„Ich bin die Jeanne D’arc des Ghettos.“ – Princess Nokia über urbanen Feminismus

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Rapperin Princess Nokia, ehemals Wavy Spice und aka Destiny Nicole Frasqueri, bezeichnet sich selbst als Afro-Latina-Hexe und ihre magische Energie ist deutlich spürbar. In ihrer Musik verkörpert sie mal ein futuristisches Hackergirl, spielt mit popkulturellen Symbolen der Millennials oder präsentiert sich in einem feministischen Naturparadies voller starker Frauen, denen sie in Anlehnung an marginalisierte Teen-Moms in ihrer Weiblichkeit und Fertilität huldigt. Momentan tourt sie zu ihrem kürzlich erschienenen Album „1992“ durch Europa. Mit unserer Autorin Gala Rexer sprach sie über ihre facettenartige Persönlichkeit, feministische Kollektive, warum sie am liebsten im Schlabberlook herumläuft und warum safe spaces für Women of Color auf ihren Konzerten besonders wichtig sind.

Illustration: <a href="https://www.facebook.com/annarupprecht.illustration/" >Anna Rupprecht</a>

Illustration: Anna Rupprecht

Du verkörperst verschiedene Charaktere und Rollen in deiner Arbeit und wurdest oft mit der Aussage zitiert, dass du als Princess Nokia die multi-dimensionalen Aspekte deiner Selbst darstellen kannst, die du unter dem Namen Wavy Spice nicht ausdrücken konntest. Wie nutzt du diese verschiedenen Charaktere in deiner Kunst und Musik?

Ich mag Fantasy, Sci-Fi, Storytelling und wenn etwas mit Sorgfalt und wirklicher Verbundenheit erzählt wird. Das ist vielleicht nichts für jeden, aber es ist meine Nische, sehr wandlungsfähig zu sein. Ich drücke mich selbst auf so viele verschiedene Arten aus und mein ganzes Selbst ist eine Vielzahl von verschiedenen Einheiten. Ich habe nicht mehr so große Lust, das immer noch zu erklären, weil in meiner Kunst sehr offensichtlich ist, wie wichtig das für mich ist und wie resolut ich damit bin. Ich habe Fans verloren und Leute verstehen das Projekt nicht, das ist ok, aber ich bleibe dabei. Ich muss einfach machen, was mich glücklich macht. Ich muss mich wandeln und mich laufend weiterentwickeln, das ist ja das Lustige daran! Wer will denn die ganze Zeit the same fucking artist sein? Wo bleibt die Relevanz? Weißt du, man muss sich neu erfinden! Das ist das Millennium, das ist das 21. Jahrhundert! Wer möchte schon banal sein?

In Bezug auf „Tomboy“ hast du mal gesagt, dass du dich immer wohler fühlst, dass du deinen Style geändert hast und erwachsener wirst. Was bedeutet das für dich?

(lacht) Ich werde nicht erwachsen, ich will einfach nur jeden Tag Jogginghosen und ein T-Shirt tragen. Als ich ein Teenager, eine Raverin war, hatte ich immer Raver-Klamotten an und Gothic-Zeug – ziemlich viel verschiedenes (lacht) und ich mag diese Sachen sehr. Ich mochte diese Phasen, ich mochte alle Looks, aber ich habe mich nie vollkommen wohl darin gefühlt. Ich mag es einfach, ein bisschen schludrig und schlabberig zu sein. Ich bin von Natur aus eine eher chaotische und schludrige Person.

Eines meiner Lieblingszitate von dir ist das, in dem du von der Dualität sprichst, die coolste und die ekligste Person gleichzeitig zu sein – etwas schön zu machen, was nicht dafür vorgesehen ist schön zu sein.

Ja, das ist immer mein Lieblingsprotagonist in jeder Geschichte oder in jedem Buch!

Würdest du sagen, dass eine besondere Kraft ausgeht von Außenseiterinnen, von Hexen oder von marginalisierten Menschen im Allgemeinen?

Ja, auf jeden Fall! Ich bin die Jeanne D’arc des Ghettos. Es wird immer ein Wesen geben, dass extrem ausgeschlossen und extrem uncool ist und das dann aufsteigen wird, das einzigartig und beispiellos wird. Und das ist mein Weg. Ich bin eine Hexe, das zu verleugnen wäre eine Lüge. Seit meiner Kindheit weiß ich Dinge über mich selbst, lange bevor die meisten Menschen sie verstehen. Ich wusste schon immer sehr genau, warum ich so bin wie ich bin und warum mich manche Leute nicht mögen; aber auch warum ich gleichzeitig so glücklich und erfolgreich in meinem Leben bin – nämlich weil ich so hartnäckig dabei bin, ich selbst zu sein. Ich wollte nicht die coolste Person sein, das war ich nicht, aber jetzt bin ich es! Die Leute sagen: „Wie cool ist dieses Mädchen? Warum ist sie in einer Calvin-Klein-Werbung? Who the fuck is she?“ Und die meisten Leute im Musikbusiness oder in diesem Millennium, in dem wir leben, kennen mich gar nicht, weil ich mich nicht an den Orten aufhalte, wo sie sind. Ich kenne solche Leute nicht, aber sie wissen, dieses Mädchen hinterlässt ein Erbe! Sie inspiriert Leute! Und ich liebe das. Es ist nur so, wenn ich diese Leute treffe, merken sie, dass ich Hexenenergien habe, dass ich eine Außenseiterin bin, dass ich witzig bin und die sind dann so „Oh wow, frischer Wind“, aber ich sage dann schnell „Ja, aber du kannst meinen frischen Wind nicht zu lange atmen, ich muss los!“ (lacht)

