Muso: „Ich hatte Stimmen von anderen Rappern im Kopf.“

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Als Muso vor knapp drei Jahren „Stracciatella Now“ veröffentlichte, war die Verwirrung groß und die Aufregung beinahe galaktisch. Der nächste Cro? Der neue Casper? Kaum ein Superlativ genügte der Musikjournaille, um dem mit Markus Ganter und Get Well Soon produzierten Chimperator-Release einen Olympiadstadion-Hype unterzujubeln. Doch auch, wenn der sympathische Wahl-Heidelberger tatsächlich von einem Hauch Popstar-Appeal umgeben ist, sah das Schicksal etwas anderes für Muso vor. Wohlmöglich auch, da sich sein sperriges Songwriting aus einer Mehrdeutigkeit speist, die selbst die raffiniertesten Rap-Wissenschaftler auf die Probe stellt. Sein neues Album „Amarena“ ist das Ergebnis einer Rückbesinnung – der breitbildliche Panorama-Pop ist nicht weniger diffus geworden, nur zielgerichteter. Fionn Birr hat sich mit dem kryptischen Lyricist über Rapper im Kopf, Doppelreime und Zeiteinteilung unterhalten.

Erst „Stracciatella Now“, jetzt „Amarena“ – deine Albentitel haben gerne kulinarische Bezüge und du hast dich in einem Interview mal als „Gastronaut“ bezeichnet. Welches Gewürz stellt Muso im Kosmos Deutschrap dar?

Boah, was ist für eine Frage, Diggi? (lacht) Ich glaube, Zimt, weil es einerseits eine süße Note hat und gleichzeitig aber bitter sein kann. Wenn du zu viel davon im Mund hast, wird es schwierig. Süß und bitter, wie das Leben halt ist. Vermutlich erstickst du dran, wenn du so einen ganzen Löffel Zimt isst. Vielleicht bin ich auch Ingwer. Vielleicht bin ich aber auch der deutsche Vanilla Ice.

Du arbeitest und lebst immer noch in Heidelberg. Welche Rolle spielt Musik in deinem Alltag eigentlich?

Wenn ich arbeite, höre ich viel über bestimmte Streamingportale meine Playlists. Das Klientel, was zu mir in den Laden kommt, sind eher so Muttis. Ich sehe da immer, dass eigentlich jeder einen Bezug zu Rap hat. Auch Omas – das transportiert halt so ein urbanes Gefühl, das jeder Stadtbewohner wohl in sich trägt. Ich muss mich aber auch immer ein bisschen rechtfertigen, wenn ich den ganzen Tag Rap laufen lasse. Obwohl ich nicht mal spezielles Zeug spiele, sondern die großen Sachen wie Drake oder Kanye. Das ist ja alles relativ zugänglich. Der Rap-Sound ist ja aber auch generell sehr poppig geworden – das ist mittlerweile echt krass im Mainstream. Viele Leute können sich damit arrangieren. Als ich angefangen habe, trug man noch breite Hosen und war eine kleine Randgruppe. Jetzt hat es hier schon eine ähnliche Stellung wie in Amerika.

Ist das etwas, das du begrüßt?

Voll! Ich denke auch, dass im Rap viel mehr drinsteckt. Klar, das ist jetzt nicht so eine Kunst des Minimalismus wie Singer-/Songwriter-Texte, die dich nicht so direkt an die Hand nehmen und durch die Welt führen. Da hast du natürlich viel mehr Interpretationsfreiheit. Aber bei Rap kannst viel mehr Inhalte kommunizieren – schlicht, weil du viel mehr Wörter hast. Ich glaube auch, dass Rapper die besseren Songwriter sind. Durch Auto-Tune haben Rapper ja jetzt auch gelernt, dass es Tonlagen gibt. Das wussten die ja bisher nicht. „Tonhöhe E, F minor? Was laberst du?“ (lacht) Durch Auto-Tune haben viele Rapper gelernt, dass bestimmte Töne miteinander harmonieren und es nicht nur auf den Text ankommt. Vielleicht nimmt sich normale Musik eine Scheibe von HipHop und HipHop von normaler Musik, was Melodien betrifft zum Beispiel. Irgendwann gibt es vielleicht nur noch einen einzigen Brei – HipPop! Das letzte Rihanna-Album ist ja eigentlich schon so.

Aber das ist ja auch ein zweischneidiges Schwert. Sobald etwas in der Gesellschaftsmitte ankommt, verliert es seine rebellischen Züge – gerade HipHop lebt ja aber auch von seiner Underdog-Mentalität. So landet er schnell auf CSU-Wahlplakaten, zum Beispiel.

