„Mich hat es immer gereizt, etwas zu tun, das verpönt ist.“ – Sepalot im Interview

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Die offizielle Trennung seiner Band Blumentopf hat Sepalot keineswegs in eine musikalische Krise gestürzt. Schon vor Jahren hat Sebastian Weiss begonnen, sich mit einem eklektischen Produktionsstil aus fluffigem Dancefloor-Anleihen und detailverliebtem Acid-Hop frühzeitig vom klassischen Crate-Digger-Bumm-Tschakk weiterzuentwickeln. Egal ob unter dem Namen Fracture mit dem Detroiter J.Dilla-Zögling Frank Nitt, als Produzent für den Singer/Songwriter Jesper Munk oder mit seinem heimlichen Feature-Hit mit Ladi6 „Go Get It„, der es sogar bis ins us-amerikanische Fernsehen gebracht hat – Sepalots musikalischer Anspruch war immer schon auch jenseits des Daseins eines Instrumental-Lieferanten für Rap-Songs fixiert. Anlässlich seines heute erscheinenden Albums „Hide &“ führten wir ein Gespräch mit dem Münchner über 80er, Snare-Aufschläge und Pseudo-Funk.

Du hast Dance, instrumentalen HipHop, natürlich die Blumentopf-Alben und auch Rock-Alben mit Jesper Munk produziert. Wie erklärst du einem typischen splash!-Besucher die musikalische Verbindung zwischen diesen Genres?

Also, erstmal wird die Bezeichnung „Rock“ ihm glaube ich nicht ganz gerecht. Jesper hat einen Blues-Background, das ist eher so Stoner-Rock mit Blues-Einflüssen. Aber das ist schon eine gute Frage! Die Verbindung ist wohl mit zwei Säulen zu erklären: einmal arbeite ich wahnsinnig gerne mit anderen Musikern zusammen. Zum Beispiel, das klassische Produzieren einer Band oder einzelner Künstler. Es macht mir wahnsinnig viel Freude, eine Vision zu teilen – also, dass man sagt: „Ich glaube, du musst da hin, das steht dir am Besten! Ich kann dir helfen, da hinzukommen.“ Das ist die eine Geschichte, wenn ich für andere Leute was mache. Auf der anderen Seite, bewege ich mich sehr frei, wenn ich mich Musik alleine mache. Du hast das jetzt mit „Dance“ bezeichnet, aber ich glaube das trifft es überhaupt nicht. Das ist aber lustig, es kommt immer auf diesen Blickwinkel an. Ich sitze da zwischen mehreren Stühlen. Mir kommt es auch mittlerweile so vor, dass sich in den letzten Jahren sehr viele in diesen Bereich zwischen den Stühlen hingesetzt haben. Das ist dann letztendlich irgend ein Graubereich zwischen Instrumental-HipHop, natürlich auch Faszination für rein elektronische Musik und dann aber auch richtige Songs, also klassisches Songwriting Sachen. Das schmilzt dann alles zusammen. Auch diese Liebe zu Samples und Soundpa??2.28??. Ich bin wahnsinnig verliebt in Sounddesign. Meine Platte ist da dann irgendwie eine Melange. Also von der HipHop-Seite aus, ist es wahnsinnig elektronisch und von elektronischer Seite aus ist es wahnsinnig HipHop. Das kommt immer darauf an, von welche Seite man sich das anschaut.

Du hast gerade schon gesagt, du dich auch mit Sounddesign beschäftigst.

Also, ich mag es nicht Software-Synthies von Grund auf zu programmieren. Aber ich arbeite mit Pattina. Damit meine ich, dass ich oft irgendwelche Schnipsel von irgendwelche Platten nehme und daraus was baue.

So DJ Shadow-mäßig, dass du dir die Luft eines Snare-Aufschlags sampelst?

Ich weiß nicht, wie er arbeitet, aber schon ungefähr so. Ich habe auch richtig Gitarren-Amps im Studio nehme ich darüber Sachen nochmal auf beispielsweise. Klar, ich komm von der Produktion und das schlägt sich auch in meinem Gehör nieder. Wobei ich jetzt gerade wieder mehr im Songwriting stecke– das kommt wahrscheinlich auch davon, dass ich als Produzent wieder mehr mit Bands arbeite, ich war jetzt auch gerade bei den Beatsteaks. Das macht mir einfach wahnsinnig Spaß. Man merkt, ob ein Song als solcher wirklich cool ist, wenn man mal das ganze Produktions-Gedönse außenrum wegstreicht. Wenn du ihn zum Beispiel nur auf dem Klavier spielst und da überprüfst, ob die Melodie oder Akkorde so auch ihre Wirkung erzielen. Die Frage ist da: Funktioniert es nur, wegen der geilen Snare und dem guten Sub-Bass oder weil es eben ein guter Song ist?

