Sampha: „Ich war einfach noch nicht bereit.“

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Allerspätestens als er auf Drakes bahnbrechendem „Nothing Was The Same“-Album auftauchte, waren man sich einig: Sampha gehört die Zukunft. Trotzdem ließ sich der Londoner Superkünstler nicht vom Hype um seine Person verrückt machen. Stattdessen hat er sich drei lange Jahre Zeit genommen, um den Sound seines Debütalbums zu perfektionieren. Das hört man der Platte an. „Process“ ist ein beispielloses Meisterwerk, das Intimität und Emotion zelebriert – bis an die Schmerzgrenze. Und es zelebriert Pop-Musik, testet ihre Grenzen aus, ohne auch nur einen Moment bemüht zu klingen. Jonathan Nixdorff hat mit dem introvertierten Produzenten und Sänger darüber gesprochen, wie es sich anfühlt, auf einmal im Spotlight der Öffentlichkeit zu stehen und wie lange es dauert, bis man sich dort auch wohl fühlt.

Du warst früher auf MySpace sehr aktiv. Gleichzeitig wirkst du eher zurückhaltend und introvertiert. Was für eine Rolle spielt denn das Internet für deine Karriere?

Es hat Kommunikation unglaublich vereinfacht. Das Internet eröffnet uns den Rest der Welt. Ohne das Internet wäre ich nur mit den Menschen in meiner geografischen Nähe in Kontakt gekommen. Als ich Myspace entdeckte, war ich erstmal richtig eingeschüchtert: Ich habe plötzlich realisiert, dass es überall auf der Welt so viele genialen Musiker gibt. Man ist manchmal wie ein eingebildeter Teenager und denkt, die eigenen Produktionen sind richtig gut. Und dann stöbert man durch Myspace und findet so viele Talente. Aber das ist gut! Weil gleichzeitig findet man ein Menge gleichgesinnter Leute. Ohne das Internet würde es noch viel öfter passieren, dass diese Menschen einfach an mir vorbeilaufen, ohne dass ich weiß, was sie eigentlich drauf haben. Das Internet ist ein geniales Werkzeug, um sich mit Menschen zu vernetzen, Communitys zu bilden und sich für neue Musik inspirieren zu lassen. Ganz offensichtlich wäre die Welt komplett anders ohne das Internet.

Wärst du denn auch so – zum Beispiel nach Konzerten – auf gleichgesinnte Musiker zugegangen, um mit ihnen zu connecten?

Nein, nicht wirklich. Sowas ist für mich nicht so einfach, das entspricht einfach nicht meiner Natur. Ich müsste mich wirklich sehr hart pushen, um einfach so auf Leute zuzugehen.

Heutzutage ist es viel einfacher für die ganzen Kinderzimmer-Producer ihre Musik zu verbreiten, weil man nicht mehr raus gehen muss.

Es existiert definitiv eine Welt, in der du Menschen nicht persönlich treffen musst, um etwas gemeinsam zu kreieren. Aber das kann auch echt merkwürdig sein – man hat mit Menschen zu tun, die man nie getroffen hat und noch nie wirklich gesehen hat. Deswegen finde es sehr wichtig, live zu spielen und den Leuten die Gelegenheit zu bieten, mich wirklich zu sehen und mit mir in einem Raum zu sein. Für uns Menschen ist das das Natürlichste überhaupt mit jemandem in Kontakt zu stehen. Dabei entsteht eine ganz andere Art von Verbindung und Bedeutung. Diesen Platz sollte das Internet also auf keinen Fall einnehmen. Es könnte so weit kommen, man weiß es nie. Ich könnte dann daheim sitzen bleiben und ein Hologramm von mir auf der ganzen Welt das Konzert spielen lassen. Ich könnte aus meinem Schlafzimmer heraus performen.

Arbeitest du gerne mit anderen Künstlern im Studio?

