Safia Bahmed-Schwartz – „Eigentlich gebe ich einen Fick auf Feminismus.“

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Die französischen Worte von Safia Bahmed-Schwartz klingen verführerisch und eindringlich – selbst wenn man sie nicht versteht. Manchmal untermalt mit Auto-Tune, aber immer mit wunderbar produzierten, atmosphärisch-langsamen oder hämmernden elektronischen Beats. Die Lieder werden begleitet von ästhetisch eindrucksvollen Videos, bei denen sie selber Regie geführt hat. Die omnipräsente Erotik, die Farben Lila und Blau, VHS-Effekte und Collagen aus Videoclips von sich drehenden Dollarzeichen und pumpenden Ölbohrern sind eine Analogie zur Klangwelt ihrer Songs. Safia Bahmed-Schwartz‘ Welt ist facettenreich: Die Pariserin ist nicht nur Musikerin, auch als Tätowiererin, Künstlerin, Regisseurin, Verlegerin und Autorin hat sie sich einen Namen gemacht. Je mehr man sich mit ihr beschäftigt, desto mehr spannende Details erfährt man über ihr Leben. Höchste Zeit für ein Interview. Unsere Autorin Dora Cohnen hat sich mit ihr getroffen.

Du hast zunächst Kunst studiert, als Tätowiererin gearbeitet und deine Bücher in deinem selbstgegründeten Verlag Bahmed+Schwartz veröffentlicht. Wie hast du deinen Weg zur Musik gefunden?

Meine Mutter ist Französischlehrerin, deswegen bin ich mit Büchern aufgewachsen. Außerdem hat sie mich immer in Museen mitgenommen, daher stammt mein Interesse für Kunst. Dann fing ich an Kunst zu studieren und schrieb mein erstes Buch mit 23. Als ich mich mit einem Verlag traf, meinte die Frau zu mir: „Du hast bereits das Papier ausgesucht, das Layout gemacht und das Cover gestaltet. Du bist 23, du hast die Energie, veröffentliche es einfach selber. Gründe deinen eigenen Verlag.“ Ich verwende Texte auf dem selben Level wie meine Zeichnungen, aber um unterschiedliche Dinge auszudrücken. Nicht jeder kann Französisch, aber Zeichnungen sind universell.

Ich habe an einem Buch über Booba gearbeitet und während dieser eineinhalb Jahre ist mir aufgefallen, dass Rap Poesie 2.0 ist. Ich habe angefangen, meine Texte in Musik umzuwandeln und erkannte, dass man mit Musik Texte viel leichter mit anderen teilen kann als mit Büchern. Ich war nicht wirklich selbstbewusst, deswegen habe ich nur geflüstert, aber jetzt ist das der Stil, den ich haben möchte. Dann war ich neugierig, Musikvideos zu produzieren. Ich komme aus der MTV Generation, Musikvideos sind Teil unserer Kultur. Wenn du jetzt ein Lied hörst, kannst du gleichzeitig ein Video ansehen. Es erstellt Bilder und eine Geschichte um ein Lied herum und es kann dich dazu bringen, das Lied zu mögen. Michael Jackson und so haben richtige Filme aus ihren Musikvideos gemacht. Also habe ich auch mein erstes Musikvideo gedreht. Manchmal mache ich nur einen Song, um ein Video dazu zu machen. Für mich gehören Musik und Video einfach zusammen. So kann ich eine Geschichte auf eine ästhetische Art und Weise erzählen.

Du verbindest sehr viele verschiedene Medien. Was möchtest du mit ihnen ausdrücken?

Vor zwei Jahren hätte ich diese Frage noch nicht beantworten können, aber mittlerweile weiß ich es. Ich arbeite über Intimität. Nicht sexuelle Intimität, echte Intimität. Verbindungen zwischen Menschen, was du wirklich denkst, wer du wirklich sein willst, wofür du kämpfst – alles Dinge, die tief in dir sind. Wegen des Internets, der Globalisierung und dem ganzen Zeug werden wir äußerlich alle gleich sein, aber wir werden trotzdem unsere eigene Art zu denken behalten. Der einzige Unterschied zwischen uns ist in unseren Gedanken und nicht an unseren Outfits oder an dem Film, den wir gerade gucken, auszumachen. Bei meinen Zeichnungen arbeite ich offensichtlicherweise vor allem über Sexualität. Ich zeichne jeden Tag, und ich muss zeichnen, genauso wie ich schlafen oder essen muss. Ich will dir keine Scheiße über irgendwelche spirituellen Dinge erzählen – ich muss es einfach tun. Dafür muss ich weniger denken als zum Beispiel für die Texte, die ich schreibe. Mit denen erzähle ich aus meiner Lebensgeschichte, die, glaube ich, ziemlich besonders ist. Mein Vater ist Algerier, meine Mutter Deutsche und ich bin Frankreich aufgewachsen. Mein Vater ist Muslim und als Kind bin ich wochentags in die französische Schule gegangen, am Wochenende in die muslimische. Die Religion ist ein Teil von mir, obwohl ich keinen Schleier trage, Schweinefleisch esse, nicht mehr bete und nicht an Gott glaube. Beim Schreiben erzähle ich Geschichten, in denen sich Menschen wiederfinden können. Ich habe erkannt, dass ich, auch wenn ich super anders als viele andere Frauen bin, ihnen Kraft zum kämpfen geben kann. Ich erzähle Geschichten ohne Scham, um anderen Frauen Kraft zu geben.

