist das musikalische Gespür des Trios, Grund genug, die Hörprobe auf Gesamtspielzeit zu verlängern. An dieser Stelle etwaige Kalauer mit „erste Sahne“ zu bemühen, sei derweil anderen überlassen.

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Bambus – Harambus

„Ich hasse alle deutschen Rapper, außer ein paar/Guck mich nicht so an, als hätte ich gerade irgendwas Schlimmes gesagt“, Bambus stichelnder Understatement-Rap geht mit „Harambus“ in die dritte Release-Runde. Wie auch schon sein Tape „octo“ aus dem Januar sind die acht Songs, bereits Ende August erschienen, in erster Linie ein trübseliger Trauermarsch durch Aversion, Lethargie und unverbesserlichem, aber durchweg unterhaltsamen Klugschiss, der sich weder Doppelreim-Sterbern noch Schlachtruf-Trappern anbiedert – hier steht Eigenständigkeit vor Crowd-Pleasing. „Erlebe nicht viel, aber mach‘ Musik/Ich mach‘ Musik und was geschieht?/Leute lächeln mich an und sagen: ‚Das klappt nie!'“ Mit seinem Producer-Partner haruno verwebt der Dortmunder diese Eigenbrödler-Oden in eine grau melierte Versager-Wave, die in puncto Designs, Videos und Looks schnell Bones-Assoziationen hervorruft. „Harambus“, natürlich ein Kofferwort aus den beiden Protagonisten haruno und Bambus, ist letztlich ein musikalisches Synthie-Schlafmohnfeld, das in leichenblasser Faszination und eleganter Unauffälligkeit durch die Membran schleicht und einmal mehr beweist, dass der lauteste Rapper nicht immer der beste sein muss.

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Der Kolibri – Odyssee

Goldroger, Schote, Veedel Kaztro, Kex Kuhl – und auch Der Kolibri entstammen einer #MOT-Generation, die mittlerweile in gewissen Breitengraden über ein gesteigertes Fame-Level verfügt. Der ehemalige VBT-Teilnehmer hat das Stigmata des Video-Battle-Rappers allerdings längst hinter sich gelassen und widmet sich mittlerweile eher experimentelleren Gefilden zwischen spontaner Proberaum-Ästhetik und geschmackvollem Qualitätsanspruch. Seine EP „Odyssee“ zelebriert, gemäß dem Cover, benebelte Lo-Fi-Beats aus dem Dunstkreis von beklemmenden Orgeln, hallzinugenen Flächen-Synthies und organischem Drumplay. „Hype ist ein schlechtes Omen für Künstler/Einmal von ihm ergriffen, sind wir verloren für immer“ – Das Radio-Bronski-Member gibt sich in dieser melancholischen Atmosphäre eher nüchtern, teils selbstironisch und vor allem aber als Realist. Auch wenn Lines wie „Keine Entwicklung ohne negativ“ zuweilen nach Poesiealbum-Deepness klingen und sich seine wortverspielte Spitter-Delivery in Zeiten von Schlagwort-Flows etwas antiquiert positioniert, ist „Odyssee“ ein erfrischendes Zwischenspiel eines Rappers, der tatsächlich ein bisschen unterbewertet ist.