Pilz: „Ich habe mit schlimmeren Beleidigungen gerechnet.“

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Sei es beim VBT, wo sie zum ersten Mal Aufmerksamkeit als Rapperin erregte oder als Support-Act von King Orgasmus One: Pilz bewies im Laufe ihrer Karriere trotz anatomischer Absenz, dass sie definitiv Eier in der Hose hat. Vor einem Jahr erschien ihr Debütalbum „Beef“, welches – wie der Name schon vermuten lässt – kompromisslosen Battlerap beinhaltete. Aber wie wir alle wissen: Zeiten ändern dich. Somit redete Pilz ein Jahr später im Gespräch mit Miriam Davoudvandi über Veränderungen, ihr kommendes Album „Kamikaze“, das Ablegen ihrer Maske, ihre politische Entwicklung und selbstverständlich: Brüste.

Was erwartet uns musikalisch auf „Kamikaze“ und was hat sich im Vergleich zu „Beef“ verändert?

„Kamikaze“ ist immer noch ganz klar Battlerap, aber politischer, gesellschaftskritischer und runder als „Beef“, da es eher einen roten Faden hat. Ganz oft wurde ich dafür kritisiert, dass „Beef“ so anstrengend gewesen sei, weil ich zu viele Worte in zu kurzer Zeit durchflexen wollte. Daher habe ich darauf geachtet, dass man zwischendurch ein bisschen mehr Luft hat und der Hörer überlegen kann, was ich eigentlich genau gesagt habe. Außerdem sind 3-4 Tracks dabei, die ungewohnt ruhig sind.

Produziert wurde ja hauptsächlich von Loca, von dem man bisher kaum etwas weiß. Wer verbirgt sich dahinter?

Loca ist ein nicer Dude aus Hannover, der beim letzten Album auch schon mitgearbeitet hat. Ich habe ihn zufällig durch Silbernase, der das „Konfetti“-Video und meine Artworks gemacht hat, kennengelernt. Irgendwann sagte Loca: „Ich find’s voll nice, was du machst. Brauchst du nicht ein paar Beats?“ und ich sagte: „Ja, auf jeden, Alter.“ Aber bei „Beef“ kannten wir uns noch gar nicht persönlich. Wir hatten bis dahin nur via Facebook geschrieben und telefoniert und uns erst bei der Release-Party zu „Beef“ kennengelernt. Aber seitdem sind wir Homies.

Wie kam der Kontakt beziehungsweise das Feature mit Marcus Staiger zustande?

Ich war letztes Jahr auf dem splash! und habe mich bei Staiger vorgestellt und ihn nach seiner Adresse gefragt, weil ich ihm mein Album schicken wollte. Eigentlich wollte ich nur Feedback von ihm, weil er für mich einer der krassesten Typen überhaupt ist. Ich musste ewig auf eine Antwort warten und hakte dann nach, ob er es endlich gehört hatte. Plötzlich fragte er mich nach meiner Adresse und schickte mir eine Spex, in der er eine Review über mein Album verfasst hatte. Das war total krass. Ich hatte gar keine Ahnung, dass er so etwas vorhaben könnte. Später habe ich ihn einfach gefragt, ob er nicht Bock hätte, ein Intro für das neue Album zu sprechen. Ich habe ihm gesagt, dass er 30 Sekunden hat und machen kann was er will, ansonsten hatte er gar keine Vorgaben. Und was dann daraus geworden ist, hört man ja auf „Konfetti“.

In diesen 30 Sekunden sagt Staiger, dass du real bist und dass deine Musik „echter Rap-Shit“ sei. Deine zweite Videoauskopplung „Fuck Jiggy Rap“ spricht auch für sich. Wie definierst du Realness und inwiefern ist sie für dich wichtig?

Real heißt für mich, dass man man selbst ist, dass man authentisch ist und dass man das nach außen trägt, wofür man stehen kann. Jiggy Rap steht für mich für Klischee-Hiphop-Menschen mit XXXXL-Hosen und Goldketten, die nur über ihren Reichtum und ihre Autos rappen, obwohl sie eigentlich die größten Spasten auf der Welt sind. Erstens sind Leute, die so etwas machen, für mich scheiße und zweitens automatisch nicht real, wenn sie das nicht wirklich haben. Man kann so eine Spasten-Musik aber auch machen und dabei trotzdem real sein. Es ist zwar trotzdem scheiße, aber es geht. Jeder kann auf seine Art und Weise real sein.

Im Video zu „Fuck Jiggy Rap“ zeigst du dich ohne Maske und verbrennst sie sogar. Lässt du sie jetzt endgültig weg und wie kam es zu diesem Entschluss?

Ja, die Maske ist jetzt endgültig weg. Alle meinten zu mir, ich soll das nicht machen, weil es die Figur zerstören würde und wenn, dann sollte ich das groß inszenieren. Aber mich juckt das. Der primäre Grund, warum ich sie ablege, ist ganz einfach: weil sie nervt. Bei Live-Auftritten muss man immer super vorsichtig sein, es senkt die Qualität des Sounds, man sieht nicht wirklich alles, man muss ständig darauf achten, dass man nicht auf irgendwelchen Fotos zu sehen ist. Und dadurch, dass ich gesellschaftskritischere Texte habe, möchte ich als ganze Person dazu stehen und dabei mein Gesicht zeigen.