Ja, sehr gerne. Das Beste daran ist, dass ich dabei weniger Zeit habe, mir den Kopf über irgendwelche Sachen zu zerbrechen. Man macht einfach. Wenn man alleine arbeitet, hat man viel zu viel Zeit dazu, sich selbst in Frage zustellen. Bei meiner Musik passt das zwar irgendwie, aber wenn man mit jemand anderem zusammenarbeite, ist es schön, einfach etwas rauszuhauen. Vor allem, wenn man im selben Raum ist. Wenn ich mit jemanden etwas gemeinsam mache, dann bevorzuge ich es, das face-to-face zu machen. Vielleicht brauche ich danach kurz Zeit, um über etwas nachzudenken. Die meisten meiner Kollabos sind mit dem anderen Künstler im selben Raum entstanden.

In der Grundschule hätte man mich als langsames Kind bezeichnet.

Sampha

Du hast bereits mit Leuten wie Kanye West und Drake zusammengearbeitet. Gibt’s denn jemanden, mit dem du unbedingt nochmal zusammenarbeiten möchtest?

Ja, klar! Es gibt noch einige mit denen ich gerne arbeiten würde. Dafür muss ich aber selbst noch ein gewisses Level erreichen. Zum Beispiel Steve Reich. Das klingt zwar ein bisschen merkwürdig – aber er ist genial. Weil er technisch und musikalisch so gebildet ist. Das bin ich noch nicht. Mein Musikwissen – im technischen Sinne – ist noch ziemlich klein im Vergleich zu ihm. Er arbeitet auch in einem ganz anderen Feld – aus seiner Sicht bin ich nur irgendein Pop-Künstler. Aber für mich wäre es ein Traum, das wäre genial. Ich könnte so viel lernen.

Du hast dir sehr viel Zeit genommen, um dein Album fertig zu machen und zu veröffentlichen. Hattest du jemals Angst, deinen eigenen Hype zu verpassen?

Ich war einfach noch nicht bereit, etwas zu droppen, auch wenn ich mal einen Hype aufgrund von irgendwelchen Kollaborationen mit anderen Künstlern hatte. Für mich ist dieses Album etwas sehr Individuelles und ich bin als Person einfach speziell. Das muss nicht unbedingt etwas Gutes oder etwas Schlechtes sein – so bin ich einfach. In der Grundschule hätte man mich als langsames Kind bezeichnet. Nur weil ich mir für die meisten Sachen einfach viel Zeit nehmen. Für mich braucht es seine Zeit, um etwas zu machen oder etwas herauszufinden. Ich glaube, ich bin einer der langsamsten Menschen überhaupt. (lacht) Sogar ich denke das manchmal. Aber das bin einfach ich und ich genieße es auch. Vielleicht werde ich irgendwann auch mal etwas an zwei Tagen produzieren und herausbringen. Ich kann schon auch schnell Musik machen. Aber danach habe ich mich gar nicht gefühlt – vor allem, weil es mein erstes Album ist.

Ich habe mich aber auch noch nicht bereit dafür gefühlt, rauszugehen und Teil der Musikindustrie zu werden. Diesmal geht es um Sampha – um mich als Sänger und mein Leben. Es dreht sich jetzt gerade alles um mich als Person. Die Leute wollen mit mir über meine Texte sprechen. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen und das dauerte eine Weile. Ich habe mich anfangs noch gar nicht als Sänger gesehen. In meiner Selbstwahrnehmung war ich Produzent, der hin und wieder mal was zu seinen Produktionen eingesungen hat. Ich schreibe die Musik, die Melodie, produziere den Beat und erst ganz am Ende kommen die Lyrics.

Was meinst du damit, dass du noch nicht bereit für die Musikindustrie wars?

Ich war einfach ein bisschen naiv, als es darum ging, mit dem Ganzen umzugehen. Viele Leute kritisieren dich, sprechen über dich und analysieren das, was du machst. Ich war auf einmal kein anonymer Produzent mehr, sondern stand mit sehr persönlichen Texten, in denen ich viel von mir preisgebe, in der Öffentlichkeit.

