Post Malone: „Ich bin nicht der Talentierteste.“

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Vor ziemlich genau zwei Jahren erschien „White Iverson“ und machte den texanischen Nerd Austin Richard Post, Jahrgang ’95, innerhalb weniger Wochen zum nächsten Superstar-Anwärter im amerikanischen Pop-Zirkus‘. Auf einmal arbeitete er mit Megastars wie Kanye West und Justin Bieber und widerlegte Ende 2016 mit seinem Debütalbum „Stoney“ auch die letzten Kritiker, die in ihm nur ein weiteres One Hit Wonder vermutet hatten. Kurz nach dem ausverkauften und feuchtfröhlichen Tour-Finale in Berlin traf Jonathan Nixdorff Post Malone zum Gespräch über den unverhofften Erfolg, Individualität und HipHop.

Foto: Nina Francesca Nagele

Foto: Nina Francesca Nagele

Was denkst du denn über Individualität im HipHop und wie hat sich dieses Konzept in den vergangenen Jahren verändert?

Ganz ehrlich, ich denke, Individualität ist der sickeste Shit überhaupt. – Darf ich Shit sagen? Shit! – Besonders in den Anfangsjahren der HipHop-Kultur lag der Fokus stärker auf Individualität – das war sehr wichtig. Das hat den Weg für unterschiedliche Arten von Sound bereitet. Aber es gab eine kurze Zeit, in der das verschwand. Leute fingen an, andere zu kopieren, zu wiederholen, was Andere schon gemacht haben und es dabei oft nicht einmal nur ein kleines bisschen verändert haben. Mittlerweile gibt es aber wieder so unglaublich viel Individualität und Einzigartigkeit in der Musikindustrie – richtig krass. Man weiß nie, ob und wann andere einen selbst kopieren werden. Man weiß nie, ob und wann man selbst einen Trend setzten wird. Das Wichtigste ist, dass man sich selbst treu bleibt, egal was passiert. Denn man ist der Shit – die Leute wissen es vielleicht noch nicht, aber sie werden es früh genug herausfinden.

Das war eine Phase, in der es in der HipHop-Szene oft mehr darum ging, einer von den coolen Typen zu sein und sich anzupassen. Warum glaubst du, dass sich das wieder verändert hat?

Ich weiß es nicht genau. Vor allem durch das Internet wurde es super einfach, seine Ideen zu verbreiten und teilen. Und entweder finden es die Leute gut oder sie finden es schlecht. Entweder man gewinnt oder verliert. Aber wenn man immer man selbst bleibt, kreativ bleibt und neue Sachen ausprobiert, wird man’s irgendwie schaffen. Eigentlich gibt es immer Menschen, die es krass finden. Das beste Beispiel dafür ist doch, wie Cam’Ron anfing, pinke Klamotten zu rocken.

Dich anzupassen war auch nie ein Thema für dich. Du hast mal erzählt, dass du in selbstgenähten Anzügen deiner Mutter in die Schule gekommen bist und dafür gehänselt wurdest. Hattest du nochmal Kontakt zu den Leuten, die dich in der Schulzeit gemobbt haben?

Ich war ein Freak (lacht) Und ja, ich habe ein paar von den Kids aus der High School und Middle School getroffen. Und keiner hatte das erwartet – ich selbst habe das ja auch nicht erwartet. Ich hätte nie gedacht, dass sich Millionen von Menschen meine Sachen anschauen. Ich meine, über 200 Millionen haben sich „White Iverson“ angeschaut, „Congratulations“ ist seit drei Wochen draußen und hat mittlerweile 30 Millionen Views. Wir werden damit wahrscheinlich bald Platin gehen – das ist unglaublich. Ich bin nicht der talentierteste Mensch, es gibt so viele Menschen da draußen, die es mehr verdient hätten. Aber ich habe sehr hart dafür gearbeitet, deshalb können eigentlich nicht viele Leute was dagegen sagen. Vor allem, weil die nie an mich geglaubt haben. Aber ich liebe die Menschen – viele haben es vielleicht früher nicht verstanden, aber wenn man es ihnen zeigt, werden sie es verstehen.

