Swizz Beatz: „Geld sollte nicht deine Erfahrung mit Kunst definieren“ // Interview

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Seit 20 Jahren ist Kasseem Dean, besser bekannt als Swizz Beatz, eine Beatmaker-Institution. Immerhin zeichnet sich der Mann von Alicia Keys verantwortlich für den Ruff Ryders Signature-Sound, der Anfang der 00er Jahre die HipHop-Welt beherrschte. Anlässlich seiner Künstlerkampagne „No Commission“ weilte der Mann aus der South Bronx für ein paar Tage in Berlin. Unser Autor Alex Metz ließ sich diese Chance nicht entgehen und unterhielt sich mit der Producer-Legende über seine Karriere-Anfänge, das musikalische Talent innerhalb seiner Familie und seine zukünftigen Projekte.

Willkommen in Berlin! Erzähl mir, was führt dich nach Berlin ?

Wir sind in Berlin für den Launch der ersten „No Commission“-Show in Berlin. Das ist eine Kunstausstellung, die den Künstlern 100% der Einnahmen ihrer Verkäufe gibt. Der Eintritt und die Teilnahme sind umsonst, gleichzeitig wird es kostenlose Konzerte geben. Es ist kein Event für Leute mit unglaublich viel Geld, es hat für uns keine Bedeutung, ob jemand viel oder wenig Kohle hat. Aber wir supporten die Show in dem Maße, das sie auf dem Level ist, den sie haben sollte. Natürlich könnten wir die Produktion günstig halten, in abgelegene Locations gehen, sodass Künstler sagen „ich hab kein Budget, ich muss mich damit abfinden“. Aber das ist nicht unser Weg. Wir behandeln dich, als wärst du das wichtigste, relevanteste Ding auf der Welt. Geld sollte nicht deine Erfahrung mit Kunst definieren.

Was genau ist die Dean-Collection und was für eine Verbindung hat sie zu „No Commission“?

Wir haben mit der Dean-Collection angefangen als meine persönliche Kunstsammlung, die ich für meine Kinder angelegt habe. Ich wollte ein Museum für meine Kinder, das sie dann irgendwann übernehmen und weiterführen können. Dabei ist mir aufgefallen, dass mich Künstler von Bildern, die ich gepostet habe, angeschrieben und sich bedankt haben. Ich meinte dann aber „Danke dir!“ und sie antworteten „Nein, danke dir! Weil du das gepostet hast, habe ich grad meine Show ausverkauft!“ Durch meine Posts bekamen die Künstler also Gallerie-Angebote etc. Da habe ich verstanden, dass das nicht nur Dinge sind, die ich für mich selbst und meine Kinder sammle, sondern dass ich die Möglichkeiten habe, damit anderen Leuten zu helfen und ihre Position zu stärken. Dann habe ich die Idee der Dean-Collection mit nach Harvard, mit in meine Seminare genommen und einen vollständigen Geschäftsplan ausformuliert.


Mein Onkel sagte mir dann „du weißt schon, dass das Produzieren ist?“ und ich antworte „was zur Hölle ist das?“

Swizz Beatz

Dann ist „No Commission“ also ein konkreter Output deines Studiums in Harvard?

Genau. Ich schließe im Oktober mein Studium in Harvard ab. Und was ich dabei gelernt habe: Bei den ganzen Ausstellungen gewinnt die Ausstellung, der Sammler und die Gallerie, der Künstler muss aber irgendwie schauen, wie er nach Hause kommt. Sogar, wenn jemand seine Show ausverkauft bekommt, kann es sein, dass er sein Geld erst fünf Monate später sieht. Das sind hungernde Künstler. Wieso kann der nicht jetzt sofort sein Geld kriegen, oder zumindest eine Woche später? Der hat seine Sachen doch auch jetzt verkauft. Da hab ich beschlossen, eben weil ich die Künstlerperspektive kenne, die Regeln ein wenig zu ändern. Oder zumindest eine andere Möglichkeit zu bieten. Ich widerspreche den Gallerien nicht, ich habe kein Problem damit. Ich habe nur ein Problem mit jedem, der 50% von einem Künstler nimmt, egal ob es eine Gallerie oder wer auch immer ist. Denn die Sache ist, ich bin kein Gallerist, kein Verkäufer, kein Broker – ich bin nur ein Förderer der Kunst. „No Commission“ ist also eine Feier für und mit der Kunst. Wir haben letztes Jahr in etwa 4 Millionen Dollar eingenommen, die direkt in die Taschen der Künstler geflossen sind. Der Künstler steht für uns an erster Stelle!

