Schoolboy Q – Blank Face LP

„Blank Face LP“ zählt zu den meist erwarteten Rap-Alben des Jahres. Unser Autor von Fionn Birr hat sich das zweite Album von Schoolboy Q genauer angehört.

„I’ll trade the noise for a piece of divine.“ Sein zweites Album, ein finsteres Gangster-Rap-Epos, vom derzeitigen R&B-Runderneuerer und Hook-Go-Tu-Guy eröffnen zu lassen, kann man entweder verunglücktes Feature-Placement oder ziemlich riesige Cojones nennen. Denn Schoolboy Qs Follow-up zum 2014er Halbmast-Classic „Oxymoron“ hat vor allem die Aufgabe, ihn endlich aus Kendrick Lamars astronomischem Schatten zu hieven. „This be the realest shit I wrote“, knurrt der gebürtige Wiesbadener schon angriffslustig auf dem Opener „TorcH“. Ja, Groovy Tony war schon immer das Hood-Alibi der Black Hippies. Kendrick mag der Anführer sein, Jay Rock der OG, Ab-Soul der Schamane, Quincy Hanley bleibt der Krieger. Das zeigt bereits das groß-geschriebene H in den einzelnen Songtiteln (Nein, Schoolboy ist nicht noch ein Rapper mit Caps-Lock-Problem, das versale H ist seinen Hoover Crips gewidmet). Mit „Blank Face LP“ erscheint das bisher stringenteste und vielleicht beste Album von Schoolboy Q seit dem Szene-Klassiker „Habits & Contradictions“.

Kendrick mag der Anführer sein, Ab-Soul der Schamane – Schoolboy Q bleibt der Krieger.

Das vorab ausgekoppelte Kanye-Feature auf „That Part“ steht in diesem Zusammenhang wohl auch als musikalischer Hinweis darauf, dass er längst in der Champions League spielt – ganz so, als könnte man es übersehen. Doch was „Blank Face LP“ vor allem ausmacht, ist sein Narrativ. Groovy Qs streckbares Songwriting switcht quasi im Sekundentakt: Singsang, Stakkato, Spoken Word und eine geradezu haptische Erzählstruktur. Ohnehin waren Tracks wie „There He Go“, „Man Of The Year“ oder „Hands On The Wheel“ immer sehr klassische Rap-Songs, die aber elegant zwischen Pop und Prolet balancierten. Q kehrt auf seinem zweiten Album zum TDE-Trademark-Sound aus sphärischer Sample-Kulisse und modernem Drumplay zurück, den „To Pimp A Butterfly“ und „untitled unmastered“ zuletzt gegen sperrigen Fusion-Jazz eingetauscht hatte. Etwa das verruchte G-Funk-Zitat „Whatever U Want“ mit Candice Pillay flirtet sehr aggressiv mit der Club-Playlist, Crumping und Clowning kam Q allerdings nie unter den Bucket Hat: „You can do clown dance, I’mma rob that store/You can paint your face, I’ma kick down doors.“ Es folgen bedrohliche Hedo-Hip-Hymnen wie das Vince Staples featurende „Ride Out“ oder „By Any Means“, abgehalftertes Lowrider-Gelümmel auf „Dope Dealer“ mit E-40 oder „Big Body“ an der Seite von Tha Dogg Pund. Die grimmigen Blockbuster aus den Musikmaschinen von Digi+Phonics, Cardo, The Alchemist oder Metro Boomin lassen Quincy niemals gänzlich in Verherrlichung oder in Verunglimpfung verfallen. Seine bissige Delivery vermischt das kaltblütige Frühwerk eines 50 Cent mit den stockfinsteren Momenten eines 2Pac zu einem intimen Porträt über die Depressionen im Ghetto:„The demons hate when you make it and stay alive/They’d rather see me down under than see me fly“, heißt es auf „Lord Have Mercy.“

Wo „Oxymoron“ noch eine Schnittstelle zwischen Straßenecke und Showroom war, ist „Blank Face LP“ geballte Gnadenlosigkeit vor und hinter der Knarre. Schoolboy Q hat den paranoiden Hood-Hustler in Jogginghose noch stärker fokussiert – South Central kennt keine Superhelden-Storys, nur die Strumpfhose über dem Gesicht. Wenn das Vorzeige-Westcoast-Album „Still Brazy“ eine Art 2016er Pedant zum Hochglanz-Hood-Porträt „Boyz in the Hood“ stellt, ist „Blank Face LP“ der upgedatete Soundtrack von „Menace II Society“ – beklemmend, eiskalt und hyperrealistisch. Yawk!