Oddisee: „Meine Fans sind nicht die Mehrheit.“

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Oddisee ist ein Ausnahmekünstler. Ein Eigenbrötler. Und einer, der mit unglaublich viel Arbeit seine Kunst bis ins Stadium der Perfektion heben will. Egal ob als Musiker, Poet oder Kommentator des Zeitgeschehens – das Multitalent aus Washington, D.C. trifft stets den passenden Ton und die stimmige Ästhetik. Nie ist er völlig ausgebrochen aus seiner fein säuberlich aufgebauten Künstleridentität, stattdessen hat er sie akribisch weiterentwickelt. Logischerweise ist das heute veröffentlichte Album „The Iceberg“ sein dichtester und stärkster Langspieler bis dato. Naima Limdighri hat mit Oddisee ein intensives Gespräch über konträre Lebenswelten, Auslöser von Rassismus und Lebensaufgaben gesprochen.

Hast du das Gefühl, auf diesem Album anders als zuvor in deinen eigenen persönlichen Erfahrungen gestochert zu haben? Die Storyline von „You Grew Up“ erschien mir beim ersten Hören fast ein wenig zu verrückt, um komplett autobiografisch zu sein. Erklär uns den Schaffensprozess und Hintergrund zu diesem Song.

Ich bin Autor. Seitdem ich Musik schreibe hatte ich immer das Ziel HipHop seinen Raum zum Wachsen zu lassen. HipHop beschränkt sich oft durch diesen autobiografischen Zwang, nur die Realität des Autors abbilden zu dürfen. Ich stimme dem nicht zu. Kein anderes Genre hat diese Einschränkung, dass du nicht über Dinge schreiben kannst, die du nicht selbst erlebt hast. „You Grew Up“ setzt sich aus verschiedenen Teilen meiner Realität und der Welt, die ich erlebe zusammen.

Der erste Vers beschäftigt sich mit einem weißen Jungen, mit dem ich mich in meiner Jugend angefreundet habe. Er wurde systematisch rassistisch. Das ist nicht genau so passiert, aber trotzdem so passiert. Ich wurde in Washington, D.C., geboren und bin in Silver Spring, Maryland, aufgewachsen. Dort ist alles sehr vielfältig, ich hatte Freunde aus der ganzen Welt und mein bester Freund war weiß. Ich weiß nicht, was er heute macht und werde seinen Namen auch nicht nennen. Mein Vater wollte eine größere Wohnung, also sind wir nach Prince George’s County, eine überwiegend schwarze Gegend in Maryland, gezogen. Die Grundsteuer ist dort billiger, also waren die Häuser es auch. Ich bin also von einer bunten Truppe in einen mehrheitlich schwarzen Freundeskreis gekommen. Ich habe den Kontakt zu meinem weißen Kindheitsfreund verloren und jedes Mal, wenn wir uns gesehen haben, ist mir bewusst geworden, dass wir immer verschiedener wurden. Ich bin mehr in schwarze und er in weiße Subkultur abgetaucht. Er und seine Familie waren aus der Arbeiterschicht und sie hatten lange Probleme, überhaupt Arbeit zu finden. Das war mein Aufhänger, um über weiße Polizeigewalt an Schwarzen zu sprechen. Zur selben Zeit habe ich nämlich in Brooklyn Bedford gelebt, wo in einem mehrheitlich schwarzen Bezirk fast alle Polizisten weiß waren. Sie waren nicht nur weiß, sondern kamen aus dem tiefen Süden Brooklyns aus der Nähe von Brighton Beach auf Coney Island – mehrheitlich weiße Viertel, gewissermaßen abgeschnitten vom Rest von New York. Nichtsdestotrotz patrouillieren sie in ihrem Berufsleben durch Viertel, von denen sie sich privat völlig distanziert haben. Das ist ein desaströses Rezept. All diese Erfahrungen aneinander gekoppelt haben mir geholfen, den ersten Vers zu schreiben.