Nur weil man etwas Bestimmtes mag, heißt das noch lange nicht, dass man etwas Anderes nicht mögen kann.

Post Malone

Nach der Schule bist du nach L.A. gezogen, also raus aus deiner Heimatstadt in eine ganz neue Umgebung. War dieser Schritt auch wichtig, um du zu dir selbst zu finden?

Dieser Schritt war der wichtigste überhaupt – aber es war hart. Es ist hart, einen Ort zu verlassen, an dem man zehn Jahre gelebt hat. Einfach seine Sachen zu packen und zu gehen, ohne Geld, ohne Eltern. Ich wusste nicht, wie es weitergehen wird. Ich habe von Tag zu Tag vor mich hin gelebt. Aber wenn man an die Belohnung denkt, muss man das Risiko auch eingehen. Ich habe es riskiert und es hat sich ausgezahlt – ich bin einer der Glücklichen.

Wie waren denn deine ersten Monate in L.A.?

Eigentlich ziemlich scheiße. Ich habe anfangs bei Jason gelebt, der seit der Middle School mein bester Freund ist. In der High School war er der Krasseste und hat schon sein eigenes Geld mit Minecraft-Gaming-Videos verdient. Er war das reichste Kind an der Schule und ist später nach L.A. gezogen, um sein Video-Ding voranzubringen. Bei ihm wusste ich, dass ich immer irgendetwas zu essen bekomme, wenn ich hungrig bin. Er hat auf mich aufgepasst. Das war echt krass. Er hat immer an mich geglaubt. Ich habe in seinem Schrank auf einer Luftmatratze gepennt. Jetzt habe ich ihm eine Rolex gekauft, es ist also alles wieder cool – er bleibt mein Bro.

Das klingt auch nach jemandem, der deinen individuellen Weg versteht.

Wir sind zusammen aufgewachsen und er war immer ein Vorbild für mich. Ich wollte so sein, wie er. Ich wollte auch etwas aus mir machen. Er hat mir gezeigt, dass ich das kann.

Vanessa Satten, die Chefredakteurin des XXL Magazins, hat dir vorgeworfen, dich nicht mehr mit der HipHop-Kultur zu identifizieren, weil du kein Teil der XXL Freshman Class 2016 sein wolltest.

Ich respektiere XXL, das ist eine echt gute Publikation, aber das ist kompletter Blödsinn. Sie wollten, dass ich nach NYC fliege und den ganzen Kram mitmache, aber ich war einfach müde und brauchte ein bisschen Zeit für mich selbst. Ich hatte mir den Arsch abgeschuftet, um mein Album fertig zu bekommen. Für XXL sollte ich freestylen. Ich bin aber kein Freestyler, ich kann sowas gar nicht.

Für mich ist vor allem wichtig, dass man nicht vergisst: Nur weil man etwas Bestimmtes mag, heißt das noch lange nicht, dass man etwas Anderes nicht mögen kann. Die Leute wollen dich in eine Schublade stecken und dir vorschreiben, was du zu mögen hast und was nicht. Das macht doch alles keinen Sinn.

Mit welcher Musik bist du denn aufgewachsen?

Mein Dad hat mir Metal gezeigt, aber auch den HipHop-Kram: Metallica, Megadeath und sowas. Aber auch Outkast, Biggie, 2Pac, Ice-T, Ice Cube und N.W.A.. Von meiner Mutter kam die Country-Musik. Zum Beispiel Toby Keith, Brad Paisley und Tim McGraw. Ich habe dadurch gelernt, wie wichtig es ist, unvoreingenommen und offen für alles zu bleiben. Nur weil jemand komisch singt, ist das kein Grund, ihm gar keine Chance zu geben. Man weiß nie, was man daraus lernen kann.

Was bedeutet dir denn HipHop und fühlst du dich als Teil der Kultur?