Ja, das stimmt. Man denkt in so einer Situation schnell: „Was habt ihr damit zu tun?“ Das ist ja auch eine Schule, durch die man gehen muss. Eigentlich ist Musik doch aber für alle da. Ich wüsste nicht, warum man manchen Leuten den Zugang dazu verwehren sollte. Gut, ein AFD-Politiker hat gar keinen Anspruch auf Musik, finde ich. Aber warum sollte man sagen, dass du jetzt nicht mitmachen darfst, weil du damals nicht in Baggy-Hosen die erste Beginner-Platte durchgehört hast? Dann wäre ich ja so oberflächlich wie die Leute hier in Berlin, die meinen, sich komplett zu tätowieren und Skinny Jeans tragen zu müssen, um „dazuzugehören“. Heutzutage ist es aber auch schwer. Früher konnte man sich besser ausdrücken, als noch nicht so viele Leute, den gleichen Style hatten. Du kannst jetzt in einen Scheißladen gehen und dir für Scheiß-15-Euro ein Scheiß-Outfit kaufen, das total Hipster-mässig aussieht und hast aber noch nie was von Musik gehört. Seit H&M auch Wu-Tang-T-Shirts verkauft, hat sich diese Symbiose aus Fashion und Musik ja eh total getrennt. Diese Identifikation existiert nicht mehr, wie es damals mal gewesen ist, als du anhand der Kleidung immerhin vermuten konntest, dass da jemand einen ähnlichen Musikgeschmack und ähnliche Ansichten teilt, was zum Beispiel das System betrifft.

Stichwort „System“. Du sagst auf „Therapie“: „Denk‘ nicht mehr an früher/Es steht 1:1/ Du musst jetzt arbeiten gehen, von 9-to-5“. Wie gehst du mit dieser Ambivalenz um, einerseits einen „normalen Alltag“ zu bestreiten, andererseits durch deine Musik sehr viel Aufmerksamkeit zu kriegen?

Ich brauche das Arbeiten voll. Wenn ich dann heimkomme, habe ich Input, soziale Kontakte und jede Menge Dopamin. Dopamin, Alter – das kriegst du nicht einfach so! In dieser westlichen Welt musst du schon etwas Produktives leisten. Wenn du Musik machst, darf nichts aus Zwang entstehen. Morgens aufzustehen und einen Song schreiben zu müssen, könnte ich mir nicht vorstellen. Das ist das höchste Gut, das ich habe. Musik ist etwas Heiliges für mich. Ich mache das nicht, weil ich mir nächsten Monat neue Schuhe kaufen will oder der Kühlschrank voll sein muss. Das wäre zu viel Verpflichtung. Dafür ist es auch zu Schade, Musik ist etwas zu Besonderes. Ich brauche eh den Input. Ich will den Leuten auch nicht hinterherrennen, dass sie meine CDs kaufen oder sogar Musik machen, die ihren Vorstellungen entspricht, nur damit mein Hund etwas zu Essen hat. Scheiß auf diese ganzen Leute, ich mache das für mich. Wenn die Leute es feiern, ist es natürlich geil. Aber wie absurd ist es eigentlich, das als Job zu machen? Ich lebe, mache Erfahrungen, die verarbeite ich in meiner Musik. Ich lebe und mache Musik, ich lebe nicht, um Musik zu machen.

In was für einer Stimmung muss man eigentlich sein, um ein Muso-Album zu hören?

Mir hat mal jemand gesagt, dass man es gut nebenbei hören kann. Da war ich natürlich gar nicht beleidigt. (lacht) Aber das ist ja auch gut. Ich glaube bei „Amarena“ kommt es sehr auf deine eigene Stimmung an. Ich höre es einmal und finde es hammer. Ein anderes mal höre ich es und könnte heulen, weil ich alles scheiße finde und einmal finde ich es ganz okay. Ich kann dir nicht mal sagen, in welcher Mood ich selbst da bin.

„Stracciatella Now“ ist beim Chimperator erschienen und du wurdest seinerzeit als das nächste große Ding gehandelt. Inwiefern hat sich deine Wahrnehmung auf Musik und die Industrie seit dem verändert?

