Mumble Rap – die unverstandene Generation (Teil 1)

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Sie sind aufgewachsen als Souljah Boy oder Lil B grenzdebile Nonsense-Raps mit mitreißenden Trap-Bangern kombinierten. Sie erlebten ihren ersten Lean-Rausch als Future, Young Thug und vor allem aber auch Lil Wayne exzentrisches, teilweise völlig undeutliches Singsang-Genöle auf sphärischen 808-Brummern zu internationalen Hustensaft-Hymnen auto-tunten. Und wahrscheinlich erfuhren sie das erste Mal die Brutalität von Ganggewalt am eigenen Körper als Chief Keefs kaltschnäuziger Gun-Talk über zittrige Klapperschlangen-Hihats vibrierte. Eine ganze Generation von Rap-Kids steht seit rund zwölf Monaten in den Startlöchern, um HipHop ein neues Gesicht zu verleihen.

Wie so oft, wenn es um Paradigmenwechsel geht, wird dies einerseits als Rettungsanker, andernorts als Todestoß proklamiert. Fest steht allerdings, dass die Vertreter des sogenannten „Mumble Rap“ 2016 in Chartlisten, auf Festival-Zeltplätzen und während YouTube-Sessions in der WG-Küche derart omnipräsent sind, dass auch der letze, silbenzählende Realkeeper sich eingestehen muss, es hier mit einem verdammten Movement zu tun zu haben. Wir haben in zwei Teilen sechs der bedeutendsten und vielversprechendsten Vertreter dieser Rap-Generation für euch zusammengetragen, die als „Digital Natives“ ihren popkulturelle Habitus aus der Timeline bezogen haben und eben auch genau dort gewachsen sind. Kodein, Kommentarleisten und Kauleisten-Sperre – das Gesicht von Rap im Jahr 2016 sucht die Ekstase im Exzess. Und vor allem im Internet.

Lil Yachty

Miles Parks McCollum gehört zweifelsohne zu den polarisierendsten Rappern seines Jahrgangs – allein sein Debüt als Model bei der ikonischen „Yeezy Season 3“ dürfte Echthaltern hüben wie drüben nur bedingt in den HipHop-Kulturbeutel passen. Yachtys nasale Falsett-Delivery, welche standesgemäß in 2016 durch den Auto-Tune-Fleischwolf über kindliche 808-Flirts murmelt, ist obendrein derart naiv, eingängig und weitreichend, dass sogar Kool Savas die oft improvisiert-wirkende Dada-Performance des ATL-Natives mit den signifikanten Perlen-Braids nicht unkommentiert lassen konnte. Spätestens mit seinem Mixtape „Lil Boat“ und dem Hit „1 Night“, auf dem sich Lorde zwischen post-modernen Internet-Kollagen von Yung Lean und augenscheinlichen Off-Beat-Betonungen von Migos an Rap-Konventionen sing-sangend vorbeischmuggelt, ist Yachty fleischgewordenes Viral-Marketing. „Twin tower living big booty bitch dick all in her throat/White bitch gon‘ fuck gang prolly cause she all off the coke“, Lil Boat zelebriert seine neugewonnene Herrlichkeit mit oftmals infantiler Ironie in Text und Vortrag. Auch seine Videos zeugen nicht selten von einem gewissen komödiantischen Level, das Rap-Hardliner in seiner windschiefen Eigentümlichkeit zwischen der Absurdität einer japanischen Karaokebar und der Leichtfüßigkeit eines Kindermalkurses durchaus als Persiflage wahrnehmen könnten. Der Studienabbrecher (ein halbes Semester an der Alabama State University) und seine Crew „Sailing Team“ realisieren in beinahe traditioneller Südstaaten-Manier den DIY-Gedanken – seine Kumpels sind Producer und/oder Rapper, sein Vater ist Fotograf. So versteht sich Yachty, der mit einem halben Auge zugedrückt durchaus als Yung Lean’sches Souljah Boy-Update für 2016 durchgeht, in erster Linie als Marke und Image, eine klassische Rap-Sozilasation hat er Ex-Jerker in seinem Kreativkosmos bewusst ausgeklammert. Sogar über seine Stimme soll er The Fader gesagt haben, sie klinge „like a fucking cartoon character“. Lil Yachty ist somit, vermutlich das Ergebnis, wenn man Leute ohne Kindersicherung für ein paar Jahre ins Internet schickt. Eigentlich fehlt ihm nur noch eine Katze.