Du arbeitest auch auf deinem neuen Album viel mit Samples oder arrangierst deine Songs zumindest so, dass sie klingen, als würden sie Samples enthalten. Wie diggst du eigentlich heute?

Ich habe eigentlich nicht viel gesamplet auf dem Album, obwohl es vielleicht so klingt. Aber ich will, dass es so loopig klingt. Ich mag diese Moasik-Ästhetik, die man durch Sampling bekommt. Das Meiste stammt aber schon von mir – ich hatte aber nie eine richtige Musikausbildung, sondern bin Autodidakt. Ich hatte eine zeitlang ein bisschen Klavierunterricht, aber habe erst vor Kurzem wieder begonnen, mich damit vermehrt zu beschäftigen. Zum Beispiel, als ich die Live-Version von „Hard Rain“ von der ersten Single gemacht habe. Da spiele ich Rhodes, habe aber auch den Plattenspiele auf dem Instrument stehen. Daduch habe ich erst wieder den Reiz darin für mich entdeckt. Aber es braucht noch viel Übung.

Du hast 2007 einen Track auf dem Rush-Hour-Sampler „Beat Dimensions Vol.1“ platziert, auf dem auch Songs von Hudson Mohawke, Samiyam und Flying Lotus enthalten waren – also, alles Künstler, die ebenfalls ihre musikalisches Verständnis aus Hiphop-Produktionen heraus entwickelt haben.

Ja, mich hat das damals schon total interessiert! Das hat ja mit dieser Compilation auch so ein bisschen angefangen, dass sich die Produzenten emanzipiert haben von den Rappern. Man machte plötzlich nicht mehr 500 Beats, schickte die an irgendwelche Rapper und war froh, wenn mal jemand drüber stammelt. Das war eine anderer Mind State „Der Song ist fertig, so wie er ist – ohne Vocals.“ Das hat mich voll fasziniert. Es war aber auch diese freie Herangehensweise, dass man nicht bei den 90 BPM hängen bleibt – das Spielfeld war plötzlich so groß. Es war voll die Offenbarung, zu sehen, dass andere auch so denken.Diese Compilation war so ein bisschen auch eine Keimzelle, aus der viele in total verschiedene Richtungen gegangen sind. In der einen Ecke geht’s bis zu Trap rüber, in der anderen Ecke ist ein Flume, in der anderen ist dann Fly Lo oder ein Kaytranada. Dieser Bereich zwischen den Stühlen, von dem ich gerade sprach, hat da irgendwie angefangen.

Du hast in einem Interview gesagt, dass du kaum Musik aus den 1980ern Jahren hörst. Diese sind allerdings in heutigen Pop-Produktionen sehr stark vertreten. Liegt deine Abneigung vielleicht daran, dass die 1980er als Samplequelle unter HipHoppern lange als rotes Tuch galten?

Das kann ich jetzt gar nicht mit Ja oder Nein beantworten. Man möchte ja immer wahnsinnig frei sein, aber wenn man ganz ehrlich ist, sind irgendwo immer Grenzen, die vielleicht gar nicht existieren, aber man denkt die sind da. Prinzipiell hat es mich eher immer gereizt, etwas zu tun, das verpönt ist – etwas, das man nicht darf. Das Tolle an Musik und Kunst ist ja, dass es eigentlich kein „richtig“ und „falsch“ gibt. Die interessantesten Künstler sind meistens die, die Regeln total brechen. Es ist sicherlich sinnvoll, die Regeln vorher zu kennen, um sie richtig gut brechen zu können und, dass es nicht nur so ein Zufallsprodukt ist. Aber ich habe zum Beispiel 70s-Schlager-Platten aus Deutschland und der DDR gesammelt und gesampelt, das war mal so ein Sport über ein paar Jahre. Da sind natürlich ganz viele Platten dabei, auf denen wirklich nur ein Song erträglich ist, weil er irgendwie einen geilen Drum-Groove hat und das so Pseudo-Funk-mässig klingt. Das hat mich irgendwie fasziniert: etwas zu finden in einem Plattenfach, um den man sonst einen Bogen gemacht.

Die interessantesten Künstler sind meistens die, die Regeln total brechen.

Sepalot

Wie entsteht ein Beat bei dir?

