Pimf – „Ich bin jemand aus dem Niemandsland und erzähle vom Niemandsland.“

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Pimf war vor gut fünf Jahren einer der Posterboys der Internet-Battle-Liga VBT. Und doch stieg er auf dem Höhepunkt des Hypes einfach aus dem Turnier aus und verabschiedete sich von der Battlerap-Szene. Mit seinem Debütalbum „Memo“ lieferte er dann vielmehr ein introvertiertes Manifest für die Suchenden. Auf seiner Anfang Februar erscheinenden EP „Justus Jonas“ hat Pimf vieles gefunden. Christopher Kammenhuberder sprach mit dem Jungen aus der nordhessischen Provinz über Die drei Fragezeichen, das Hinterland und falsche Images.

An wen ist der Titel deiner neuen EP „Justus Jonas“ angelehnt? An den besserwisserischen ersten Detektiv der drei Fragezeichen oder an M.O.R.-Justus, der sich ja auch auf den Jungen aus Rocky Beach bezieht?

Das ist natürlich angelehnt an den ersten Detektiv und hat auch nichts mit seiner besserwisserischen Eigenschaft zu tun. Ich bin einfach ein großer Fan von den drei Fragezeichen und ein großer Fan von Justus Jonas. Das war eine Schnapsidee. Jonas ist ja auch mein Vorname, deswegen haben wir’s einfach so genannt. Ich fand den Titel irgendwie ganz cool. So ein Name ist ja dann auch irgendwie letztendlich das, was man daraus macht. Es ist jetzt nicht so, dass ich auf der EP irgendwelche Fälle löse. Vielleicht heißt die nächste Platte auch Peter Shaw oder Bob Andrews. „Justus Jonas“ ist locker und entspannt. Ich wollte das nicht so verkopft und verkrampft machen.

Und wie stehst du zu Justus von M.O.R?

Natürlich war ich großer M.O.R.-Fan, damit bin ich aufgewachsen und ich mag auch die Sachen von Justus Jonas.

Die Veröffentlichung deines Albums „Memo“ liegt eineinhalb Jahre zurück. Woran hast du in der Zwischenzeit gearbeitet?

Ab dem Release von „Memo“ habe ich neue Songs gemacht. Aber nicht mit dem Plan, dass ich jetzt eine EP oder ein Album mache – ich habe einfach weiter Mucke gemacht. Ich finde übrigens den Titel EP ein bisschen doof und abwertend. „Justus Jonas“ ist ein bisschen mehr als eine EP, die man zu einer Album-Box dazulegt oder in drei Wochen macht und dann raushaut. Ich habe schon relativ lange, eigentlich seit „Memo“, daran gearbeitet. Ansonsten habe ich in den letzten eineinhalb Jahren relativ viel von der Welt gesehen, mich irgendwo herumgetrieben, inspirieren lassen und die Zeit genutzt in meinem relativ jungen Alter. Ich war sehr viel in Europa unterwegs, habe Klassiker wie Prag gesehen und ich bin in diesem Jahr zusammen mit einem Kumpel den portugiesischen Jakobsweg gelaufen. Das war übrigens auch so ’ne Schnapsidee: fünf Tage vorher gebucht und einfach los gewandert. So Sachen – nicht großartig auf anderen Kontinenten, sondern classic europäische Reiseziele abgehakt.

Deine Inspiration kommt also vom Reisen?

Viel kommt auch aus der Heimat. Das ist ein Zusammenspiel von beidem. Ich mag den Kontrast zwischen der großen, weiten Welt und dem kleinen Zuhause, das ich auch sehr schätze und als Gegenpol und Rückzugsort brauche. Sehr viel von dem Mikrokosmos, in dem ich hier lebe, steckt in der Platte. Ich bin kein Großstadt-Mensch und ich glaube, das ist etwas, womit sich Leute aus Großstädten nicht sofort identifizieren können. Sie können aber sicher auch nachvollziehen können, wofür das steht und was das für Vibes und Gefühle sind.

Du sprichst von deiner Herkunft aus Hofgeismar bei Kassel, die du auf „Justus Jonas“ ungeschönt und ehrlich thematisierst. Themen wie die eigene Dorfvergangenheit oder Mittelstandsherkunft sind sicher nicht die populärsten Rap-Themen. Funktioniert das trotzdem für dich?

