Maniac – „Quantisierung? Fuck that!“ #workinonit

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Als Teil der Demograffics ist Maniac dem schländlichen Rap-Liebhaber sicherlich schon untergekommen, zählt er doch zu den wenigen englischsprachigen Rappern in Deutschland, deren eine größere Aufmerksamkeit zuteil wird. Doch der Wahl-Regensburger ist auch ein versierter Producer, welcher seit Jahren die Essenz der Golden Era auf das europäische Festland überträgt. Auf seinen Beats fanden sich schon Johnny Space, Waldo The Funk oder auch Fatoni & Edgar Wasser. Nun hat der in den USA aufgewachsene Lockenkopf ein Album mit dem Rapper Liquid produziert – bayrischer Mundart-Rap trifft auf geschmeidiges Sample-Bummtschack. Wir trafen uns mit dem 30-Jährigen auf dem splash! 19 zum Gespräch über Loops, Library Music und die Langeweile in Premo-Beats.

Du hast kürzlich mit Liquid das Album „Slang Funk Slam Dunk“ veröffentlicht. Der Titel hat schon etwas von einem Zugenbrecher …

Ja, das stimmt. Ich habe auch lange gebraucht, es richtig auszusprechen. (schmunzelt) Das war auch nur so eine Idee von Liquid, just out of nowhere. Slang Funk – klar, das Album ist im Slang und auf funky Beats. Der Slam Dunk kam dann spontan dazu.

Ich habe bei dem Titel, noch vor dem ersten Hören, an eine britische Boyband namens 5ive denken müssen. Die haben mal einen Song gemacht, der „Slam Dunk (Da Funk)“ hieß.

(lacht) Echt? Geil, das kannte ich noch gar nicht. Warte, das muss ich mir aufschreiben, vielleicht kann man das geil samplen.

Du arbeitest als Producer ja ohnehin sehr viel mit Sampling. In eurem Snippet-Video sitzt ihr vor einem Regal voller Platten. Auffällig ist, dass du sehr viele Vinyls von KPM besitzt …

Ja, auch. Bei KPM geht schon was, das ist ein krasses Musikarchiv. Die habe ich einfach irgendwann entdeckt. Wenn man jahrelang nach guter Musik sucht, stößt man irgendwann auch auf die. Gerade, was Samples angeht oder vielleicht sogar Inspirationsquellen – das ist halt einfach Digging. Je mehr du ansammelst, desto mehr willst du noch mal auf die Jagd gehen. Like a gift and a curse, weißt du? Am Anfang war ich auch viel auf Flohmärkten, als die noch geil waren. In Amiland war es auch sehr einfach, an preiswerte Soul- und Jazz-Platten zu kommen. Das war noch zu einer Zeit, als es keine Blogs gab oder die Labels Sachen teuer rereleast haben. Aber versteh mich nicht falsch, ich hate Blogs nicht. Durch Blogs bin ich auf Sachen gestoßen, die ich später auch als Vinyl irgendwo ausgegraben habe – vielleicht hätte ich das andernfalls wegen eines schrottigen Covers oder so einfach ignoriert.

Aber heißt es nicht „You can’t judge a book by its cover“? Ich glaube, DJ Shadow hat mal gesagt: „A stupid looking record usually has something on it.“

Ja, das stimmt schon. (grinst) That’s a good rule, auf jeden Fall. Ich lese zwar ab und an auch mal die Credits, aber oft entscheidet tatsächlich einfach das Cover, ob ich die Platte mitnehme. Wenn das zum Beispiel ein bunter Haufen schräger Vögel auf dem Bild ist, am besten aus unterschiedlichen Ländern zusammengewürfelt und man anhand der Instrumente oder der Jahreszahl ungefähr ablesen kann, wonach das klingt, wird es mitgenommen. Mittlerweile bin ich aber sehr stark auf so cheesy Looks aus. Ich bin auch gerade voll auf dem 80s-Film hängengeblieben. Zum Beispiel die ganzen Sachen von Burton Music oder Sonoton aus der Zeit sind super crazy. Klar, in der Ecke gibt es auch Schrott, aber das ist ja immer so.

Verfolgst du denn bei der Sample-Suche ein bestimmtes Credo? Das impliziert ja die ewige Frage, ob digitale oder analoge Samples besser klingen …

Nein, ich bin kein Digging-Purist. Wenn du etwas von YouTube samplen willst, dann sample es von YouTube. I don’t give a fuck. If you made that beat and it’s dope, whatever?!

Spielst du eigentlich ein Instrument?

Auch, aber ich kann keine Noten lesen. Ich spiele schon viel ein mit meinem Nord-Stage-Piano oder dem microKORG. Aber das ist eher so Pushing Buttons und nach Gehör. Ich könnte dir jetzt keine geile Akkordfolge aus dem Stand vorspielen. Das ist alles eingespielt, gechoppt, resamplet. Wenn etwas schief gespielt ist, höre ich das ja auch raus. Zur Not habe ich meine Boys, wie zum Beispiel Tribes Of Jizu, die auf unserem Album „Glue“ ja auch ein paar Sachen eingespielt haben. Das passiert aber nicht oft, von 1.000 Beats vielleicht bei zwei.