Der zweite Vers handelt von einem sudanesischen Jungen, dessen Mutter ihm und seiner Familie ein ordentliches Leben in England ermöglicht hat. Aber Vorurteile, Rassismus und Islamophobie haben eine Person, die von Anfang an sehr fragil war, in radikale Ansichten und Extremismus getrieben. Es gibt dazu einen BuzzFeed-Artikel „My Son the ISIS Executioner„. Ich wollte ein Bild zeichnen, das Menschen erlaubt zu verstehen, wie man einen Terroristen erschafft, wieso ein weißer Polizist ein unschuldiges schwarzes Kind erschießt. Wir hängen uns daran auf, dass ein Terrorist sich und viele andere umgebracht hat, oder, dass ein weißer Polizist einen Schwarzen erschossen hat – und wir hassen sie für ihre Taten, die auch horrend sind, aber wir vergessen dabei uns zu fragen, was jene Person in erster Linie zu dieser Tat gebracht hat. Darum geht’s auf „The Iceberg“. Ich musste autobiografische Erfahrungen und Fiktion vermischen, um eine Geschichte zu erzählen, die Menschen besser verstehen lässt.

Wie gehst du mit dem Thema Kinderkriegen um, wenn du freimütig zugibst „You can raise a child in a house full of love/but can’t keep them safe from a world full of hate“ (auch auf „You Grew Up“) ?

Wir müssen uns weiter fortpflanzen, die Erde bevölkern und kommende Generationen ermutigen, besser als wir zu sein. Meine Frau ist gerade schwanger – wir bekommen im Juli unser erstes Kind. Wir können nicht aufhören, Kinder zu bekommen, weil die Welt so ist wie sie ist. Wir müssen nur bessere Eltern sein. Ich und meine Frau reden ständig darüber, wie sich die Leben, die unsere Eltern uns mit dem was sie hatten gegeben haben von denen unterscheiden, die wir unseren Kindern bieten können. Es gibt Punkte, in denen wir nicht mit unseren Eltern mithalten können, wo sie in ihrem Schaffen einfach einfach besser waren. Es gibt aber auch Sachen, bei denen wir als Eltern viel einfühlsamer sein werden, basierend auf unserer Zeit und unserem Bewusstsein. So funktioniert die Welt eben.

Hattest du viele Reibereien mit deinem Vater als Jugendlicher?

Seit ich denken kann hat mir mein Vater immer gepredigt, ich sei bereits ein Mann und hat mich auch dementsprechend behandelt. Ich hatte viele Freiheiten, aber ich glaube auch, dass sich mein Vater von vielen anderen immigrierten Vätern unterschieden hat. Er hat mich nur um Dinge gebeten, wenn er mir auch den Grund dafür darlegen konnte. Eine Geschichte, die ich jedem erzähle, der wissen will, was meinen Vater ausgemacht hat: Ich bin einmal von der Schule nach Hause gekommen und wollte direkt nach draußen, um mit meinen Freunden zu spielen, bevor die Sonne untergehen würde. Mein Vater fragte mich, ob ich meine Hausaufgaben bereits gemacht hätte und ich habe ihm erklärt, dass ich, wenn ich sie gleich machen würde, die Sonne bereits untergegangen wäre und ich dann nicht mehr nach draußen zum Spielen könnte. Dass ich, wenn ich stattdessen direkt rausgehen würde, später meine Hausaufgaben machen könnte und zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen würde. Er gab mir Recht, aber gab mir auch zu Bedenken, dass ich später sicher müde wäre, meine Aufgaben unfokussiert erledigen würde und mir so letzten Endes eine schlechte Note abholen würde. Ich war natürlich anderer Meinung, woraufhin er mir eröffnete: Du hast die Wahl. Aber wenn du eine schlechte Note heimbringst, war’s das mit Spielen. Ich ging also raus, spielte, kam heim, duschte, aß zu Abend – und war dann natürlich ausgelaugt. Ich kam damit zwar durch, aber fand es letztlich so anstrengend, dass ich ab dem Zeitpunkt stets freiwillig meine Hausaufgaben als Erstes erledigte. So lässt sich unsere Beziehung erklären. Er war nicht der Typ, der einfach „Nein, du darfst nicht raus. Basta!“ brüllt. Das hat mir erlaubt zu sagen: „Ich gehe nicht auf die Uni, ich mache Musik.“ Er hat das akzeptiert, aber auch betont, dass ich, wenn ich keinen Erfolg habe, diese ganze Kunst sein lassen würde, um für ihn persönlich zu arbeiten. Ich hatte nie ein typisch amerikanisches Elternteil, aber ich habe ihm das nie übel genommen.

Ich musste autobiografische Erfahrungen und Fiktion vermischen, um eine Geschichte zu erzählen, die Menschen besser verstehen lässt.

Oddisee

Wie lebt es sich als sudanesischer, schwarzer Muslim in Amerika so mit Trump?