Da sind mir krass die Schuppen von den Augen gefallen. Aber wer bin ich, das zu beurteilen? Es gibt so viele Existenzen, die auf Musik aufgebaut sind. Ich wollte das nur einfach nicht mehr, alles davon abhängig zu machen. Ich war nicht mehr frei. Ich habe auch Pop-Songs gemacht nach Schema F. Das war aber nicht das, was ich rausbringen wollte. Alles auf eine Karte setzen? Ich habe Leute, um die ich mich kümmern muss und will, die schon da waren, bevor irgendjemand mit mir herumhing, weil er meinen Song gut findet. Das ist das wahre Leben. Ich bin schnell desillusioniert geworden. Mit Rap Geld zu verdienen, habe ich mir gewünscht seit ich elf Jahre alt war – bei jedem Geburtstagskerzen-Ausblasen mit verschlossenen Augen. Aber irgendwann realisierst du, was da eigentlich abläuft. Dann siehst du dir die Leute an, die ein bisschen älter sind und dem Hype hinterher jagen und einfach nicht glücklich sind. Die werden auf der Straße immer erkannt und immer angesprochen. Ich persönlich falle nicht mal gerne auf. Ich war schon immer ein relativ auffallender Typ, aber auch immer eher auch ein Eigenbrödler und Einzelgänger. Ich brauche diese Aufmerksamkeit nicht.

„Amarena“ ist im Vergleich zu „ Stracciatella Now“ trotzem etwas zugänglicher geworden. Aus der Konsequenz deiner jetzigen Stellung und deinen Erfahrungen in der Musikindustrie, hättest du ja auch ein vollkommen unverständliches Anti-Industrie-Album machen können.

Naja, so wahnsinnig bin ich ja jetzt auch nicht, nur wegen meiner Desillusionierung mal eben 15.000 Euro in eine Produktion zu scheißen, um der Industrie den Mittelfinger zu zeigen. Ich mag einfach gut Melodien. Früher habe ich fast gar keinen Rap gehört – aber nicht falsch verstehen, ich liebe Rap und habe das total gefressen. Das andere ist aber auch ein Teil von mir. Ich habe mir auch ein Home-Studio eingerichtet und viel auf Melodien geschrieben, ein bisschen mit Auto-Tune ausprobiert und so weiter. Ich bin ja nicht nur der kryptische Texter, ich mag ja auch Pop. Vielleicht hätte ich mit 17, 18 Jahren an den Start kommen sollen mit irgendeiner Standard-Rap-Platte, um einen Fuß in der Tür zu haben. Das war bei mir aber nicht der Fall. Als ich ins Game kam, war ich schon viel zu weit draußen. Das hat die Leute total verwirrt – „Hä? Was redet der da? Da passt ja gar nichts zusammen!“

Du hast gerade schon dein Home-Studio angesprochen. Wie warst du denn an der Produktion der Instrumentals beteiligt?

Ich habe schon eine klare Vorstellung. Ich kann es halt nicht zu 100 % umsetzen und mein Geschmack ist oft auch bei den Arrangements konträr zu anderen Leuten. Auch mit meinem Produzenten. Wir machen halt ein Album zu dritt. Das heißt, ich gebe denen jetzt nicht 5.000 Euro in die Hand und die tanzen nach meiner Pfeife. Wir sind ein Team. Das Album, was am Ende rauskommt, ist ein Ergebnis von uns, das ist nicht mal zu 100% ich. Das sind vielleicht nur 66,66666 %, weil nicht alles so ist, wie ich es gewollt habe. Aber das ist ja nicht zwingend falsch, ich habe ja auch nicht immer Recht. „Stracciatella Now“ war auch eine Summe aus mehreren Köpfen. Das nächste Ding wird vielleicht komplett nur von mir sein.

Ach, du hast begonnen, dich mit Produzieren und Beatmaking zu beschäftigen?

Nicht direkt, aber ein Homie von mir, der eigentlich immer Rapper war, hat damit angefangen. Der macht das genauso, wie ich das haben will. Da ist es auch scheißegal, wie geil die Beats am Ende werden, denn ich werde das Beste rausholen. Das ist mein Man!

Der Pressetext zu „Amarena“ spricht von einem „Album-Album“. Wie viel Konzept und wie viel Intuition steckt eigentlich hinter deiner Musik?

Das ist eine gute Frage – Danke, für die Frage. Ich würde sagen, 70/30. Wobei, man sagt doch so: Für 90% der Arbeit im Studio brauchst du 10% Zeit und für die letzten 10% an einem Song brauchst du 90% Zeit. Ich arbeite schon sehr intuitiv, aber man muss es hinterher ja auch irgendwie in Form bringen. Es ist zum Beispiel echt schwierig an einem Text nochmal herumzudoktern. Früher habe ich die so kryptisch runter-geschrieben. „Garmisch Partenkirchen“ war fertig und ich wusste, dass es das ist. Ich hatte dann auch die Balls, das auch so zu lassen. Bei „Amarena“ habe ich schon mehr auf den roten Faden geachtet – insofern das überhaupt möglich ist, bei mir.