Es ist unterschiedlich, ich habe Hardware bei mir im Studio stehen – ein Live-Drum-Kit, ein Rhodes, ein paar Synthies, Gitarren und Amps. Aber eigentlich fange ich oft am Rechner an und baue ein Grundgerüst. Irgendwelche Akkordfolgen, irgendein Schlagzeug-Pattern. Das Drum-Pattern entsteht oft aus Micro-Samples, das ich vielleicht in einem einen humpeligen 1/8-Loop von einem Percussion-Part nehme. Darauf baue ich dann Rest auf. Eigentlich gibt es keinen Weg, den ich immer gehe. Es fängt meistens so an, dass ich mich an den Sequenzer setzte und Sachen mache. Dann füge ich Out-Board-Equipment hinzu – also, die Gitarre und ein Klavier und so. Wichtig bei diesem Instrumental-Genre ist ja, dass man nicht nur Beats macht, über die niemand rappt, sondern wirklich Instrumetal-Musik. Also, wo man auch wirklich nicht das Gefühlt hat, da fehlt was. Das ist ein großes Manko vieler Talente – weltweit und in Deutschland. Diese ganzen Beat-Maker, die es immer noch so arrangieren wie ein Rap-Song und lassen auch musikalisch Platz für Stimmen. Ich finde es aber erst dann spannend, wenn man diesen Platz ausfüllt und daraus wirklich ein Instrumental macht. Das Tolle ist auch, dass man dann frei ist. Man muss nicht in diesem Arrangement-Schema bleiben, mit Intro, Strophe, Hook und so weiter. Instrumental-Musik wird erst spannend, wenn die Beatmaker, den Platz komplett ausfüllen und rum spielen.

Don Phillipe hat mir in einem Interview letztens erzählt, dass man bei einer klassischen Song-Komposition, also ohne Samples, häufig Progressions spielt, die bereits verwendet wurden. Wie umgehst du persönlich die Falle, dich selbst zu langweilen?

Das versteh ich voll! Ich habe oft ein Mini-Sample als Keimzelle. Das kann alles mögliche sein – von einem Adlib sein oder ein Sound, den ich geil finde. Dann fängt man an rumzuspielen. Der erste Punkt ist ein Sound oder eine Inspiration, die von außen kommt. Also, dass man nicht ganz vom weißen Blatt Papier anfängt und die Möglichkeit besteht, dass man auf immer die selben Bahnen kommt, sondern, dass man gleich irgendetwas hat, das einen aus der Komfortzone holt – dann entsteht, zumindest gefühlt, etwas Neues.

Hängt es vielleicht auch damit zusammen, dass du keine ganz klassische Musikausbildung hinter dir hast? Dass du dieses Schemata leichter brechen kannst, weil du diese Gesetzmäßigkeiten gar nicht so richtig auf dem Schirm hast?

Ja, das kann gut sein. Ich bin an allen Instrumenten ein kleiner Dilettant (lacht). Ich kann nicht so gut Klavier oder Gitarre spielen, dass ich mich auf die Bühne stellen und Songs spielen kann. Aber ich kann halt ein bisschen rumdudeln. Das reicht mir aber auch vollkommen aus, um Songs damit zu schreiben. Für mich sind diese Instrumente so neu, dass ich gar nicht Gefahr laufe in irgendwelche Bahnen zu rutschen, weil ich die ja gar nicht im Repertoir habe.

Wie kommt man eigentlich als HipHop-Producer, an Leute wie Beatsteaks oder Jesper Munk zum Beispiel?

Die Beatsteaks haben mich einfach kontaktiert, weil die meine Alben kannten, Jesper war Gast auf einem meiner Alben und wir haben dann auch etwas für sein Album gemacht. Ich bin jetzt nicht der Typ, der die Leute anruft: „Ich habe da einen geilen Beat, soll ich den mal schicken?“ Das habe ich nie gemacht. Ich bekomme aber ab und zu solche Anfragen, meist aus der HipHop-Ecke, ob ich mal ein Beat-Paket schicken könnte. Ich habe keine 100 Beats auf Lager, die nur rumliegen. Auf Halde zu produzieren, es würde mich frustrieren, so zu arbeiten. Ich mache zwar Layouts und bereite Dinge sozusagen vor, aber die sind so rough und in so einem Anfangsstadium, dass ich die gar nicht rausgeben will. Die mache ich für mich, um sie dann Wochen oder Monate später wieder aufzugreifen und daran weiter zu arbeiten. Ich will auch einfach wissen für wen der Beat ist, was er genau damit machen will und so weiter. Dann kann ich es auch auf die Leute zuschneiden, das macht mir Freude.