Es ist halt einfach so. Ich will nichts dazu dichten oder irgendwas erfinden. Das ist mein Leben, das bin ich. Klar, auf den ersten Blick mag die harte Vergangenheit auf der Straße interessanter erscheinen, aber das ist weder meine Vergangenheit noch meine Gegenwart. Ich glaube, dass es da draußen relativ viele Leute gibt, die ähnlich leben und sich damit identifizieren können. Die Frage ist doch: Soll es spannend oder ehrlich sein? Dann soll es doch lieber ehrlich sein, anstelle von irgendwelchen spannenden Geschichten, die ich mir ausdenke. Das hat natürlich auch seine trostlosen Seiten und die will ich auch nicht außen vor lassen. Deswegen findet das in meiner Musik statt. Das ist eine Frage, über die ich auch relativ häufig nachdenke. Von Grund auf denkt man erst: „OK, du bist ’n mittelständischer Junge aus einer kleinen Stadt. Was willst du erzählen?“ Aber es ist halt so. Und das ist auch etwas, das ich so nicht von anderen höre. Wenn du sagst, dass dich nichts an meinem Leben interessiert, hör‘ halt Straßenrap. Höre ich auch gerne. Aber ich bin jemand aus dem Niemandsland und erzähle vom Niemandsland.

Ich finde, es ist schwierig, inhaltliche Kritik von außen einzuwerfen. Der Inhalt ist meiner, wie willst du den beurteilen?

Pimf

Wie reagierst du auf Kritik darauf?

Es gibt ja noch einen Unterschied zwischen Dissen und Kritisieren. Aber wenn… Ja, OK, ist halt so. Das nehme ich wie damals Savas, als Eko rappte, „Du bist jetzt Anfang 30“, und Savas fragte, „Ja, OK, wo ist jetzt der Diss?“ Kritik nehme ich mir öfter auch zu Herzen, aber es ist nicht so, dass ich daran verzweifle. So lange ich das Gefühl habe, dass ich mit mir im reinen bin und das mit einem guten Gewissen mache, so lange kann mir keiner etwas vorwerfen. Ich finde, es ist schwierig, inhaltliche Kritik von außen einzuwerfen. „Jo, dein Flow ist bei Minute 2:30 nicht on point?“ – Das ist etwas, worüber sich streiten lässt. Aber der Inhalt ist halt meiner, wie willst du den beurteilen?

Apropos Disstracks: Du bist ja durch das VBT bekanntgeworden, oder, wie du auf „Kinderzimmer“ rappst: „Ich bin VBT gebrandmarkt, geklickt und gelikt.“ Wie fühlt sich so dieses Brandmal an?

„Kinderzimmer“ ist auch schon eineinhalb bis zwei Jahre alt. Ich merke das VBT gar nicht mehr und habe mich da ganz gut rausgezogen. Ich bin damit voll im reinen und auch nicht genervt, wenn ich auf das VBT angesprochen
werde. Ich habe mich in eine ganz andere Richtung entwickelt, das heißt aber nicht, dass ich mich davon distanziere. Viele Sachen würde ich trotzdem nicht mehr so machen, wie ich sie damals gemacht habe. Da war ich 17, mein Mindstate ist heute ein völlig anderer. Insofern ist es schwierig, mich mit den alten Sachen zu konfrontieren. Ich meine, wenn jetzt irgendwelche Leute sagen, „Jo, Alter, deine VBT-Cypher ist voll geil, die habe ich in meiner Jugendphase gehört.“ – Das ist doch geil, das freut mich. Dass ich nochmal so Musik mache, kannst du aber nicht mehr von mir erwarten. Es ist einfach da, das war eine Zeit, die ist vorbei, die hat aber auch kein böses Blut geschaffen. Ganz im Gegenteil: Es war eine geile Zeit, die Spaß gemacht hat. Mit der gleichen Motivation mache ich aber auch meinen aktuellen Scheiß: Das macht auch Bock!

Viele Künstler sprechen vom schweren zweiten Album. „Justus Jonas“ ist nach deinem Debütalbum „Memo“ deine erste EP. Ist dir die Arbeit daran schwergefallen?

