Sookee: „Ich scheiß auf alle, die plump abhaten.“

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Bei kaum einer Person der Deutschrap-Öffentlichkeit vermischen sich Rap als reine Kunstform und Rap als Medium für politischen Aktivismus so extrem, wie bei Sookee. Für die Berlinerin ist es nur logisch und konsequent, ihre Herzensangelegenheiten in Rap-Form verpacken – und damit zwei Leidenschaften zu vereinen. Jonathan Nixdorff sprach mit ihr über das am Freitag erschienene Album „Mortem & Makeup“ und noch viel mehr über eine Subkultur, in der man Stimmen, wie der ihren, oft gar nicht erst zuhören will.

Ich habe gelesen, dass du über Graffiti zum ersten Mal mit HipHop in Berührung gekommen bist.

Ja, genau. Das war kein besonderes Glanzlicht in meiner Biografie. (lacht) Das war auch eher so eine Umgebungsfrage, obwohl ich diese Adrenalin-Nummer daran gar nicht so sehr feiere. Mir war das alles immer ein bisschen zu aufregend. Dass man übers Yard gesteppt ist und es im Faustkampf mit der verfeindeten Crew geendet ist – die ganze Nummer war nicht meins. Ich war deswegen eher so die Stift- und Blackbook-Person. Über Graffiti habe ich dann festgestellt, dass es dieses kulturelle Ding namens HipHop gibt und dass man sich darüber artikulieren kann. Ich Rap spannend, weil es einfach aus dem Nichts entstehen kann. Da habe ich tatsächlich noch den gründungsromantischen Zug in mir: HipHop und den dazugehörigen Wertekatalog schön zu finden.

Du bist Anfang der 2000er in die Szene hineingerutscht und hast angefangen, Rap zu machen. Gerade in Berlin war das eine Phase, in der es sehr viele explizite und sexistische Songs gab. Wie hast du das wahrgenommen?

Das war tatsächlich Teil meiner jugendlichen Rebellion. Ich hatte diesen Sexismus selbst verinnerlicht, auch wenn ich ihn gleichzeitig scheiße fand. Ich hatte eher den Reflex, nach unten zu treten – mich irgendwie auf der sicheren Seite zu wissen. Aber das war natürlich auch nur eine Illusion, denn ich war ja trotzdem immer noch eine Frau. Dieser Spagat ist für mich immer krasser geworden und irgendwann konnte ich gar nicht mehr laufen. Da ist mir klar geworden, dass ich das nicht mehr mittragen will und dass ich mich nicht an einem System beteiligen will, das mir nicht gut tut. Da gab es ein paar Erweckungsmomente, die mich zum Umdenken gebracht haben. Es gibt auch ganz alte Tracks, auf denen ich unsägliches Zeug erzähle. Mich hat der vermeintliche Mut fasziniert, so krasse Sachen zu sagen. Ich sag immer noch krasse Sachen, aber eben andere krasse Sachen. Eine Provokation ist ja per se nichts schlechtes. Die Frage ist aber immer: auf wessen Kosten? Satire und so, alles schön und gut, muss es geben, aber Satire ist nicht gleich Satire. Das war ein krasser Kampf mit mir selber, mir bewusst zu machen, was ich da mittrage und da wieder rauszukommen, um wieder bei Null anzufangen. Aber es war die richtige Entscheidung und ich bin ja nicht die Einzige, die diese Entwicklung durchgemacht hat. Es gibt ganz viele Leute, die irgendwann feststellen: „Ok, wir habe jetzt alle mal über ein paar Fäkalwitze gelacht und ein paar Löcher gefickt. Ist aber auch gut jetzt.“ Für mich gibt es einfach Anderes zu beobachten und zu erzählen, als das eigene Ego, das Koks und die Nutten um einen herum.

