„Wir haben nicht im Stuhlkreis diskutiert.“ – Mädness & Döll im Interview

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Heute erscheint „Ich und mein Bruder“, das erste gemeinsame Album der Döll-Brüder. Während der eine mit zwei Soloalben und einer ganzen Reihe Kollabos, Mixtapes und EPs in der Diskografie seit über zehn Jahren neben Olli Banjo, Kool Savas oder Morlockk Dilemma zur Speerspitze der (Obacht!) schwindelerregenden Wortakrobaten gezählt wird, hat sich der andere mit einem Crew-Album und einer Solo-EP in die Herzen aller Fans des Grown-Man-Raps geschnoddert. Mädness und Döll sind Szene-Lieblinge, Lieblingsrapper deiner Lieblingsrapper und vor allem das Musterbeispiel tragischer Rap-Stehaufmännchen, die sich mit einem Sack voll Skills, stets verfolgt vom berüchtigten Künstlerpech, immer eine Nuance am Durchbruch vorbeigerappt haben. Schlussendlich hat ihr Weg aus dem heimatlichen Darmstadt über ein Bootcamp mit Sample-Spürnase Torky Tork im thüringischen Zella-Mehlis und ein paar Sessions mit Executive Producer Yassin zu einem Four-Music-Deal geführt. Gut Ding, Weile, wie auch immer – alles (wieder) Gude, Baby.

Was ist eure erste Erinnerung ans splash! Festvial?

Mädness: Ich weiß nicht genau, wann ich das erste Mal da war. Es muss im Jahr 2000 gewesen sein, als das splash! noch in Chemnitz war. Damals hatte Kool Savas um 15 oder 16 Uhr gespielt. Ich war nur als Besucher da, aber das war ein sehr krasser Moment für mich, weil ich ihn dort das erste Mal live erlebt habe, seit ich auf ihn aufmerksam geworden war. Er hat damals, glaube ich, sogar gesagt, dass er bei seinem nächsten splash!-Auftritt auf der Hauptbühne stehen würde – was dann auch genauso gekommen ist. Du hast damals aber schon bemerkt, dass mit ihm ein anderer Wind zu wehen begann. Bis dahin herrschte im Allgemeinen dieser Rucksack-Alle-Sind-Nett-Zueinander-Flavour und auf einmal kam dieser Berliner Akzent dazwischen. Außerdem war Savas on stage auch schweinegut, du hast jedes Wort verstanden. Das ist mir voll im Kopf geblieben, das war richtig krass.

Döll: Mein erstes splash! war glaube ich das letzte in Chemnitz – 2006, wenn ich richtig liege. Das erste Gefühl, was ich dort empfunden habe, war: „Geil, alle sind wegen der selben Sache hier!“ Das klingt jetzt voll Hippie-mässig, aber du musst wissen, dass wir ja aus einem Kaff kommen und deutscher HipHop damals noch nicht so verbreitet wie heute war. Aber es war aber auch nicht durchweg friedlich: Einmal kam so ein Typ auf dem Zeltplatz in unser Camp und es stellte sich schnell heraus, dass er wegen völlig anderen Acts als wir aufs splash! gekommen war – ich glaube, wegen Bass Sultan Hengzt oder so. Das sei das Einzige, was man sich angucken könnte, sagte er, und wir reagierten dann so: „Okay, äh wir sind eigentlich wegen allem anderen hier.“ (Gelächter) Das war schon ein bisschen unangenehm. Aber es war einfach geil, zu sehen, wie einfach jeder auf dem Zeltplatz freestylte, Zelte anmalte oder sonst irgendwie HipHop gelebt hat. (lacht) Wieder so ein Hippie-Gelaber, aber so habe ich das damals empfunden.

Ein Rapper muss ja erstmal zugeben, dass er rappt – gerade am Anfang. Wie habt ihr das eigentlich voneinander erfahren?

Mädness: Ich habe mich tierisch gefreut, als ich bemerkt habe, dass Fabian (Dölls bürgerlicher Name; Anmerk. d. Verf.) was macht. Das ist aber alles sehr getrennt voneinander abgelaufen – auch weil wir unterschiedliche Freundeskreise hatten. Direkten Kontakt dazu hatte ich nur, wenn wir mal zusammen waren. Ich bin aber nicht zu den Sessions mitgekommen oder so. Ich fand es aber gleich krass und dachte: „Gute Entscheidung!“ (lacht) Ich hatte aber auch gar keine Ambition, mich da großartig in seine Sachen einzumischen – auch wenn man das vielleicht denken würde.