Ich wollte einfach Orte, Kunstformen und Ideen schaffen, die feministisch, aber auch zugänglich für die urbane Frau, die brown woman, sind – ich wollte einen urbanen Feminismus.

Princess Nokia

Auf deinen Konzerten sprichst du dich für bestimmte Regeln aus, zum Beispiel in Bezug auf die Riot Grrrl Bewegung: „Girls to the front“, aber auch: Macht Platz und respektiert brown people und People of Color. Wie setzt du die Idee eines safe spaces, eines sicheren Raumes, bei deinen Konzerten um?

Also, die Idee „Girls to the front“ habe ich von der Riot-Grrrl-Bewegung, von Bikini Kill, weil ich finde, dass das ein sehr gutes Konzept ist, um Konzerte zu extrem weiblichen Orten zu machen. Ich glaube, solche Orte funktionieren auch besser, wenn sie von weiblicher Energie angetrieben werden, die Energielevel sind dann extrem hoch, die Energie fließt und ist wunderschön, weich, angenehm und frisch, und du fühlst dich gut. Manchmal können diese Energien verloren gehen, wenn Testosteron den Raum füllt, oder wenn Räume missverstanden werden. Ich wuchs mit Riot Grrrls auf, aber niemand von meinen Freundinnen mochte das Zeug, weil radikaler Feminismus für und von weißen Frauen einfach nicht zugänglich ist für brown oder black girls oder Puerto Ricanerinnen in New York. Ich wuchs als Afro-Latina-Mädchen auf und ich liebte Bikini Kill, aber ich wollte, dass auch andere Mädchen den Scheiß liebten. Als ich dann anfing, meine eigene Musik zu machen, wollte ich einfach Orte, Kunstformen und Ideen schaffen, die feministisch, aber auch zugänglich für die urbane Frau, die brown woman, sind – ich wollte einen urbanen Feminismus. Deshalb war ich da immer so hartnäckig. Ich meine nicht, dass ich eine neue Version von Kathleen Hanna bin, ich bin einfach ein großer Fan und eine große Supporterin und ich will ihr Erbe antreten, insofern als dass sie wollte, dass junge Mädchen aktiv werden. Und ich wollte ihr Erbe antreten, um es größer zu machen, weil es nicht offen war für brown girls, aber jetzt ist es offen! Und ich glaube, ich habe meine Hand da mit im Spiel. Ich bin zwar ein kleiner Fisch in einem großen See, aber mein Plätschern hat schon so manche große Welle geschlagen. Ich will einfach, dass sich Mädchen auf meinen Konzerten wohl fühlen. Es kommen auch einige Typen zu meinen Konzerten und ich weiß, dass das super Typen sind, weil sie meine Musik mögen und sie wissen, sie befinden sich in der Anwesenheit der Göttin. Die haben dann richtig Angst und gleichzeitig einen harten Schwanz und sagen dann so, „Oh, wow, das ist krass, oooh, wir können die Energie spüren!“, oder so, „Alter, siehst du diese ganzen Frauen? Das Mädchen im Moshpit?“, und ich höre diesen Jungs zu und sage (spricht mit verstellter hoher und liebevoller Stimme): „Hi Verbündete, hi Jungs, danke, dass ihr hier seid, danke für euren Support und dafür dass ihr uns so bewundert, ich liebe euch und supporte euch, aber bitte, Jungs, seid achtsam mit den Frauen in diesem Raum, ok? Ich weiß, ihr wollt auch moshen, aber das ist mehr deren Ding, also seid achtsam, das ist mehr für die Frauen heute“, und so. Ich bin einfach super ehrlich und ich möchte einfach nicht, dass jemand verletzt wird oder dass die Frauen weniger Spaß haben können als sie wollen.

Was würdest du sagen, müssen Männer und weiße Menschen lernen, um gute und reflektierte Verbündete zu sein?

