Sorry, aber Fler hat recht.

Heute endet Flers Bewährungszeit. Warum man so was überhaupt weiß? Nun ja, das Thema wurde in Interviews, Rapupdate-Kommentaren und ironischen Tweets von allen unmittelbar, peripher und überhaupt nicht Beteiligten dermaßen durchgekaut, dass es tatsächlich ein Thema geworden ist: Es gibt eine Facebook-Veranstaltung mit über 1.000 Zusagen, an anderer Stelle ist sogar vom Welt-Fler-Tag die Rede. Unser Autor Tristan Heming nahm dies zum Anlass, Flers Ansichten zu HipHop abseits von Häme, Ironie und Kritik zu untersuchen.

Fler ist sicherlich kein Professor. Vor allem, was er so zu politischen und gesellschaftlichen Themen zu sagen hat, sollte man nicht zu ernst nehmen. Aber Fler ist eben auch kein Politiker, kein Journalist und kein Soziologe: Fler ist Rapper. Sowohl was die Geschichte von amerikanischem und deutschem Rap angeht, als auch sein ästhetisches Gespür: Er schafft es als beinahe einziger deutscher Rapper von „höherem Status“ seit vielen Jahren, immer am Ami-Puls der Zeit zu bleiben, und dabei nicht einfach ungelenk und schlecht zu kopieren. Seine Analysen und Prognosen treffen oft zu, seine Kritik am deutschen Rap ist nie gegenstandslos. Warum das keiner so sieht? Weil man seine Aussagen dazu einmal wohlwollend behandeln müsste, und überlegen, wie sich das Ganze in krampfhaft positiv gestimmtes, diplomatisches Musikjournalistendeutsch übersetzen lässt. Das macht aber niemand, weil es viel einfacher ist, Fler als dummen, nationalistischen, selbstverliebten Proll abzustempeln, der sich längst fürs Ernstgenommenwerden disqualifiziert hat. Dabei gibt es viele gute Gründe, damit aufzuhören.

Fler geht es um die Identifikation mit HipHop als Kultur, der man sich zugehörig fühlt.

Fler ist das, was vielen Fußballfans in ihrem Sport inzwischen fehlt: Ein „echter Typ“, der ziemlich undiplomatisch und ohne Rücksicht auf Verluste sagt, was er denkt. Dass er mit seinem Realtalk über Rap dabei meist richtig liegt, und trotzdem nie jemand darauf hört, macht ihn natürlich wütend, was die Abstempelung als cholerischer Idiot nur noch verstärkt. Dabei ist es ganz schön elitär und ekelhaft, seine Aussagen dumm zu nennen, nur weil er redet wie ein Junge von der Straße.

Denn Fler streitet nicht argumentativ-rational, wie all die Mittelschichtskids das gelernt haben und auf der Uni perfektionieren. Er ist (auch wenn er das mittlerweile ja so oft gesagt hat, dass es fast lächerlich ist, es zu wiederholen) ein „Ghetto-Junge“, ein Unterschichtenkind. Und da gewinnt eben nicht der, der die besten Argumente hat. Oder der, der nachweisen kann, dass er im Recht ist. Sondern der, der rhetorisch am besten und lautesten dafür sorgen kann, dass die anderen ihm glauben. Oder zumindest auf seiner Seite stehen wollen, weil er der coolere Typ ist (im Studentendeutsch heißt das wohl „Charisma“). Wenn all das nicht zu einer Entscheidung führt, haut man sich notfalls auf die Fresse – alles Gründe, warum die schlauen Streberkinder meistens verloren und mit blutiger Lippe und unter dem Gelächter ihrer Freunde nach Hause rannten. Zum Petzen. (Glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung; Anm. d. Verf.). Nach diesen Regeln haben vernünftige Überlegungen und Argumente nur wenig Platz, und es ist gut, dass auf der Welt nicht nur nach ihnen gespielt wird. Denn sie sind primitiv. Aber: Nur, weil wir alle damals immer auf die Schnauze bekommen haben, ist das kein Grund, sich auf jeden Widerspruch zu stürzen, ihn zu entlarven, um dann überheblich über den Proll und seine lückenhafte Argumentation zu lachen. Denn wenn man das Experiment eingeht, sich mal wohlwollend mit den Inhalten hinter der irrationalen Fassade zu beschäftigen, merkt man: Fler weiß ziemlich gut, was in Rapdeutschland schief läuft, sagt es, und macht es selbst konsequent besser. Es hört nur keiner zu.

Als Beispiel ziehe ich mal sein wohl bekanntestes Interview heran: Das „epische Interview“ mit Niko bei „Backspin TV“. Flers Ausraster lassen sich auf zwei Arten erklären: Die meisten sagen, er sei nun endgültig verrückt geworden, was sich ja bereits seit Jahren abzeichne. Er redet seit Jahren gegen Wände an, streitet mit Leuten, die ihn nicht ernst nehmen, und sich nur auf seine Ausdrucksweise und seine gelegentlichen politischen Fauxpas konzentrieren. Dabei redet er zum größten Teil über Rap. Er wird konstant missachtet und von den „Hipster-Jorunalisten“ niederdiskutiert, die dann schlaue Artikel schreiben und belegen, wie viel schlauer sie sind als er. Kommen damit auch noch durch und fühlen sich wahnsinnig gut, gewitzter als der dumme Flizzy zu sein (Hallo, Jan Böhmermann!). Dass er da irgendwann ausrastet, war tatsächlich abzusehen. Wenn man sich vorher nie ernsthaft mit ihm beschäftigt hatte, mag es auch wirken, als sei er grundlos und plötzlich verrückt geworden.