Welche Künste sind alles vertreten bei „No Commission“ und wie stößt du auf die Künstler? Kann man sich dafür bewerben oder wie funktioniert das Ganze?

Es sind alle Künste vertreten. Und es gibt mehrere Wege, wie wir die Künstler aussuchen. Der erste Weg ist, dass ich Künstler selbst direkt über Instagram finde. Wir haben drei Mitarbeiter, die persönlich in die Studios gehen und die Leute besuchen. Außerdem klopfen wir an die Tür von Leuten, die selbst Künstler supporten, oder Schulen, die Künstler unterstützen. Einige Künstler werden uns von anderen Leuten empfohlen. Zu 90% kommen die Künstler aber aus dem Ort, in dem wir die Show veranstalten. Auch um Respekt gegenüber der lokalen Szene zu zeigen. 10-15% kommen aus unterschiedlichen Ländern, wie Japan oder den USA, um alles ein bisschen durchzumischen. Aber es gibt immer einen regionalen Stempel, der den Shows aufgedrückt wird.


Ein ganz anderes Thema: Wo ich die Chance schonmal habe, würde ich gern ein wenig über deine Produktionen reden. Du hast bereits sehr früh mit dem Produzieren angefangen, könntest du kurz erzählen, wie das alles begann?

Ich habe tatsächlich als DJ angefangen. Dann hab ich angefangen zu samplen und an Mixtapes zu arbeiten. Für diese Mixtapes habe ich Loops gesamplet als Intro und Outro. Zu der Zeit war mir nicht bewusst, dass ich schon produziere. Aber dann fingen Leute an, zu mir zu kommen und diese Intros zu kaufen. „Ey, gib mir dieses Intro und ich geb‘ dir 500$“ und ich meinte „cool, du kriegst mein Intro“. Von da an ging es von einem Level zum nächsten. Mein Onkel sagte mir dann „du weißt schon, dass das Produzieren ist?“ und ich antworte ihm „was zur Hölle ist das?“ – Produzieren war zu dem Zeitpunkt nicht angesagt, es gab keine Producer, die bekannt waren, DJs waren fame. Dann kamen ich und ein paar andere Producer, wir haben das Produzieren cool gemacht. Ich, Timbaland, Pharrell. Kanye und Just Blaze kamen kurz danach. Wir waren also an vorderster Front. P.Diddy war auch ein Teil davon, aber er war mehr ein Entertainer-Producer. Wir waren mehr die „Hands on the MP“-Producer, die Drum Machine-Producer. Es ist verrückt, wenn du dir das heute überlegst, dass wir die ersten waren – ich hab noch nie so darüber nachgedacht. Aber wir haben da schon was gestartet, wenn Leute jetzt oder in Zukunft gedanklich zurückgehen und sagen „die haben das Produzieren cool gemacht!“.

Quasi die ersten Superstar-Producer?

Verrückt, oder? Sogar Dr. Dre war zu der Zeit kein Superstar-Producer. Niemand war zu der Zeit ein Superstar-Producer, bis wir dann ins Rampenlicht kamen. Rückwirkend haben sie dann natürlich gesagt, Dr.Dre ist der Beste, aber er wurde mehr als Rapper gesehen. Bei N.W.A. und den ganzen Sachen. Ich habe ihn damals nie als Producer wahrgenommen, das war Dr.Dre, der Rapper.

Das ist lustig zu hören, denn als ich anfing, bewusst Rap zu hören, so um 2000, war Dr. Dre schon der Producer und meine Generation und alle nachfolgenden kennen ihn hauptsächlich als den Producer, der auch rappt.

Ja, es ist schon verrückt, wie sich die Wahrnehmung geändert hat.

Ich habe Dr. Dre damals nie als Producer wahrgenommen. Das war Dr.Dre, der Rapper.

Swizz Beatz

Aber zurück zu deinen Anfängen. Wie sah dein Equipment damals aus und inwiefern hat dein Equipment deine Musik beeinflusst?

Ich fing an mit einer MPC 60 und arbeite heute immer noch mit MPCs. Auch wenn wir jetzt Sachen wie Logic, Ableton und den ganzen Kram haben, mag ich immer noch das Gefühl, die Pads zu drücken. Das gefällt mir an der MPC 3000 auch so verdammt gut. Das ist immer noch meine Lieblings-MPC. Das Feeling ist einfach zu gut.

Glaubst du, dass deine Arbeitsweise und deine Equipment-Auswahl Grund für deinen einzigartigen Sound ist?

