Onra: „HipHop ist meine Kultur, die ich repräsentieren werde, bis ich sterbe.“ // Interview

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Sein Nebenprojekt „Chinoiseries“ wird von Hunderttausenden auf Youtube gestreamt, „The Anthem“ benutzte Coca Cola für einen Werbespot, aus der Producerszene Europas wohl nicht mehr wegzudenken und dennoch fristet Onra ein Leben im Untergrund, Ruhm gibt es fast nur in Kennerkreisen. Till Wilhelm hat sich mit dem öffentlichkeitsscheuen Pariser über sein neues Album, seine Einflüsse und seine Arbeitsweise unterhalten. Big Up!

Du bist gerade in Singapur, richtig? Was machst du dort?

Ja, ich hatte einen Gig in einer Location namens „Kilo Lounge“ – dort hab ich ein Live-Set und ein DJ-Set gespielt, die Crowd war ziemlich nice.

Die meisten Leser kennen dich wahrscheinlich durch deine „Chinoiseries“ – Kannst du nochmal kurz zusammenfassen, wie das alles angefangen hat?

Wenn sie das Projekt kennen, kennen sie ja auch wahrscheinlich die Story. Ich bin durch Vietnam gereist und habe ziemlich viele chinesische Platten gefunden. Und als ich wieder heimkam, habe ich 15 Beats in drei Tagen gemacht, einfach zum Spaß. So war die Idee geboren, ich hätte eigentlich nie gedacht, dass ich sie veröffentliche – Das ist auch alles erst durch das Reisen entstanden. Es war auch eine Art Challenge, Beats aus den Platten zu machen, die ich durch Zufall dort finde.

Um nach Platten zum Samplen zu diggen, bist du auch durch Vietnam gereist – Hatte das auch damit zu tun, den kulturellen Background deines Vaters zu erkunden?

Nein, nicht wirklich. Für mich ist dieses Projekt komplett mit China verbunden, also hat es keinen Zusammenhang zu meiner Herkunft. Die Platten habe ich zwar auch in Vietnam gefunden, aber sie waren zu 95% chinesisch. Hinter diesem Projekt steht keinerlei tiefere Bedeutung, ich hab‘ das einfach nur aus Spaß gemacht. Ich mag es auch nicht, als „der Asiate mit dem asiatischen Projekt“ gelabelt zu werden. Meine Erziehung und meine Sozialisation haben gar nichts mit Asien zu tun. Indem ich so viele unterschiedliche Projekte rausgebracht habe, hab‘ ich wirklich mein Bestes gegeben, um den Leuten klarzumachen, wer ich bin – Aber Hörer bleiben immer gefangen in dem Bild, das sie sich selbst vom Künstler machen. Was ich mache, mache ich unabhängig von meiner Hautfarbe oder Herkunft.

Lass uns über dein neues Album „Nobody Has To Know“ reden: Woher kommen die Samples diesmal? Und warum?

Ich benutze immer das, was meinen Ohren am besten taugt. Ich könnte wirklich alles samplen, wenn ich’s dope finde. „Nobody Has To Know“ ist eine Fortsetzung dessen, was ich schon mit „Long Distances“ und „Deep In The Night“ angefangen habe, das schlägt sich vor allem darin nieder, dass ich wieder R’n’B aus den späten 80ern und frühen 90ern gesamplet habe.

Welche Inspiration haben dir die Samplequellen im Produktionsprozess des Albums gegeben?

Als ich die Skizzen gemacht hab, hab‘ ich direkt 50 davon in wirklich kurzer Zeit gemacht, so mach ich das immer. Ich bin ein paar Tage lang super produktiv und dann lass‘ ich alles wochenlang liegen. Also hab‘ ich wieder einen Haufen Beats mit Samples aus der gleichen Ära gemacht, als ich mit dem Projekt angefangen habe und danach habe ich erst selektiert und einen Vibe für das Album gefunden. Und erst als ich diese Auswahl hatte, kam auch das Thema einer geheimen Beziehung auf, also habe ich nur die behalten, die in die Storyline passen.

Wenn die Leute es verstehen, ist es super, falls nicht, wird das nichts an mir ändern.

Onra

Auf „Fundamentals“ hattest du eine Menge Vocal-Features, die den ganzen R’n’B-Vibe zustande brachten. Wie hast du entschieden, diesmal keine zu holen?

Es kommt einfach drauf an, was ich als Endprodukt haben will. Ich glaube, dieses Album braucht keinen Gesang – die Samples sind wunderschön, da habe ich lieber Keyboarder gefragt, ob sie ein paar kleine Parts spielen könnten. Ich sehe auch gar keinen Grund, andauernd Vocal-Songs zu machen, ich versuche ja nicht, ins Radio zu kommen oder auf Festivals gebucht zu werden. (lacht)

Die zwei Instrumental-Features auf dem Album kommen von Pomrad und Lewis McCallum – Wie kam es dazu?