Damals haben viele Rap-Hörer und auch -Journalisten solche extremen Songs als reine Satire und Provokation ausgemacht. Ob es wirklich nur humoristisch oder doch ziemlich ernst gemeint war, zeigt sich oft erst viel später. Dass Savas beispielsweise tatsächlich ein Problem mit Schwulen hat, wird ja erst seit wenigen Jahren wahrgenommen und thematisiert.

Ich berufe mich gerne auf die Leute, die ihre alten Sachen kritisch sehen und sich neu aufgestellt haben. Jemand wie Megaloh ist da ein wirklich tolles Beispiel. Ich habe auch riesigen Respekt davor, sich an der Stelle im besten Sinne gerade zu machen. Das finde ich schon schön und das lässt mich auch weiter dran bleiben. Auch wenn es für manche Leute schwer zu ertragen ist, dass ich da mitmische. (lacht) Aber es ist halt so. Wenn das Argument „Der Erfolg gibt einem Recht“ bei anderen Leuten gelten darf, dann auch bei mir: Ich verkauf das SO36 jedes mal aus.

Fühlst du dich denn als Teil dieser „Deutschrap-Szene“?

Ich will dieser Szene gar nicht die Macht geben, der Maßstab zu sein. Ich freue mich natürlich über alle, die Bock haben irgendwie nochmal genau hinzuhören. Ich scheiß auf alle, die plump abhaten. Wenn jemand meint darauf Zeit verschwenden will, mich kacke zu finden , dann ist mir das egal, ich bestell mir eine Pizza in der Zwischenzeit. Ich sehe halt eher diejenigen, die wieder zu HipHop gefunden haben und sich eingeladen fühlen. Ich sehe halt 80% Frauenanteil auf einem Sookee-Konzert – den hast du bei anderen Leuten nicht. Ich finde es einfach schön, neue Räume aufzumachen, anstatt auf Teufel komm raus zu versuchen, irgendwo Anerkennung zu kriegen. Aber Grim ist nicht von Ungefähr auf der Platte und ich hab den nicht dafür bezahlt. (lacht) Ich habe ihn ganz klassisch gefragt und er hat ganz klassisch „Ja“ gesagt.

Für mich gibt es einfach Anderes zu beobachten und zu erzählen, als das eigene Ego, das Koks und die Nutten um einen herum.

Sookee

Kannst du dir erklären, warum deine Musik oft so krasse Abwehrreflexe innerhalb der Szene hervorruft?

Weil es immer schwierig ist, wenn man sich selbst in Frage stellen muss. Alle sind froh, ihr sicheres Plätzchen zu haben, alle wollen ihre Schäfchen ins Trockene. Keiner will ständig mit Irritation dealen müssen, keiner will sich ständig auf Neues einstellen. Wir sind alle froh, wenn unsere Daueraufträge eingerichtet sind, der Job safe ist, die Beziehung läuft und man endlich weiß, wie die Waschmaschine funktioniert. Sicherheit ist den Menschen ein Anliegen. Wenn dann Leute kommen, und sagen „Ey, alles schön und gut, aber wie wär’s mal damit? Ich seh‘ das nämlich so.“ gibt’s natürlich erstmal große Empörung – egal aus welcher Ecke das kommt. Dabei geht’s mir erstmal einfach darum, dass Leute einfach ihr Ding machen können. Ich finde es nach wie vor nicht legitim „schwul“ als Schimpfort zu benutzen. Wenn du Scheiße meinst, dann sag halt Scheiße oder eines von den anderen zwölftausend Synonymen für Scheiße. Aber sei so gut und sag nicht schwul. Denn die Person, die schwul ist, hat genügend andere Sorgen – die braucht nicht auch noch dich und deine nicht so gemeinte Punchline. Ich finde, niemand bricht sich ’nen Zacken aus der Krone, wenn er ein bisschen nach links und rechts schaut. Man sollte nur einen Funken Empathie aufbringen: Wie halten es andere Leute aus? Wie leben andere Leute damit?

