Next Up – 8 Acts für 2017, die ihr 2016 verpasst habt!

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Wie jedes Jahresende mit einem Resümee abgeschlossen wird, folgt auf jeden Jahresanfang eine Prognose, ein Plan, eine Marschrichtung. Auch der musikjournalistische Betrieb wagt sich alle 365 Tage vor, interessante, spannenden, kreative Entwicklungen vorauszusagen – lies: Karrieren zu starten, zu beenden oder zu beschleunigen. Auch wenn 2017 gerade einmal vier Tage alt ist und mancher noch Album-Altlasten aus den Jahrescharts 2016 abarbeitet, haben wir bereits jetzt ein Hand voll Künstler aus der nationalen und internationalen WWWarteschleife herausgefiltert, die (nicht nur) die Straßen von HipHop-Hausen zu übernehmen bereit sind.

Kojey Radical

„I don’t rap. I wirte poems. The music comes later.“ Obwohl sich der Londoner selbst nicht als Rapper sieht, bewegt er sich spätestens seit seiner zweiten EP „23Winters“ an der Spitze des UK Undergrounds. Er ist Poet, Visual Artist, Tänzer – ein Künstler mit einer herausstechenden Ästhetik, die sich in Worten, Beats und Videos erkennbar macht. Seine Texte werden von teils unangenehmer Ehrlichkeit getrieben und winden sich quer durch Provokation, Religion, Gesellschaft und Revolution. Anstatt hier zu schnell eine Anti-Haltung gegenüber Spoken-Word einzunehmen, sollte man sich einmal die wummernden Bässe und den unvergleichbaren Flow des Shoerditch-Natives gönnen. Außerdem gibt’s als Videos eine Augenweide für jeden Design- und Kunstliebhaber.

A Boogie Wit Da Hoodie

Alleine schon wegen dem unglaublich kreativen Künstlernamen, sollte A Boogie Wit Da Hoodie jedem ein Begriff sein. Daher geschwebt kommt der Bronx-Youngster auf einer Sommerbriese aus melodischen Raps und infektiös einfachen Bars. Alles mit einer ungewohnten Höflichkeit, bedenkt man, dass der Kapuzen-Pullover-Liebhaber aus einem der härtesten Pflaster New Yorks kommt – Highbridge, im Südwesten der Bronx. Trotz all der modernen, von den Internet-Musik-Spezialisten geliebten melodiösen Trap-/R&B-/Rap-Mix, lässt er sich nicht von seinen Roughneck-Wurzeln der 5 Boroughs abbringen. Er trumpft mit der scheinbar perfekten Balance zwischen klassichen Yankee-Rap und einer frischen, jugendlichen Stil, der ihn für die Emoji-Generation greifbar macht – eine Sanierung für den New-York-Rap, sozusagen. Da scheint es mehr als verständlich, dass A Boogie schon mächtig Shout-Outs von Meek Mill, DJ Kahled oder Drake (eh klar, der olle Trittbrettfahrer reitet jede Welle) bekam.

Joey Bargeld

Nein, eine verwandtschaftliche Nähe zu Blixa Bargeld ist bis dato nicht bestätigt, doch ähnlich wie die deutsche Musiklegende hat Joey Bargeld eine Neigung zur dunklen Seite der Spaßgesellshaft (lies: Genussmittelkonsum, Geschlechtsverkehr und , man hören und staune, Geld). Als Sidekick von Haiyiti verdiente sich der Hamburger im letzten Jahr nicht nur reichlich Soundcloud-Klicks und Bühnenerfahrung, sondern auch eine stetig wachsende Aufmerksamkeitsspanne in Auskennerkreisen. Gründe gibt es zahlreiche, wie der vielbeachtete Part auf „Akku“, die Bonnie-&-Clyde-Hymne „Zeitboy“ und aber seine simplifizierte Hookline auf „Baller“ beweisen. Seine eindringlicher Stimmeinsatz, das hochgradig simplifizierte Songwriting und die Affinität zu absurden Adlibs dürften dem Freund des haptischen Zahlungsverkehrs auf seiner kommenden Kollabo-EP mit KitschKrieg zumindest bis zur Festival-Saison auf Heavy Rotation halten – als Warm-Up geht es schon mal im Februar mit Trettmann und Haiyti auf Tour.

