Negroman: „Mir geht’s viel um Macht- und Herrschaftsverhältnisse, das Absurde und Gott.“ // Interview

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Negroman, der Meister der assoziativen Lyrics, hat seinen Fans eine neue EP zum Fraß vorgeworfen – und auf dieser scheint Vieles anders als gewohnt. Statt Realkeeperei wird mit Autotune und Pitches gerappt, statt Boom Bap gibt es trappig-flächige Beats. Und trotzdem klingt alles nach logischer Konsequenz und ist im Gesamtpaket ein Maßstab für Dopeness im deutschen Rapgame. Um festzustellen, ob die Songs überhaupt noch irgendwie verstanden werden können oder sollen, hat sich unser Autor Till Wilhelm mit dem Mainzer über Soundästhetik, Untergrundattitüden und die Dialektik der Aufklärung geredet.

Beim letzten Zusammentreffen mit uns hast du dich dagegen gewehrt, als besonders kompliziert zu gelten: „Rap ist einfach: Du brauchst eigentlich nur ein paar Gedanken. In einer Strophe von uns kommen viele Gedanken vor.“ Nach dem Hören deiner neuen „Sequel“ EP stellt sich die Frage: Wieso werden deine Gedanken immer wirrer und abstrakter?

Zum einen fasziniert es mich, dass unsere Texte für alle so krass abstrakt sind – in dem Sinne, dass es nicht verständlich sei oder dass es überhaupt etwas gäbe, was man daran unbedingt rational verstehen müsste. Da liegt eigentlich das Problem: Dass man heutzutage immer nur vernunftmäßig schließen will. Und dass man, selbst, wenn man etwas aufnimmt, das Kunst ist, also versucht, jenseits von Rationalität zu funktionieren, da auch erwartet, dass man alles rational erschließen kann wie bei einem journalistischen Text oder Ähnlichem. Ich find’s witzig, dass man gerade bei Rap ja dieses ganze Vibe-Ding hat und da auch verstanden wird, dass der Vibe ein Versuch ist, nicht abbildend und nur rein rational Erkenntnis zu gewinnen, aber dass es bei mir halt oft nicht gesehen wird. Zum anderen zu der Frage, wieso meine Gedanken immer wirrer werden: Werden sie meiner Meinung nach nicht. Die Form, die Art und Weise, wie ich sie ausdrücke, wird immer besser, glaube ich.

Neben deinen sowieso schon avantgardistischen Stream-of-Consciousness-Lyrics hat sich mit deiner neuen EP auch deine Soundästhetik noch weiterentwickelt, weg von dem klassischen Bummtschack hin zu flächigen, trappigen und doch organischen Beats, stimmlich: Einsatz von Autotune, Pitches, Filtern. Hast du dich bewusst dafür entschieden, moderner klingen zu wollen oder ist das einfach irgendwie aus Versehen passiert?

Das hat sich eigentlich recht natürlich ergeben. Auf der Negroman LP waren mehrheitlich ältere Tracks, die in den letzten zwei, drei Jahren neben Luk&Fil entstanden sind und da nicht wirklich reingepasst haben. Ich habe mir dann irgendwann gedacht, man kann ja davon was zusammenpacken, noch ein paar neue Tracks machen und das dann zu einem eigenen Album fügen. Aber zu der Zeit habe ich auch schon ’nen anderen Sound gefeiert, außerdem finde ich sowieso nicht, dass wir jemals so klassischen Boom Bap-Kram gemacht haben, sondern immer ein bisschen weirder waren. Der Wandel kam jetzt auch dadurch, dass ich viel mit Jósha rumgehangen habe, der eher vom Techno kommt und dementsprechend hat man sich viel darüber ausgetauscht, was soundmäßig so geht und worauf man Bock hat. Ich bin, was Rap angeht, eigentlich absolut undogmatisch und feier auch viel poppigeren Kram. Eigentlich hab‘ ich dann nur das gemacht, worauf ich Bock hatte.

Ich bin ein Verfechter des Mythos.

