MHD: „Als ‚Afro Trap‘ viral ging, lag ich gerade am Strand.“

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YouTube-Kilckzahlen im Millionenbereich, 190.000 Facebook-Likes und ausverkaufte Konzerte in Paris, Bordeaux oder Bourges – in Frankreich ist der Rapper MHD längst ein Star. Auch hierzulande bekommt sein eklektischer Mix aus Trap, afrikanischer Dance Music und lässigem Hood-Swagger immer mehr Hörer. Ćelo & Abdï zitieren ihn auf Twitter, 187 Strassenbande outen sich als Fans. Kurz vor seinem ersten Berlin-Auftritt traf sich Haiyti-Produzent Asadjohn für uns mit dem 22-Jährigen und führte ein Gespräch über das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft, Selfie-Videos und warum Rapper so selten tanzen.

Zu allererst: Was heißt MHD und wer steckt alles dahinter?

MHD ist mein Rapper-Name, das ist ein Akronym aus meinem bürgerlichen Namen Mohammed. MHD ist keine Crew, ich bin Solokünstler.

Deine „Afro Trap“-Videos haben zur Zeit großen Erfolg in Frankreich. Wo liegen die Wurzeln von Afro Trap?

Der Style von Afro Trap existierte schon vor meinen Songs. Lyrics auf afrikanische Sounds zu packen, kam vor zehn Jahren mit der Band Bisso na Bisso auf, die auf ihren Alben Rapper über afrikanische Beats rappen ließen. Das war kein Afro Trap in dem Sinne, sondern Rap auf afrikanischer Musik. Ich habe dem Ganzen nun einen Namen gegeben und es auf meine Art interpretiert.

Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, Trap und afrikanische Rhythmen zu kombinieren? Hast du vorher andere Musik gemacht?

Bevor alles begann, habe ich Musik mit meiner Crew 19 Réseaux (19. Bezirk) gemacht. Das war Trap, wie es viele in Frankreich gerade machen. Das lief aber nicht so gut wie erhofft, und ich habe erst mal aufgehört, Musik zu machen. Irgendwann war ich mit einem Kumpel im Urlaub in Südfrankreich. Wir haben ständig afrikanische Musik gehört, darauf getanzt, mitgesungen und so weiter. Ich war dann im Hotelzimmer und wir hörten gerade den Song „Shekini“ von P-Square – das ist eine nigerianische Band, der Song ist ein großer Hit. Am Ende des Liedes lief das Instrumental und ich habe einfach drauflos gerappt. Mein Freund meinte dann, es wäre gut und ich solle das mal aufnehmen. Also habe ich meine Selfie-Kamera angemacht, gerappt, das Video hochgeladen und bin dann an den Strand gegangen. Als ich zurückkam, hatte ich sehr viele Notifications auf Facebook und Twitter bekommen. Zu der Zeit hatte ich rund 30 Freunde auf Facebook, aber das Video ist einfach viral gegangen – ganz ohne, dass ich es gemerkt habe.

Wie ging es danach weiter?

Als ich zurück in Paris war, habe ich mir meinen 17-jährigen Nachbarn geschnappt, der ein bisschen professionelleres Equipment hatte und wir haben ein Video mit den Kids vom Block gedreht. Ich habe das dann einfach „Afro Trap“ genannt. Nachdem das online war, habe ich einfach wieder so ein Freestyle-Selfie-Video gemacht und es auf Facebook gestellt. Daraufhin haben die Leute angefangen, unter dem Video zu kommentieren, dass „Afro Trap 2“ kommt. Und ich dachte mir: „Warum nicht?“ – und habe das erste Video kurzerhand in „Afro Trap Part 1“ umbenannt und weitergemacht.

Apropos „Afro Trap Part 1“ – warum ist der Beat in der Album-Version anders geworden als in der YouTube-Version?

Der Song war eigentlich nur ein Freestyle und ich hatte die Rechte an dem Beat nicht, das war halt ein Instrumental von P-Square. Deswegen haben wir das geändert.

Azonto, ein Tanzstil aus Westafrika, ist sehr typisch für deine Videoperformance. Was war deine Intention dabei, diesen Tanz in die Musikvideos zu packen?

Der Tanz kommt aus Nigeria. Meine Freunde und ich sind ständig am Tanzen und wir haben viel Spaß dabei. Es war einfach ganz natürlich für uns, in unseren Musikvideos auch zu tanzen.