Auch die Sachen, die er in besagtem Interview sagt, scheinen nicht ganz einzuleuchten: Rapper sind nicht real, wenn sie nicht sind, was sie rappen, und Realness ist wichtig für einen Rapper. Fler rappt übers Koksticken, hat es aber selbst nie gemacht. Also ist er genauso fake wie Kollegah. Und außerdem hat Fler ja auch ein Feature mit Money Boy gemacht – was ja wohl auch ein krasses Verbrechen gegen die Realness darstellt. Oder?

Stattdessen könnte man den Widerspruch aber auch einfach mal aushalten und überlegen, was das bedeuten kann. Flers Abneigung, und auch seine Reaktion jetzt, sind vor allem emotional: Es geht ihm nicht darum, dass man nur rappen dürfe, was 1 zu 1 aus dem eigenen Leben stammt. Ihm geht es vielmehr darum: Wertschätzung und Ernsthaftigkeit im Bezug auf Rap bzw. HipHop als Kultur. Und allen Leuten, die Fler für mangelnde Realness kritisiert, fehlt in seinen Augen vor allem das. Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder todernst die vier Elemente respektieren müsse oder es keine Witze über Rap und seine Absurditäten geben sollte. Es geht vielmehr um die Identifikation mit HipHop als Kultur, der man sich zugehörig fühlt. Money Boy, oder noch extremer Juicy Gay, machen sich natürlich über Rap lustig. Gleichzeitig triefen ihre Tracks aber vor Wissen über Rap und es wimmelt nur so vor Huldigungen an einflussreiche Artists. Der Witz und die Kritik kommen von innerhalb der Rap-Kultur selbst, nicht von außen, und können daher nicht überheblich und elitär wirken.

Das Problem ist die ironische Distanz zu HipHop an sich, durch die ein Kollegah über die Szene lacht, ohne dabei über sich selbst lachen zu müssen (Hello again, Jan Böhmermann!). Insofern rappt Kollegah niemals „das, was er ist“, auch, wenn er Realtalk betreibt wie auf seinem letzten Album-Intro: Weil Rap keine Kultur ist, die er durchdringt und fühlt, sondern vielmehr sein Instrument, um sich einen großen Scherz zu erlauben. Denn Rap kann man ja nicht ernst nehmen, Freunde!

Das schlägt sich in vielem nieder: Kollegahs immer ironische, distanzierte Aussagen über Rap an sich, sein Selbst-Outsourcing in den Fitness- und Entertainment-Markt und nicht zuletzt sein Kunstverständnis: Als die Interviews mehr wurden, musste er sich irgendwann auch mal positiv zu anderen Rappern äußern. Und welche bekommen da die Props? Natürlich die technisch versierten, schnellen, Reimsilben zählenden Leute, unter denen man nach mathematischen Formeln einen „objektiv Besten“ ermitteln kann. Das gilt natürlich auch für seine eigene Musik: Denn in diesem Kosmos will er der Beste sein, und setzt das mit „bester Rapper“ gleich. Was natürlich Unsinn ist: Die Silbenzähl-Musik war genau so ein Trend wie vieles davor und ist inzwischen fürchterlich langweilig geworden (wenn die Massenproduktionen a la Banger Musik nicht sogar für die nächste platzende Deutschrap-Blase verantwortlich sein sollten). Im Rap geht es um viel mehr. Es geht um etwas Ungreifbares, genau wie in jeder anderen Kunstform auch: Einen guten Riecher dafür, was cool ist und eine musikalische Weiterentwicklung darstellt (Studentendeutsch: ästhetisches Gespür). Kollegah und Co. sind zwar kommerziell erfolgreich und tragen dazu bei, Rap im Mainstream zu platzieren. Sie schaden aber gleichzeitig der Szene, weil sie in eben diesem Mainstream zeigen, dass sie Rap nicht ernst nehmen – und das geht Fler ganz offensichtlich auf den Sack.

Flers Beef mit Kollegah kann nicht gelöst werden, weil sein Kontrahent und der Rest der Welt ihn für einen kindischen, dummen Streit halten. Für Fler ist es aber viel mehr.

