Rejjie Snow: „Es ist gut, Gefühle nicht zu vestecken, auch wenn Männer darauf konditioniert werden.“ // Interview

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Ihr habt lang genug gewartet, dass ein Album erscheint. Auch wenn Rejjie Snow in Dublin vermutlich nicht viel von deutschem Rap mitbekommen hat, Savas’s legendäre Line trifft auf ihn perfekt zu. Ganze fünf Jahre lagen zwischen seiner Debüt-EP „Rejovich“ und seinem Album und Kritikerliebling „Dear Annie“. Dabei hätte auch alles anders laufen können. Der damals 12-Jährige Alex Anyaegbunam wurde von Pharrell bei einem Konzert auf die Bühne geholt. Sein Tipp: Bleib in der Schule. Ein abgebrochenes Film- und Designstudium, ein an den Nagel gehängtes Sportstipendium und eine Selbstfindungsphase später traf sich Chefredakteurin Miriam Davoudvandi mit Rejjie Snow in Berlin um über „Dear Annie“, welche Schwierigkeiten man als schwarzer Mann hat, wenn man Gefühle äußern möchte und (natürlich) Hunde zu sprechen.

Es hat ja einige Zeit gedauert von deiner ersten EP „Rejovich“ bis zum Release von „Dear Annie“ – woran lag das?

Ich schätze, ich musste einfach herausfinden, was ich eigentlich machen will, ob ich überhaupt weiterhin Musik machen möchte. Ich habe mir viel Zeit für mich selbst genommen und um selbst als Person zu wachsen, damit ich auch etwas habe, worüber ich wirklich sprechen möchte. Ich habe es einfach nicht gefühlt. Die letzten Monate hingegen habe ich es total gefühlt und dann ist auch alles ganz natürlich entstanden.

Musstest du dich nur selbst finden oder hatte das auch mit hohen Ansprüchen an dich selbst, vor allem nach den positiven Resonanzen zu „Rejovich“ zu tun?

Ja, total. Ich habe super hohe Ansprüche an mich selbst. Das hat auch viel mit meinen Fans zu tun, weil ich das Glück habe, eine loyale Fanbase zu haben und die möchte ich auch glücklich machen, die sind ja mit mir in diesem ganzen Prozess gewachsen.

Du hast mal erwähnt, dass du den Prozess des Musikaufnehmens an sich hasst. Warum?

Weil ich es nicht mag, meine Emotionen Leuten gegenüber zu zeigen. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich eine andere Person, aber wenn ich Musik aufnehme, muss ich in der richtigen emotionalen Verfassung sein.

Aber worin liegt der Unterschied für dich, auf der Bühne zeigst du schließlich auch Emotionen?

Ich glaube, das liegt daran, dass ich weiß, dass Leute dorthin gekommen sind, um mich zu sehen. Auch, dass ich angefangen habe, mit Kostümen zu spielen, sorgt dafür, dass ich dadurch zum Teil einer Show werde. Das macht es mehr zu einer Erfahrung. Und das macht Spaß.

Also machst du das klassische Beyoncé-Sasha-Fierce-Phänomen durch?

Ja, genau das! Außerdem höre ich vor meinen Shows ganz viel Queen, um in Stimmung zu kommen.

Wenn du Dinge liebst, dann liebe sie sehr und beschütze sie und kümmere dich darum.

Rejjie Snow

Lass uns über „Dear Annie“ sprechen. Das Album ist vom Musical „Annie“ inspiriert, welches wiederum auf der Geschichte über das Waisenmädchen Annie basiert, richtig? Vielleicht interpretiere ich zu viel rein, aber mir ist aufgefallen, dass das Album genauso viele Songs wie das Musical hat und dass auch der Release-Ablauf der EPs identisch ist mit dem Aufbau des Musicals. Bin ich einfach verrückt oder ist das Absicht?

Du bist verrückt. (lacht) Aber das ist cool. Wow, krass, danke! Auf Annie bin ich gekommen, weil sie mich an meine Kindheit erinnert hat, da hatte ich aber Angst vor ihr. Die ganze Symbolik hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Als ich das Album betiteln wollte, habe ich zuerst nach einem passenden Bild gesucht. Im Endeffekt symbolisiert es all solche Dinge wie Liebe und Tod, die alle mit diesem einen Charakter zusammenhängen. Aber ja, klar, ich habe versucht, die theatralischen Elemente beizubehalten. Man bekommt beim Hören diesen Theater-Vibe, das ganze Album ist wie ein Theaterstück für mich. Und auch wie eine Art Tagebuch. Teil 1 und Teil 2 getrennt zu veröffentlichen, war eine strategische Sache, ich empfehle das Album als ein Projekt zu hören.

Wenn wir schon über Annie reden, hast du trotz allem an eine spezielle Person gedacht?

Nein, es geht um viele Leute, Annie ist einfach repräsentativ. So wie Luzifer. Sie erzählt einfach das ganze Ding.

Es geht auf dem Album auch viel um Liebe. Was sind deine persönlichen Tipps, wenn es um Liebe geht?