Homeland Security (Ministerium für Heimatschutz, Anm. d. Verf.) war bereits mehrfach bei mir zu Hause, schon vor Trump. Seit 9/11 hat sich alles verändert. Mein Vater hatte einen Vertrag mit einem Bürobedarf-Hersteller namens Staples und hat mit seinem eigenen Truck Waren um D.C. herum ausgeliefert. Da war nun also mein Vater, ein muslimischer Sudanese, der jeden Tag beruflich Zugang zu mehreren Regierungsgebäuden in Washington hatte. Das hat zu konstanter Überwachung für meinen Vater geführt. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal am Flughafen gefragt wurde, wo ich geboren wurde. Der Zollbeamte hatte meinen amerikanischen Pass, auf dem mein Geburtsort vermerkt ist, in der Hand und ich war schon längst in einen kleinen, weißen Raum geführt worden. Ich sagte also „Washington, D.C.“ – „Wo ist Ihre Familie geboren?“ – „Mein Vater ist Sudanese, meine Mutter Afroamerikanerin aus Washington.“ Nächste Frage: „Welches Land mögen sie lieber?“ Meine Antwort: „Ich liebe Amerika.“

Noch eine Geschichte: Ein ziemlich bekannter Typ aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit dem ich mich angefreundet habe, der seine Bildung in Massachusetts genossen hat und dort im Flughafen festgehalten wurde, musste folgende Frage über sich ergehen lassen: „Könnte ich eine deine Schwestern daten, wie fändest du das?“ Was ist das für eine Frage von einem Zollbeamten? Nur zur Info: Das war schon in den 90ern.

Machtmissbrauch ist real und historisch, aber die Sprache Trumps legitimiert diese Art von Gewalt und Diskriminierung gegen Minderheiten und Muslime zusätzlich.

Es wird alles erstmal schlimmer werden, bevor es besser wird. Hoffentlich ist das alles eine Art Peeling für die amerikanische Gesellschaft und all unsere Widerwärtigkeit wird ins Rampenlicht gerückt. Mein Manager Daniel hat sich sehr besorgt geäußert, weil er viele Parallelen zu Hitlers Machtergreifung sieht. Der große Unterschied wird erkenntlich, wenn man sich den lauten Protest und die Gegenbewegung hier ansieht.

In den Medien wurde oft das Phänomen der „kulturellen Blase“, die den Weitblick einschränkt, thematisiert. Ist HipHop auch so eine Blase?

Mein neues Album setzt sich genau damit auseinander: Ich ermutige Leute, sich aus ihrer kulturellen Blase heraus zu bewegen. Ich lebe in einer sozialen Blase, weil ich als Minderheit in NYC lebe, wo ich viele der Auswirkungen im Rest des Landes nicht spüre. Ich lebe in einer kulturellen Blase, was die Musik angeht, die ich mache. Viele meiner Hörer verstehen nicht, dass sie eine kleine Minderheit sind, im Vergleich dazu, was der Rest der Welt hört. Wir müssen raus aus diesen Blasen, um zu verstehen, wie der Rest der Welt Kunst, Politik, Gesellschaft und Musik verarbeitet. Meine Fans sind nicht die Mehrheit.

Hin zu weniger Besorgnis erregendem. Du warst kürzlich in Khartoum, der Hauptstadt des Sudan. Heißt das, wir werden zu diesem Album Videos aus Khartoum sehen?

Es war geplant, zurückzukehren und dort zu drehen, aber nachdem klar wurde, dass meine Frau schwanger ist, haben wir den Trip abgesagt. Leider ist also das ganze Auskundschaften für die Videos, insbesondere im Hinblick auf das aktuelle politische Klima, erst einmal nach hinten verlegt. Ich weiß nicht, ob es mir möglich sein wird, in den Sudan zu fahren, um dort zu drehen. Ich habe viele Fotos gemacht, aber das Video steht hinten an.

Du hast Infos zur Kultur und Geschichte des Sudan via Social Media geteilt. Was bedeutet dir das sudanesische Leben?