Natürlich! Meine erste CD war „Lean Back“ von Fat Joe. Meine Eltern haben mir versehentlich die Dirty Version gekauft. Ich war ungefähr acht und drehte komplett durch bei dem Song. Aber mir ist Individualität noch viel wichtiger. Man muss nicht unbedingt wahnsinnig talentiert sein, solange man einzigartig ist. Im HipHop ist die Attitüde genauso wichtig wie die Musik. Aber das gilt auch für Rock, Country und eigentlich alle Musikrichtungen. In richtig vielen Country-Songs geht es auch um Autos, Klamotten und Frauen – es unterscheidet sich nur der Style.

Für XXL sollte ich freestylen. Ich bin aber kein Freestyler, ich kann sowas gar nicht.

Post Malone

Wie willst du dich denn musikalisch weiterentwickeln?

Ich arbeite gerade an meinem nächsten Album „Beerbongs and Bentleys“, das Mitte des Jahres rauskommen soll. Auf dem Album werde ich wieder mehr produzieren, auch um meinen eigenen Spin reinzubringen. Gleichzeitig arbeite ich gerade an einem reinen Folk-Album. Da weiß ich aber noch nicht genau, wann es fertig sein wird und wann die Welt bereit dafür sein wird – das geht alles Schritt für Schritt. Ich möchte meine Fans nicht enttäuschen. Sobald die Zeit gekommen ist, kann ich ein ganzes Projekt nur mit mir und meiner Gitarre raushauen. Aber gleichzeitig will ich das auch mit HipHop verbinden und etwas droppen, das für jeden nachvollziehbar ist.

Aktuell spielst du eine klassische HipHop-Show mit DJ. Aber selbst „Stoney“ könnte man auch mit Band auf die Bühne bringen.

Das würde ich richtig feiern. Aber dafür brauche ich die tighteste Band der Welt.

Du hast vorher erwähnt, dass du auf dem kommenden Album wieder mehr selbst produziert hast. Wieso sind denn auf „Stoney“ fast keine Produktionen von dir?

Als ich bei Jason ausgezogen bin hatte ich nicht wirklich viel Kohle. Also hatte ich eine kleine, shitty Wohnung. Selbst nachdem „White Iverson“ Platin ging, wohnte ich da immer noch. Ich konnte da keine Beats machen, das war wirklich unmöglich. Selbst wenn ich um 21 Uhr Nirvana gehört habe, gab’s Stress mit den Nachbarn. Deswegen habe ich die Produktion von „Stoney“ abgegeben. Aber das war auch irgendwie geil. Dadurch sind jetzt unglaublich viele talentierte Producer auf „Stoney“. Louis Bell, Metro Boomin, Pharrell, Cashio, Frank Dukes sind nur ein paar davon. Trotzdem habe ich immer das Gefühl, dass man zu seinen eigenen Beats einen ganz anderen Zugang hat. Schon während ich „White Iverson“ – mithilfe von Rex – produzierte, hatte ich unglaublich viele Ideen und schrieb den Song parallel in meinem Kopf. Als ich den Song im Studio aufnahm, strömte es nur so aus mir heraus. Auf dem nächsten Projekt sind auf jeden Fall wieder einige gute Songs, die ich produziert habe. Aber ich versuche einfach nur, eine gute Platte abzuliefern.

Würde es dich reizen, mit anderen Produzenten gemeinsam an Beats zu arbeiten – zum Beispiel mal eine Session mit Metro Boomin machen?

Ja, auf alle Fälle, das wäre richtig krass. Ich war mit Metro schon im Studio, er ist der beste Mensch und ich würde wahnsinnig gern mit ihm gemeinsam arbeiten. Mir würde es sogar schon reichen, wenn man sich Beats hin und her schickt. Also ich würde ihm gern Beats von mir schicken und schauen, was zurück kommt. Sowas würde ich auch gern mal mit Pharrell machen. Rex Kudo und ich machen das immer so – wir schicken uns die Beats und die Ideen hin und her.

Aber noch sind keine Sessions mit Metro und Pharrell geplant?

Nein, noch nicht. Ich werde mir einfach ein paar Produzenten schnappen, sie einsperren, mit Käse füttern und auf die Beats warten.