Ace Tee

Ein Song, eine Woche und über 250.000 Klicks: bei „Bist du down?“, dem Debütsong der R&B-Chanteuse Ace Tee, kann man trotz aller Musik-Journalisten-Floskel-Vorsicht getrost von einem Überraschungshit sprechen. Denn was die Hamburgerin sowohl in Bild, als auch in Ton auf ihrem bislang einzigen musikalischen Lebenszeichen veranstaltet, ist derartig geschmacksicher und nonchalant, dass sich 90s-Kids und ihre Eltern gleichermaßen unter dem geschmeidigen Plusma-Beat aus der Schule organischer Sample-Quellen und repetitiver Dilla-Loops eingrooven können. An dieser Stelle sei die kindliche Navität ihre Lyrics und die zumindest umstrittene Darbietung ihres Rap-Sidekicks Kwam.e einmal in gescholten gelassen, denn das Großprojekt „deutscher R&B“ wird hier zum gefühlt ersten Mal nicht nur unpeinlich, sondern beinahe vorbildlich umgesetzt. Ja, wir sind down, down, down.

6Lack

Damit ihr euch beim nächsten Musik-Talk nicht blamiert, haben wir genau das Richtige für euch: Nein, er wird „black“ ausgesprochen. Nein, er ist kein Newcomer. Und ja, er ist ziemlich dope. Der ATL-Rapper wollte nämlich schon 2011 durchstarten, wurde – ja, damals schon eher mässig erfolgversprechend – bei Shady Records gesignt, legte aber erwartungsgemäß nicht gerade einen Bilderbuch-Karrierestart hin. Schnell war er wieder von der Bildfläche verschwunden und geisterte in den vergangenen Jahren irgendwo in den Schattenwelten (des Musikbusiness herum. Im November 2016 gelang es ihm dann aber endlich mit seinem Debüt-Album „FREE 6LACK“ und ohne Lable im Rücken, sich aus den Shady-Abgründen zu retten. Und zwar mit Bravour! Ohne Affektiertheit und oberflächliches Gelaber performte der 24-Jährige verletzlichen, ehrlichen R&B aus düsteren Beats und rauchiger Stimme. Für alle, die Sehnsucht nach dem House-Of-Ballons-Weeked haben, bietet 6Black eine mehr als akzeptable Alternative.

Resch

Money Boy, Crack Ignaz, Yung Hurn – die Jahre 2015 und 2016 waren vor allem von den kreativen Impulsen aus der benachbarten Alpenrepublik geprägt. Nun schickt sich auch Hanuschplatz-Flow-Affiliate Resch an, die kommenden 365 Tage mit mindestens einem bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Was die grazile Österreicherin von den Rap-Kollegen unterscheidet: Sie macht gar keinen HipHop, sondern eine obskure Mischung aus den flächigen Synthie-Spielplätzen der späten 1980er und den zerfahrenen Drum-Arrangements, die ihre Fußnoten aus dem House und Techno der 1990er beziehen: Depeche Mode, Underworld, aber auch DAF oder Georg Danzer zählen zu den hörbaren Einflüssen, die sich schon in ihrem bislang einzigen Release „Baustelle“ summieren. Mit schier kindlichem Lyricism, betont künstlerischem Minimalismus und unverschämt eingängiger Delivery schmiert Resch auf ihrem eigens-produzierten Bauhaus-Pop einen hypnotischen Bindestrich zwischen Dancefloor und Dunkelkammer, den auch schon Lieblingsrapper Juicy Gay zu einem Remix hinreißen ließ. Unser Geheimtipp vom Tellerrand.

102 Boyz

In der urbanen Einöde Niedersachsen, abseits von großen Medien-Hypes, fabrizieren die 102 Boyz Kleinstadt-Gangsta-Rap, der es in punkto Energie mit den ganz Großen problemlos aufnehmen kann. Die Gang um Kkuba, Chapo, Deen, Addikt, Duke und Skoob hat einen Trap-Sound entworfen, der zweifellos an den aktuellen Rap aus den französischen Banlieuies erinnert, dabei aber eigen und vor allem viel rougher gehalten ist. Und spätestens zum spash! 20 – wo di Jungs in diesem Jahr debütieren werden – wird jeder einzelne die Zeilen zu „Pogba“ mitrappen können.

Hare Squead

Man sollte sich darauf gefasst machen, dass man den bislang ungewöhnlichen Begriff „irisches HipHop-Trio“ demnächst wohl öfter hören wird. Denn genau das sind Jesse Rose, E-Knock und Tony Konstone. Hare Squead prallen mit einer dermaßen überzeugenden Verspieltheit und Energie in das noch im Säuglings-Status befindliche Jahr, dass du garantiert die draußen herrschenden Minusgrade für kurze Zeit vergisst. Mit einem exotisch, einzigartigen aber doch zugänglichen Sound wollen die drei Dublin-Natives eine Rap-Rennaissance einläuten und Genre-Grenzen aufbrechen – so weit, so vorherhsehbar. Doch das Soulection-ähnliche Soundgerüst penetriert die Gehörgänge mit funky House-Beats, souligen Chance-The-Rapper-Vibes und einem Mix aus geschmeidigen Raps und einfühlsamen SingSang: also alles Happy-Pappy bei den Iren.