Die Frage ist, wie man Leute mit anderen Einstellungen erreicht, ohne arrogant und belehrend zu wirken. Auf „Für immer“ thematisierst du diesen klassischen Konflikt aus der Linken.

Ich glaube, dass der Kontext immer viel ausmacht. Man muss man dann schon ein bisschen differenzieren und erfühlen, mit wem man es da zu tun hat. Deshalb finde ich es auch immer schwierig von „den“ Jugendlichen oder von „den“ Rappern zu sprechen. Es gibt eine Komplexität, die eine Differenzierung notwendig macht. Deswegen gibt es in einem linken Kontext auch nicht die Antideutschen oder den Feminismus. Daraus sollte tatsächlich so etwas, wie ein Dialog entstehen. Ich glaube, dass Zuhören eine große Kunst ist, die wir alle aus Zeitmangel uns kaum noch zutrauen, weil wir eigentlich nur unseren eigenen Punkt klarstellen wollen. Deshalb ist es wichtig, ein bisschen reinzuhören, was einem eigentlich gesagt wird und ob da vielleicht doch was Wahres dran ist. Alle haben eine Meinung an einem bestimmten Punkt im Laufe des Lebens verändert, in welcher Hinsicht auch immer. Ich finde es wichtig, Prinzipien zu haben, aber ich finde es falsch, anderen Leuten mit einem Dogma zu begegnen.

Darin liegt aber auch eine Schwierigkeit: Wie viel will man sich selbst zumuten, wenn man Teil einer diskriminierten Gruppe ist?

Das passiert aber von selbst, dafür muss ich ja nur auf die Straße gehen. Da wird man sowieso mit Sexismus konfrontiert, auch wenn es nur ein dummes Werbeplakat ist. Du hast aber recht. Für mich ist immer der Punkt, dass sich das nicht mit einem Schema abarbeiten lässt. Ich muss erspüren, ob mein Gegenüber Interesse an einer Diskussion hat – oder ob er nur seinen Punkt klarstellen will und sich dann wieder verpisst. Und wenn ich ein gutes Gefühl habe, dann nehme ich mir auch Zeit für das Gespräch. Dann setzte ich mich auch mit jemanden zusammen, mit dem ich das eigentlich nicht machen würde. Was wiederum nicht heißt, dass ich es gut finde, dass AfD-Leute dauernd in Talk-Shows sitzen müssen. Ich finde es okay mit der besorgten Bürgerin über den Gartenzaun zu diskutieren, ich finde es aber nicht okay, Alexander Gauland durch alle öffentlichen Kanäle zu jagen. Eine Demokratie muss nicht alles ertragen, was sie selbst an einem bestimmten Punkt gefährdet. Meine Gutmenschlichkeit muss nicht alles ertragen, bis das Gute in mir irgendwann niederbrennt. Ich muss mich nicht vergiften lassen. Aber wenn ich gewappnet bin, mich safe fühle und mir klar ist, was ich will, dann kann ich dem auch begegnen. Wie gesagt, mit einem 14-jährigen, nach rechts offenen Jugendlichen würde ich natürlich diskutieren, an Udo Pastörs werde ich meine Zeit nicht verschwenden. Weil ich weiß beim einen ist noch Raum und beim anderen Typ macht es keinen Sinn, das würde ich eh nicht schaffen und das ist nicht meine Aufgabe.

Dein Aktivismus ist viel auf Konfrontation ausgelegt, damit machst du dich auch selbst zur Zielscheibe. Seit deinem letzten Album sind über zwei Jahre vergangen. Brauchtest du eine Pause, um mit deinen Themen wieder mit voller Kraft rauszugehen?

