Mini-Doku: Deutschrap & Auto-Tune

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„Die Welt spricht Auto-Tune“ titelte ein großes deutsches HipHop-Magazin im Jahr 2008, mit den damaligen Genre-Heroen T-Pain und Akon. Fast ein Jahrzehnt später ist die Software nicht weniger präsent oder umstritten. Grund genug für Julian Bäder mit der Mini-Doku „808s & Rarri Cars“ sich den Umgang und Status Quo mit der vermutlich einflussreichsten Musik-Erfindung seit dem Ipod von der deutschen Rap-Landschaft erklären zu lassen. Außerdem gibt es noch einen Anlass: Der „Cher-„Effekt wird 2017 tatsächlich schon 20 Jahre alt.

„Bei Musikvideos gibt man ja auch Effekt rein.“, legitimiert YSL Know Plug, der als Money Boy mittlerweile zur Symbolfigur eines neuen deutschen Rap-Verständnisses gewachsen ist, den Einsatz des nun,ja Kult-Programms Auto-Tune. Er und seine Zöglinge oder Nachkommen wie LGoony, MC Smook, Juicy Gay oder Hustensaft Jüngling benutzen den Effekt seit vielen Jahren, inspiriert von amerikanischen Vorbildern wie Lil Wayne oder Travis Scott. Mittlerweile scheint es fast so, als würde Rap-Musik ohne Auto-Tune kaum mehr auskommen.

Klar, Rap-Songs mit Auto-Tune gab es auch schon vor ihnen. Die in der Szene lange als „T-Pain-Effekt“ berühmte Software zur Tonhöhenkorrektur ist mindestens seit Kanyes 2008er Opus Magnum „808s & Heartbreak“ ein legitimes Stilmittel in der HipHop-Musik, welche auch Influencer wie eben Lil Wayne, Drake und Kid Cudi zu stimmlichen Experimenten inspirierte. Doch auch schon vor zehn Jahren spaltete der Effekt die Straßen von HipHop-Hausen, was allein durch Jay Zs mindestens genauso ikonischen Diss „D.O.A. (Death Of Auto-Tune)“ zu belegen ist (bei dem ironischerweise übrigens Kanye die Back-Ups macht).

Heute ist Auto-Tune in sämtlichen Popmusik-Genres so sehr etabliert, dass sogar Studien herausgefunden haben wollen, es gebe unter Kindern, die nach dem Jahr 2000 geboren wurden, Kandidaten, die den unbearbeiteten Gesang eines professionellen Sängers ohne Auto-Tune als unnatürlich empfinden.

„Du kannst ein Instrument nicht haten – so ist es mit Auto-Tune auch.“

The Ji

Zwar probierten sich auch hierzulande vor rund einer Dekade Rapper mal mehr (ja, das ist Gzuz), mal weniger, mal so mittelmässig erfolgreich am Effekt, doch ein wirklich selbstbewusster Umgang mit Auto-Tune – der ernsthaft wie ironisch mit den Gegebenheit der Software spielt – setze erst mit Underground-Phänomenen wie Cosmo Gang oder dem Aufstieg der Glo Up Dinero Gang ab 2012/2013 ein. Die Doku „808s & Rarris Cars“ beginnt allerdings im Sommer 2016 – also ca. drei Jahre nach dem Auto-Tune-Start. Der Film versucht sich via Gesprächen mit MC Smook, The Ji, YSL Know Plug oder auch Melodyne-Produktmanager Stefan Lindlahr (Melodyne ist ein Programm der deutschen Firma Celemony Software GmbH, das ähnlich wie Auto-Tune funktioniert; Anmerk.d.Verf) die Frage aufzuklären, was die Faszination von Tonhöhenkorrektur-Software wie Auto-Tune, rund 20 Jahre nach Release der Intialzündungs-Single „Believe“ von Cher, auf kreativer wie technischer Seite ausmacht. Prädikat: Sehenswert.