Das ist ein gängiges Sprichwort, was ich allerdings nicht unbedingt so empfinde. Für „Memo“ habe ich ja sehr lange gebraucht und mir viele Gedanken gemacht. Das war für mich schon ein sehr, sehr schweres Album. Aber im Zuge von „Memo“ habe ich gemerkt, dass es schon das ist, was es sein soll und ich einfach so sein muss, wie ich bin. Mit dieser Erkenntnis habe ich mich locker gemacht – auch wenn das nicht so wirkt, weil wieder eineinhalb Jahre vergangen sind. Die zweite Platte fiel mir nicht sonderlich schwer – im Gegenteil, das hat mir sogar ganz, ganz viel Spaß gemacht. Das Unverkrampfte ist auch der Unterschied zu „Memo“. „Justus Jonas“ ist viel entspannter und lockerer.

Auf „Einfach wieder Mukke hören“ drückst du deine Unzufriedenheit mit dem heutigen Rap-Business aus und machst die Vermarktungsmaschinerie für die Entfremdung vom „ursprünglichen“ HipHop-Gedanken verantwortlich („Denn keines dieser Kids fährt sich heute noch die Alben rein, es geht um irgendwas verkörpern oder albern sein“). Wie machst du dich frei und unabhängig von solchen Mechanismen?

Komplett frei bin ich natürlich nicht davon. Paradoxerweise haben wir zu genau dem Song gerade ein Video gedreht. Das ist ja auch ein Stück Vermarktung. Und natürlich will ich meine Musik bewerben und nach außen tragen. Aber das will ich mit der Musik machen und nicht mit irgendeinem Quatsch drumherum, wie Vlogs. Ich finde, die Musik sollte sich selbst promoten und der Fokus auf der Mucke an sich liegen. Ich glaube schon, dass ich mich da ganz gut raus gezogen habe. Die Platte bringen wir komplett selbst raus. Ich hab einen Stapel CDs in meiner Butze liegen und verschicke die jetzt alle selber, ohne großes Amazon-Business. Es macht ja auch Spaß, so nah dran zu sein und so viel wie möglich selbst zu machen. Wenn die Leute ein Autogramm wollen, schreibe ich halt ein Autogramm drauf. Das ist ein bisschen persönlicher als beim klassischen industriellen Weg, bei dem alles von irgendwelchen Labels und Promotern gehypt und aufgebauscht wird.

Machst du dir trotzdem Gedanken über dein Image und was du verkörpern möchtest?

Ich probiere, immer möglichst nah bei mir selbst zu sein. Image ist das, was die Leute daraus kreieren. Für mich ist das so: Was du für ein Image daraus machst, ist deine Sache. Wenn du sagst, Justus Jonas ist ein Besserwisser, dann sagt er das sicher nicht über sich selbst, sondern es hat sich irgendwie herauskristallisiert. Ich will ehrlich sein. Ich entwerfe auch kein „Der kleine Junge aus dem Kaff“-Image. Wenn ich das sage, dann sage ich das, weil ich das bin und fühle und nicht weil ich denke, dass so mein Image so sein muss.

Willst du „Justus Jonas“ auch auf die Bühne bringen?

Wir sind wir tatsächlich gerade am überlegen, ob wir eine Tour machen sollen. Ich habe Bock darauf, bin aber auch skeptisch, ob es sich lohnt und ob da auch Leute kommen. Ich zweifle dann immer an mir und meinem eigenen Kreis. Ich gehe immer vom worst case aus. Rund um „Memo“ haben wir sehr viele Festivals gezockt. Immer nachmittags, als Parallelprogramm um 15 Uhr auf der Nebenbühne. Ich dachte jedes Mal: „Oh Gott, da kommt keiner, die sind alle noch im Zelt.“ – Aber am Ende standen dann doch immer ein paar hundert Leute vor der Bühne und alles war cool. Wir würden auch die Tour selbst organisieren, obwohl ich gerade auch viel mit den CDs zu tun habe. Wie gesagt, ich mache alles zum ersten Mal selbst und das überfordert mich noch ein bisschen. Mein Kopf parallel dazu mit der Tour-Planung zu belasten ist schwer, aber wenn ich den Kram mit den CDs durchhabe, würde ich das sehr gerne angehen.