Döll: Ich habe ihm schon Sachen von mir gezeigt im Sinne von: „Hier, hör‘ dir’s mal an.“ Aber wir haben uns jetzt nicht danach in einen Stuhlkreis gesetzt und darüber diskutiert, was ich noch besser machen könnte. Vieles habe ich gemacht, ohne dass er involviert war. Ich bin aber zu 100% durch Marco (Mädness‘ bürgerlicher Name; Anm. d. Verf.) zu Rap – Moment, ich sage lieber HipHop – gekommen. Es hat mich einfach interessiert, was da passiert.

Wie lange hat es dann gedauert, bis ihr euren Eltern davon erzählt habt? Rap hatte ja vor zehn Jahren nicht gerade den besten Ruf in den Mainstream-Medien.

Mädness: Ich glaube, unsere Eltern haben das bei uns lange als Hobby wahrgenommen. Oder gehofft, dass es das bleibt. (lacht) Ohne jetzt böse darüber sprechen zu wollen, aber es wurde nicht so richtig ernstgenommen, in meiner Wahrnehmung. Ich erinnere mich, als ich die ersten Sachen mal im Auto vorgespielt habe, damals noch auf einem Tape aufgenommen, kamen Kommentare wie: „Ja, der Hammer ist es jetzt nicht, um ehrlich zu sein.“ Aber die Sachen waren auch scheiße, das muss man ganz ehrlich sagen. (lacht) Mittlerweile verstehen sie es aber mehr und freuen sich auch darüber, was passiert.

Döll: Die mediale Darstellung von Rap war zwischen 2003 und 2010 auch noch ganz anders als heute. Es gab ja kaum einen Bericht, der ohne das Wort „Rüpelrapper“ ausgekommen ist – das ist heute ja Gott sei Dank ein bisschen anders. Das hat es aber natürlich zusätzlich erschwert, den Eltern zu erklären, dass Rap nicht nur aus Idioten besteht oder die Darstellung schlechtweg falsch war.

Wie viel Gewicht liegt mittlerweile auf dem Urteil des anderen bei einer Produktion?

Mädness: Die Meinung von Fabian ist die Wichtigste. Wenn wir uns gegenseitig Sachen zeigen und er sagt, dass es scheiße ist, dann weiß ich, dass ich da noch einmal drüber gehen muss. Wenn er aber sagt, dass es tight ist, dann ist es unumstößlich tight.

Döll: Das ist bei mir genauso. Eigentlich gibt es nur zwei Leute, deren Meinung mir wichtig ist: Gibmafuffis und Marcos. Ich meine, klar, bei einzelnen Lines während den Sessions wird schon mal kommentiert, wenn etwas nicht passt. Aber wir hatten jetzt keine straffen Regeln. Wir schreiben ja auch so, dass es ineinandergreift.

„Unabhängig“ war ursprünglich kein gemeinsamer Song, wie ihr in einem anderen Interview erzählt habt. Wie groß ist eigentlich die Competition untereinander, während einer Produktion?

Döll: Ich glaube, du wirst grundsätzlich angestachelt, wenn du mit Leuten zusammenarbeitest – egal ob es jetzt dein Bruder ist oder jemand anderes. Man will ja auf dem jeweiligen Song nicht untergehen. Ich glaube, wir haben beide – jetzt speziell bei „Unabhängig“ – versucht, das beste für den Song zu tun. Es ging nicht darum, Silben zu zählen und zu sagen „Okay, in deinem Vers sind aber drei Reime, die vier Silben weniger haben als bei meinem.“ Wir vergleichen jetzt nicht die Formeln, die wir anwenden oder sowas.

