Mumble Rap – die unverstandene Generation (Teil 2)

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Sie sind aufgewachsen als Souljah Boy oder Lil B grenzdebile Nonsense-Raps mit mitreißenden Trap-Bangern kombinierten. Sie erlebten ihren ersten Lean-Rausch als Future, Young Thug und vor allem aber auch Lil Wayne ihr exzentrisches, teilweise völlig undeutliches Singsang-Genöle auf sphärischen 808-Brummern zu internationalen Hustensaft-Hymnen auto-tunten. Und wahrscheinlich erfuhren sie das erste Mal die Brutalität von Ganggewalt am eigenen Körper als Chief Keefs kaltschnäuziger Gun-Talk über zittrige Klapperschlangen-Hihats vibrierte. Eine ganze Generation von Rap-Kids steht seit rund zwölf Monaten in den Startlöchern, um HipHop ein neues Gesicht zu verleihen.

Lil Uzi Vert

Neben Lil Yachty ist vor allem Symere Woods zu einer Art Symbolfigur seiner Generation geworden. Der bunt-haarige Paradiesvogel mit Glamrock-Affinität ist nicht nur eine großmäulige und trotzdem fast unwiderstehlich charmante Rampensau, sondern zählt mit etwaigen Co-Sings von Young Thug, Future, Travis Scott, Wiz Khalifa oder A$AP Rocky bereits zur oberen Rap-Liga. Seit seinen vier Mixtapes, allem voran das prägende „Lil Uzi Vert vs. the World“ mit der kleineren Hit-Single „Money Longer„, steht der Philly-Native mit der säusligen Krächzstimme, der kurzatmigen Schlagwort-Delivery und dem Hang zu kitschigen Wolkenhimmel-EDM als Anführer des sogenannten „Post-Internet“-Raps – eine Generation, die in aller Selbstverständlichkeit ausschließlich über Social Media, Soundcloud- und Youtube-Freestyles Bekanntheit erlangt hat. Lil Uzi Verts Kosmos ist derweil so simpel wie effizient: es geht um den Turn-Up, Geld und Genugtuung gegenüber Hatern, Feinden und Ex-Freundinnen. Zwar namedroppt der 22-Jährige gerne auch Marilyn Manson und GG Allin als Einflüsse, doch dürften die von ihm ebenfalls gepriesenen Ying Yang Twins und Mike Jones weitaus wichtigere Sozialisationen gewesen sein – abseits von dem Fakt, dass er immer wieder im Dunstkreis des A$AP Mob auftaucht. Uzi ist exzentrisch, fantasievoll und stilsicher, was auch seine instrumentalen Fundamente von Metro Boomin, TM88 oder eben seinem Entdecker Don Cannon auszubalancieren wissen – zwischen Kuschel-R&B-Anleihen und straßentauglichem Drumpattern-Variation näselt sich Vert durch die nicht-jugendfreie Spielzeugabteilung. Kürzlich erzählte er in einem Interview, dass ihm der legendäre A$AP Yams einst eine Privatnachricht auf Twitter zukommen lies, als Vert gerade einmal drei Freestyles auf Soundcloud hochgeladen hatte. Sie besagte „You’re gonna be a star“. Er sollte Recht behalten.

Kodak Black

Schlussendlich war es vor allem das Co-Sign vom fleischgewordenen Tastemaker Drizzy, der unter leichtem Coganc-Einfluss durch seinen Privatjet zum benommenen Herzensdamen-Abschiedskuss „Skrt“ tänzelte, das Kodak Black 2016 zur Speerspitze der neuen Rap-Generation zählt. Doch der 19-Jährige Sohn haitianischer Eltern ist kein Genre-Grenz-Gänger, seine Musik ist durchdrungen von der Aura bedrohlicher Billo-Synths, ballistischem Realtalk und emotionaler Inbrunst in der Tradition des Dirty South der 1990er. Dieuson Octave, so sein bürgerlicher Name, stammt aus Florida und hat einen vergleichsweise konventionellen Rapstil, der allerdings in seiner atmosphärischen Dichte vor allem als das bezeichnet werden kann, woher sie auch stammt: aus der Trap. Seine erste Releases „Project Baby“ oder „Heart of Project“ entstehen zwischen Drogenküche und Jugendarrest, bedienen sich oft dem einprägsamen Synthie-Minimalismus der No-Limit-Ära und behandeln schonungs- wie erbarmungslos die beinharte Realität der us-amerikanischen Unterschicht – allerdings weniger glorifizierend wie etwa seine Haupteinflüsse Lil Wayne oder Lil Boosie, als überraschend reflektierend: „I was out here scheming, talking to them demons“. Sein drittes Mixtape „Lil Big Pac“ erschien September 2016, als Octave abermals für vier Monate im Gefängnis landet. Lil Black ist damit musikalisch, inhaltlich, als auch biografisch etwas unfreiwillig die Fortsetzung des klassischen Südstaaten-Raps.

Playboi Carti

„When you hear CashCarti it’s like, turn up, grab bands, party — you feel me?“, summierte Playboi Carti sein, zugegeben, bislang überschaubares Œuvre. Hierzulande ist er wohl vor allem für den Internet-Hit „Broke Boi“ (für Deutschrap-Nasen auch in der Fruchtmax-Version „Früher war ich broke“ bekannt), den Bonzenparty-Crasher „What“ und seine Auftritte auf dem aktuellen ASAP-Mob-Album bekannt. Seine Wierdness definiert sich sowohl in der lakonischen Distrotion-Delivery sowie seiner Affinität für Videogame-Samples und gerne albernen Melodieabfolgen, die das A$AP Mob-Mitglied mit einer nasalen Stimme klangveredelt. Das alles lässt sich grob als Bubbelgum-Version von Chief Keef schönreden, wenn man so will. Ähnlich wie Yachty und vor allem Uzi Vert hegt Carti daneben einen ausgeprägten Sinn für Fashion – beinahe gegensätzlich zu seinem simplifiziertem Lycrisim, das sich eher auf mitreißende Nonsens-Schlachtrufe denn ausformulierte Punchlines konzentriert: „That ho give me face/That ho give me faith“, äußert er sich über sein Verhältnis zum weiblichen Geschlecht auf „Fetti“. Da der Playboi als einziger der Liste bis dato nur Features und vereinzelte Solo-Tunes in das Internet hievt und sich bisher sträubte auf Vollzeit-Format zu brillieren, ist sein weiterer Werdegang bislang nur in einer Spekulationsblase zwischen Next-to-blow oder verpasstem Hype anzusiedeln.

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