Wie bist du eigentlich mit dem Beatmaking in Berührung gekommen?

Da war ich noch in South Carolina, in der Middle School. Crunk war damals noch ein riesiges Ding in den Staaten. Durch Live-Shows in Asheville, einer Stadt in North Carolina, die circa eine Stunde entfernt von meinem Wohnort lag, kam ich eigentlich erst richtig mit HipHop in Berührung und habe so Sachen wie Aesop Rock oder Atmosphere gesehen. Also nicht das, was man im Radio hört. Das hat mich am Anfang sehr inspired. Das ganze Crunk-Ding, aber auch Juvenile oder Nelly war gerade big am Poppin‘. Bubba Sparxx und dieser ganze Springbreak-Sound. Talib Kweli, Mos Def – das war ja damals der Underground-Shit, so eine kleine Nische aus Sample-Beats. Das hat mir sehr getaugt, ich mochte den Sound einfach. Da hatte ich aber auch noch gar nicht gecheckt, was überhaupt Sampling ist.

Mein Beats sollen unterschiedlich sein, ich möchte nicht 100 Premo-Beats mit dem gleichen Drum-Kit machen.

Wie hast du das denn herausgefunden? Wenn man keinen zur Seite hat, stelle ich mir das in South Carolina recht schwer vor.

Indem ich selber damit angefangen habe. Ich habe anfangs mit so einem Loop-basierten Music-Maker-Programm herumexperimentiert. Das war so ein Billo-Ding mit vorgefertigten Spuren, die man übereinanderlegen konnte. Ich war 13 oder 14 und habe allen gesagt: „Hör mal, der Beat ist von mir!“ (lacht) Ich weiß gar nicht mehr, wie das Programm hieß. Davon ausgehend habe ich halt immer mehr upgesteppt und herausgefunden. Nach zwei, drei Jahren klangen meine Beats langsam geil und ich dachte mir: „Ich brauche einen Rapper.“ Es kamen dann auch ein paar vorbei, aber die haben alle nicht so geil rappen können. Das hat meine Beats eigentlich eher abgewertet. Also habe ich einfach selbst begonnen, Texte zu schreiben. Die Schule hat mich eh nicht sonderlich interessiert. Bei uns im Unterricht musste man aber immer mitschreiben. Deswegen habe ich während den Stunden oft einfach 16 Bars geschrieben – weißt du, mit zur Tafel schauen und so tun, als ob man abschreibt. (grinst)

Mit welchem Equipment arbeitest du denn heute vorzugsweise, abgesehen vom microKORG und dem Nord Stage?

SP-404 is the best shit right about now. Aber ich bin nicht so komplett analog, wie es jetzt vielleicht wirken mag. Die Software, mit der ich hauptsächlich arbeite, ist ACID Pro von Sony. Brenk und die ganzen Jungs haben das früher auch benutzt, übrigens. Das hat einen Sequencer und man kann auch Vocals aufnehmen, mit meiner SP haue ich die Drums dann da rein. Du hast alles direkt in einem Fenster. Irgendwann ist das mir untergekommen und seitdem bin ich dabei geblieben.

Du kommst ja aus einer Zeit, in der es nicht unbedingt gern gesehen war, wenn man aus bestimmten musikalischen Epochen gesamplet hat. Hast du dir jemals selbst solche Beschränkungen auferlegt?

Keine Ahnung, ich sample jetzt nichts, was nach 2000 rausgekommen ist. Also, vielleicht schon. Mir ist es eigentlich egal. Wenn ich jetzt ein Sample aus dem Jahr 2015 habe, werde ich es vermutlich nicht releasen – das habe ich aber auch einfach noch nie gemacht. Der Sound heutzutage ist auch nicht so geil. Klar, du kannst es natürlich bearbeiten und durch hunderte Effekte jagen, aber naja … Vielleicht ist das the next thing I might do. Wobei ich jetzt schon wieder neue Beats bastel mit Tribes of Jizu, wo wir sehr viele Sachen analog mit alten Instrumenten recorden. Always steppin‘ it up …

Wie stehst du denn zu der Frage, ob es nun einen Unterschied macht, analog oder digital zu produzieren?

Bei diesem Band-Ding, wovon ich gerade sprach, merkt man das schon. Da ist halt der Dreck drin, das ist schon nice. Aber bei Beats ist mir das recht egal. Wie willst du Future- oder Flying-Lotus-Beats denn analog klingen lassen? Die sitzen nicht an einer MPC und schnibbeln ihre Loops zusammen. Das ist doch scheißegal, wenn das Ergebnis stimmt.

Wie unterscheidet sich eine Zusammenarbeit mit einer Band von deinem Workflow am Laptop?

