Nimo: „Die wollen uns untereinander spalten, dass wir uns alle bekriegen.“ // Interview

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Massenaufgebot bei der JD Store Session in Köln, der Grund für die strömenden, aber mit schönen Turnschuhen ausgestatteten Menschenmassen: Nimo. Unser Redakteur Tristan Heming hat die Ellbogen ausgepackt (natürlich nur metaphorisch, wir sind Hippies) und sich durch die Menge gekämpft, um sich mit dem 21-jährigen 385idéal-Signing über seine Werte im Leben, Familie, sein Frauenbild und Zukunftspläne zu sprechen.

Das erste was mir auffällt, wenn ich dich sehe, ist deine Karl Kani-Latzhose.

Ich find diesen Old School-Style besser. Tupac hat solche Latzhosen getragen und schon von klein auf hab ich das auch gemacht. Damals war ich richtig dick, da sah ich nicht so gut aus in Latzhosen. Aber heute geht’s. Gefällt mir einfach.

Dein Album ist ja nun schon eine Weile draußen. Die Songs sind eher sonnige Feiertracks, aber einige stechen da raus, zum Beispiel „Warum hasst ihr mich“. „Was macht mich zum schlechten Mann? Die Regierung in meinem Land, für deren Fehler ich nichts kann?“ Diese Vorbehalte spüren vor allem Türken in Deutschland im Moment sicherlich besonders stark.

Das ist alles Politik, das ist alles nur ein Machtspiel. Leute glauben, Leute werden verarscht. Wenn du jemanden fragst, „Aus welchem Land kommst du?“ und er sagt „Syrien“, dann hat jeder ein komisches Bild. Warum? Weil es dort Krieg gibt? Was kann der dafür? Wenn du sagst: „Ich bin Türke“, schiebt der andere vielleicht Hass, weil er Kurde ist. Ist alles Politik. Für mich ist Mensch Mensch. Wenn du mich respektierst, respektier ich dich. Wenn du mich abfuckst, ignorier ich dich. Aber diese Länderpolitik, diese Glaubenspolitik, das ist alles Schwachsinn. Die wollen uns alle untereinander spalten, dass wir uns alle bekriegen. Da muss man nicht mitmachen.

Wenn dein Kind mit zwölf Jahren ein Smartphone hat, dann ist schon alles schief gelaufen.

Nimo

Du sagst im gleichen Song „Wie soll ich ein Vorbild sein, wenn ich selber noch ein Kind bin“, dass du den Kids nur deine Geschichte erzählen willst. Eltern sollen dich nicht dafür verantwortlich machen, wenn ihre Kinder das, was sie in deinen Songs hören, einfach nachmachen. Sondern sie lieber so erziehen, dass sie selbst begreifen, was gut ist und was nicht. Das stimmt vermutlich, aber geht deswegen alles klar? Kann man als Künstler alles sagen?

Muss nicht sein. Es gibt Leute, die sind’s von Geburt, es gibt Leute, die sind’s nicht von Geburt. Wenn du als Kind kein Draufgänger warst, dann wirst du auch als Erwachsener kein Draufgänger sein. Wenn du als Kind ein sympathischer Junge warst, behältst du diese Eigenschaft. Nicht jeder ist gemacht um ein Verbrecher zu werden. Genauso ist nicht jeder geboren um ein Arzt zu werden, um ein Richter zu werden.

Aber hast du nicht trotzdem einen gewissen Einfluss auf deine Hörer?

Ich mach meine Musik, ich bin 21 Jahre alt. Ich habe Musik, das ist das, was ich liebe, damit verdiene ich mein Geld. Soll ich mich deshalb jetzt umstellen und sagen: Mir hören so viele kleine Kinder zu, ich rappe jetzt nur noch das und das? Jeder muss selber wissen, was er macht.

Ich widerspreche dir da gar nicht. Ich höre Rap seit ich ein Kind bin und feiere sehr harte Musik oft am meisten. Ich frage mich nur: Was wäre, wenn ich ein Kind hätte, das deine Musik hört? Wie würde ich damit umgehen, wenn ich aus dem Kinderzimmer „Wie Falco“ mit Yung Hurn und Ufo361 höre?

Aber dann sag mir, wieso die zulassen, dass die Kinder Tyga hören, diese ganze Ami-Mucke, wo es nur um Sex und Mollys geht.

