Rap und das leidige Sexismus-Problem // Kommentar

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“Aber der ist doch total nett und bissle cool, daher kann das keine Vergewaltigung sein.“ Eine kleine Reise durch den Männlichkeitskomplex in der deutschen Rapszene. Hier müssen Rin sowie Kurdo & Majoe stehen, so funktionieren die Clickbaitgesetze. Aber die Namen sind sehr austauschbar, es gibt ein strukturelles Problem mit Sexismus auch im Rap.

Sex ist etwas Schönes. Die Leidenschaft, die Nähe, die Intimität, das Verruchte, das Fühl. Geil, was Körper und Kopf so alles können! Und wenn Menschen wie in den allermeisten Fällen dazu in der Lage sind, ihre Wünsche zu äußern, und aus freiem Willen zusammenkommen, können sie diese Wünsche und Bedürfnisse äußern und ihnen nachgehen, auch beim Sex. Wunderbar, alle haben ihren Spaß. Aber was, wenn zwei Leute Sex haben und Person A schreit, dass Person B aufhören soll, Person B hört aber nicht auf? Dann handelt es sich um eine Vergewaltigung. Eine Vergewaltigung besteht darin, Sex gegen den Willen einer anderen Person zu erzwingen. Und Person B ist nicht mehr einfach nur Person B, sondern ein Vergewaltiger. Wenn ihr die Autorität des Staates braucht, schaut im Strafgesetzbuch nach. In Paragraf 177, Absatz 1 heißt es da unter der Überschrift „Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung“: „Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“ So viel erstmal zur Theorie.



Kommen wir zur Realität im Jahr 2017, dem Track „Arrêté“ von Rin. „Arrêté“ kommt vom französischen arrêter, das heißt „aufhören“. Die Hook des immer etwas gedämpft blickenden Cornrowträgers aus Schwaben besteht bei besagtem Lied aus dem Satz „Machen wir Liebe, Babe, im Bett, schreist du ‚Arrêté’“. Das Gegenüber schreit also, dass Rin aufhören soll. Es ist zwar grammatikalisch falsch – wörtlich schreit das „Babe“ nämlich „aufgehört“ – aber naja, wir wollen mal nicht so sein. Denn schlimmer als das ist nun mal der Inhalt. Rin denkt gar nicht daran, aufzuhören, auch wenn die Partnerin (Rin ist ja nicht schwul, darauf hat er an anderer Stelle schon relativ stolz hingewiesen) ihn sogar anschreit, nicht weiterzumachen. Man könnte nun ausführlich interpretieren und Abhandlungen schreiben, was hier implizit alles verhandelt wird, aber das gibt der Typ nicht wirklich her. Es ist angesichts bisheriger Äußerungen von Rin davon auszugehen, dass ihm nicht einmal bewusst ist, dass er sich hier als Vergewaltiger darstellt und dem im Kontext der Strophen und der gesamten R&B-Ästhetik des Songs Legitimität verleihen will. Es soll wohl vor allem edgy und verrucht sein. Säuselnde Melodien ganz im Rahmen der Industrienorm, aber bitte nicht seine Männlichkeit in Frage stellen, weil Rin ist ein harter Ficker.

Der Fachbegriff für so eine Normalisierung von Vergewaltigungen heißt „Rape Culture“. Rap auch in Deutschland ist so durchdrungen von Frauenverachtung, dass darüber öffentlich fast nicht gesprochen wird. Und Rin ist ein weiterer Teil davon. Ein Teil, der erklärt, wieso z.B. jüngere Mädchen, die sich in Rapkreisen bewegen, mitunter gar nicht auf die Idee kommen, dass das, was ihnen angetan wird, nicht nur nicht ok ist, sondern sie auch alles Recht der Welt haben, die scheiß Vergewaltiger vor Gericht bzw. unter die Axt zu bringen. Weil die Polizei rufen nur 31er, gell? Schon klar, Rin ist nun nicht gerade gekommen, um Rap die Deepness wiederzubringen. Das ist auch völlig legitim, Rap entstand als Partymusik und das darf ruhig gern auch mal stumpf sein, damit sich auch ja niemand anstrengen muss. Aber wenn das eine Vergewaltigungsparty ist, auf der Frauen, die keinen Bock darauf haben, erschossen werden („Gehst du von mir weg, macht’s Ratata“, heißt es in der Strophe), zudem nach Entscheidung des Mannes auf Kondome verzichtet wird, „weil ich dich liebe“, dann kann man sich schon mal fragen, ob Rin zu viele oder zu wenige Schläge auf den Hinterkopf bekommen hat. Und gegebenenfalls nachhelfen, Zivilcourage steht allen ganz gut.