Mädness: Ich muss aber schon sagen, dass ich mich noch mehr als Fabian auf Rap als Handwerk konzentriere, glaube ich. Vielleicht sogar mehr, als ich es bei anderen Kollabos tun würde. Es ging uns aber meist um den Song. Wir haben jetzt nicht versucht, den Beat möglichst kaputt zu rappen. (Gelächter) Es gibt ja auch Rapper, die auf einem Track mit dir bloß zeigen wollen, dass sie alles können und die Krassesten sind. Das hat aber nichts mit Musikalität zu tun, sondern nur damit, dass jemand sein Handwerk beherrscht. Aber Fabian ist halt extrem gut, was Reime und Patterns angeht – daher achte ich persönlich schon sehr darauf, da mitzuhalten. Teilweise sind aber auch Texte aus den ersten Sessions stehengeblieben, wo man hinterher noch etwas hätte ausbessern können. Es tat aber gut, das mal so stehen zu lassen. Da geht es um den Vibe. Wenn du schon alles gesagt hast und es aber noch krampfhaft mit Skills aufblähen willst, um den Vers noch größer zu machen, kann das schnell in die Hose gehen. Manchmal ist es besser, Sachen sehr simpel zu sagen. Vor zehn Jahren hätte ich dir das direkte Gegenteil gesagt und dich gefragt: „Bist du faul oder so? Das ist doch viel zu einfach.“ Aber manchmal ist das Gefühl, das ein Satz transportiert, wichtiger als der Flow.

„Wenn du schon alles gesagt hast und es aber noch krampfhaft mit Skills aufblähen willst, um den Vers noch größer zu machen, kann das schnell in die Hose gehen.“

Mädness

Das Album ist deutlich pointierter produziert, als die Sachen, die ihr vorher gemacht habt. Wie sehr wart ihr in den musikalischen Produktionsteil involviert?

Döll: Yassin hat eigentlich an jedem Beat noch einmal herumgebastelt, vielleicht mit ein oder zwei Ausnahmen. Er hat viel mit den Produzenten über die Arrangements oder auch mit den zusätzlichen Gitarristen oder Trompetern, die auf der Platte vertreten sind, gesprochen. Wir wussten aber immer, was passiert – wir waren immer alle in CC. (lacht) Ich glaube, wir haben sogar zwei komplette Songs gestrichen, etliche Strophen umgeschrieben. Es gibt mindestens fünf andere Skizzen, die irgendwo ausgetauscht oder nicht benutzt wurden. Das hat sich auch nochmal anders entwickelt, als wir von den ersten Sessions in Thüringen nach Berlin zurückgekehrt waren.

Döll, du hast vorhin schon viel von HipHop als Kultur gesprochen. Inwiefern ist dieser Aspekt, also dieses Grundverständnis auf der Platte eingeflossen? Das ist ja ein Ansatz, der heute nicht mehr so populär ist.

Mädness: Ich glaube, es ist eher ein Bekenntnis zu Rap als zu HipHop. Wir haben ja nie gebreakt oder so – wenn du jetzt von der klassischen Vier-Elemente-Definition ausgehst. In erster Linie ist es eine Platte für uns, unser Verhältnis zueinander und über unsere Geschichte. In zweiter Linie steht es aber auch natürlich als Bekenntnis für Rap mit modernen Sound-Einflüssen.

Döll: „Ich mache es für die Sache und die Patte“ – die Line ist nicht auf dem Album, ich hatte sie aber ursprünglich für das Intro geschrieben. Das beschreibt es eigentlich ganz gut, auch wenn sich das wieder komplett Hippie-mässig anhört. Seit ich mit Rap zu tun habe, hat es mir dermaßen viel gegeben, dass meine Ansicht ist: Wenn ich mit dem, was ich tue, anderen Leuten etwas geben kann, habe ich alles erreicht, was ich will. Natürlich möchte ich auch ein bisschen Geld verdienen, denn es gibt in meinem Leben auch nichts, das ich ansatzweise so gut beherrsche, meiner Meinung nach. Es gibt aber auch nichts anderes, wofür ich mehr Zeit aufgebracht und so viel positiven Zuspruch bekommen habe, wie für Rap. Das sollte in die Platte einfließen.

Auf „High Five“ sprecht ihr ja auch über Anerkennung und die Suche nach Bestätigung. Wie passt das eigentlich zu einem Song wie „Unabhängig“, der eigentlich das genaue Gegenteil besagt – dass man sich nicht an anderen orientieren und seinem Herz folgen soll?