Ich sag nicht, dass du der Einzige bist. Ich sag auch nicht, dass das schlimm ist. Ich frage mich nur, wie Eltern damit umgehen können.

Wenn dein Kind mit zwölf Jahren ein Smartphone hat, dann ist schon alles schief gelaufen. Verstehst du? Da fängt’s schon an. Wem willst du was verbieten? Notfalls auf dem Schulweg, wo jedes andere Kind ein Smartphone hat.

Eben. Wie willst du einem Kind noch groß was verbieten? Also weißt du ja, dass fast jedes Kind deine Musik uneingeschränkt hören kann.

Ich rappe für alle, nicht nur für Zehnjährige. Die konsumieren das auch, aber deswegen mache ich meine Musik nicht anders. Manchmal zerbreche ich mir auch den Kopf darüber, aber das sollte man nicht. Wenn ich so höre, was andere Leute rappen, die beleidigen Mütter, machen dies, machen das, das ist schlimmer, finde ich.

Ich habe total gefeiert, als ich die Tracklist gesehen habe und das Yung Hurn- und Ufo-Feature gesehen habe. Der Track an sich ist auch gut geworden, aber krass herablassend gegenüber Frauen. Ist das nicht ein Widerspruch zu familiären Werten?

Nein, das ist über meine Ex-Freundin. Ich bin der letzte Mensch, der frauenfeindlich ist. Das haben damals auch meine Lehrerinnen zu meinem Vater gesagt: Der ist frauenfeindlich. Aber ich weiß nicht, was für ein Bild ihr habt. Ich respektier’ jede Frau. Das ist die Person, die, als ich mein Zuhause verlassen habe und gesagt habe: Ich mache jetzt Musik, gesagt hat: Ich glaube nicht an dich, du wirst es niemals schaffen.

Ich kann nicht Rapper sein und mein Kind sagt dann: Mein Vater ist Rapper.

Nimo

Aber meinst du nicht, wenn du das in einem Song mit zwei anderen rappst, dass es den Kontext verliert? Es kann ja nicht insgesamt einfach ein Song über deine Ex-Freundin sein. Was ist denn deiner Meinung nach das Gesamtthema?

Was die machen, ist ihre Sache. Ich hab’s für meine Ex gesungen. Warum sage ich „Wie Falco“? Falco hatte ein komisches Liebesleben. Er ist in seiner Wohnung geblieben, die Frauen sind gekommen und wieder ausgezogen. Aber er ist dort geblieben. Ich bleib wie ich bin, ob sie kommt oder ob sie geht. Wenn du mich kennen würdest, würdest du wissen wie ich bin. Ich betrachte viel mit Humor und Sympathie. „Wie Falco“ ist für mich nur Sympathie. Ich hab den Song, bevor er rausgekommen ist, ihr persönlich geschickt. Sie hat gelacht und mir einen Kuss-Smiley gegeben. Wenn es frauenfeindlich wäre, hätte sie doch was anderes gesagt.

Jetzt bist du 21 und hast Bock zu feiern. Hast du vor, dein Leben später dauerhaft zu ändern und irgenwann zur Ruhe zu kommen?

Normal, das ist mein Plan. Ich bin zwar 21 Jahre alt, aber ich bin vielen Leuten in meinem Alter ein bisschen voraus. Weil ich damals, als Kind, viel alleine nachgedacht hab. Ich war nicht Zuhause wie die anderen Kinder. Ich sag dir: Ich will mit 30 aufhören Musik zu machen. Ich will vielleicht in vier, fünf Jahren heiraten, Kinder bekommen. Aber bis dahin ist es noch ein Weg. Bis dahin muss ich arbeiten, Erfahrungen sammeln. Man lernt Leute kennen, alles Mögliche. Ich will auf jeden Fall eine Familie, fünf Kinder, aber das hat seine Zeit, ich brauch jetzt nicht darüber zu reden. Es kommt, wenn es kommt.

Wenn das gekommen ist: Kannst du dir vorstellen, mit 40 noch ein Album zu machen über Familie, Kinder und in deinem Haus chillen?

Nein. So könnte ich das niemals. Ich kann nicht Rapper sein und mein Kind sagt dann: Mein Vater ist Rapper. Das geht bei mir gar nicht. Ich hab ja noch neun Jahre vor mir, da kann sich alles tun. Dann kann man aufhören.