Wieso die Musikindustrie diese Vergewaltigungsmusik groß bewirbt, ist nun auch kein Geheimnis, so ist das nun einmal im Kapitalismus. Was Geld bringt, ist ok, der Erfolg gibt dir Recht. Diese Art von gesellschaftlichem System trägt stark dazu bei, dass es völlig egal ist, was ein männlicher, weißer Musiker so auf seinen Liedern erzählt, solange er eben in Fragen der gesellschaftlichen Macht zur Mehrheit gehört und nicht grundlegende Dinge in Frage stellt, kritisiert oder gar ablehnt. Davon ist Rin aber weit entfernt. Dabei wäre allein das erbärmliche Bild von Männlichkeit, das er selbst z.B. abgibt, mal ein ergiebiges Thema. Da ist ja offensichtlich einiges aufzuarbeiten. Da das aber so bald nicht zu erwarten ist, wäre es ein Zeichen von Haltung zumindest der anderen Leute, die es auch noch gibt, so etwas nicht einfach durchzuwinken. Schadet garantiert eurem Ansehen in Vergewaltigerkreisen. Aber vielleicht wollt ihr bei denen ja gar nicht beliebt sein.

Kommen wir jetzt vom lauchigen Mittelstand zu den Pumpern aus der Hood: Kurdo und Majoe. Die beiden sind zwar businesstechnisch weniger relevant als Rin, kriegen keinen Support von Spotify, laufen nicht im Deutschlandfunk, aber sie bringen Musik heraus, die offenbar gehört wird und die genauso zur Weiterverbreitung des Problems beiträgt. Sie haben sich auf ihrem Album für eine andere Art der Lyrik entschieden: Die brachiale Nichtmetapher. Einfach erzählen, wie sie Frauen schlagen, weil das eh Schlampen seien. Das ist so widerlich und dumm, dass man sich gar nicht erst die Mühe machen muss, irgendeine Art von Ebene zu finden, auf der das einen anderen Inhalt vermittelt außer jenem, dass sie eben gern richtige Männer sind mit allem, was da laut Handbuch (heilig) dazugehört. Da ist dann auch vor allem der Track „Charlie Sheen“, in dem sich in der Hook Bügeln auf Prügeln reimt usw., die 50er Jahre sind zurück. Oder auch die 30er. Hier dominiert die offenbar für die beiden sehr verlockende Idee, Frauen würden von echten Männern™ geschlagen und müssen sich um den Haushalt kümmern. Wenn sie das nicht tun, werden sie gezüchtigt. Eine astrein faschistische Vorstellung. Wieso denn bloß muss gerade dieser Schauspieler als Namensgeber herhalten? Etwa, weil er seit Jahrzehnten regelmäßig wegen häuslicher Gewalt vor Gericht steht, also seine Frauen und Freundinnen grün und blau schlägt, mit dem Messer bedroht, seine Kinder Angst vor ihm haben und er eben ein koksendes Arschloch ist, das aber immer weitermachen darf, weil es einen Schwanz hat und dem Sender viel Geld einbringt? Kapitalismus und Sexismus, schon wieder Hand in Hand.

