Pilz – „Mir ist scheißegal, wie man es bezeichnet, wenn Frauen rappen.“

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2015 liegt das VBT ein gefühltes Jahrzehnt zurück. Längst haben sich einstige Teilnehmer wie Lance Butters, Weekend oder 3Plusss zu festen Größen im Spiel gemausert. Auch Pilz öffneten ihre Gastauftritte in der VBT splash! Edition 2013 erste Browserfenster einer größeren Rap-Hörerschaft. Nach einer EP und einer Tour mit King Orgasmus One, wagt die 23-jährige Lübeckerin mit der Schafsmaske auf ihrem Debütalbum „Beef“ nun den Spagat aus veganem Lebensstil und kompromissloser Battle-Attitüde.

Du hast in unserem letzten Interview 2013 gesagt, dass du weiterhin battlen willst, ob live oder im Internet. Was hast du für Erfahrungen seitdem gemacht?

2014 habe ich noch ein letztes Mal bei der VBT splash! Edition gebattlet. Ich stehe mit dem Chief von Don‘t Let The Label Label You in Kontakt. Das Problem ist, dass ich generell nicht viel Zeit finde, um an Projekten zu arbeiten. Und falls ich dann mal Zeit habe, stecke ich diese natürlich lieber beispielsweise in ein neues Album. Viele unterschätzen den Zeitaufwand für Battles. Für ein Battle gegen Kitty Kat wäre ich allerdings bereit, alles stehen und liegen zu lassen. Also Kitty Kat, falls du das hier lesen solltest: Mein Angebot steht.

Du hast 2014 bei der VBT splash! Edition mitgemacht, wenn auch „nur“ mit Cameo-Auftritten. Damalige Teilnehmer wie Pimf oder 4Tune haben mittlerweile das Stigma des VBT-Rappers weitestgehend abwerfen können. Wie gehst du mit deinem VBT-Background um?

Ich habe meinem VBT-Background auf jeden Fall vieles zu verdanken. Besonders auch den anderen Teilnehmern, wie zum Beispiel Dollar John oder Punch Arogunz, die mich durch diverse Dinge supportet haben. Ich möchte die VBT-Zeit auch weder leugnen noch schlecht reden. Ich finde es auch völlig in Ordnung, ständig zu hören, dass man mich aus dem VBT kennt. Ich möchte aber auch nicht nur als „die Rapperin aus dem VBT“ bekannt sein. Ich möchte längerfristig als fester Bestandteil der HipHop-Szene wahrgenommen werden.

Dein Album „Beef“ ist bis auf ein, zwei Ausnahmen ein reines Battle-Album. Wird Pilz eines Tages auch mal mehr erklären, wer sie ist, anstatt immer nur, wer sie nicht ist?

Da muss ich dir widersprechen. Ich finde nicht, dass die Platte ein reines Battle-Album ist. Meine Attitüde ist dieselbe geblieben. Ich bin immer noch anti. Aber das bin ich im normalen Alltag auch. Wenn du bei jedem Song zwischen den Zeilen hörst, erkennst du wahre Geschichten, die das Leben schrieb. Klar, Rap lebt auch von Übertreibungen, aber das Album ist realer, als die meisten denken.

Musikalisch ist „Beef“ sehr synthetisch gestaltet. Auf „Flashback RMX“ lässt du allerdings durchsickern, dass du eine klassische Rap-Sozialisation genossen hast. Warum verzichtet „Beef“ auf Sampling?

Ich habe bewusst auf Samples verzichtet, da ich heutzutage ein ganz bestimmtes Klangbild vermisse und dieses hervorrufen wollte. Ich mag schnörkellose Beats mit harten Drums. Zudem hat es sich einfach nicht ergeben. Vielleicht dann beim nächsten Mal.

Viele weibliche Rapper lehnen den Begriff „Female-Rap“ ab. Was ist Female-Rap für dich?

Ich finde es so behindert, wie sich alle über diesen Begriff aufregen. Mir ist scheißegal, wie man es bezeichnet, wenn Frauen rappen. Ich verstehe vom Ding her natürlich schon, weshalb grad Frauen ein Problem damit haben. Aber wenn die nur halb so viel Zeit in ihre Musik investieren würden, statt in solche Nichtigkeiten, würde dieser Begriff gar nicht existieren. Sobald man etablierte Rapperinnen in Deutschland nicht mehr an einer Hand abzählen kann, wird der Begriff einfach aussterben.