Es ist wunderschön und tatsächlich recht ähnlich zu Amerika, im Sinne, dass die Weltanschauungen und Überzeugungen der Leute oft nicht im politischen System reflektiert werden. Die Leute sind so weit entfernt von denen, die sie politisch repräsentieren. Die Leute werden von den politischen Entscheidungen überschattet und ich finde das unfair. Die Menschen dort sind sehr warme, gastfreundliche Menschen mit einer reichen Kultur. Vielerlei Menschen haben sich sudanesische Kultur zu eigen gemacht. Der Arabismus, der Islam und die Politik haben die sudanesische Kultur, die sich aus vielen verschiedenen Stämmen zusammensetzt, in den Schatten gestellt. Der Sudan beheimatet die ältesten Pyramiden der Welt. Es gibt dort mehr Pyramiden als in Ägypten – ein recht unbekannter Fakt. Leute reden von „nubischer Kultur“ und wissen nicht, dass Nubia der Sudan ist. Ich will mehr Aufmerksamkeit auf diese prächtige Kultur lenken.

Gibt es neben Ahmad Alladin, dem du Instagram-Shoutouts gegeben hast, noch andere sudanesische Künstler, die du pushen willst?

Khalid Albaih ist ein heftiger Comiczeichner. Er hat eine Cartoon-Serie, die sich Khartoon nennt – in Anlehnung an die Hauptstadt Khartoum. Er ist der Kurator des Arabischen Museum für moderne Kunst in Doha (Hauptstadt von Qatar, Anm. d. Verf.). Ein heftiger Kerl, der sich auf der ganzen Welt für arabische Kunst einsetzt und politische Cartoons zeichnet. Ich bin ein großer Fan.

Ich bin kein Fan davon, mich dort aufzuhalten, wo es gerade beliebt ist – mich langweilt das.

Oddisee

Ich habe eure traditionellen, afrikanischen Hochzeitsoutfits gesehen. Du in weißem Gewand und Turban, deine Frau mit Berber-Kopfschmuck und Samtkleid. Trotzdem lebt ihr ja ein sehr modernes Leben. Inwiefern ist es schwierig für dich, beides zu einem Lifestyle zu verbinden? Hast du das Gefühl, durch das unbeschwerte Leben per se Grenzen und Vorurteile zu zerstören?

Absolut. Ich versuche einfach nur zu leben und Leuten zu zeigen, dass wir alle gleich sind. Das ist meine primäre Form des Protests. So viele meiner Fans haben Angst vor Arabern und Muslimen und realisieren nicht, dass ich ihre Angst bin. Einfach ein gutes Leben zu führen ist nicht immer, aber manchmal auch genug. Verschiedene Leute sind auf dieser Welt, um verschiedene Dinge zu verrichten. Ich glaube meine Aufgabe ist es, einfach zu leben und mit gutem Beispiel voranzugehen.

Wie hast du das realisiert? Du hast dich auch während des Wahlkampfs sehr besorgt geäußert, weil du nicht überall gleichzeitig sein kannst, aber auch sehr starke Gefühle dazu empfunden hast.

Wenn man seine Energien konzentriert, kann man bessere Leistung bringen. Wenn ich mich zerhacken würde für alles, für das ich glühe, wäre ich am Ende für nichts davon wirklich bei der Sache. Alles wäre total wässrig. Ich habe weiße, schwarze, arabische, israelische, christliche und muslimische Fans und will niemanden mit meinen politischen Ansichten vertreiben. Es ist mein Job, all diese Leute näher zueinander zu bringen und da bin ich am effektivsten. Ich rede bei meinen Konzerten darüber und ermutige alle, sich mal umzuschauen und zu realisieren, dass da Menschen sind, die untereinander vielleicht nichts teilen, aber alle meine Fans sind. In der Kirche vor kurzem waren auch ein paar Muslime – Frauen mit Kopftüchern – die vielleicht nie eine Kirche betreten hätten, wenn nicht mir zuliebe. Der Musik sei Dank können wir aber alle zusammen kommen.

Trotzdem artikulierst du das Verlangen danach, auch in Ruhe gelassen zu werden.

Das bezieht sich mehr auf mich als Privatperson, nicht auf mein Künstlerdasein. Ich will nicht im Rampenlicht stehen, auf den heftigsten Partys oder im VIP-Bereich abhängen. Ich will nicht im angesagtesten Viertel wohnen und überlege momentan umzuziehen, weil hier alles immer mehr gentrifiziert wird. Ich würde nicht in Kreuzberg wohnen wollen, weil dort jeder wohnt. Ich bin kein Fan davon, mich dort aufzuhalten, wo es gerade beliebt ist – mich langweilt das.

Beende das für mich: In meiner Musik kann man…

…verletzlich sein, die Deckung runternehmen und in Bezug auf gar nichts defensiv sein. Man kann anderen Perspektiven zuhören und andere Menschen ausreden lassen.