Dass beim Label der beiden niemand Einwände hatte, ist vielleicht wenig überraschend, durch die Diskussion verantwortungsethischer Grundsatzfragen ist Banger Musik bisher zumindest nicht vorstellig geworden. Es kann aber die Frage gestellt werden, wieso es bei Warner, die bei Kurdo und Majoe für den Vertrieb verantwortlich sind, niemanden mit genug Haltung gibt, der_die einmal überlegt, ob das eigentlich minimalzivilisierten Ansprüchen genügt. Warner ist ja ein Majorlabel, zu deren Kerninteresse gehört es schon, nicht wie ein x-beliebiges Rapupdate-/Youtubebeef-/Geldwäschelabel zu wirken, oder? Vielleicht liegt es daran, dass die zuständige Abteilung wie ungefähr alle im Medien-/Musikindustrie-/Coolnessbusiness eigentlich nur Männer in den entscheidenden Positionen hat. Die das Problem halt einfach nicht sehen. Es werden am Ende nun einmal vor allem die Frauen zum Schweigen gebracht, ausgelacht, gedemütigt, geschlagen und vergewaltigt, wenn die Frauenverachtung in diesen Ideologien sich in folgerichtigen Handlungen ausdrückt. Ich kann mir schon vorstellen, wie die üblichen Leute wieder mit den Augen rollen und das alles total übertrieben finden, aber sprecht mal mit den Frauen, die gern Rap hören, ob sie schon mal bei einer Rapveranstaltung belästigt wurden, was die Rapper selbst und was die Securities gemacht haben. Wie die Leute von der Venue damit umgingen, etwas aufzuklären. Man muss schon sehr gewillt sein, mit der Realität nichts zu tun zu haben, um anzunehmen, dass das, was über die Hardcoreband Wolf Down bekannt wurde, im Rapgeschäft nicht möglich sei, von Figuren wie Harvey Weinstein ganz abgesehen (hat jemand Afrika Bambaataa gesagt?). Solange es keine Daten gibt, wage ich die Vermutung, dass es bei Rap schlimmer ist als in der Hardcoreszene.

Das Problem Sexismus ist aller Selbstbeweihräucherung zum Trotz immer noch da, es ist riesengroß und es wird mit jedem Album um weitere Jahre verlängert, auf dem die gleiche widerliche Menschenverachtung wieder in die nächste Generation Rapfans gepumpt wird. Denn es gibt fast keine Reflexion, kaum Kritik. HipHop-Journalismus ist ziemlich am Arsch, zumindest, was die Medien mit den großen Reichweiten angeht. Sexismus wird in den HipHop nach außen repräsentierenden Sphären der Medien, Blogs, Labels etc., die fast alle von Männern dominiert werden, im Prinzip fast gar nicht problematisiert, zumindest nicht öffentlich (hier eine Ausnahme, in der Juice nach 20 Jahren der erste Text zum Thema). Er wird vielleicht im privaten Kreis nicht gut gefunden, aber nicht wirklich öffentlich angegriffen.

Und weil ihr schlau seid, wisst ihr, wie das mit dem Schweigen im Angesicht von Ungerechtigkeit ist, wem es nützt und wer alleingelassen wird. Die wohlgesonnene Interpretation des Schweigens wäre, dass auch die guten, realen, ehrenhaften Männerbünde in HipHop-Hausen den Arschlöchern keine Aufmerksamkeit geben wollen. Was meist ziemlich billig und feige ist, denn mit diesem Pseudoargument lässt sich jede Haltungslosigkeit begründen. Passiert ja auch ständig. Man will sich den schönen, vermeintlich harmlosen Rap nicht kaputtmachen lassen, Rückgrat schadet auch dem Geschäft. Es sind doch nur Worte. Außerdem gibt es Wichtigeres als die Unversehrtheit von Frauen. Und komm schon, es ist halt anstrengend, wenn ich jetzt nicht mehr in meinen Texten vergewaltigen darf. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Dass es für die Betroffenen aber nicht nur bisschen nervig und anstrengend ist, sondern mitunter Lebensgefahr bedeutet, wird in der Regel nicht gesehen. Die weniger wohlwollende Interpretation des Schweigens ist die Annahme, dass es egal ist. Betrifft ja nur Frauen. Und die haben halt auch in der konkreten Lebenswelt von HipHop-Medien, Agenturen, Veranstaltungen, Bookings, DJs, Festivals usw. einfach wenig zu melden. Es schadet dem Business nicht, daher gibt es kein Problem.