Du thematisierst u.a. auch deinen veganen Lebensstil, wie z.B. auf „Mein Barrio“. Wie kannst du es in Einklang bringen, einerseits als Veganerin eine individuell-ethische bis herrschaftskritische Ideologie zu verfolgen, andererseits von Leuten zu erwarten, dass sie deiner Meinung sein sollten?

Ich erwarte prinzipiell erst mal gar nichts von Menschen. Es sei denn, sie wollen mit mir diskutieren. Das wollen nämlich viele Menschen, wenn du Veganer bist. Das ist auch in Ordnung, ich habe auch nichts dagegen. Aber meistens ist es leider so, dass die Menschen dir einfach nur sagen wollen, wie kacke sie deine Einstellung finden, ohne dass sie sich darüber informiert haben. Die wollen das gar nicht verstehen, sondern einfach nur Recht haben. Also, wenn man mit mir diskutieren möchte, dann soll man doch bitte zumindest ein paar Argumente parat haben. Ich meine, wenn mir jemand weismachen möchte, dass ein erwachsener Mensch die Muttermilch einer anderen Spezies trinken müsse und das völlig normal sei, auch weil den Kühen sonst der Euter platzen würde, weil sie ja schließlich Milchkühe wären, dann möchte ich bitte nicht weiter mit ihm diskutieren. Solche leider alltäglichen Situationen spreche ich da an.

Auf „Bitchmove“ kritisierst du stereotypische Frauen-Attribute, die man einer sog. „Tussi“ attestieren würde. Was ist dein Problem mit „Mädchenkram“?

Ich habe nicht generell ein Problem mit Mädchenkram. Ich denke, nahezu jeder kann sich ein Stück weit mit diesem Song identifizieren. Jeder erkennt mindestens eine Person darin wieder, die er kennt und nicht leiden kann. Ich hab den Track an einem Tag geschrieben, an dem ich gefühlte hundert Mal mit so einem Klischee konfrontiert wurde. Und dann habe ich darüber nachgedacht, dass das ja voll der Bitchmove ist, als Frau so über Frauen zu denken und zu reden. Und so kam eins zum anderen.

Du pflegst scheinbar eine intensive Beziehung zum Sportwettenbetreiber Tipico. Was ist dein Spezialgebiet? Hast du einen Rat an Teenager, die dir nacheifern?

Unter unseren Dudes ist mit „Tipico“ einfach generell ein Wettbüro gemeint. Ich habe also gar keine intensive Bindung zu Tipico selbst. Für den Song war es einfach der beste Begriff. „Nie wieder Bett3000“ oder Ähnliches klingt halt nicht so cool. Tipico bietet mittlerweile viel zu schlechte Quoten, sodass wir immer zur Konkurrenz gehen. Der Vorteil bei Tipico ist natürlich das nettere Ambiente, wenn einem das wichtig ist. Ich tippe eigentlich nur auf Fußballspiele. Angefangen bei Amateurligen bis hin zu den europäischen Topligen oder Länderspielen. Man muss auch gar nicht unbedingt so super viel Ahnung haben. Ich entscheide bei unbekannteren Mannschaften oft auch einfach nach meinem Bauchgefühl. Mein Tipp an die Teenies, die mir nacheifern: Eifert mir nicht nach. Und falls doch: Immer schön Quote pushen!

Fährst du aufs splash! Festival? Was wirst du dir anschauen?

Ich war schon sehr oft da, die letzten zwei Jahre allerdings nicht. Das lag aber nur daran, dass die Dudes, die immer mit mir fahren, leider doofe Arbeitgeber hatten. Und ich bin nicht so der „Alleine losfahren und dort Leute kennen lernen“-Typ. Ich liebe das splash! nicht nur wegen der Acts, sondern hauptsächlich wegen des ganzen Feelings dort. Das ist wie Kurzurlaub in eine andere Welt. Ich geb mir auf jeden Fall Hafti, Marsi, die Orsons, Nicki Minaj, Audio88, die Cosmo Gang, Damion, Fav, Genetikk, Karate Andi, Underachievers, Ali As, MoTrip, ZM, Retrogott & Hulk Hodn, Said und Kid Simius.