Dabei ist das hier kein Kollegah-Verriss, es zeigt einfach: Flers Beef mit Kollegah kann nicht gelöst werden, weil sein Kontrahent und der Rest der Welt ihn für einen kindischen, dummen Streit halten. Für Fler ist es aber viel mehr: Kollegah ist die Rapper gewordene Ausgeburt von allem, was ihn am heute erfolgreichen Deutschrap stört. Er ist ein Streber-Rapper, der versucht, über rationale Argumentation seinen Rap zum Besten zu erklären, und die Streber-Mainstream-Armee glaubt ihm. Dabei ist es dringend notwendig, dass Deutschrap sich endlich und ein für alle Mal den Rektalstock entfernt, der bei allen Stilwechseln, neuen „jungen Wilden“ und New Eras immer fest an Ort und Stelle blieb. Ein neuer Trend kommt, ist „besser“ als der alte. Was folgt, nenne ich den Alman-Algorithmus: eine endlose Reihe seelenloser Kopien und nach den neuen Maßstäben „verbesserter“ Musik. Aber: Es gibt keinen „besten Rap“, mit Schulnoten kommt hier keiner weiter. Das ist der Punkt, an dem man anfangen sollte, Fler ernst zu nehmen und sich seinen Maßstäben zu fügen: Es ist Zeit, Rap endlich emotional zu hören. Es gibt keinen besten Rapper, es gibt höchstens Lieblingsrapper (no Siggi & Harry): eben die Musik, die einen selbst gerade am meisten turnt.

Es ist scheißegal, wer den krassesten Reim hat. Es war zu Aggro-Zeiten auch egal, wer der härteste Rapper war. Und erst Recht ist es schon immer egal, wer auf die 1 geht. Mit objektiven Kriterien kommt man nicht weiter. Fler ist vor allem eine Chance, endlich mal wieder auf einen impulsiveren, emotionaleren Film zurückzukommen, in dem nicht lange diskutiert, sondern eine Ansage gemacht wird. Vor allem musikalisch kann Deutschrap so einen Arschtritt oft sehr gut gebrauchen, und Fler tritt seit 15 Jahren immer wieder.

Fler hat deutschen Streetrap nicht nur mit erfunden („Carlo Cokxxx Nutten“, 2002, keine Diskussion). Fler lebt Straßenrap. Also wundert euch nicht, dass er ein Proll ist. Bei Hafti fanden es ja auch alle heimlich geil, während sie ihn auf ihren Studentenpartys pseudo-ironisch gefeiert haben. Dann lebt bitte damit, dass der Proll auch mal unangenehm wird, wenn ihm keiner zuhört. Rap kommt eben nicht aus der akademischen Schicht und wurde nicht im diplomatischen Mathelabor erfunden, also erwartet nicht, dass Rap sich so verhält. Nehmt ihn auch mal ernst, wenn er sich verhält wie die pöbelnden Ghettokids in der U-Bahn. Nicht nur, dass diese Leute den Scheiß erfunden haben und ihr mal ein bisschen dankbar sein könntet: Fler ist manchmal ein bunter Vogel, ein extravagantes Outfit, das bei einer Modenschau über den Laufsteg getragen und belächelt wird. Trotzdem beeinflusst er die Styles der kommenden Jahre immer wieder nachhaltig und weiß, was wann wohin passt. Fler ist für Rap gerade vielleicht viel wichtiger, als ihr alle denkt: Er könnte unsere Musik vor dem Zerriebenwerden zwischen kommerzieller Ausschlachtung und Silbenzähler-Monotonie bewahren, indem er immer wieder neue Impulse setzt.

Es bleibt die Frage: Wie kommt man dazu, Fler ernst zu nehmen, und so einen Text zu schreiben? Ganz einfach: Auch in seinen anderen Interviewaussagen im Bezug auf Musik sagt er zu viele richtige Sachen, als das man hier vom blinden Huhn und dem Korn sprechen könnte. Der Sound deutscher Rap-Alben ist tatsächlich im Schnitt viel flacher und unspannender als es bei Ami-Alben mit ähnlichen Beats der Fall ist. Flers Alben bilden tatsächlich eine der wenigen Ausnahmen. Live-Sound bei deutschen Rap-Shows ist wirklich häufig aus dem Grund schlecht, weil die Mischer fast ausschließlich Rockmusik mischen und nicht wissen, wie Rap live funktioniert. Und deutsche Rapper müssen wirklich besser lernen, richtig auf Trap zu flowen und nicht einfach ihre Boombap-Lyrics langsamer vorzutragen. Die Liste ließe sich stundenlang fortführen.

Also: Wenn ihr das nächste Mal im Club zu „Nie wieder“ von Nimo abgeht und euch freut, dass Trap endlich rough ist und nicht mehr nur aus der Mittelschicht kommt: Denkt ausnahmsweise mal daran, dass Fler schon vor über fünf Jahren Straßen-Trap gemacht hat. Und behauptet nie wieder, Fler wäre irrelevant, denn das ist er kein bisschen. Realtalk.

P.S.: Ja, Jan Böhmermann ist jetzt in anderer Hinsicht ein ganz wichtiger Typ geworden und so. Seine Rap-Parodien und sein Fler-Mobbing waren trotzdem stark unangenehm und lachhaft.

P.P.S.: Ja, Kollegah hat auch nice Tracks gemacht und hat sicherlich auch Liebe für Rap. Trotzdem gelten die o.g. Punkte.