Taktlo$$‘ letzter Akt – waren 20 Jahre genug?

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Vielleicht hat Taktlo$$ uns auch alle nur verarscht und geht demnächst mit neuem Album auf Welttournee – böse wäre ihm jedenfalls niemand. Bis auf Weiteres müssen wir aber davon ausgehen, dass die Konzerte vom letzten Wochenende wirklich der letzte Akt waren. Tristan Heming hat dementsprechend einen, äh, Nachruf auf die Westberliner MC-Legende geschrieben.

Am letzten Wochenende ist eine Ära zu Ende gegangen: Mit einem ziemlich lauten Knall verabschiedete sich TAK-47 unter die Erde und machte endgültig Platz für Kingsly Defounga. Was macht sein Label? Es bringt eine DVD raus – und das war’s dann wohl auch. Viele sagen, er macht einfach weiter und hat uns nur ein weiteres Mal vorgeführt – aber wer seine Shows kennt, weiß: Wenn er sagt, es gibt keine Zugabe, dann gibt es auch keine Zugabe. Der zweite Abend des Abschiedskonzertes war ungemein gänsehautgeladener als der erste, aus einem einfachen Grund: Der zu erwartende Höhepunkt war mit dem Westberlin-Maskulin-Comeback viel größer, und gleichzeitig war es tatsächlich das letzte Konzert eines der eigenwilligsten, vor allem aber prägendsten MCs Deutschlands.

Aggro Berlin war für viele der Startpunkt von hartem Rap in Deutschland. Das ist auch nicht abwegig, hier wurde der neue, harte Rap zu ersten Mal wirklich vermarktet – entstanden ist er aber im vielbeschworenen Royal Bunker. Was sich im Berliner Untergrund Ende der Neunziger zusammenbraute, gab es bis dahin nicht: Einen Haufen Leute, vor allem aus der Unterschicht, die ihr eigenes Verständnis von Rap entwickelten und zu einer selbständigen Szene wurden. Die natürlich aus Amerika beeinflusst wurde – denn „alles kommt aus Amerika“ (Fler voice). Die aber nicht mehr vor allem aus einigen geförderten Major-Label-Acts mit Choreographen aus den USA und fast unerschöpflichen Ressourcen (Kuchen/Money/Geld) und einer versprengten HipHop-Roots-Community im Untergrund bestand. Hier wurde deutscher Rap zum ersten Mal zur Kultur, zur breiten Basis, die sich als Szene verstand und sich gegenseitig befruchtete. Und aus deren Mitte die herausragenden Künstler, Charaktere (und die vermarktbarsten Gesichter) dann relativ organisch als „große Stars“ hervorgingen – 2001 debütierten die zwei heute wohl bekanntesten deutschen Rapper auf der Ansage 1. HipHop-kultur in Deutschland gab es natürlich schon vorher, aber sie musste immer ihre Credits einfordern, die Szene fühlte sich zu recht neben den schillernden Gestalten von Universal und BMG immer vernachlässigt. Erst hier wurde deutscher Rap aber organisch, ein Selbstläufer – und dabei unabhängig. Taktlo$$ war einer der Mitbegründer von Rap als Selbstermächtigung von Menschen ohne öffentliche Stimme in Deutschland.

Bevor es Straßenrap in Deutschland gab, übertrieb Taktlo$$ ihn schon bis ins Groteske und hielt einer Szene den Spiegel vor, die es noch gar nicht gab.

Aber Taktlo$$ hat nicht nur die Battlerap-Szene in Deutschland mit aus der Taufe gehoben und mit Kool Savas zwei der größten Deutschrap-Klassiker überhaupt mal eben hingerotzt. Er war auch in jeder Hinsicht bis heute ein kaum vergleichbarer Künstler. Sein Flow war einzigartig und bis heute in seinem Variantenreichtum kaum erreicht. Vor allem live zeigte sich, was für ein begnadeter MC er war: Er variierte wie kaum ein Live-Rapper Flow, Betonungen, Stimmlagen und jeden anderen Aspekt seiner Performance; kurz: Er beherrschte sein Instrument so virtuos wie kaum ein Zweiter.

Dabei war er immer ein so unbequemer, komplexer Artist, dass man ihm selbst seinen zelebrierten extremen Sexismus kaum böse nahm. Sein ganzes Schaffen war von Überzeichnung und künstlerischer Überformung geprägt. Es war schlicht kaum vorstellbar, dass sein Publikum „Es fickt die Biatch“-Sprechchöre aus dem Grund anstimmte, weil es dachten, dass Frauen tatsächlich nur dafür gut seien. Vielmehr beschlich einen immer wieder das Gefühl, dass der Einfluss, den seine Herangehensweise an Rap auf das ästhetische Verständnis seiner Hörer (Neudeutsch: Swag) hatte, sie geistig auf eine Ebene brachte, in der solche bescheuerten Dinge wie Sexismus kaum noch möglich wären. Das ist romantisiert und falsch, aber es drückt gut aus, warum Taktlo$$ nicht einfach als ein extrem gewaltverherrlichender und frauenverachtender Rapper beschrieben werden kann: Die textlichen Extreme schienen immer wie Neonfarben, mit denen er sein (oft abstraktes) Rap-Werk malte. Wie das Material, das er brauchte, um seine Message zu vermitteln. Worin genau diese bestand, ist gleichzeitig selbsterklärend und zu kryptisch, um sie zu erklären. Bevor es Straßenrap in Deutschland gab, übertrieb er ihn schon bis ins Groteske und hielt einer Szene den Spiegel vor, die es noch gar nicht gab. „Real Geizt ist ein Meister psychologischen Kriegsführung.“

Im Mainstream gibt es momentan vor allem Technik-Rap, deshalb brauchen wir nun eine Bewegung, die Musik zur Gefühlssache erklärt. Die haben wir bereits, und Taktlo$$ kann auch hier wieder als Vorbild dienen.

Mit Taktlo$$ ist eine der eigenständigsten Künstlerpersönlichkeiten von uns gegangen, die es im deutschen Rap jemals gegeben hat. Seine Flows auf Aufnahmen waren teils krumm, seine Lyrics verwirrend, vieles war auch fast unhörbar (und einiges definitiv). Doch das Gefühl, die Energie, die „Realness“ im Schaffen, die unbedingte Begeisterung für Rap, für unsere Kultur, war auf einem Level, von dem sich viele heute erfolgreiche Rapper diverse Scheiben abschneiden können. Denn es hat einen Grund, dass Technik-Rap live kaum bis nie funktioniert, Taktlo$$-Konzerte aber selbst von Menschen, die wenig bis keinen Rap hören, als einmalige Erlebnisse beschrieben werden.

Deutschrap hat Präzision und Technik gelernt, die „objektiven“ Aspekte der Musik sind inzwischen auf einem hohen Niveau. Musik hat aber nicht nur eine technische Seite, sie funktioniert vor allem emotional. Das was nun passieren muss, nennt der Student Dialektik: Zwei Aspekte, die sich weiterentwickeln müssen und aufeinander basieren, aber gleichzeitig widersprüchlich sind. Im Mainstream gibt es momentan vor allem Technik-Rap, deshalb brauchen wir nun eine Bewegung, die Musik zur Gefühlssache erklärt. Die haben wir bereits, und Taktlo$$ kann auch hier wieder als Vorbild dienen.

Also, Damen und Herren des Swags, macht was draus. Internet-Rap bedeutet Horroa für MCs. Taktlo$$ ist tot, lang lebe Taktlo$$.