Wie hast du gelernt, damit umzugehen?

Ich habe es immer noch nicht wirklich herausgefunden. Es gab auch keine speziellen Dinge, die mich gestört haben, es gab nur Sachen, die ich nicht verstanden habe. Ich musste einfach rausgehen, alles kennenlernen und sehen, wie es sich anfühlt. Selbst live spielen musste ich neu lernen – nicht mehr nur mit Laptop auf der Bühne stehen. Ich hatte richtig Angst, vor so vielen Menschen im selben Raum zu performen. Vor meiner ersten Show dachte ich, dass ich danach bestimmt in Tränen ausbrechen werde, aber im Endeffekt war es überhaupt nicht schlimm. Man muss also einfach über die ganzen Ängste hinwegkommen – das ist nur ein Beispiel dafür. Ich bin immer noch hier, ich spiele live, ich spiele auf Festivals. Ich musste lernen, mögliche Fehlschläge auszublenden – mir zu sagen, dass alles gut wird, auch in Angesicht der vielen anderen Herausforderungen.

Es ist ein bisschen merkwürdig, dass mich manche Menschen mit meinen Lyrics gleichsetzen – als wäre das alles, was ich bin.

Sampha

Ist es denn immer noch merkwürdig für dich, mit deiner Musik so viel von dir preiszugeben?

Ja, schon. Manche Menschen sprechen über verschiedene Aspekte in ihrem Leben, manche über gar keine. Ich spreche darüber, weil es meine Musik ist und ich nicht lügen will. Vieles davon kommt ganz natürlich aus mir heraus. Es sind Dinge, die ich erlebt habe und sie sind der Grund dafür, dass ich „Process“ schreiben konnte. Ich habe meine Musik gemacht, sie gehört und dann habe ich mich dazu entschieden, sie mit anderen zu teilen. Es ist also okay, wenn wir darüber sprechen. Aber es gibt andere Songs, die ich nicht veröffentlichen möchte, weil ich mich mit ihnen unwohl fühlen würde. Es ist ein bisschen merkwürdig, dass mich manche Menschen mit meinen Lyrics gleichsetzen – als wäre das alles, was ich bin.

Du bist ein sehr vielseitiger Producer. Auf „Process“ hatte ich das Gefühl, dass du dich nochmal weiterentwickelt hast und deinen Sound konkretisiert hast. Hat es lange gedauert, die musikalische Vision für „Process“ zu entwickeln?

Der Sound ist ganz eindeutig ein klein wenig geschliffener, wenn auch nicht glatt poliert. Es hat eine Weile gedauert und ich habe die Songs immer wieder überarbeitet. Es war eine sehr forensische Arbeit, die Elemente zusammenzufügen. Ich wollte genug Platz für jeden Sound schaffen. Trotzdem ist es ein Pop-Album und soll den Hörer nicht überfordern – aber trotzdem herausfordernd sein. Ich habe mir als Producer einfach genug Zeit genommen, um das zu erschaffen.

Hast du bestimmte Muster beim Produzieren?

Es gibt ganz bestimmt eine Ähnlichkeit zwischen meinen Produktionen. Ich glaube, ich habe bestimmte Muster, aber mit denen versuche ich auch zu brechen. Das ist eigentlich das Schwierigste an der ganzen Sache: mit den Mustern zu brechen, aber gleichzeitig von ihnen überzeugt zu sein und sie zu akzeptieren.

Ganz früher hast du Grime-Beats für befreundete Rapper produziert. Würde es dich das reizen, dahin zurückzugehen, wenn dich ein großer Künstler darum bittet?

Ja, das würde ich richtig gerne machen. Aber ich denke nicht, dass das passieren wird… Aber ja, vielleicht.