Negroman

Weil du ihn gerade erwähnt hast: Jósha hat einige Beats produziert und auch das Video zu Block gestaltet. Wer ist dieser ästhetisch begabte Newcomer und wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Jósha ist einfach ein Homie von mir, den ich auch schon aus der Schulzeit kenne. Ich war scheinbar auf einer sehr begabten Schule – Nepumuk ist ja auch von da. Der hat eigentlich immer Techno produziert und macht das auch immer noch und ist auch ziemlich dope. Daher kommt er auch eher aus einer Sound-Perspektive, also weniger von der Funk-, Rhythmus-Seite, sondern daher, was nur Sound an sich machen kann mit dem Menschen, was auch schon viel ist. Man ist sich also immer bekannt gewesen und hat dann angefangen, mehr miteinander zu hängen und sich darüber auszutauschen, was man so treibt. In sehr langen, kampfartigen Austauschen sind wir dahin gekommen, dass wir eigentlich sehr ähnliche Visionen von Musik haben und auch davon, was die so bewirken kann und soll. So hat man dann eben begonnen, zusammen Shit zu machen.

Wir haben auch gehört, dass du mit dem Nepumuk schon an einem neuen Luk&Fil-Album arbeitest. Kann man sich darauf einstellen, dass deine derzeitigen Soundexperimente auch Einfluss auf den Klang dieser Zusammenarbeit nehmen werden?

Schon teilweise. Aber das Luk&Fil-Album steht schon so gut wie, das ist jetzt in den letzten Zügen. Ich treff‘ mich auch witzigerweise gleich mit denen und mach‘ alles fertig. Das Ganze ist aber schon sehr Boom Bap-ig, eigentlich schon Stanni-Luk&Fil. Ein bisschen Einfluss von meinem neueren Sound ist schon spürbar, aber nicht so krass. Bei der Sequel EP war es eigentlich jetzt ein bisschen so wie immer, dass wir nach größeren Alben erst mal was musikalisch komplett anderes machen müssen. Es gibt auch von uns Beiden ein Album, das eigentlich komplett Progressive Rock ist, aber nie rauskam. Bei mir ist es diesmal so, dass ich nach einem größeren Projekt anderen Quatsch gemacht habe und der ausnahmsweise erschienen ist. Das Luk&Fil-Ding wird aber wieder recht klassisch.

Wir haben lange überlegt, konnten aber kein Äquivalent für dich im internationalen Rap-Kosmos finden. Irgendwo anders wurde „Kendrick auf Deutsch“ vorgeschlagen, aber irgendwie passt das auch nicht richtig. Hast du überhaupt noch Vorbilder in Bezug auf Texte und Klangbild oder stehst du da mittlerweile unzählige Ebenen drüber?

Nee, da habe ich durchaus viele. Frank Ocean zum Beispiel ist auf jeden Fall ein großes Ding für mich, textlich und auch musikalisch meiner Meinung nach einer der Krassesten. Kendrick eher weniger, raff‘ auch nur bedingt, was da gemeint ist. Ich feier Kendrick natürlich und denke, das fließt auch in die eigenen Machenschaften ein, sehe ihn aber weniger als Vorbild oder so. Ich denke auch, man kann da als Deutscher nicht so krass relaten. Ja, also auf jeden Fall Frank, tatsächlich auch sehr viel diese Odd Future-Clique.

Du rappst auch auf deiner neuen EP über eine hohe Vielfalt an abstrusen Widersprüchlichkeiten der modernen Gesellschaft. Gibt es in deiner Musik Themen, die über Schmunzellines hinausgehen und dir persönlich sehr wichtig sind?