Lewis habe ich in Auckland, Neuseeland kennengelernt, als ich dort eine Show hatte, das ist ca. 10 Jahre her. Er hat mich damals in sein Studio eingeladen und ich war extrem beeindruckt von seinem ganzen analogen Equipment und davon, wie schnell er komponieren konnte. Ich wusste sofort, dass er wirklich professionell arbeitet und mir helfen konnte, meine Tracks auf das nächste Level zu heben. Pomrad habe ich nur ein Mal getroffen – und ich war direkt überzeugt von seiner Live-Performance. Nach der Show habe ich ihn direkt angesprochen und er meinte, dass er mein Zeug echt liebt, deswegen wusste ich direkt, dass er verstehen würde, wo ich mit dem Album hinwill. Die beiden sind wirklich krass talentiert, also fiel die Entscheidung sehr leicht.

Das Artwork und der Titel geben Hinweise auf die Storyline des Albums – eine gemeine Liebesbeziehung. Woher kam die Inspiration für dieses Konzept?

Die Titel, die ich ausgesucht hatte, hatten alle diesen speziellen Vibe und die Vocal-Samples konnten sich perfekt in diesen Kontext einfügen. Das Thema kam also ganz organisch. Außerdem dachte ich, nachdem ich auf „Long Distance“, meinem 2010er-Release, Fernbeziehungen bearbeitet hatte, könnte ich jetzt einen Blick auf die andere Seite werfen. Liebe ist und bleibt ein fruchtbarer Boden für Kreativität.

Was denkst du, in welchen Elementen der Musik sich dieses Thema am meisten manifestiert?

Ich glaube, es ist einfach ein Gesamtpaket. Wenn du ein Album hörst, wird dich alles daran beeinflussen und dich zu einem bestimmten Gefühl bringen, das der Künstler versucht, auszudrücken. Das Artwork, der Albumtitel, die Songtitel, der Vibe, das alles sollte helfen, den Hörer in die richtige Richtung zu leiten.

J Dillas Genie ist nicht von dieser Welt. Wer dem widerspricht, ist einfach nur ignorant.

Onra

Als du deine ersten größeren Projekte gemacht hast, sagtest du, dass du teilweise 15 Beats in drei Tagen gemacht hast. Nimmst du dir mittlerweile mehr Zeit für deine Songs?

Ich meinte natürlich damit nicht, dass ich nach drei Tagen die finalen Versionen der Tracks habe. Es bedeutet mehr, dass ich 15 verschiedene Ideen ausarbeite, die ich immer weiter entwickeln muss. Das kann ich sicher immer noch. Trotzdem nehme ich mir mittlerweile mehr Zeit dafür, die Ideen auszuarbeiten, allerdings hat das damals auch alles schon viel Zeit in Anspruch genommen – schließlich war ich noch ein ziemlicher Anfänger.

2013 hast du ein Jazz-Album mit Buddy Sativa veröffentlicht, das komplett improvisiert aufgenommen wurde. Brauchst du solche Projekte, um aus diesem HipHop-Kosmos auszubrechen?

Es kümmert mich nicht wirklich, dass meine Musik als HipHop kategorisiert wird. Ich mach einfach, was ich möchte. Dieser Stempel ist nichts, wofür man sich schämen sollte – Ich bin wirklich stolz darauf. HipHop ist meine Kultur, die ich repräsentieren werde, bis ich sterbe. Aber natürlich werde ich mich auch in verschiedenen Richtungen ausleben und wenn die Leute das verstehen, ist es super, falls nicht, wird das nichts an mir ändern.

Du nennst J Dilla als dein Idol – Gibt es für dich andere Produzenten, die auf sein Level kommen?

Nein! (lacht) Es gibt niemanden, der diese Ebene erreicht – wird es auch niemals geben. J Dillas Genie ist nicht von dieser Welt. Wer dem widerspricht, ist einfach nur ignorant.

Nachdem du „Chinoiseries 3“ veröffentlicht hast, meintest du, deine nächsten drei Projekte wären schon fertig – Jetzt haben wir eins bekommen – Was kannst du über die anderen sagen?

Sie sind zwar fertig, ich werde sie aber noch nicht veröffentlichen. Nach „Nobody Has To Know“ werde ich meinen Fokus erstmal auf mein Label NBN Records verlagern. Vor ein paar Monaten habe ich die erste LP von Fitz Ambro$e darüber rausgebracht und einige weitere Projekte werden kommen. Das ist es, worauf ich mich dieses Jahr am meisten konzentrieren werde.