Du arbeitest sehr viel mit verschachtelten Sätzen und hast viele gute Doppel-Reime. Hast du dafür eigentlich schon mal Anerkennung bekommen – seitens von Fans oder Künstlern?

Ja, voll! Es gibt viele geile Rapper, die meine Sachen mögen – ich denke auch deswegen. Ganz viele Fans checken das aber auch, die meisten sind ja für Doublerhymes mittlerweile sensibilisiert. Inzwischen ist es ja sogar so, dass du eher den Mumm haben musst, auf den Doublerhyme zu scheißen. Doublerhymes sind auch schon sehr rap-mäßig, ein bisschen elitär. So nach dem Motto: „Ey, du kannst nicht ans Mic gehen, du hast keine Doppelreime!“ Oder solche Sprüche wie „Ich habe damals beim Freestylen schon krasse Doublerhymes gekickt!“ Das ist eigentlich total absurd, wenn man heute daran zurückdenkt. (grinst) Es ist einfach freier geworden. Guck mal, Drakes Zeile: „Just as a reminder to myself/I wear every single chain, even when I’m in the house“. Da reimt sich gar nichts und es ist die stärkste Zeile auf dem ganzen Song. Ich bin total der Reimfanatiker, auch wenn es gerade etwas abgenommen hat. Das finde ich aber eher gut. Es geht mir einfach eher um die Sätze und Aussagen, als nur um geile Reime mittlerweile.

Deine Texte wirken inhaltlich oft sehr desillusioniert. Wie viel Zweifel schleppst du eigentlich mit dir herum?

Das bin ich total, das ist eigentlich sehr traurig. Ich bin einfach ein Zweifler. Das kostet einen auch krass viel Kraft. Aber jeder von uns hat ja sowas. Dadurch, das ich oft aus meinem Film rauskomme, denke ich aber auch viel nach. Du hast ja sonst gar keine Zeit nachzudenken, wenn du gerade voll im Film bist. Ich hatte einfach zu viel Zeit, glaube ich. Ich war immer voll der Zweifler.

Was sagen denn deine Eltern zu deiner Musik? Machen die sich keine Sorgen bei diesen Texten?

Ach, inhaltlich gar nicht. Meine Mama ist stolz – das ist schon sehr goldig. Die hat mir auch für Spotify etwas eingesprochen: „Ey yo Leute, das neue Album von meinem Sohn Muso könnt ihr jetzt hier hören! Einfach bei Schpottifei auf den Buddon drücken!“ Legendär, Alter (lacht). Aber keine Ahnung, was sie jetzt zu meinen Texten sagt. Mit meinem Vater könnte ich mich da aber gar nicht drüber unterhalten, glaube ich. Aber die haben halt auch andere Probleme, als meine Musik. „Lass‘ mich in Ruhe mit deinem absurden Quatsch, Mensch.“ (lacht)

Ali As ist ein Gast auf dem Album. Hast du von dem Feature auf „Amnesia“ eigentlich profitiert?

In einer Review wurde es mal kurz lobend erwähnt, ja. Ich bin aber nicht so der Social-Media-Mensch, keine Ahnung, wie viele Klicks das überhaupt hat. Social Media muss ich ja jetzt auch machen, so funktioniert das Game halt heutzutage. Ich habe dabei aber immer ein komisches Gefühl. Das hat so etwas Anbiederndes. Ich rappe seit ich zwölf Jahre alt bin, habe meine ersten CDs aus dem Bauchladen verkauft und alle vollgelabert – ich bin damit fertig. Wenn du in einer Runde sitzt mit ein paar Musikern, keine Rapper, können auch mal auf ihr Ego scheißen. Ein Rapper kann das nicht. Wenn mich etwas ankotzt, stören mich zu große Egos. Gerade mich als Zweifler, weil ich wahrscheinlich auch so ein großes Ego haben könnte und diese Bastarde haben das ohne Grund. Aber ich zweifel wegen jedem Scheiß.

Ich habe irgendwo gelesen, dass du auch mal in semi-legalen Aktivitäten verwickelt warst. Da brauchst du doch aber ein Ego.

Das war doch aber mit Leuten, mit denen ich halt aufgewachsen. Wir waren neun Leute, alle mit Migrationshintergrund . Aber der Krasseste von uns allen war der Deutsche. Die Jungs waren auch alle im Boxen, die haben jeden weggeklatscht bei uns in der Gegend. Ich musste mich aber nie prügeln, weil ich in dieser Gruppe aber immer der Rapper war. Ich habe immer nur gerappt oder mir Sachen überlegt – ich war eher so der Denker.