(überlegt) Es geht vor allem darum, irgendwie aufzuzeigen, dass man heutzutage nach einer sehr, sehr weirden, trügerischen Vernunft lebt, die seit der Aufklärung zu einer Art Gottheit erhoben wurde und immer noch nicht überwunden ist. Das steckt ja tatsächlich in allen Teilen der Gesellschaft und des Lebens. Für mich ist das ein großes Thema, ich denke, dass Vernunft nicht das einzig Richtige ist, weil eben in Rationalität genau dieselben Triebe wirken wie in allen anderen Angelegenheiten auch. Nur wird genau das verschleiert, indem man so tut, als würde man sich auf eine rationale Vernunft berufen, obwohl dahinter lediglich das gleiche Machtbestreben und derselbe Wille steckt, der auch sonst wirkt. Und dann wird eben so getan, als wäre das alles logisch. Allgemein geht’s mir viel um Macht- und Herrschaftsverhältnisse, das Absurde und Gott.

Genau dazu passend habe ich auch noch eine Line rausgesucht, wie ich finde, eine der Stand-Out-Lines: „Beschreibungen der Welt bitte nur noch in Programmiersprache“ – Worauf beziehst du dich da?

Das bezieht sich auf genau das, was ich gerade meinte. Das ist ja auch das Problem von Sprache allgemein, dass Sprache und Grammatik ist immer rationale und kausale Angelegenheiten sind. Dass man ja schon im Rationalisierten steckt, wenn man sich derer überhaupt bedient. Deswegen versuche ich, das irgendwie zu überwinden. Die Mehrheit glaubt, dass Erkenntnisgewinn nur noch durch präzises wissenschaftliches Denken möglich sei und ich glaube da halt nicht dran – Ich bin ein Verfechter des Mythos und ich glaub, dass man auch anders zu Erkenntnis kommen kann. Nicht, dass Vernunft insgesamt wertlos wäre, das sieht man ja, wenn man sich einfach nur umschaut, die ganze Technik ist ja genau das fortschrittliche Ergebnis davon. Aber man vernachlässigt dann einfach dieses mythische Denken. Insofern bin ich eigentlich ein Verfechter des Gefühls, wie viele meines Alters.

Menschen verändern sich und machen Unterschiedliches – man ist einfach keine Statue.

Negroman

Ich hätte da noch ne andere Textstelle, die ich gerne besprechen würde: In einem der klarsten Momente auf der EP heißt es „Ich wusste dass ich ein Fetisch bin, bevor mir mein Haut bekannt war.“ Fühlst du dich als geborener Außenseiter der deutschen (Rap-)Gesellschaft pädagogisch verpflichtet?

Die Line soll eigentlich keinen Zeigefinger zeigen, das ist eher ne persönliche Geschichte. Davor kommt ja auch „Mich bezahlen reiche Wichser dafür, dass ich ihre junge Frauen baller‘ und sie dabei zuschauen“. (denkt nach) Ja, ich kann eigentlich gar nicht so viel zu der Line sagen, ohne dass es zu persönlich wird. Kann man sich dann ja schon denken eigentlich (lacht). Aber tatsächlich haben solche Lines einfach auch sehr wenig mit irgendeiner Rapszene zu tun. Der Fetischcharakter meiner Hautfarbe, den es tatsächlich gibt, wird da ganz allgemein und unkonkret behandelt. Ich will da auch niemanden belehren, sondern eher nur für einen Moment ein weirdes Gefühl aufflackern lassen.

Auch wenn es schon immer eher schwierig war, deinen Texten beim ersten Hören zu folgen, könnte deine neu entwickelte Soundästhetik frühere Fans abschrecken, die dich im Zuge des Boom Bap-Retro-Hypes gefeiert haben. Ist das überhaupt was, woran du denkst, wenn du Musik machst?

Also im Nachhinein denkt man da natürlich drüber nach. Diese Szene, dieser Hype, ist aber eigentlich etwas, womit ich mich nie wirklich identifiziert habe. Deswegen hab ich auch nie gerafft, wieso wir so in diese Boom Bap-Ecke gesteckt werden. Das, was wir machen, ist schon irgendwie was anderes. Und ich wusste natürlich, dass es Leute gibt, die sich über Autotune abfucken, weil es sie einfach aus Prinzip abfuckt, weil sie Dogmatiker sind. Das ist halt schade, aber da kann man nichts machen.