Ich glaube nicht, dass es meinen Sound einzigartig macht. Wenn du aber solange mit etwas lebst und arbeitest, wird es Teil deiner DNA. Es gibt vielleicht Stuff, der technologisch besser, weiter fortgeschritten ist, aber es fühlt sich einfach nicht so gut an. Es fühlt sich nicht an, als würdest du wirklich samplen, als würdest du wirklich choppen. Ich mag es einfach zu merken, dass ich richtige Arbeit grad mache und nicht Copy & Paste veranstalte, um einen Song zu machen. Ich meine, ich bin cool damit. Ich mache das manchmal auch. Aber ich persönlich mag es, einzuspielen, was ich grad fühle.

Wie du grad schon meintest hat heute fast jeder die Möglichkeit, auf einem ähnlich hohen Niveau Musik zu produzieren, vom Equipment her. Wie schafft man es dennoch, einen einzigartigen Sound zu erschaffen? Wie hast du das hinbekommen?

Ich habe damals konsequent nicht gesamplet und einfach das gemacht, wonach ich mich grad gefühlt habe. Als ich jünger war, waren Leute damit teilweise nicht einverstanden, denn ich habe es anders gemacht als es damals gewohnt war. Aber ich bin dabei geblieben. 300 Millionen verkaufte Platten später – ich kann mich nicht beschweren.

Hattest du damals musikalische Einflüsse, die sich auf deine Musik niederschlugen?

Nein, ich hab damals Trompete gespielt. Meine Mutter hat damals viel Musik im Haus laufen lassen, während sie sauber machte – vor allem eine Menge Oldschool-Tunes. Und mein Vater war DJ. Ich bin in der South Bronx aufgewachsen, also dort, wo HipHop anfing. Ich war immer von diesen Dingen umgeben.

Du scheinst deine Begabung weitergegeben zu haben. Letztes Jahr kam „untitled unmastered“ von Kendrick raus, darauf vertreten war der Song „Untitled 07 / 2014-2016“, produziert von deinem Sohn Egypt. Wie hast du ihn rangeführt an die Musik? Musstest du das überhaupt explizit?

Er war von diesen Dingen umgeben seit er geboren wurde, natürlich. Er hat sich ganz automatisch dafür interessiert. Aber er ist nicht das Kind, das den ganzen Tag nur Musik machen möchte. Er macht vielleicht zu 10% Musik. Er spielt Fußball, Videospiele, Basketball – er ist eben ein Kind. Er ist jetzt sechs Jahre alt, er war fünf, als er den Beat gemacht hat. Aber er kommt immer wieder zurück zur Musik. Er geht immer wieder zurück ans Piano, arbeitet an Sachen. Das Kendrick Lamar-Ding war ziemlich speziell, denn ich hab die beiden nicht einander vorgestellt. Er ging bei einem Football Spiel zu Kendrick und hat sich einfach mit ihm unterhalten. Kendrick meinte „Der Junge ist was Besonderes, ich muss den Kontakt aufrecht erhalten“. Ich fand das cool, ich hätte nicht erwartet, dass es die Auswirkungen haben würde, die es dann hatte. Kendrick rief mich dann um 7 Uhr morgens an und meinte zu mir „Man, dieses Kind erinnert mich an mich selbst, ich möchte wirklich in Kontakt bleiben“. Ich dachte immer noch, das wäre nix besonderes. Egypt kam dann um 11 Uhr hoch – beide wollten mich offensichtlich nicht schlafen lassen – und meinte „Ich hab einen Song für Kendrick geschrieben“ und fing an, die Melodie zu summen. Er spielte mir die Chords vor, die er mir vorher vorgesummt hatte und ich hab gemerkt, der hat tatsächlich einen Song geschrieben. Und er meinte nur noch „Ich hab’s, wir können jetzt ins Studio.“ – normalerweise will er nie ins Studio, er hasst es. Da wusste ich, dass es ernst ist. Dann sind wir ins Studio, Egypt baute zehn Beats und ich hab sie Kendrick geschickt. Als Kendrick darauf hin meinte, dass er einen von den Beats haben will, dachte ich das wäre ein Scherz. Das nächste was ich weiß, war, dass sein Management anrief und das Ganze verrückt wurde. Das Lustige ist, dass Egypt nichtmal weiß, was er da getan hat, wie groß das Ganze wurde. Wir haben das bewusst von ihm ferngehalten, denn er soll auf jeden Fall noch ne Weile ein Kind bleiben, verstehst du? Du kannst ihm nicht seine Kindheit wegnehmen. Ihn denken lassen, dass er eine Art Superstar ist oder ihm sagen, wie viel Geld er damit verdient, die Tantiemen, die er davon bekommt – er weiß nichts davon. Seine Freunde wissen nichtmal, dass er den Track gemacht hat. Für ihn ist das gar kein Thema.