Es geht halt alles in den Rechner, daher unterscheidet sich das nicht so extrem – es sind am Ende einfach Samples. Im Studio mit der Band hilft mir aber auch J.J. Whitefield von Poets Of Rhythm – das ist schon eine andere Arbeit. Der ist die Adresse schlechthin für diesen echten Vintage-Sound. Da habe ich auch schon sehr viel gelernt, wie ich zum Beispiel Vocals tweake mit Distortion. Man lernt halt immer etwas – es ist ein lifelong learning thing. Es wäre ja auch dumm zu sagen: „Ich bin so dope, es kann nicht mehr doper werden.“ Das wäre langweilig. Man muss immer neue Sachen machen. Klar, es gibt auch Dudes, die ein Rezept haben und das dann durchziehen. Für mich muss sich aber nicht jeder Beat gleich so anhören, dass man erkennt, dass ich das war. Die Beats sollen schon unterschiedlich sein. Ich habe schon meine eigene Note drin, aber ich möchte einfach nicht 100 Premo-Beats mit dem gleichen Drum-Kit machen. (lacht)

Wie geht’s du mit Inspirationen um? Hast du bestimmte Producer, die dich seit Jahren begleiten, an denen du dich orientierst?

Auf jeden Fall. Dexter, Suff Daddy, Madlib, Pete Rock, Dilla, Samiyam, Knxwledge, die ganzen Stones-Throw-Sachen – das gefällt mir. Am besten ist es aber, wenn dich ein Flash fertigmacht, dass du richtig motiviert wirst. Wenn du Beats von Homies hörst, pusht mich das. So à la: They’re stepping their game up, I got to step my game up. Das ist ja ein wechselseitiges Pushen. Alles andere flasht mich nicht. Mir schicken so viel Leute Beats mit Loops und irgendwelchen Drumkits darüber, weißt du? Ich habe aber genug Beats. Ich habe Maniac-Beats, ich habe Dexter-Beats. Es kommen manchmal auch gute, so ist es ja nicht. Aber ich komme nicht dazu, auf alle zu rappen. Die meisten sind aber nach dem immer gleichen Schema angeordnet. Dabei gibt es so geile Producer. Aber das sind auch die, die nichts herumschicken und keinem sagen, dass sie Beats machen. „Wie!? Du hast einen Soundcloud-Account?“ (lacht) In Regensburg gibt es zum Beispiel sehr viele gute Beatmaker – wie zum Beispiel Shawn The Savage Kid.

Wenn du die Wahl zwischen dem schweren und leichten Weg beim Produzieren hast – welchen präferierst du?

Ich weiß nicht. Es gibt ja sehr einfache Beats, die trotzdem geil sind. Ein Beat muss halt geil rollen, der braucht einfach den gewissen Touch. Wenn es nicht so super-akkurat quantisiert ist und stocksteif vor sich hinpoltert, geht es schon klar. Am schlimmsten sind diese Typen, die die Hi-Hats genau auf den Takt setzen. (lacht) Da ist einfach keine Lebendigkeit drin, das humpelt nicht. Es gib viele Leute, die solche Beats machen – sorry, man. I ain’t gonna rap over it. Quantisierung? Fuck that!

Produzierst du deine Beats eigentlich daraufhin, dass sie berappt werden oder verstehst du sie in erster Linie als eigenständige Instrumentals?

Eigentlich ist ein Beat bei mir nie auf einen Rap-Song hinproduziert. Das ist halt ein Beat und vielleicht passiert was damit. (grinst) Es gibt aber auch Momente, wenn ich ein Acapella bekomme und mich daran orientiere. Ich spiele dann die Drums ein und choppe Samples dazu. Viele Alben, die ich produziert habe, sind so entstanden, in dem ich um das Acapella herum den Beat arrangiert habe. Generell starte ich auch eher mit dem Sample oder irgendwelchen Sounds, die Drums kommen später.

Es gibt ja immer häufiger Kritik, dass reine Sample-Loops keine kreative Arbeit seien. Was hältst du von dieser Diskussion?

Wenn du das unkreativ und langweilig findest, hör dir es nicht an. Es gibt sehr viele unkreative Loops, ja. Aber das kann man nicht so pauschalisieren. Es komm auch darauf an, wie du es zum Beispiel im Equalizer bearbeitest oder wie ungenau beziehungsweise genau du damit umgehst. Schau dir mal Alchemist an, der benutzt ja oft keine Drums mehr, samplet irgendwelche tschechischen Prog-Rock-Sachen und lässt den Loop laufen. Das sind manchmal Loops, wo du nicht mal den Takt checkst – völlig crazy, dabei ist es nur ein Loop. Und wer hört sich an wie Alchemist? Keiner. Ich persönliche finde Raps über Loops auch geiler, als so überproduzierte Songs mit 1.000 verschiedenen Ebenen. Es gibt ja auch Sachen, wo du die Drums extra leise machst, damit die Leute denken, es sei ein stumpfer Loop. Wenn sich dann jemand beschwert, kannst du sagen: „No, man – I made that motherfucker! I tricked everybody.“ (lacht)