Und das muss sich ändern. Wir müssen das ändern, denn nichts ändert sich von selbst. Wir müssen den Preis für Menschenfeindlichkeit hochtreiben, sowas darf nicht einfach achselzuckend hingenommen werden. Mit diesem Wir sind alle gemeint, die ein Interesse daran haben, dass diese Scheiße aufhört. Wir müssen alle unseren Teil dazu beitragen. Weil aber vor allem die Tätergruppe – und das sind hier nun einmal eindeutig Männer – und nicht die Betroffenen die Hauptlast tragen sollten, den Sexismus zu beenden, muss es vor allem darum gehen, dass auch HipHop-Männer sich mal die Mühe machen, nicht aus Angst vor Imagenachteilen vor jeder Scheiße zu kuschen wie die feigen Säcke, die sie doch laut Eigendarstellung gar nicht sein wollen. Wer aus Angst vor Widerspruch und Imageschaden sein Maul nicht aufbekommt, ist ein feiges Würstchen und soll nichts von heroischen Rambogeschichten rappen. Leute, die so einen sexistischen Dreck rausbringen und sich permanent respektlos benehmen, müssen Konsequenzen zu spüren kriegen. Wie genau, muss ein jedes selber wissen, da gibt es viele Wege.

Ich will aber explizit den Fehler bei Männern fokussieren und nicht den Frauen, die die ganze Scheiße täglich abkriegen, auch noch die Schuld aufhalsen und sie die Arbeit machen lassen, das Problem allein beheben zu müssen. Das lässt sich nur lösen, wenn alle etwas dazu beitragen. Frauen tun schon etwas, aber was ist mit den Männern? Vor allem die ganzen Typen, die noch nicht einmal den Hauch eines Problembewusstseins haben. Daher richte ich mich hier vor allem an sie. Wenn ihr nicht zur Tätergruppe gehören wollt, distanziert euch. Durch Worte und Taten. Solange das Problem existiert, ist es noch nicht behoben. Es gibt sowieso schon genug Männer, die Frauen sagen, was sie tun sollen, daher versuche ich den schmalen Grat zu beschreiten, solidarisch zu sein und ein paar Basics zu vermitteln, die ich von anderen Frauen gelernt habe. Damit, wenn mal demnächst wirklich was umfassend angepackt wird, die diese Diskussion anführenden Frauen sich nicht mit kompletten Analphabeten rumschlagen müssen. Und meine Haltung zum Thema hat viel damit zu tun, was meine weiblichen Homies und generell Frauen in der Rapszene so berichten, was sie sich seit Jahren für eine widerliche Scheiße geben müssen.

Es ist mindestens traurig, dass wir (HipHop etc.) uns wirklich noch mit so einem Müll auseinandersetzen müssen und die speicheltriefenden Täter jedes Mal ungeschoren davonkommen. Es ist Zeit, die Scheren zu schleifen. Und uns gegenseitig zu unterstützen. Lasst die Stimmen nicht allein, die sich wehren. Connectet euch. Wer kein Arschloch sein will, muss öffentlich Haltung zeigen, sich positionieren. Sich nicht immer fein raushalten, weil man ja die eigene Zielgruppe verprellen könnte und das Geld kostet. Oder im Publikum schweigen, weil man sich nicht traut, vor den den Ton angebenden Männern in den Kommentarspalten, in der Schlange vor dem Club, im Backstage oder vor der Bühne eine Haltung einzunehmen, die nicht Arschlöchern recht gibt. Ja, es ist anstrengend und riskant, sich nicht immer aus Faulheit und Feigheit blind und taub zu stellen. Und ich weiß aus jahrelanger Erfahrung, dass derartige Appelle gern mindestens belächelt werden. Aber das ist kein Zeigefinger, das ist eine Klinge, du Trottel. Und wenn dem nächsten sexistischen Wichser mit Mic in der Hand mal von einem wie zufällig aus dem Publikum dahergeflogenen Backstein das Gesicht eingeschlagen wurde, wird vielleicht auch in deiner Fangemeinde die Frage aufgeworfen, ob die Gegenwehr eigentlich wirklich die Ursache der Gewalt war. Und ich werde mit den Schultern zucken und sagen, dass ich es ja gesagt habe. Ihr könnt selbst entscheiden, ob ihr durch Schweigen mitmacht oder euch doch auch mal eine Haltung zulegt. Ab jetzt.