Wo wir grade schonmal bei deiner Familie sind – du hast einige Songs auf dem Album deiner Frau, Alicia Keys, produziert und warst auch Executive Producer.

Ja, das war ihr experimentelles Album. Sie wollte etwas kreatives schaffen, etwas das die Leute nicht von ihr erwarten. Es war ihr letztes Album bei ihrem Label, also dachte sie sich „Scheiß drauf, ich kann jetzt ein bisschen Spaß haben“. Es ist ein großartiges Album, aber das Album an dem sie jetzt grade arbeitet – wow! Das wird ein „größeres“ Album, aber immer noch experimentell, aber absichtlich etwas größer. Das letzte Album war einfach „Ich sag alles, was ich sagen möchte, ich mach alles so, wie ich es machen möchte, ihr könnt mir nix erzählen“. Das Nächste wird ein bisschen aufgeräumter und organisierter sein.

Ein bisschen zu eurer Zusammenarbeit – Läuft das reibungslos ab? Gibt es jemanden, der das Sagen hat, wenn es um kreative Prozesse geht?

Das läuft ziemlich locker, denn sie ist ein verdammtes Genie – sie ist besser als ich. Also kann ich ihr nicht all zuviel sagen, was zu tun ist. Aber eine Sache die sie tut, ist: Sie hört sehr genau zu. Und sie respektiert mein Meinung. Ich würde sie niemals in eine Richtung pushen wollen, die sie nicht machen will. Ich bin nicht ihr Boss, sie ist ihr eigener Boss und ich bin mein eigener Boss. Wir sind nicht voneinander abhängig und ich denke, das ist das Wichtigste. Dass wir beide unsere Leben leben. Sie wird nicht ankommen und mir erzählen, was ich nicht bei „No Commission“ machen soll und ich werde nicht zu ihr gehen und ihr erzählen, was sie nicht auf ihrem Album machen soll. Sie ist übrigens jetzt grade in London und arbeitet an Musik.

Ich habe damals konsequent nicht gesamplet und einfach das gemacht, wonach ich mich grad gefühlt habe.

Swizz Beatz

Im letzten Dezember gabs einige Aufruhe in den Medien, weil du auf Instagram ein paar Song-Snippets vorgestellt hast und gleichzeitig ein neues Album angekündigt hast.

Ja, ich bin schnell begeistert. Und dann auch schnell wieder nicht so begeistert. Aber jetzt grade bin ich begeistert, also..

Also gibt es durchaus Pläne für ein Album?

Ja, ich hab grad meinen Deal mit Epic zu ende gebracht. Ich glaube, darauf habe ich innerlich gewartet. Ich hatte immer Musik, aber ich wollte nicht einfach irgendwas zusammenstellen und rausbringen. Jetzt hab ich einen freien Kopf und kann Hits machen und Spaß haben und kann Sachen raushauen, anstatt ein komplettes Projekt zu begleiten. Dafür hab ich schlichtweg keine Zeit. Ich springe hin und her zwischen Musik und Unternehmen und vielen anderen Sachen. Ich bin eingespannt bei zahlreichen Firmen und anderen Dingen, die ich zu tun habe, außerhalb der Musik, die mir ebenfalls sehr wichtig sind. Aber jetzt habe ich ein Musik-Team, das sich Gedanken über die Musik machen kann.

Außerdem warst du im Studio mit Khalid. Kann man da bald Output erwarten?

Ja auf jeden Fall. Khalid ist verrückt, er hat einfach einen sehr guten Vibe.

Dann steht ab September noch die Ruff Ryders-Reunion-Tour an. Wie kam es dazu?

Es ist der 20. Geburtstag von Ruff Ryders und wir waren als Ruff Ryders noch nie außerhalb des Landes. Du hast Ruff Ryders also noch nie in Deutschland gesehen. Also dachten wir, wir lassen jetzt die Welt den Film sehen, von dem sie bisher nur den Trailer gesehen hat. (lacht)

Bisher wurden nur US-Dates veröffentlich. Das heißt, es wird also eine Welt-Tournee?

Ja, die US-Dates sind nur der erste Teil der Dates. Es gibt insgesamt fünf Teile, wir werden überall hingehen.

Ich muss Travis Scott unbedingt anrufen. Er ist die einzige Person, die noch auf dem Album fehlt.

Swizz Beatz