Ja, klar. Ich bin oft über meine eigenen Grenzen hinausgegangen. Und du kannst immer noch ein Soli-Konzert spielen – und dann noch eines. Das ist schon viel. Gerade, weil die einen ja nicht wissen, was mich die anderen gefragt haben. Ich könnte jeden Tag Postings für irgendwelche Soli-Veranstaltungen machen. Und das mache ich auch gerne und immer wieder, aber man muss halt ein bisschen sortieren und ich muss auch mit meiner eigenen Kraft haushalten. Es gab in meiner Familie ein paar krasse Umstände, die mich pausieren lassen haben. Ich hatte mit dem Tod zu tun und ich bin Mutter geworden in der Zwischenzeit – und der Tag hat weiterhin nur 24 Stunden. Ich habe auch einfach viel auf rein politischer Ebene gemacht, was auch unheimlich zeitintensiv ist. Es ist nicht so, dass ich zwei Jahre geschlafen habe und jetzt wieder aufstehe. Aber es war schon ein Sortieren und eine Regeneration, aber gleichzeitig auch eine Verausgabung. Letztendlich hatte ich dann doch wieder Bock auf die Platte. Dazu habe ich mir eine neue Umgebung geschaffen und ein paar Sachen strukturell verändert.

Alles, was sich theoretisch anfühlt, und an den Stellen, an denen ich gemerkt habe, es geht mir gerade nur um mein akademisches Ego, habe ich weggefegt.

Sookee

Wann war dieser Punkt, an dem du wieder Lust hattest, neu anzufangen?

Es gab viele Menschen, die den „Vorläufigen Abschiedsbrief“ sehr ernst genommen haben und das „vorläufig“ nicht stark genug gelesen haben. Und ich wusste selbst nicht, wie stark ich die Schnauze voll habe oder ob ich mich nochmal ran traue. Es sind dann tatsächlich auch ein Haufen Mails gekommen, von Leuten, die meinte, dass ich alles machen solle – nur nicht aufhören. Das rührt einen schon, zu sehen, dass sich Leute mit deiner Musik identifizieren. Das hat mich überzeugt.

Ich hatte das Gefühl, dass du mit der neuen Label- und Booking-Struktur, aber auch auf den Sound der Platte bezogen, das Projekt Sookee viel größer denkst, als noch in den Jahren zuvor. Wo willst du mit deiner Musik hin? Zu Rock am Ring?

Ja, Rock am Ring, das wär’s. (lacht) Und ich traue mir das mittlerweile zu. Ich weiß jetzt auch, dass mir Profis das zutrauen würden, weil es die Struktur hergibt. Ich finde es auch selbst toll, wenn ich mich an Künstlern orientieren kann, mich inspiriert das und ich finde das spannend. Ich will damit nicht sagen, dass ich jetzt dieses Vorbild bin für alle, ich bin auch ein krasser Idiot zugleich und verkacke auch viel. Aber ich will einfach während meiner kleinen, lustigen Lebenszeit einen Beitrag leisten und das traue ich mir gerade zu. Gleichzeitig sehe ich, dass auch Leute nachgewachsen sind, die ähnliche Wege gehen, wie ich. Das heißt, wenn ich von einer Talk-Show in die nächste gehe, kann ich immer zehn Namen vorschlagen für die nächste Sendung. Ich sehe das, was ich mache ein bisschen als Pionier-Arbeit ist – aber im Kollektiv.

Auch textlich bist ein bisschen zugänglicher geworden. Du wolltest nicht mehr die Sozialwissenschaftlerin sein, die verklausulierte Rap-Texte schreibt, stattdessen hast du sehr viel mehr auf Storytelling gesetzt. Warum?

Genau, das war der erste Hebel. Aber ich habe auch bewusst auf bestimmte Begriffe verzichtet – ganz klar. Alles, was sich theoretisch anfühlt, und an den Stellen, an denen ich gemerkt habe, es geht mir gerade nur um mein akademisches Ego, habe ich weggefegt. Ich versuche meine Themen jetzt mit Geschichten greifbarer zu machen. Das hat tatsächlich etwas von einer Kampagne.

Du bleibst also Aktivistin und Rapperin zugleich?

Ja, genau, das ist los!