Für 90% der Arbeit im Studio brauchst du 10% Zeit und für die letzten 10% an einem Song brauchst du 90% Zeit.

Der Song mit Ali As („Ultimatum“) behandelt im weitesten Sinne von innerer Unruhe. In welchen Momenten kannst du diese innere Getriebenheit eigentlich ablegen?

Beim Musikmachen. Das ist auch ein Grund, warum ich das überhaupt noch mache. Wenn du vor einem leeren Blatt Papier oder einem leeren Beat stehst, bist du in so einem Prozess. Dieses Gefühl, dass da etwas entstehen könnte, vielleicht ein Song, der geiler wird, als der letzte – das ist ein Gefühl, das dich so zerreißt vor Freude. Oder morgens aufzustehen und zu wissen, dass man gestern einen guten Part geschrieben hat. Keine Ahnung warum. Vielleicht, weil man denkt, dass es irgendwo auf der Welt einen Menschen gibt, der das jetzt hören muss. Ich weiß nicht, was für Gedankengänge das sind. Das sind Momente, in denen ich Ruhe habe und denke, dass es läuft. Aber es geht auch viel einfacher. In der Sauna sitzen oder abends mit meinem kleinen Hündele um den Block laufen. Das entspannt mich auch. Ich bin immer so ein Zappelphilipp, aber in den letzten Jahren habe ich mich da auch gebessert. Vielleicht ist das auch so ein Waage-Ding, mein Sternzeichen.

Auf dem anderen Featuretrack „Egofilm“ mit Xavier Naidoo geht es um „Stimmen im Kopf“. Welche Stimmen hast du im Kopf?

Ich hatte früher immer andere Rapper-Stimmen im Kopf beim Schreiben. Also, ich meine die Zeit noch vor „Stracciatella Now“. Eine zeitlang hatte ich den Samy in meinem Kopf. Wenn ich geschrieben habe, hat er es mir in meinem Kopf vorgerappt und dann wusste ich, ob es cool ist. Curse auch zum Beispiel und ein paar Amis haben auch in meinem Kopf gerappt. (lacht) Total absurd, eigentlich.

Wie kam der Song eigentlich Zustande? Xavier Naidoo kann man ja nun nicht unbedingt mal eben anrufen.

Er hatte einen Gastauftritt in Mannheim. So eine kleine Location called SAP Arena, das ist so eine ranzige Kellerkneipe (lacht). Danach kam er noch ins Studio und wir haben noch kurz gejammt. Xavier lässt Musik auch sehr durch sich fließen – der stellt dann seine Antennen auf und es fließt so voll durch ihn durch. Wir haben ihm zwei, drei Mal den Backing-Track gegeben und dann stand eigentlich schon was – er sagte dann: „Hier habt ihr drei Spuren, den Rest macht ihr. Bis später!“ Dann sitzt du davor und hast zehn Millionen geile Takes und musst auswählen. Das ist sehr krass. Der macht das so schnell, das ist schon sehr Rockstar-mässig. Er hatte das sogar noch auf einem anderen Beat aufgenommen. Als wir ihm die neue Version zeigten, hat er auch nur kommentiert: „Ja, kann auch oft passieren, dass das schiefgeht, einen anderen Beat zu nehmen. Aber in dem Fall ist es geglückt.“ Boah, wir waren krass erleichtert. Der Lorenz hatte in Mannheim auch bislang sein Studio, ich kenne Michael Herberger und Xaviers ganze Crew ja ohnehin. In dem Studio waren aber immer gute Sessions.

Flößt so ein großes Studio nicht ein bisschen Angst ein, wenn man aus so einer Home-Studio-Umgebung kommt?

Naja, das war schon ein großer Studiokomplex. Aber wir hatten da ja auch unser kleines Studio drin. Heutzutage brauchst du ja eigentlich nur jemanden, der sich mit Abelton auskennt und fleißig ist. Du musst ja nicht mal mehr richtig rappen können. Du kannst jeden Vocal-Schnipsel bearbeiten mit Auto-Tune, Melodyne, Compressions, Alter – du musst doch gar nichts mehr können. Du brauchst doch nur jemanden, der weiß, wie man diese Dinge bedient. Deshalb ist Live-Spielen auch immer sehr wichtig für mich. Da siehst du, wie ein Künstler das tatsächlich rüberbringt. Wie lässt du die Hosen runter? Studio kann doch jeder. Ich kann auch singen. Ich bin kein Sänger, aber ich kann richtig krass singen. Aber nur im Studio! Da lege ich mir noch Auto-Tune oder Melodyne drauf und einer von 20 Takes ist gut.