Ich trug früher einen Schleier, doch nach 9/11 beschloss ich, frei zu sein und ihn abzunehmen. Ich glaube, dass meine Lebensgeschichte härter ist als andere, mir aber auch die Macht gibt, anderen, zum Beispiel jungen Mädchen, die Angst haben, einen kurzen Rock zu tragen, ebenfalls Macht zu geben. Mit meinen Videos mache ich eigentlich genau das gleiche, nur ein bisschen unterhaltsamer. Jeder in der Musikindustrie möchte unterhalten, aber ich bin nicht wie Beyoncé oder so. Ich habe das Thema nicht mit ihr besprochen, aber ich habe das Gefühl, dass sie populäre Kontroversen benutzt, um Geld zu verdienen. Letztes Jahr hat sie sich noch für Feminismus eingesetzt, dieses Jahr für Schwarze. Hast du mein Musikvideo „JTM“ gesehen? Da wollte ich was superfeministisches machen, weil es ein ziemlich klischeehafter Rap-Track ist und habe es wie ein Sex-Tape gestaltet. Ich habe mit einem Mann, den ich nicht kannte und der nicht mein Freund ist, Sex gehabt, um es echt zu machen. Aber nicht so Kim-Kardashian-mäßig. Eigentlich gebe ich einen Fick auf Feminismus, weil ich das Wort nicht fair finde, man sollte die Gleichberechtigung betonen. Aber in dem Falle hat der Rapper (ich) Geschlechtsverkehr mit einem Jungen – nicht andersherum. Wir ficken nicht als Sexobjekte, sondern machen wirklich Liebe. Heutzutage kann man alle möglichen Personen lieben, Frauen, Männer, mehrere oder auch nur eine Person das ganze Leben lang. Ich möchte echte Verbindungen zwischen Menschen zeigen. Liebe ist echt, es ist ist keine Tinder-Liebesaffäre oder irgendeine Liebesaffäre, die das Internet gemacht hat. Das möchte ich teilen.

Ich war nicht wirklich selbstbewusst, deswegen habe ich nur geflüstert, aber jetzt ist das der Stil, den ich haben möchte.

Als du jünger warst, hast du den Schleier getragen und dich unterdrückt gefühlt. In einem Interview hast du erklärt, dass deine Freunde manchmal ziemlich schockiert wegen deiner Zeichnungen sind. Wie machst du einfach weiter mit den Dingen, die dir wichtig sind, ohne auf die Meinung anderer zu hören?

Als 9/11 passierte, hat mich mein Vater von der Schule abgeholt und gesagt, dass ich das Selbe machen solle. Ich habe ihn dann verlassen, mit fünfzehn. Ich habe das einfach nicht verstanden. Ich bin in Frankreich geboren worden und nicht dazu gemacht, Menschen zu töten oder irgendjemanden ohne Grund zu bekämpfen. Damals habe ich den Schleier getragen, weil ich in die Religion hineingeboren wurde. Mein Vater erzog mich auch dazu, Menschen zu lieben, dankbar und loyal zu sein und all diese Dinge. Das hat es so unverständlich gemacht. Mit fünfzehn bist du noch ein Mädchen, du solltest dich mit Jungs und Make-up und dem Pickel in deinem Gesicht beschäftigen und nicht damit, deinen Vater zu verlassen. Das hat mich viel gekostet. Wegen meiner Entscheidung lebe ich ohne Vater, ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen.

Als ich 21 war, habe ich eine Tochter bekommen und ihren Vater, da er gewalttätig war, mit ihr verlassen, als sie fast ein Jahr alt war. Mit 21 ist man selbst noch ein Baby. Ich bin mit ihr irgendwie aufgewachsen. Ich erkannte, dass alle Probleme, die ich vorher hatte, nur fake waren. Jetzt ging es um ihr Leben, ich musste für sie sorgen. Ich war damals ziemlich fucked up, genau wie jeder andere 21-jährige in Paris oder Berlin. Ich musste mein Leben für sie ändern, verantwortungsvoll sein, etwas aufbauen. Seitdem kümmere ich mich um nichts anderes als um meine Tochter. Sie ist meine Familie und deswegen kümmere ich mich nur darum, was sie von mir denkt. Außerdem fühle ich mich stumm, wenn ich nicht das sage, was ich sagen möchte. Ich ziehe es vor, auf mich stolz zu sein, als von anderen bestätigt zu werden.

Letzte Woche habe ich mich noch mit Nas über Kulturaneignung unterhalten, weil ein afroamerikanischer Freund von mir meinte, dass wir nicht einfach so schwarze Bildsprache verwenden dürfen.