Wie gehst du mit kreativen Löchern um?

Ich versuche es zu akzeptieren, es gehört einfach dazu. Man kann es ja auch nicht erzwingen. Aber man kann so „Dehnübungen“ machen. Sprich, den Druck und die Zielsetzung rauszunehmen – einfach machen. Regelmäßigkeit ist auch wichtig, mir hilft das total. Es ist viel besser, wenn ich jeden Tag mich eine halbe Stunde hinsetzte und versuche, kreativ etwas zu machen – also in diesen Phasen, wo einen nichts einfällt. Mir hilft diese Kontinuität, weil es dann auch unbefangener ist. Ideen und Inspiration fliegen einem ja nicht zu, wenn man auf der Couch sitzt. Das entsteht meistens per Zufall oder Unfall (lacht). Man macht irgendwas, will irgendwo hin und merkt, dass der Loop voll geil ist. Dann schmeißt man alles andere weg und macht da weiter. Das kann man forcieren, indem man sich locker ohne großees Vorhaben an den Rechner oder an ein Instrument setzt und vor sich hinproduziert. Dann kann etwas entstehen, das aus auch größer wird.

Ich habe keine 100 Beats,die nur rumliegen. Es würde mich frustrieren, so zu arbeiten.

Sepalot

Du legst auf und warst von Anfang an aber auch Produzent. Als was nimmst du dich in erster Linie eigentlich wahr?

Ich bin eher der Produzent, der auch auflegt. Es gehört auch irgendwo zusammen: Musik zu machen, Musik zu hören und Musik zu präsentieren, was letztendlich Auflegen ja ist. Aber ich habe mich beim Auflegen schon immer schwer getan, sozusagen nur auf „Ich spiele nur das, wo die krasseste Party abgeht“. Da war ich immer schon eher ein Querulant. (lacht) Das bin ich auch immer noch. Ich bin da vielleicht eher einen Tick zu kompliziert manchmal, aber nach jahrelangem Hadern, gehört es für mich mittlerweile auch dazu. Ganz früher war ich oft so: „Soll ich jetzt? Nein, ich spiel nicht nochmal „Full Clip„!“ (Gelächter) Ich habe halt hundert andere Songs, die ich spielen möchte. Dieser Zwiespalt war aber immer in meinem Kopf. Es hat mich gequält, mittlerweile ist es mir aber scheißegal. Ich denke mir halt: „Ehy, ich bin nicht angereist um irgendeinen Lieblingsplaylist zu spielen, dafür braucht ihr mich nicht buchen!“ Diese Hartnäckigkeit hat sich aber ausgezahlt – kein Veranstalter muss einen DJ buchen, der das Gleiche auflegt wie seine zehn Residents.

Wie steht’s mit deinen Gefühlen zu Blumentopf. Bist du sentimental oder ist es für dich ein abgeschlossenes Kapitel?

Ich bin total im Reinen damit. Es ist sehr schön, dass wir das so zu Ende bringen konnten. Also die Zeit, in der man nicht genau wusste, was jetzt ist und alles noch so einen Qual war, lag ja noch bevor wir das bekannt gegeben haben. Wir haben uns sehr lange damit beschäftigt. Jetzt im Nachhinein bin ich total entspannt – man kann ruhig stolz darauf sein, es so zu Ende gebracht haben. Ich meine, wir das waren die größten Shows, die wir je gespielt haben. Und das Ding war ein halbes Jahr vorher an einem halben Nachmittag ausverkauft – 7000 Tickets waren weg, der Eventim-Server ist kurz zusammengebrochen. Das war echt krass. Natürlich denkt man dann für zwei Sekunden nach, ob man wirklich aufhören will. (lacht) Aber dann nach fünf Sekunden denkt man sich, wie geil es ist, dass wir so aufhören können. Jetzt steht es so für immer da, das ist toll. Ich finde es richtig super. Ich merke auch: jetzt wo diese Verbindung komplett abgeschnitten ist, bin ich auch nochmal freier. Es hat immer viel Platz im Kopf eingenommen. Wir waren ja eine fünfköpfige Band und jeder hatte auch seine eigenen Visionen davon. Da muss man halt auch schauen, wie das alles zusammenpasst. Das kostet sehr viel Kraft und Aufmerksamkeit. Es fühlt ich auch gut an, dass wir das so sauber zu Ende gebracht haben – ohne Rosenkrieg.