Döll: Ich glaube, eine gänzliche Unabhängigkeit von allem, ist eine Utopie. „Unabhängig“ ist ja auch ein Monolog, den wir teilweise mit uns selbst führen. In dem Track merkt man, dass wir uns da nicht von freisprechen und uns zugestehen, dass wir von gewissen Dingen abhängig sind. Anerkennung spielt da sicher irgendwo mit rein – das wird doch aber kein Mensch bestreiten, dass wenn er Bestätigung erfährt, ihm das nicht gut tut. Ich glaube, das wollen wir doch alle, oder?

Unsere Eltern haben Rap bei uns lange eher als Hobby wahrgenommen. Oder gehofft, dass es das bleibt. (lacht)

Mädness

Ihr sagt, dass „Alright“ einer der ersten Songs war, der für „Ich und mein Bruder“ entstanden ist. In dem Track geht es darum, mit Dingen abzuschließen. Mittlerweile haben wir März: Welche Vorsätze habt ihr immer noch nicht eingelöst?

Döll: Wow! Ich hatte mir Anfang des Jahres vorgenommen, kein Fleisch mehr zu essen. Dieses Versprechen habe ich aber mittlerweile ein paar mal gebrochen – ich finde, aber, dass ich mich eigentlich ganz gut darin schlage bisher.

Mädness: Die Frage setzt ja voraus, dass ich mir bewusst einen Vorsatz gefasst habe. Ich meine, klar, sowas wie ein guter Mensch zu sein und ein cooles Jahr zu haben, stand für mich fest. Aber ich habe mir jetzt nicht vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören oder sowas Spezielles. Das Album sollte fertig werden, darum hat es sich im letzten Dreivierteljahr gedreht.

Ihr wart mit K.I.Z. und Audio88 & Yassin auf Tour – wie unterschiedlich habt ihr das Publikum auf diesen Touren wahrgenommen?

Döll: Das ist schwierig zu sagen, weil K.I.Z. mittlerweile so groß sind, dass man das Publikum gar nicht mehr auf einen Kern herunterbrechen kann.

Mädness: Ich würde eine steile These wagen: Yassin und Audio88 haben jetzt die Fans, die K.I.Z. damals hatten, als sie ungefähr auf dem gleichen Status wie die beiden waren. Bei K.I.Z. kommen jetzt noch viele Leute hinzu, die mit Rap gar nicht so viel zu tun haben. Bei Audio88 & Yassin ist das teilweise auch so, aber nicht in dieser Dichte.

Döll: Bei Yassin und Audio88 sind auch schon mehr Realkeeper, zumindest gefühlt. Bei K.I.Z. stehen in den ersten zwei Reihen halt 14-jährige Mädchen, das ist so ein richtiges Kreisch-Publikum. Das soll auch gar kein Front jetzt sein, das ist halt einfach so.

Mädness: Ja, das ist der grundlegende Unterschied, denke ich. Viele gehen auf ein K.I.Z.-Konzert natürlich wegen der Mucke, aber eben auch wegen des Personenkults – das ist halt so eine Teenager-Sache, schätze ich. Bei Audio88 & Yassin deutet sich das zwar auch schon an, aber hat noch nicht dieses Ausmaß erreicht.

Was ist eure letzte Erinnerung ans splash?

Döll: Das ist eine Supererinnerung! Vor zwei Jahren haben wir sonntags auf der Seebühne gespielt. Das gesamte Wochenende hatte es komischerweise kaum geregnet, also beste Vorraussetzungen. Am Sonntag stehen wir aber auf und es pisst wie aus Eimern. Da dachte ich nur „Fuck! Wir spielen auf der Seebühne. Es könnt der beste Auftritt sein, aber bei dem Regen stellt sich Niemand in den Sand!“ Auf dem Weg zum Gelände war ich dann schon so scheiße drauf, dass es mir fast egal war. (lacht) Ich weiß auch gar nicht mehr, wer vor uns gespielt hat. Eko? Nach uns kamen auf jeden Fall Retrogott und Kool Keith. Bei unserem Auftritt hat es jedenfalls immer noch geregnet und wider Erwarten war es mega gefüllt. Das war geil, zu sehen, dass die Leute Bock hatten, sich das trotzdem reinzuziehen. Ein schöner Auftritt!

Mädness: Ich habe zufälligerweise die gleiche Erinnerung. (Gelächter)