21 Savage


„Wenn du angeschossen wirst, fühlt sich das nicht an, als würde es dir passieren – in dem Moment, wo du getroffen wirst, nimmst du das eher aus einer Beobachterperspektive wahr.“ 21 Savage ist mit sechs wund-ballistischen Erfahrungen der zertifizierte Rowdy in der Liste. Zwar sind die Zeiten, in denen man sich als Rapper mit auf der Anzahl seiner Schusswunden auf ein zweifelhaftes Straßenkämpfer-Podest plusterte, vorbei, doch dem 24-Jährigen sind Szene-Parameter insgesamt recht schnuppe. „I’m a real street nigga/I’ll be damned if I pay you for a feature“, stellt er etwa auf „Out The Bowl“, dem meuchelmörderischen Schlüsseltrack seines böse-betonierten Zementfuß von Mixtape-Debüt „The Slaughter Tape“ aus 2015 klar, dass er kein skatendes HipHop-Kiddie ist. 21 Savage, dessen Zahl sich auf die Postleitzahl seines Herkunftsbezirks in ATL bezieht, war ein Banger und Rap nur ein gesundheitlich unbedenklicherer Weg zur Wohlstands-Plautze. Weder ist er eine vielschichtige Kunstfigur wie sein Kollegen Uzi Vert oder Yachty, noch ein realkeepender Kulturverfechter. Savage ist so Straße, wie eine Betonmischmaschine. Auch weil seine Polizeiakte derzeit noch mehr Einträge sportet, als seine Diskografie, bewegen sich seine handwerklichen Rap-Peformance-Künste in einem zugegeben, überschaubaren Rahmen. Savage interessieren keine Skills, Reimschemen oder Emo-Striptease – nur die beklemmende Brisanz der Realität. „I respect real shit“, erklärte er jüngst The Fader. In nicht mal anderthalb Jahren hat sich Shayaa Josephs mit betont ignorantem Nuschel-Narrativ vom Internet-Insidertipp in die Rap-Champions-League gemurmelt. Metro Boomin, Gucci Mane, T.I., Young Thug – seine Kollabos lesen sich wie das Who-Is-Who des State Of The Art. 21 Savage steht damit symbolisch für die Zukunft von Straßenrap in 2016.

Desiigner

Als bislang einziger Vertreter der „Mumble-Rap“-Generation, wie notorische Realkeeper den melodischen Sing-Sang-Style der Rap-Newcomer der aktuellen Dekade degradieren, kann Sidney Royel Selby III einen Nummer-1-Hit in seiner Diskographie vorweisen. Die Story um seinen Konsens-Hit 2016 „Panda“ liest sich wie ein Kapitel aus der Popmärchenwelt: Desiigner nimmt vielleicht das dritte oder vierte Mal in seinem Leben einen Song auf , als er einem völlig unbekannten Engländer das spätere „Panda“-Instrumental für $200 via Internet abkauft. „Panda“ beschert ihm erst einen kleinen Hype in seiner Heimatstadt New York bis er über Umwege auf Kanye Wests Schreibtisch landet – der Rest ist in den internationalen Playlists ausreichend dokumentiert. Das G.O.O.D. Music-Signing stammt aus einer Musikerfamilie, sein Großvater spielte mit R&B-Ikonen wie The Drifters oder Isley Brothers, Desiigner selbst beherrscht das Saxophon. Gerade diese Musikalität spiegelt sich in seiner umstrittenen Performance wider: ein chiffrierter Streetslang kombiniert sich hier mit oftmals undeutlichem Säusel-Gesang, absurden Adlib-Grimassen und schier plastischem Hook-Gespür, das dem Brooklyner – auch aufgrund seiner bassigen Stimmfarbe – auch schon Vorwürfe des Future-Bitens eingebracht hat. Genau das macht den 1,95 m-großen Spaßvogel so kontrovers, denn nicht wenige sehen in ihm den letztgültigen Kulturverrat in Menschengestalt: ein New Yorker Rapper, der sich den signifikanten Merkmalen eines südstaatlichen Vorbilds bedient und ihn damit kommerziell sogar überholt – manche würden das „fake“ nennen. Sein beinahe programmatisch betiteltes Debüt-Mixtape „New English“ speist sich entsprechend auch aus den Bausteinen der aktuellen Rap-Strömungen: der prollige Trap-Maximalismus der Brick Squad trifft auf das auto-getunte Codein-Crooning von Future und die unverblühmten Gewaltdarstellungen der Drill-Rap-Bewegung. Inwiefern Desiigner musikalische Impulse setzen wird, lässt sich anhand seiner Vergangenheit derzeit nur schwer abschätzen und somit stehen viele Zeichen gerade auf: „One-Hit-Wonder“.

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