Ich bin sehr romantisch, ich denke, das kann man in meiner Musik auch raushören. Liebe sollte eine schöne Sache sein. Wenn du Dinge liebst, dann liebe sie sehr und beschütze sie und kümmere dich darum. Du solltest wissen, was du liebst und warum du es liebst. Lass’ dich darauf ein und genieß es, weil es ein tolles Gefühl ist. Es ist gut, verliebt zu sein und es ist gut, zu lieben, was du tust. Mehr Liebe!!! Das Album handelt so viel von Liebe, weil es es das ist, was ich hauptsächlich erfahren habe in letzter Zeit, daher war es für mich sehr einfach, darin einzutauchen.

Ich habe gelesen, wie du darüber gesprochen hast, dass es sehr hart ist, über Gefühle zu reden, wenn man männlich und schwarz ist. Du scheinst aber ganz gut darin sein, über Gefühle zu reden. Wie war deine persönliche Entwicklung damit?

Ja, es ist echt hart, aber ich versuche, immer besser zu werden. Es fiel mir mein Leben lang schwer, meine Gefühle auszudrücken und ich schätze, jetzt mache ich das einfach durch Musik. Ich ermutige aber alle, das zu tun, weil es sich einfach gut anführt. Es ist gut, seine Gefühle nicht verstecken zu müssen, auch wenn viele Männer darauf konditioniert werden. Ich versuche einfach, ehrlich zu sein, ich selbst zu sein und im Moment klappt das so gut. Aber ich bin natürlich eine andere Person, als ich es vor einem Jahr, vor zwei Jahren, vor drei Jahren war…

Aber unterscheidet sich auch das Ausdrücken von Gefühlen, wenn es um Alex als Privatperson und Rejjie als Künstler geht?

Ja, total, das waren eigentlich immer zwei verschiedene Personen. So langsam nähert sich das alles an. Auch während des Albums hatte ich zwar Rejjie als eine Art Charakter, aber Rejjie ist irgendwie zu Alex geworden.

Ich lebe zurzeit aus dem Koffer heraus, daher habe ich momentan keinen richtigen Ruheort.

Rejjie Snow

Du singst auf dem Album ja viel und ich habe gelesen, dass du Gesangsstunden genommen hast.

Einige wenige. Lief aber nicht so gut. (lacht)

Könntest du dir vorstellen ein reines Gesangs-Album zu machen?

Ja, ich möchte das in einigen Jahren auf jeden Fall machen. Ich bin zwar kein Sänger, aber es macht mir sehr viel Spaß. Ich bin nicht gut, aber auch nicht vollkommen scheiße.

Kannst du mir schon etwas über dein kommendes Projekt „Uncle Thomas“ erzählen?

Ja, es geht darum, ein schwarzer Mann in einer von weißen Männern dominierten Welt zu sein. Es soll eine Story werden, wie ein Kurzfilm. Ich möchte die Musik zum Film machen. Die Ideen sind alle schon da, ich muss nur noch ins Studio.

Es gibt viele Bilder von dir in der Natur, mit Blumen usw. Inwiefern inspiriert dich Natur, hast du einen bestimmten Ort, den du gerne aufsuchst, wenn du alleine sein möchtest?

Natur inspiriert mich total, die ganzen Farben! Über das letzte Jahr war ich so viel unterwegs, bin von Stadt zu Stadt gereist, aber kam kaum dazu, was von der Landschaft zu sehen. Deshalb schätze ich das jetzt umso mehr. Ich lebe zurzeit aus dem Koffer heraus, daher habe ich momentan keinen richtigen Ruheort. Zuhause gehe ich immer in einen Park direkt um die Ecke. Dort setze ich mich immer auf eine bestimmte Bank und träume.

Ich habe auch gehört, dass du dich immer mehr mit Astrologie auseinandersetzt?

Astrologie? Wer sagt das?

Du hast das gesagt.

In einem Interview?

Ja.

Fuck, wann habe ich das gesagt? (lacht) Astrologie, ja?

Ja.

Ach, ich schaue zur Zeit einfach viele Dokumentationen. Ich möchte viel lernen, finde vieles faszinierend, aber habe auch vor vielem Angst. Ich würde z. B. niemals auf den Mond oder auf den Mars wollen. Oder so Alien-Kram. Alles, was da draußen ist, was man nicht ganz fassen kann, fasziniert mich. Aber es ist auch alles gruselig und seltsam.

Ganz andere Sache: Pharrell hat dich ja damals auf die Bühne geholt. Hast du seitdem wieder was von ihm gehört? Hat er rausgefunden, dass du weiterhin Musik machst?

Ich weiß es nicht. Vermutlich nicht, aber es wäre super, wenn er es wüsste. Ich hoffe, dass wir uns eines Tages treffen. Das Erlebnis hatte auf jeden Fall einen Einfluss auf mich.

Letzte Frage, die ich in letzter Zeit vielen stelle, aber, sie ist auch super wichtig. Was ist deine Lieblings-Hunderasse?

Labrador! Ich will mir auch einen Hund zulegen, sobald ich mehr Freizeit habe, das ist ja schon eine große Verpflichtung.

Foto: Nina Francesca Nagele