Wie blickst du denn zurück auf diese Zeit, in der der Boom Bap-/samplebasierte Untergrund auch mit dir und Sichtexot plötzlich so an Fahrt gewonnen hat – besonders aus deiner Position, die sich mittlerweile doch recht weit weg befindet vom Realkeepen auf Samplebeats?

Das Ding ist halt, dass bei den Sichtexoten niemand wirklich dogmatisch ist, ganz im Gegenteil. Und dass die Jungs einfach machen, worauf sie Bock haben. Wenn das teilweise Boom Bap ist und Battlerap-Shit, dann ist das authentisch und dope. Ich finde mittlerweile diesen Retro-Hype ein bisschen witzig, weil die Leute halt meinen, da wär irgendetwas Zeitloses dran. Obwohl es halt einfach absoluter Zeitgeist ist, so retro-mäßig zu sein. Ich versteh nicht, wie man glauben kann, dass das Eine zeitlos und das Andere dann Zeitgeist ist, der heute da ist und morgen dann wieder nicht mehr. Ich glaube einfach, jede Soundästhetik ist irgendwie heute da und morgen wieder weg.

Du entwickelst dich mit der Sequel EP auch in eine Richtung, die derzeit sowieso populärer wird. Gerade Autotune ist mittlerweile auch außerhalb der Trap-Szene angekommen. Findest du, dass das im Kontrast steht zu deiner bisherigen Untergrundattitüde?

Joa, das steht schon im Kontrast. Aber auch eigentlich nicht. Wenn man unsere Musik hört und auf die Texte achtet, merkt man ja auch, dass Inkonsequenz bei uns ein wichtiges Thema ist – Wir glauben nicht, wir hätten die Wahrheit gefunden, die wir jetzt den Leuten erzählen. Wir wissen eben, dass Menschen nur kleine Dullis sind, die einfach sowieso inkonsequent sind. Deswegen ist ja auch dieser Realness-Begriff so schwierig, weil man im Leben ja nicht nur eine Sache durchzieht, Menschen verändern sich und machen Unterschiedliches – man ist einfach keine Statue. In dem Sinne ist die EP auch kein Widerspruch zu dem, was ich vorher gemacht habe, aber es ist eben was Anderes. Dieser Sound ist einfach aus Lust entstanden, wie das eigentlich immer ist und auch sein sollte. Und gerade Autotune feier‘ ich schon lang, mich fasziniert, was man damit machen kann. Es wird halt, wie viel Anderes auch, meistens wack benutzt, aber man kann auch dopen Shit damit machen.

Dann kommen wir schon zum Abschluss: Worüber würdest du rappen, wenn du kein Philosophiestudent wärst?

(lacht) Über genau dasselbe, glaub ich. Ich studiere ja Philosophie, weil ich über solche Sachen rappe und nicht umgekehrt. Das hört sich jetzt ausnahmsweise absolut an und als hätte ich ’ne Wahrheit gefunden, aber es ist einfach für mich so, dass ich mit meiner Zeit nichts anderes anzufangen weiß, als Kunst zu machen. Beziehungsweise: einfach nur irgendetwas zu schaffen und dafür gibt dieses Studium mir nur das richtige Werkzeug an die Hand. Deswegen beinhaltet mein Rap eben Philosophie und Ästhetik und Kunsttheorie und den ganzen philosophischen Scheiß. Um kein Toy zu sein.

Und das funktioniert ja ganz gut. Ja schön, willst du noch irgendetwas erzählen, was du unbedingt loswerden willst?

Wir gehen auf Tour im Dezember! Das sollte vielleicht erwähnt werden aus PR-technischen Gründen. Aber sonst war’s das.

Es sollte sich herausstellen, dass es das nicht gewesen ist, da der Negroman bereits zwei Wochen nach Aufzeichnung des Interviews mit vielen seiner Aussagen nicht mehr d’accord war und sie eigenhändig abänderte (Anm. d. nejromunns).