Die meisten Rapper tanzen ja nicht richtig. Die haben vielleicht ein paar markante Moves, aber sie bewegen sich nicht mit dem ganzen Körper, weil sie es uncool oder nicht männlich finden …

Das bedeutet mir nichts, weil ich ja trotzdem ein Mann bleibe. Vielleicht machen die das, um ein Image zu kreieren, aber da gebe ich nichts darauf. Ich mache, was ich will. Ich mag es zu tanzen, ich mag es zu rappen und Musik zu machen. Ich gebe mich nicht als jemand anderes aus, um einem Image zu entsprechen. Ich mache einfach das, worauf ich Lust habe.

Dein bürgerlicher Name ist Mohammed und du bist Moslem. Was ist deine Meinung zum Ausnahmezustand seit den Pariser Terroranschlägen im November 2015 , welcher kürzlich bis über die Europameisterschaft hinaus verlängert wurde? Wie hat sich die Situation in Paris und in Frankreich verändert?

Für mich hat sich nichts geändert. Ich nehme nicht an politischen oder religiösen Debatten teil. Ich höre nicht auf die Medien. Ich versuche, dem nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken und lebe mein Leben wie zuvor auch.

Gibt es auch keine Veränderungen in der sozialen Interaktion zwischen Muslimen und der christlichen Bevölkerung seit diesen Angriffen?

Nein. Ich bin aus dem 19. Bezirk und ich fühle nicht so. Ich lebe in einer Gesellschaft mit vielen verschiedenen Kulturen, bestehend aus jüdischen Menschen, afrikanischen Menschen, christlichen Menschen, Chinesen, Indern und so weiter. Alle leben zusammen. In meinem alltäglichen Leben fühle ich keine Veränderung.

Du hast mit Angélique Kidjo zusammengearbeitet, einer Grammy-Gewinnerin aus dem westafrikanischen Staat Benin. Wie seid ihr in Kontakt getreten und warum wolltest du mit ihr zusammenarbeiten?

Ich kannte sie vorher nicht. Als wir nach einer weiblichen Stimme für mein Album suchten, hat mein Manager mir von ihr erzählt. Sie ist eine gute Sängerin, also haben wir ihr den Song zugesandt. Und als sie uns ihre Aufnahmen wieder zurückgeschickt hat, waren wir begeistert. Es war eine einfache und problemlose Zusammenarbeit.

Was inspiriert dich, Musik mit diesem Vibe zu machen und was hörst du eigentlich privat?

Mich inspiriert, was ich tagtäglich erlebe. Meine Freunde, meine Familie, meine Umgebung, wo ich wohne. Als ich den Song „Afro Trap Part 3 (Champions League)“ gemacht habe, lief gerade die Champions League – das hat mich inspiriert. Ich versuche einfach, das zu verarbeiten, was ich erlebe, ohne es zu verkomplizieren. Privat höre ich viel Afro-Musik, aber auch etwas Rap. Künstler wie DaVido, Wizkid oder auch nigerianische und ghanaische Musik inspiriert mich.

Apropos afrikanische Musik: Ein Journalist sagte mal, Afro Trap sei inspiriert von Coupé-Décalé. Ist das die einzige Inspiration oder gibt es auch andere Inspirationsquellen?

Ich finde, es gibt nichts, das so ist wie Coupé-Décalé. Afro Trap ist dagegen was ganz anderes. Vielleicht gibt es Gemeinsamkeiten bei der Rhythmik. Aber ich glaube, die Leute denken so, weil sie denken, in der afrikanischen Musik sei alles gleich. Die afrikanische Kultur ist aber sehr vielfältig, die Musik geht in unterschiedliche Richtungen: In Westafrika zum Beispiel gibt es mehr Storytelling, man macht Songs, die teilweise eine Stunde Spielzeit haben – da wird eine richtige Geschichte erzählt. Das nennt man Jalloh. Und in anderen Ländern, wie Kongo oder Kamerun, ist die Musik eher rhythmisch und zum Tanzen angelegt. Das ist zwar weniger lyrisch, dafür umso musikalischer. In Afrika gibt es, wie gesagt, sehr unterschiedliche Musik. Es ist nicht alles das Gleiche.

Du wurdest ja nicht auf dem afrikanischen Kontinent, sondern in Frankreich geboren. Woher kommt es, dass du dennoch so eine Verbindung zu afrikanischer Musik hast?

Seit klein auf höre ich afrikanische Musik und bin mit meiner Familie auch oft nach Guinea gereist. Meine Geschwister haben auch immer afrikanische Musik gehört und irgendwann fing ich an, selber danach zu suchen. Je älter ich wurde, umso neugieriger wurde ich. Ich bin zwar in Frankreich aufgewachsen, aber mit afrikanischer Kultur.