Ich glaube, dass sie verstehen müssen, dass unser Schmerz sehr, sehr, sehr real ist, dass wir biologische und psychologische Kriegsführung erleben seitdem wir geboren wurden, dass wir die psychologische Auswirkung der Unterdrückung seit 600 Jahren spüren. Durch das Patriarchat und white supremacy ignorieren die Leute einfach immer noch, warum wir so wütend sind, oder traurig, oder verletzt. Und ich meine, historisch gesehen sind weiße Männer die psychologisch abartigste und gewalttätigste Gruppe von Menschen der Welt! Und wir trauern um unsere Großmütter, die erst vor ein paar fucking Jahren noch vergewaltigt wurden, wir sind noch immer Frauen, deren Eltern Sklavinnen und Sklaven waren. Was sagt dir das, hm? Die Leute denken, wir leben in dieser futuristischen millennial world, aber das stimmt nicht, das ist lediglich illusionistischer Millenarismus: Autos, fliegende Sachen und so Zeug – aber wir sind immer noch die Eingeborenen, wir sind immer noch archaische Menschen in fucking neuen Klamotten. Sie müssen verstehen, dass dieser Schmerz lebt, atmet und existiert und noch nicht beendet wurde, denn uns wurde immer noch nicht der Respekt oder das Verständnis entgegen gebracht, uns als wirklich geachtete und respektierte Menschen anzuerkennen. Wir fühlen das die ganze Zeit, wir wurden damit geboren, wir wissen es einfach und du kannst es nicht abstreiten, du kannst dich nicht dafür entschuldigen. Meine Großmutter wurde vergewaltigt und hat all diese Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung geboren. Das ist die Realität. Sie müssen verstehen, dass wir magische Menschen sind, dass unsere DNA Esoterik, Magie und metaphysische, übermenschliche Eigenschaften beinhaltet. Ich denke, aus diesem Grund wollten sie uns ursprünglich überhaupt erst kolonisieren – weil wir metaphysische Menschen sind, weil wir übermenschliche Menschen sind. Wir sind Seherinnen, wir sind Medizinerinnen, wir sind Heilerinnen, wir können zu den Toten sprechen, wir können die mächtigsten Menschen der Welt sein, wenn wir wollen. Denk mal darüber nach: Sie wollten uns alle umbringen und wir sind die mächtigsten Menschen und gleichzeitig sind wir immer noch so verunsichert. Ich denke, sie müssen verstehen, dass unsere Großartigkeit einfach die Säule des Lebens selbst ist. (lächelt)

Das passt ja ganz gut zu dieser Frage, ob die marginalisiertesten Menschen eigentlich die meiste Kraft haben…

Ja, total!

Deine Arbeiten werden ja oft als Post-Internet-Kunst bezeichnet. Ich habe mich deshalb gefragt, ob das Internet eigentlich nur dieser freie, coole Raum ist, der vielen Menschen Zugang gewährleistet, die ihn sonst nicht haben. Oder ob du aus eigener Erfahrung auch sagen würdest, dass das Internet auch ein Ort ist an dem Diskriminierung ebenfalls reproduziert wird?

Oh ja, ja, ja! Die Leute haben im Internet echt ein loses Mundwerk, die können ziemlich gemein sein, also Diskriminierung kann hier ziemlich zeitgemäß erscheinen. Internetmobbing, Belästigung im Internet gibt es wirklich und es ist ekelhaft und gruselig. Aber weißt du, ich schätze die Digitalisierung sehr und habe sie für meine Karriere sehr viel genutzt, aber ich versuche mich von Diskriminierung im Internet fernzuhalten so gut ich kann, weil ich weiß, wie viel schlimmer und greifbarer die Dinge in der realen Welt sein können. Ich habe einfach nicht die Zeit mit jemandem zu argumentieren, der oder die sowieso voreingenommen ist. Also debattiere ich nicht mit ihnen. Ich bin sehr stark in meiner Arbeit und ich stehe zu dem, was ich mache, aber ich mäßige Trolls nicht – einfach weil es traurig und toxisch ist und ich eine sensible Person bin. Ich versuche mein Bestes mich davon fernzuhalten.

Ich habe vor kurzem mit Berliner Künstlerinnen gesprochen und wir haben uns darüber ausgetauscht, wie man weibliche Künstlerinnen und Musikerinnen fördern kann und alle haben von Kollektiven und der Zusammenarbeit mit Freundinnen gesprochen. Du hast ja auch ein Kollektiv gegründet, den Smart Girl Club, kannst du mir mehr darüber erzählen?

Es ist einfach mein Team, Mila Libin, Mitbegründerin und meine beste Freundin, und ich. Wir haben alle unsere männlichen Freunde gesehen, wie sie zusammen Kunst machen und zusammen etwas Nachhaltiges schaffen und wir wollten das auch. Wir wollten nicht mit einem Haufen Leuten zusammenarbeiten, die wir nicht kennen. Deshalb wollte ich für meine Visuals, für meine Graphics (Die Videos zu „Tomboy“, „Young Girls“, „Cybiko“, „Dragons“ und „Nokia“ wurden vom Smart Girl Club produziert; Anm. d. Aut.) einfach was mit meinen Freundinnen machen und das sollten nur Mädchen sein. Ich wollte das alles ganz selbstständig und unabhängig machen und die Kontrolle darüber haben. Das ist das Beste an dieser neuen Welt, dass du alles selbst machen kannst. Du kannst selbst bestimmen – und deshalb sind feministische Kollektive gerade so wichtig, weil Mädchen einfach selbst entscheiden und bestimmen wollen.

Das Titelbild stammt aus der Serie „Women In Music“ der Berliner Illustratorin Anna Rupprecht.