Du verwendest in deinen Videos viele Objekte, die Macht ausdrücken, wie Dollarscheine und Pelzmäntel. Was fasziniert dich daran?

Ich bin damit aufgewachsen. Es ist keine einfache Aneignung dieser Codes. Ich benutze sie nicht, weil die 90s im Trend sind. Ich bin mit Lil’Kim, Missy Elliott und französischem Rap aufgewachsen. Durch das Übersetzen von Missy Elliotts Lyrics habe ich Englisch gelernt. An Ruhm bin ich nicht interessiert. Letzte Woche habe ich mich noch mit Nas über Kulturaneignung unterhalten, weil ein afroamerikanischer Freund von mir meinte, dass wir nicht einfach so schwarze Bildsprache verwenden dürfen, weil das die Aneignung schwarzer Rap-Kultur wäre. Ich bin der Meinung, dass alles für jeden ist. Wir sind mit Schwarzen, Arabern und so weiter aufgewachsen, wir teilen unser Essen, unsere Ideen und das nicht, weil wir eine Versammlung hatten, in der wir uns abgesprochen haben, unsere Kulturen zu vermischen. Wir sind einfach so aufgewachsen, das ist Teil unseres Lebens. Ich wollte einfach seine Meinung dazu wissen. Und er meinte, er sei in den Queens aufgewachsen und deswegen kämpfte er für mehr Rechte für die Schwarzen. Als er die Queens dann verließ, merkte er, wie auch andere Menschen für mehr Rechte kämpften, wie Frauen oder Homosexuelle. Nach ihm sollte jeder für seine Rechte kämpfen, anstatt sich gegenseitig zu bekämpfen. Ich glaube deswegen fühlte ich mich zum HipHop hingezogen, als ich jünger war. Sie kämpften für etwas und ich kämpfte auch für etwas. Nicht für die selben Dinge, offensichtlich, aber deswegen ist die HipHop-Kultur auch ein Teil von mir und nicht House-Musik zum Beispiel.

Dein Musikvideo „Sward“ mit Jorrdee fühlt sich auch ein bisschen wie eine Kapitalismuskritik an.

Ich habe in den letzten drei Jahren als Tätowiererin gearbeitet und bin in dieser Zeit um die ganze Welt gereist. Ich habe Städte und Straßen besucht, von denen ich niemals gedacht hätte, dass Menschen dort meine Tattoos möchten. Ich bin letztes Jahr nach Beirut in den Libanon gereist. Ich war ziemlich aufgeregt, denn es war kurz nach dem Charlie-Hebdo-Anschlag in Paris. In Paris gab es viele Diskussionen über Religionen, weil der Anschlag eine Konsequenz aus einem Kampf von Religionen war. Ich dachte mir, okay, und ich fliege jetzt zur Geburtsstätte dieser Religionen. Jerusalem ist nicht weit von dort entfernt. Dort habe ich dann realisiert, dass dieser Kampf nicht von Religionen verursacht wurde. Es ging um Geld, um Öl, um Elektrizität. In meiner Arbeit frage ich nach den Werten von allem, von einem Kunstwerk, von einer Beziehung. Als ich aus Beirut wiederkehrte wusste ich, dass ich etwas über Öl machen müsste, da es die Welt regiert.

Deine Mutter ist Deutsche, hast du eine besondere Beziehung zu Deutschland?

Ich spreche Deutsch, aber nur wenn ich in Berlin bin. Es ist echt schwer und ich übe nicht viel, deswegen kann ich keine Interviews auf Deutsch geben. Und auf Französisch singe ich, weil es sich für mich echter anfühlt als auf Englisch. Ich kann mich damit besser ausdrücken. Ich bin stolz, Französin zu sein und ich möchte keine Wannabe-Rapperin oder eine R&B Kopie sein.

Du drückst deine Gedanken und Gefühle auf viele verschiedene Weisen und mit verschiedenen Kunstformen aus. Ist das für dich selbstverständlich?

Es ist selbstverständlich für mich, weil ich von Natur aus eine ziemlich einsame Person bin. Als ich mit meinem Vater aufwuchs, durfte ich keine nicht-muslimischen Freunde haben. Ich war immer alleine zu Hause und habe mich selbst beschäftigt. Manchmal habe ich immer noch das Gefühl, dass ich ein soziales Problem mit Personen habe. Es ist einfacher für mich, mir etwas selbst beizubringen und mit dem Musikprogramm an meinem Computer zu arbeiten als mit Leuten, die wissen wie es geht zu kommunizieren. Es ist für mich intimer, mit jemanden meine Ideen zu teilen, als Sex zu haben. Ich fühle mich super nackt, wenn ich über echte Dinge rede. Sex ist super einfach dagegen, man muss einfach nur seine Kleidung ausziehen.

Safia Bahmed-Schwartz arbeitet an einem Album, das voraussichtlich vor Ende dieses Jahres erscheint. Bis dahin lohnt es sich, ihrer Kunst auf Instagram, YouTube oder Soundcloud zu folgen.