Was war für dich der Auslöser, dich persönlich und schließlich musikalisch zu politisieren?

Ich war nie unpolitisch, diese Themen haben mich schon immer beschäftigt. Ich war früher sehr alternativ unterwegs und mehr auf der Punk-Schiene. Dass ich das jetzt mit in die Musik reinnehme, liegt daran, dass mich aktuell mehr Dinge aufregen als vorher. Früher hab ich einfach nicht darüber nachgedacht, dass ich Musik darüber machen könnte. Jetzt habe ich mir aber auch nicht gedacht: „Ey, ich muss das Thema mit reinpacken.“ Es ist einfach Track für Track so passiert.

Hast du den Eindruck, dass du wirklich jemanden mit deinen Texten erreichst oder eher nicht, weil sich die eigenen Fans vielleicht eh schon in einem ähnlichen politischen Spektrum befinden?

Einerseits habe ich viele Fans, die aus der linken Szene kommen und sowieso meiner Meinung sind. Dann gibt es noch Leute, die meine Person scheinbar nur feiern, weil ich vegan bin. Ich habe schon oft Nachrichten von Leuten, die meinten, dass sie sich mehr vegane Rapper wünschten. Total scheiße. Andererseits gibt es die Leute, die ich von Orgi beziehungsweise I Luv Money mitgenommen habe, weil ich schon häufiger als Support-Act bei Orgi gespielt habe. Das soll nicht bedeuten, dass sie rechts sind, aber viele von ihnen beschäftigen sich einfach nicht mit diesen Themen. Wenn ich das auf den neuen Tracks einfließen lasse, kann ich mir schon vorstellen, dass der ein oder andere anfängt, darüber nachzudenken. Kann aber auch gut sein, dass manche das richtig scheiße finden und dann wieder abspringen. Aber bisher hab ich fast nur positives Feedback bekommen, z.B. bei „Konfetti“.

Apropos „Konfetti“. Du thematisierst verschiedene politische Themen, übst Kritik am System und Kapitalismus und so weiter. In einem Bruchteil des Videos sieht man für wenige Sekunden deine Brüste und in der Hälfte der Kommentare geht es natürlich nur darum, obwohl das so ein kleiner Teil eines ganzen Videos ist. Wie gehst du mit sowas um?

Brüste in Rapvideos sind ja nichts Neues. Wenn eine Rapperin das macht, finden das auf einmal alle spannend, obwohl es gar nicht sexualisiert dargestellt ist und es im Rahmen des Videos ja auch Sinn ergibt, dass sie auftauchen. Es war aber total klar, dass solche Kommentare kommen und ich habe eigentlich mit schlimmeren Beleidigungen gerechnet. Aber naja, die Dummheit der Menschheit beeindruckt mich nicht mehr. Ich glaube, dass egal, wie ich mich verhalte, ich dem Sexismus eh nicht entgegenwirken kann. Und ich sehe mich nicht in der Position, irgendetwas zu tun. Oft haben Leute mich gefragt: „Wie kannst du bei Orgi auftreten? Der ist doch frauenfeindlich!“ Ich habe aber einfach keinen Bock, den Leuten zu erklären, wie das gemeint ist. Mir ist es auch egal, wenn man in der Werbung ständig halbnackte Körper sieht. Ich kann verstehen, wenn es Leute aufregt, aber mir ist das echt egal.

Ich mache jetzt politischere Musik, weil mich aktuell mehr Dinge aufregen als vorher.

Pilz

Vor einem Jahr meintest du im Interview, dass man etablierte Rapperinnen in Deutschland an einer Hand abzählen könnte und dass bis dahin der Begriff „Female-Rap“ auch nicht verschwinden würde. Wie stehst du ein Jahr später, nachdem es im „Female-Rap“ z.B. durch SXTN, Haiyti etc. auch noch einmal frischen Wind gab, dazu?

Naja, dann kann man sie an zwei Händen abzählen. Es ist mir immer noch egal. Ich denke mir nicht: „Geil, endlich gibt es mehr Rapperinnen.“ Was SXTN machen kann ich feiern, Haiyti ist nicht meins, aber verstehe ich voll. Beim splash! kam eine Musiker-Kollegin auf mich zu und meinte, es wäre irgendeine neue Rapperin am Start und alle Rapperinnen müssten zusammen einen Track machen. Aber ich finde, das muss nicht sein. Ich muss keinen Track mit ihnen machen, nur weil das alles Frauen sind, das finde ich albern. Aber es wird so sein, dass immer mehr Rapperinnen kommen und dass es irgendwann wie in Amerika ist, dass es einfach juckt und dass sich kein Mensch mehr über den Begriff „Female-Rap“ aufregen wird.

Zum Abschluss: Wie läuft’s mit Tipico, zu Olympia bestimmt richtig viel zu tun?

Bruder, bin pleite.